15. April 2009

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Radio Neumarkt fängt das deutsche Leben in Siebenbürgen ein

Der Redaktionsraum ist klein und vollgestellt mit Computern, Stereoanlage, Fernseher und dem CD-Archiv mit deutscher Musik. Es ist Mittwochnachmittag, und die vier Redakteurinnen und Redakteure der deutschen Sendung stecken ihre Köpfe zusammen und diskutieren über die anstehenden Termine und Entwicklungen in Siebenbürgen. Das kann nur heißen, es ist Redak­tionssitzung bei der deutschen Redaktion von Radio Neumarkt.
Seit über 18 Jahren gibt es nun die deutsche Sendung. Gabriela Mezei und Imola Macavei waren von Anfang an dabei und erinnern sich gerne an die Anfänge in der deutschen Redak­tion zurück. „Ich bin einmal über einen Zaun geklettert und habe mich in das Büro eines Stadtvertreters geschummelt, weil der mir kein Interview geben wollte“ – erinnert sich Imola Macavei. „Ich habe ihn so lange genervt, bis er keinen Ausweg mehr wusste, und dann erzählte er mir Sachen, die er lieber nicht erzählen sollte.“ Die Redakteurinnen und Redakteure nehmen ihre Arbeit sehr ernst. Sie versuchen, Entwicklungen in Siebenbürgen auf den Grund zu gehen, stellen Fragen, verlangen Details. Im Vordergrund steht dabei immer die Frage: Was interessiert unsere Hörer? Alois Kommer verstärkte das Team im Jahr 2003, und seit 2006 vervollständigt ein Redakteur des Instituts für Auslandsbeziehungen (ifa) die deutsche Redak­tion. Seit Februar 2008 ist Katrin Lange als ifa-Redakteurin mit dabei. Die Redakteure der deutschen Redaktion von Radio ...Die Redakteure der deutschen Redaktion von Radio Neumarkt vor der Radio-Villa, von links nach rechts: Gabriela Mezei, Alois Kommer, Imola Macavei und Katrin Lange. In der Redaktionssitzung wird es nun lauter. Es steht nur eine Stunde Sendezeit am Tag zur Verfügung. Und das Redaktionsgebiet ist groß. Es umfasst das gesamte Gebiet von Siebenbür­gen. Dazu gehören die Städte Hermannstadt, Kronstadt, Klausenburg. Aber das Leben in Sie­benbürgen spielt sich oft auch in den kleineren Gemeinden ab – Schäßburg, Fogarasch, Bistritz, Agnetheln. Welche Veranstaltungen sollen in die Sendung, welche nicht? Neumarkt selbst ist nicht gerade als Hochburg der deutschen Min­derheit zu bezeichnen. Daher müssen die Re­dak­teurinnen und Redakteure oft ausfahren. Dann verlassen sie die Radio-Villa in Neumarkt am Mieresch, in der auch die rumänische und die ungarische Redaktion von Radio Târgu Mureş (Marosvásárhelyi Rádió) untergebracht sind. Mit ihren Aufnahmegeräten zeichnen sie vor Ort Interviews auf, fangen die Atmosphäre bei Ver­anstaltungen ein, treffen Hörer und sind neugierig, was es Neues in Siebenbürgen gibt.

Die Finanzkrise in Rumänien hat auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Rumänien erwischt. Das Geld wird knapper. Die Ausfahrten müssen reduziert werden. Tagegeld gibt es schon länger nicht mehr, das Gehalt wird auch in diesem Jahr wieder auf einem sehr niedrigen Niveau für die Redakteure stagnieren. In der Redaktionssitzung wird es nun ernster, man darf sich nicht entmutigen lassen. Das kulturelle Leben in Siebenbürgen ist so vielseitig, und die Arbeit macht der deutschen Redaktion Spaß. Viel ist erreicht worden in den letzten Monaten. Mit Stolz berichtet Gabriela Mezei von dem CD-Projekt, das die deutsche Redaktion im letzten Jahr durchgeführt hat. „Keiner im Radio hat uns zugetraut, dass wir es schaffen. Keiner hat geglaubt, dass wir drei CDs mit siebenbürgischen Märchen und Volkserzählungen in Eigen­regie produzieren können.“ Aber die CDs gibt es! Im letzten Jahr hat die Redaktion ein CD-Set mit siebenbürgischen Märchen und Volkserzäh­lungen herausgebracht. Darauf finden sich Mär­chen, die von Joseph Haltrich, Anneliese Thudt, Gisela Richter und Claus Stephani gesammelt wurden. Drei CDs sind von Schauspielerinnen und Schauspielern des Nationaltheaters Radu Stanca Hermannstadt eingelesen wurden. Be­gleitet wurde das Projekt von der Hermannstäd­ter Zeitung, die einen Malwettbewerb für das CD-Cover ausschrieb, und dem Institut für Auslandsbeziehungen. Inzwischen sind die CDs an vielen deutschen Schulen in Siebenbürgen Teil des Unterrichts geworden und Kinder entdecken spielerisch die wechselvolle Geschichte Siebenbürgens.

Die Arbeit hat sich gelohnt. Seit einigen Mo­naten ist Radio Neumarkt Partnerstation der Deutschen Welle, und auch das Institut für Aus­landsbeziehungen unterstützt die deutsche Sen­dung in den nächsten Jahren. Ovidiu Ganţ war im letzten Jahr zu Gast. Es sind in diesem Jahr noch weitere Projekte geplant. Demnächst soll es Hörspiele auf Radio Neumarkt geben, Son­dersendungen zum Thema „Museen in Sieben­bür­gen“ in Zusammenarbeit mit dem Diplom-Museologen Sören Pichotta. Radio Neu­markt ist Gastgeber der internationalen Wei­terbildungs­veranstaltung „Radio-Sprache-Spre­chen“ in Zu­sammenarbeit mit der Deutschen Welle. Trotz aller Erfolge muss die deutsche Redaktion kämp­fen. „Es ist manchmal schwer, von den Sieben­bürger Sachsen akzeptiert zu werden“, berichten die Redakteure. Dabei wird die Sendung doch gerade für die deutsche Minderheit produziert. Und so macht es die Redakteure manchmal traurig, wenn sie zu hören bekommen, dass sie aus Neumarkt sind und deshalb nicht richtig dazu gehören. Oder wenn von außen bemängelt wird, dass ein ungarischer Akzent das Deutsch der Redakteure färbt. Dennoch begreift sich Radio Neumarkt als Teil der deutschen Kultur in Siebenbürgen und zeigt dies mit viel Engage­ment in den Sendungen und Projekten.

Trotz vieler Widerstände im eigenen Sender gibt es seit Anfang des Jahres einen Livestream im Internet. Damit möchte die deutsche Re­dak­tion auch Hörer in Deutschland erreichen. Denn das Leben in Siebenbürgen ist bunt, und Radio hat den Vorteil, ganz aktuell über kulturelle, politische, soziale und wirtschaftliche Entwick­lungen in Siebenbürgen berichten zu können. Wer einen Internetanschluss hat und über einen aktuellen Player verfügt, für den kann es nun täglich heißen: „Guten Abend, Siebenbürgen“. Unter www.radiomures.ro/de kann nun jeder, egal wo in der Welt, die deutsche Sendung aus Neumarkt verfolgen, im übrigen die einzige deutsche Radiosendung aus Siebenbürgen. Natürlich gibt es auch weiterhin das Programm auf Mittelwelle, aber die Qualität im Internet ist einfach besser. Das Programm der deutschen Sendung von Radio Neumarkt ist Montag bis Samstag zwischen 20.00 und 21.00 Uhr und Sonntag zwischen 9.30 und 10.00 Uhr Mitteleu­ropäischer Zeit zu empfangen. Die Frequenzen der Mittelwelle sind 1593, 1323, 1197 und 1593 kHz. Falls man eine Sendung verpasst hat, kann man im Menüpunkt „Highlights“ ausgewählte Beiträge jederzeit anhören und herunterladen. So entsteht langsam auch ein kleines Sendear­chiv mit interessanten Beiträgen. Per E-Mail ist unter germana [ät] radiomures.ro die deutsche Redaktion erreichbar.

Die Redaktionssitzung ist zu Ende. Die vier Redakteure atmen erleichtert auf, das Programm für die nächste Woche steht. Die Re­daktion verstreut sich in der verwinkelten Villa, um zu schneiden, zu vertonen, zu telefonieren. Nach­richten müssen für heute noch gesprochen, dazu die passende Musik ausgewählt, die Playlist fertiggestellt, Hörerbriefe beantwortet, Anträge geschrieben werden. Ein aufregender Redak­tionsalltag kehrt wieder ein.

Katrin Lange

Externe Links:

Radio Neumarkt im Internet / Livestream

Radio Neumarkt - Höhepunkte / podcasts

Radio Neumarkt, Themen der Woche 20. – 26. April 2009

Montag, den 20. April: Vorschau auf die Deutschen Kulturtage in Sathmar

Dienstag, den 21. April: Vertreterversammlung des Siebenbürgenforums

Mittwoch, den 22. April: Freiwilliges Soziales Jahr bei der Caritas in Neumarkt am Mieresch

Donnerstag, den 23. April: Rauf und runter? Die Entwicklung der rumänischen Währung

Freitag, den 24. April: Fortbildungen zum Naturkundeunterricht in der Grundschule - Eine Veranstaltung des Zentrums für Lehrerfortbildung in Hermannstadt

Sonnabend, den 25. April: Musiksendung "Hits aus der ehemaligen DDR - Teil 2"

Sonntag, den 26. April: Andacht; Märchen aus Siebenbürgen "Der überlistete Wolf"

Schlagwörter: Radio, Internet

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