22. Februar 2007

Kulturhauptstadt Europas - zwischen Goethes Faust und Oberths Raketen

Auf vielfachen Leserwunsch wird der im Deutschen Ostdienst (Heft 1/2007, S. 5-8) veröffentlichte Beitrag von Ingmar Brantsch „Hermannstadt/Sibiu – Kulturhauptstadt Europas“ im Folgenden leicht gekürzt abgedruckt.
Die Idee, Hermannstadt zusammen mit Luxemburg zur Kulturhauptstadt Europas 2007 zu machen, kam zuerst aus Luxemburg und wurde dann vom Bürgermeister Hermannstadts, Klaus Johannis, begeistert aufgenommen, sah er darin doch auch eine neue Möglichkeit für Hermannstadt, interessanter Standort für ausländische Investoren zu werden. Bevor er im Jahre 2000 in die Politik ging, war Klaus Johannis Studienprofessor für Naturwissenschaften/ Physik in Hermannstadt. Nach seiner Wahl zum Bürgermeister 2000 tat er sich in jeder Hinsicht als geschickter Manager der Stadtgeschäfte, aber auch bei der Werbung von Investoren aus dem In- und Ausland hervor. Nach seiner Wiederwahl 2004 mit dem Traumergebnis – fast schon an kommunistische Wahlvorgänge erinnernd – von fast 90 Prozent der Stimmen konnte er endlich seinen Jugendtraum verwirklichen, aus dem ein verschlafenes Provinznest zu werden drohenden Hermannstadt wieder wie ehedem ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum Siebenbürgens und Rumäniens zu machen. Hermannstadt ist immerhin die drittgrößte Stadt Siebenbürgens.

Blick auf den Kleinen Ring und die Evangelische Stadtpfarrkirche. Foto: Peter Baumgartl
Blick auf den Kleinen Ring und die Evangelische Stadtpfarrkirche. Foto: Peter Baumgartl

Außerdem ist Hermannstadt Luxemburg auf eigene Art verwandt: Hermannstadt verbindet mit Luxemburg eine linguistische Verwandtschaft der Sprachen ihrer Bewohner, die inzwischen fast 900 Jahre zurückliegt. Im 12. Jahrhundert wurde Hermannstadt zum Hauptort der deutschen und flämischen Siedler, die hauptsächlich aus der Rhein-Maas-Mosel-Gegend nach Siebenbürgen gerufen worden waren – ad retinendam Coronam – zur Verteidigung der ungarischen Königkrone gegen die heranstürmenden Völkerwanderungsheere von Türken, Tataren, Kumanen, Awaren, Petschenegen und anderen. Obwohl 1241 von den Mongolen zerstört, erholte sich Hermannstadt wieder und wurde ein wichtiger Handelsumschlagplatz im Mittelalter, ein Siedlungszentrum der Siebenbürger Sachsen – mit diesem Sammelbegriff wurden die überwiegend moselfränkischen und flämischen Siedler bezeichnet – und Sitz ihres Sachsengrafen.

Hermannstadt, als Festung ausgebaut, hielt 1438 und 1442 der Türkenbelagerung stand. Im 18. Jahrhundert, inzwischen österreichisches Kronland, bestimmten die Habsburger diese habsburgtreue Stadt zur Landeshauptstadt, zur Haupt- und Hermannstadt. Im 19. Jahrhundert wurde Hermannstadt im Zuge einer massiven Modernisierung auch zu einem zentralen Kulturort der siebenbürgischen Rumänen. Schon 1616 hatten sie in der Umgebung Hermannstadts, in Sălişte, die zweite rumänische Schule (nach der ersten in Kronstadt) gegründet. Hermannstadt wurde auch zu einem siebenbürgischen Zentrum der Ausbildung für Priester der rumänisch-orthodoxen Kirche.

In der Umgebung von Hermannstadt sind zwei bedeutende rumänische Dichter und Denker geboren worden, beide aus orthodoxen Pfarrerfamilien in Răşinari bei Hermannstadt: Octavian Goga und Emil Cioran, der künftige weltweit bekannte französische Philosoph, Essayist und Aphoristiker nach dem Zweiten Weltkrieg. In Hermannstadt weilte und spielte Theater in seinen Jugendjahren auch der Nationaldichter der Rumänen, der der deutschen Romantik sich besonders nah verbunden fühlende Mihai Eminescu (1850-1889). Er logierte im bis heute existierenden bekannten Gasthof „Römischer Kaiser“. Er hatte, wie Emil Cioran und viele bedeutende klassische rumänische Dichter, Schriftsteller und Historiker, im deutschsprachigen Raum, in Wien und Berlin studiert und war einer der bedeutendsten Anhänger der Philosophie Schopenhauers.

Heute trägt die bedeutende Universität von Hermannstadt – 30 000 Studenten – den Namen Lucian Blagas, eines in der Nähe von Hermannstadt geborenen Dichters und Denkers, eines Philosophen, der auch im deutschsprachigen Raum – Wien – studierte und promovierte und der der deutschen Romantik mit ihrer Verehrung der Volkspoesie und dem deutschen Idealismus mit seinem Freiheitsstreben zeitlebens verbunden blieb. Lucian Blaga hatte zunächst in Hermannstadt seine theologischen Studien begonnen und kehrte in der Zeit des Wiener Schiedsspruches, der Nordsiebenbürgen Ungarn zuteilte, von 1940-1944 aus Klausenburg nach Hermannstadt mit der hierher verlagerten Klausenburger Universität zurück.

Lucian Blaga hat auch den „Faust“ von Goethe übersetzt. Die Tragödie des Gelehrten aus Faust I berührte viele rumänische Dichter und Denker, und es gibt immer wieder neue Blickwinkel der Auseinandersetzung mit Goethes Lebenswerk in der rumänischen Kultur. Besonders Hermannstadt ist eine Art Faust-Zentrum Rumäniens, denn außer Lucian Blaga hat auch der Hermannstädter Dichter Stefan Augustin Doinaş nach dem Zweiten Weltkrieg eine sehr beachtliche Faust-Übersetzung vorgelegt. Die deutsche Abteilung des Hermannstädter Staatstheaters brachte nach dem Zweiten Weltkrieg eine bemerkenswerte Faust-Inszenierung mit dem unvergessenen Mephistodarsteller Christian Maurer heraus, der Gustav Gründgens Siebenbürgens, Hermannstädter Schauspieler und Dichter. (...) Als Kulturhauptstadt Europas wird Hermannstadt seine Faust-Tradition fortsetzen. Der auch im Westen bekannte Regisseur Silviu Purcărete bereitet eine grandiose Faust-Inszenierung mit 50 Schauspielern in einer Industriehalle Hermannstadts vor. Ein ganz moderner Faust soll es werden, in dem auch der Improvisation viel Raum gelassen wird mit mittelalterlichen und modernen Bezügen.

Modern ist Hermannstadt auch als Heimstatt der Raketentechnologie. Schon im 16. Jahrhundert hatte in Hermannstadt der Stadtphysikus Conrad Haas das Modell der ersten mehrstufigen Rakete und der Verwendung von flüssigen Treibstoffkomponenten entworfen. Der moderne Vater der Raumfahrt, Wernher von Brauns Lehrer, Hermann Oberth (1894-1989) wurde in Hermannstadt geboren. Besonders bekannt wurden seine bahnbrechenden Frühwerke in Deutschland „Die Rakete zu den Planetenräumen“ (1923) und „Wege zur Raumschifffahrt“ (1929). 1928/29 war Oberth wissenschaftlicher Berater von Fritz Lang für dessen ersten Raum fahrtfilm „Die Frau im Mond“. Hermann Oberth promovierte in Klausenburg mit seinen Raketenmodellen, nachdem ihm zuvor in Berlin der dortige Prüfungsprofessor Wolf „bescheinigt“ hatte, sein System sei in sich zwar schlüssig, beruhe aber auf falschen Voraussetzungen.

Für die in der alten Heimat verbliebenen Siebenbürger Sachsen, deren kulturelles Zentrum nach wie vor Hermannstadt ist, hat die Wende nach dem Umbruch zum Glück Siebenbürgens, Rumäniens und auch Europas nicht das Ende, finis Saxoniae, bedeutet, sondern trotz der geschrumpften Zahl der Deutschen ist es gelungen, mit tatkräftiger Hilfe des rumänischen Staates, aber auch dank der Entsendung von Lehrern, Kulturassistenten und anderen Fachleuten aus der Bundesrepublik und Österreich, die deutschsprachige Infrastruktur hinüberzuretten in die Nachwendezeit. Es gibt nach wie vor das 600 Jahre alte deutschsprachige Samuel-von-Brukenthal-Gymnasium, das „Päda“, das deutschsprachige pädagogische Lehrerausbildungs-Gymnasium, deutschsprachige Abteilungen an Berufsschulen, Grundschulen und Kindergärten. Auch die deutsche Abteilung des Hermannstädter Radu-Stanca-Theaters besteht weiter und sogar eine Abteilung des deutschsprachigen Puppentheaters „Gong“.
Das großangelegte Wörterbuch der siebenbürgisch-sächsischen Mundart wird nach dem Umbruch weitergeführt. Schon 1718 hatte der weltberühmte Philosoph G. W. von Leibniz den Wunsch nach einer schriftlichen Fixierung der eigentümlichen siebenbürgisch-sächsischen Sprechweise geäußert. Nach verschiedenen Anläufen, Vorarbeiten und auch Lieferungen, mit Unterbrechungen durch den Tod der ehrenamtlichen Forscher, kam es nach dem Zweiten Weltkrieg 1955 zu einem Abkommen zwischen der Akademie der Rumänischen Sozialistischen Republik und der Deutschen Akademie der Wissenschaften in Ostberlin. Nach der Wende wurde auch dieses wichtige Sprachwerk nicht aufgegeben; es wird bis heute weitergeführt. Die Mundart lebt auch heute noch in den Gedichten von Pfarrer Wilhelm Meiterth (1956) aus Großpold bei Hermannstadt und Walter Gottfried Seidner (1938), Pfarrer in Stolzenburg bei Hermannstadt, aber auch in den Gedichten des Publizisten Michael Astner (1961) in der angestammten Heimat weiter. Dies ist deshalb so erfreulich, weil Hermannstadt und seine Umgebung eine alte Tradition in der Mundartdichtung haben.
Die Pfarrer Ernst Thullner (18621918) aus Großpold und Otto Piringer (1874-1950), Pfarrer in Großpold und Broos, pflegten diese Mundart und wurden zu volkstümlichen Dichtern, bekannt im ganzen Sachsenland. Der 1826 in Kerz geborene und 1857 in Hermannstadt gestorbene Mundartdichter Viktor Kästner gestaltete in Mundart auch tragische Begebenheiten, so seine zum Volkslied gewordene Ballade „Bräutigams Tod“, Original „De Brokt um Olt“ („Die Braut am Fluss Alt“).
Auch die Pfarrerstochter und spätere Pfarrersgattin Anna Schuller-Schullerus, die einen Großteil ihres Lebens in Hermannstadt verbrachte, schrieb Erzählungen und Schauspiele in siebenbürgisch-sächsischer Mundart und versuchte die Geschehnisse und Widersprüche der sächsischen Gemeinschaft im wohlmeinenden humorvollen Sinn zu lösen, wobei es ihr mitunter durchaus gelingt, durch stimmungsvolle Bilder – besonders im Erzählungsband „Himwih“ („Heimweh“) – eine dichte Atmosphäre siebenbürgisch-sächsischer Geborgenheit in einer dem Evangelium verpflichteten Gemeinschaft, aber auch deren Gefährdung durch die Zurückgezogenheit und Provinzialität zu schildern.

Keineswegs provinziell, sondern gerade nach dem Umbruch dem dramatischen Geschehen mit aktuellem Bezug verpflichtet, sind die zwei zur Zeit bekanntesten in Rothberg bzw. Hermannstadt lebenden rumäniendeutschen Autoren Eginald Schlattner (geboren 1933) und Joachim Wittstock (1939). In drei Romanen seiner Siebenbürgen-Saga, „Der geköpfte Hahn“, „Rote Handschuhe“ und „Das Klavier im Nebel“, schildert Schlattner das dramatische Geschehen einer siebenbürgischen Familie vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Zeit des Stalinismus und danach. Den Riesenerfolg dieser im renommierten Wiener Zsolnay-Verlag erschienenen Romane zeigt auch ihre Übersetzung ins Rumänische, Ungarische, Polnische und Spanische. Joachim Wittstock hat nach dem Umbruch mit seinem großangelegten Roman „Bestätigt und besiegelt“ das bis dahin tabuisierte Thema der Deportation der Siebenbürger Sachsen zur Wiedergutmachungs-Zwangsarbeit in die Sowjetunion schon im Januar 1945 (...) facettenreich gestaltet. Auch in seinem letzten Prosaband „Keulemann und schlafende Muse“ berührt er bis dahin tabuisierte Themen, wie das des Druckes der Securitate-Leute (Ceauşescus Geheimdienstler) auch auf ganz normale unscheinbare, ja sogar einzelgängerisch scheu zurückgezogene Personen.

Das an tradierter Kultur so reiche Hermannstadt hat aber auch für das Moderne, ja vielleicht sogar das Modernste, den aktuellen Dokumentarfilm, ein Herz. Seit acht Jahren organisiert die Stadt am Zibin ein internationales Fest des modernen Dokumentarfilms, bei dem hauptsächlich Jungfilmer aus Osteuropa ihre Erfahrungen mit dieser in den Zeiten des Ostblock-Sozialismus vernachlässigten und zensierten Gattung austauschen. Alt und neu müssen sich nicht ausschließen, können sich, wie hier in Hermannstadt, innerhalb vieler Kulturen, Nationen und Sprachen ergänzen. Vielleicht hat der Autor und Pfarrer Eginald Schlattner – Hermannstadt ist auch Sitz eines evangelischen Bischofs und eines rumänisch-orthodoxen Metropoliten – das anschaulichste Bild dieser Stadt gebracht, wenn er darauf hinweist, dass es im Zentrum von Hermannstadt, am Kleinen Ring, auf Rufweite fünf Kirchen in vier Sprachen für drei Religionen gibt – geradezu eine Einladung für eine Kulturhauptstadt Europas in einer sich durch Globalisierung immer mehr nivellierenden Welt.

Ingmar Brantsch

Schlagwörter: Kulturhauptstadt, Hermannstadt, Persönlichkeiten

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