Man darf nicht aufgeben: Siebenbürgen im Wandel Interview mit Jochen Kusch, Gemeindehausbesitzer in Martinsberg
Das „Transilvanian Book Festival“, seit diesem Jahr in „Transilvanian Arts Festival“ umbenannt, ist ein ganz besonderes und hierzulande wenig bekanntes Kulturereignis, das sich ausschließlich an englisch sprechende Touristen wendet, denen Siebenbürgen und Rumänien am Herzen liegen. Es wurde im Jahr 2013 von Lady Lucy Abel Smith aus London gegründet, die zur bekannten englischen Stiftung „Mihai Eminescu Trust“ gehört und sich im malerischen Reichesdorf, neben Birthälm, ein Bauernhaus gekauft hat, wo ihre Familie die Sommerferien verbringt. Mit englischer Hilfe wurden hier die altehrwürdige Dorfkirche und die alte Prause-Orgel renoviert, wie auch im verlassenen Kindergarten eine Gaststätte eingerichtet, alles zur großen Freude des damaligen beliebten und wohlbekannten Kurators Hans Schaas. Leider hat er die Freilegung einer großartigen Wandmalerei an der Nordwand seiner Kirche nicht mehr erlebt, die seine Kirche nun noch berühmter macht.
Die Gäste kamen auch diesmal aus aller Welt und beteiligten sich mit Vorträgen und Ausstellungen. Es waren immer über 50 bis 80 Personen dabei, die im Umkreis von Reichesdorf, in Birthälm, Großkopisch, Meschen und Almen untergebracht und verköstigt wurden, um sich täglich im Reichesdorfer Gemeindesaal zu Vorträgen, Ausstellungen und Gesprächen zu treffen sowie anschließend zu einem leckeren Abendschmaus in Toni Timmermans Gästehaus „La Curtea Richvini“.
„Transilvanian Arts Festival“ im Festsaal des renovierten Gemeindehauses in Martinsberg. Fotos: Otto Elekes
Besichtigt wurden alle Kirchenburgen in der Umgebung, doch in Reichesdorf gehörten die Gäste zu den Auserwählten, denen die fertiggestellte Wandmalerei direkt vom Restauratorenehepaar Loránd Kiss und Melinda Janka Kiss vorgestellt wurde. Überraschenderweise folgte auch eine weite Fahrt südwärts ins abgelegene Dorf Martinsberg (Șomartin). Hier ging es um den bekannten siebenbürgischen Architekten Fritz Balthes, dem dort der einmalige Bau eines Gemeindehauses zu verdanken ist. Dr. Gerhild Rudolf, Autorin eines Buches über ihn, stellte das Werk dieses bedeutenden Siebenbürger Sachsen in Englisch vor. Die beiden neuen Besitzer, Mariana Moore und Jochen Kusch, eine rumänische Amerikanerin und ihr deutscher Partner, erzählten begeistert über ihre Tat, dieses einmalige Haus gerettet zu haben. Im verlassenen Martinsdorf steht eine einsame Kirche, ein einziger Sachse lebt noch dort, nur einige Sommersachsen kommen noch in ihre verlassenen Häuser. Aber alle freuen sich nun, dass es hier aufwärts geht. Und wir entdecken begeistert, dass der Besitzer uns in deutscher Sprache folgendes Interview gewähren konnte.
Die neuen Besitzer des GemeindehausesHerr Jochen Kusch, Sie sind eine der großen Überraschungen für die Teilnehmer des Internationalen Treffens „Transilvanian Arts Festival“ in Reichesdorf, in Siebenbürgen. Dort wurde man einfach in einen Bus geladen und los ging es nach Martinsberg. Was sollen wir dort, fragten wir neugierig. Ihr solltet etwas Interessantes erleben, war die Antwort. Und hier treffen wir unerwartet auf die Familie von Mariana Moore und Jochen Kusch, die es geschafft haben, das verlassene Gemeindehaus kunstgerecht zu renovieren. Herr Kusch, Sie stammen gar nicht aus Siebenbürgen, was bringt Sie her?
Ja, das ist eine gute Frage. Ich habe mich in Amerika erst in eine Rumänin verliebt, Mariana Moore mit Namen. Und Mariana hat mir dann Rumänien, besser gesagt Transsilvanien, gezeigt. Und Transsilvanien hat mich so begeistert, dass ich sagen muss: Ich habe mich erst in diese Frau und dann in das Land verliebt.
Sie können jetzt ruhig Siebenbürgen sagen, weil hier die Siebenbürger Sachsen zu Hause sind.
Siebenbürgen, ja genau. Und ich war natürlich voller Vorurteile, die man als Deutscher über Rumänien hat, doch alles ist widerlegt worden. Die Menschen sind super freundlich, es ist ein extrem tolerantes Land. Und ich habe hier, ich sag mal so, ein bisschen den wilden Osten entdeckt. Wir haben uns dann entschieden, in Rumänien ein kleines Haus zu suchen. Eigentlich erstmal nur für die Ferien, dann vielleicht auch so ein bisschen Bed and Breakfast zu machen. Danach sind die Häuser etwas größer geworden und wir haben uns das Schulhaus von Fritz Balthes in Braller angeschaut, ein sehr schönes Haus, und wir wollten es kaufen, aber das hat nicht funktioniert. Dann haben wir einen Freund gehabt, der meinte, noch viel Schöneres zu kennen: Schaut euch mal das Gemeindehaus in Martinsberg an. Ich als Deutscher habe erstmal den Namen Martinsberg geliebt, aber inzwischen gefällt mir der Name Şomartin viel besser, weil es den bei Google nur einmal gibt.
Ja, und der Architekt dieses Gebäudes hat sogar einen deutschen Namen.
Wichtig war also auch der Architekt dieses Gebäudes namens Fritz Balthes. Seine Architektur ist so fantastisch wie bei allen seinen Gebäuden. Es hat die großen Fenster nach Norden, die das Licht reinbringen, aber die Hitze bleibt draußen, denn nach Süden sind nur ganz kleine Fenster. Das heißt, wir haben hier eine fantastische Lage. Wir standen nun da. Das ganze Haus war natürlich eine Ruine. Die Böden, die Kellerdecke und das Dach waren eingestürzt. Es war wirklich traurig. Wir standen an diesem Fenster mit dem Blick auf die Fogarascher Berge und standen und schauten. Da habe ich Mariana in die Augen geschaut, mit einem Bier in der Hand. Mariana hat mich angeschaut, sie ist eigentlich Weintrinkerin, aber sie hat einen Schluck von meinem Bier genommen. Und wir haben gesagt: das ist es! Und wir haben uns gefragt, kann man in diesem Haus auch wohnen?
Gibt es darin auch eine Wohnung?
Ja, wir haben hier inzwischen zwei Gästezimmer. Camera Christoph, weil mein Bruder eine Menge dazu beigetragen hat, dass wir das hier renovieren konnten, und Camera Raiffeisen. Und wir glauben, Camera Raiffeisen oder Camera Christoph können sehr schöne Räume sein, wenn hier mal eine kleine Hochzeit stattfindet.
Wie locken Sie Touristen her?
Das Interessante ist, wir brauchen sie gar nicht zu locken. Inzwischen kommen die von selbst, und es spricht sich herum, so dass auch Neugierige kommen.
Meinen Sie, es könnten auch aus Deutschland welche kommen? So ein Trend hat nämlich eingesetzt.
Ja, wir haben sehr viele Besucher, inzwischen auch aus Deutschland. Wir haben hier vor zwei Jahren auch das erste Martinsberger Treffen organisiert.
Und kommen die Leute?
Und die Leute sind gekommen. Wollen Sie vielleicht auch die Kirche reparieren, wurde gefragt. Ja, das fängt inzwischen auch an. Es sind Mittel für die Kirche beantragt worden.
Funktioniert die HOG Martinberg in Deutschland überhaupt noch?
Die HOG in Deutschland funktioniert. Es gibt mehr und mehr Mitglieder. Wir nennen sie Sommersachsen, aber es sind eigentlich Sachsen von hier, die jetzt anfangen, ihre Häuser zu renovieren und die Dächer instand zu setzen.
Sind es die ehemaligen Besitzer der Häuser?
Ja, sehr viele. Die meisten haben sie nicht veräußert. Viele, sehr viele, sage ich mal, denn die Sachsen aus Martinsberg haben das Dorf erst nach dem Fall des Kommunismus verlassen und ihre Häuser behalten. Und jetzt kommen sie, seit sie von unserem Treffen gehört haben, und sehen, dass das Dorf wiederbelebt wurde, also kommen viele Sachsen zurück. Und wir verfolgen begeistert, wie viele jetzt anfangen, ihre Häuser zu renovieren.
Es braucht immer einen, der den Mut aufbringt. Auch ich habe Freunden geschrieben, vorbeizukommen. Aber sie können das nicht mehr. Dafür kommt dann einer, der nichts mit der Vergangenheit zu tun hat, aber er erkennt das Potential des Ortes und bleibt. Sie haben mich mit ihrem Beispiel echt glücklich gemacht. Wann folgt das nächste Martinsberger Treffen?
Unser Treffen war vor zwei Jahren und wir haben nächstes Jahr wieder ein Treffen, wieder hier in Martinsberg!
Haben Sie sich Zeit genommen, die Menschen von hier zu hinterfragen?
Ja, und ich muss sagen, ich kann das. Ich kann die Gefühle der Sachsen verstehen. Ich habe keinerlei Verbindung zu Martinsberg, deswegen sehe ich jetzt nur die Schönheit. Aber natürlich viele, mit denen wir sprechen und denen wir dann hier alles zeigen, haben das damals nicht so gesehen. Aber jetzt fangen Sie an, anders zu denken. Und ich trauere mit den Sachsen. Ich muss dazu vielleicht an meine Oma denken. Sie ist Flüchtling aus Schlesien, aus Oppeln. Ich bin deswegen als Kind sehr viel herumgereist. Aber der erste Platz, wo ich mich wirklich zu Hause gefühlt habe, war komischerweise Martinsberg. Mein Vater ist leider gestorben, bevor er das hier sehen konnte. Aber sein älterer Bruder kam letztes Jahr vorbei und er hat mir gesagt: „Jochen, das ist wunderbar, was ihr hier macht. Und das, was ihr hier in Martinsberg tut, erinnert mich ganz stark an Oppeln!“ Da gab es auch das Riesengebirge nach Süden. Er sagte, auch die Häuser seien sehr ähnlich. Es war ja auch Österreich-Habsburgisches Einflussgebiet. Er sagte, diese ganze Landschaft erinnere ihn stark an Oppeln. Und vielleicht ist das der Grund, warum ich mich jetzt hier zu Hause fühle.
Herr Jochen Kusch, ich muss zugeben, Sie beide waren eine große Überraschung für uns. Wir kannten Martinsberg nur als verlassenen Ort mit einer einsamen Kirche mittendrin. Was hatten wir dort zu suchen? Und fanden hier zwei Menschen, die durch ihren Beitrag zeigen, dass man einen Untergang aufhalten kann, wenn man der Zukunft eine Chance gibt. Unsere Sachsen müssen das von ihnen lernen!
25.10.2026, 21:10 Uhr von Reini:
Die Wiederbelebung der verlassenen Dörfer der Siebenbürger Sachsen durch neue Initiativen, ...
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