16. Juni 2009

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Ökumenische Tagung in Hermannstadt: "Kirchen im Kommunismus"

„Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s; man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute“ (I. Kor. 4, 12-13). Dieser Lehre des Apostels Paulus entsprechend hat die Kirche in Rumänien den Widerstand gegen ihre Verfolgung und Unterdrückung in der kommunistischen Zeit gelebt.Die Evangelische Akademie Siebenbürgen organisierte zwischen dem 13. und 15. Mai 2009 in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung die Konferenz „Kirchen im Kommunismus“ – eine ökumenische Tagung, die anhand von historischen Belegen und Berichten über Märtyrer den Druck aufzeigen sollte, dem die Kirche im Kommunismus ausgesetzt war.
An der Eröffnung der Konferenz nahmen auch Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens teil. Es verlasen Grußworte: Dr. Jean Pierre Rollin, Generalkonsul der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Holger Dix, Leiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, Dr. Hans Klein, Dekan des Departments für Protestantische Theologie an der Lucian-Blaga-Universität Hermannstadt sowie Vertreter der Evangelischen Akademie Siebenbürgen: Pfarrer Dietrich Galter als Vorstandsvorsitzender und Roger Pârvu, der Projektmanager.

„Gegenwärtige historische Blickpunkte zum Verhältnis zwischen Kirche und Staat im kommunistischen Rumänien“ vermittelte in einem einleitenden Referat Dr. George Enache, Vertreter der Landesbehörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten – CNSAS, der rumänischen „Gauck“-Behörde. Er stellte die atheistische Politik gegenüber den Glaubensgemeinschaften anhand des Wechselspiels zwischen der Kommunistischen Partei und der Securitate dar. Der Partei sei es gelungen, in fünfundvierzig Jahren einen Keil zwischen die Vertreter der Kirche und die Gläubigen zu treiben, religiös geprägte Versammlungen zu unterbinden und die so genannten mystisch-religiösen Institutionen zu unterdrücken, andererseits habe die Securitate die atheistische Ideologie der Partei gestärkt.

Drd. Ioan Tomoioagă von der Universität Klausenburg stellte den „Gesetzlichen Rahmen zur Tätigkeit der Glaubensgemeinschaft in Rumänien (1948 – 1964)“ vor. Das Ziel jener Zeit war es, die Kirche der kommunistischen Herrschaft zu unterwerfen. Die Überwachung der kirchlichen Institutionen wurde durch das Gesetz 60/2. im März 1948 gesetzlich festgelegt. Dieses regelte die Ablegung des Eides der Pfarrer. Die Formulierung desselben sollte mit den Anforderungen der kommunistischen Partei übereinstimmen. Die Bildungsreform vom August 1948, gesetzlich geregelt durch die Verordnungen 175 und 176, führte zur Enteignung vieler Kircheneigentümer: Gebäude, Land, Bibliotheken. Konfirmationsunterricht und religiöse Versammlungen wurden abgeschafft, Ikonen und religiöse Symbole wurden aus den Schulen und Kirchen entfernt. Durch das Dekret 358 vom 1. Dezember 1948 wurde die Griechisch-Katholische Kirche als Institution aufgelöst.

Visarion Bălţat, Bischof von Tulcea, vermittelte Gedanken zum Thema „Die Orthodoxe Kirche Rumäniens im Kampf gegen den Totalitarismus“ sowie zur mutigen Haltung der Vertreter der Kirche. Der Druck der kommunistischen Herrschaft musste von der Kirche geduldet werden, trotzdem wurden viele Pfarrer, Angehörige der so genannten „Schwarzen Armee“ in Aiud, Gherla, Poarta Albă eingekerkert und wegen Hochverrats verurteilt.

Pfarrer Prof. Cristinel Fărcaş, Vertreter des Römisch-Katholischen Instituts Jassy, referierte über den antikommunistischen Kampf der Katholischen Kirche in Rumänien. Es ging um Formen der Auflehnung gegen den Versuch, religiöse Traditionen in Rumänien zu zerstören und gegen die Tendenz zur Verstaatlichung der Kirche.

Pfarrer Wolfgang Rehner sprach über „45 Jahre der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien im Zeitalter des Kommunismus”. Die Machthaber lösten das konfessionelle Schulwesen auf – Eltern wurden mit der Drohung eingeschüchtert, ihre Arbeitsstellen zu verlieren, der Staat schaffte die sozialen Einrichtungen ab, enteignete das kirchliche Vermögen, die meisten Schulgebäude wurden von der sowjetischen Armee besetzt. Wegen der Auswanderung nach Deutschland seit den siebziger Jahren sei neben der Seelenzahl auch die gesellschaftliche Relevanz der evangelischen Kirche zurückgegangen.

Pfr. Dr. Doz. Ioan Mitrofan, Vertreter der Griechisch-Katholischen Metropolie Blasendorf, erinnerte an bestimmte historische Blickpunkte durch den Vortrag „Die Opfer der Griechisch-Katholischen Kirche im Kampf gegen den Kommunismus”. Die atheistische Ideologie gründete auf dem Wunsch der kommunistischen Herrschaft, die Gläubigen zu kontrollieren, um den Katholizismus (ukrainisch, ruthenisch, rumänisch) zu vernichten. Im Sinn zu behalten ist, dass Ceauşescu die Bitte von Papst Paul II., die Griechisch-Katholische Kirche wieder zuzulassen, abgelehnt hat.

Das Thema der Konferenz „Kirchen im Kommunismus” wurde durch die komplexe Inhaltsbeschreibung des Buches „Ökumenisches Märtyrologium – Märtyrer für Christus in Rumänien in der Zeit der kommunistischen Herrschaft” (Bukarest, 2007) durch Prof. Em. Dr. Hermann Pitters (Hermannstadt) als Mitverfasser ergänzt. In dieser Zusammenfassung wird beschrieben, was es an Not, an Mut, an Glaubensleben während der kommunistischen Diktatur gab.

Am 15. Mai 2009 stand für die Gäste der Evangelischen Akademie Siebenbürgen ein Überraschungsbesuch des Museums „Die Sieben Säulen des Kommunismus” in Heltau an. Der kritische Streifzug in die Vergangenheit erinnert an die kommunistische Herrschaft, die Zeit der „Goldenen Epoche”, die ungeheilte Wunden in der Seele des Volkes hinterlassen hat.

Zwanzig Jahre sind vergangen, seit sich das rumänische Volk von der kommunistischen Diktatur befreit hat. Viele der Wunden sind während dieser Zeit geheilt, aber viele Akte der Wiedergutmachung sind nur Schein. Der Weg zur wirklichen und engültigen Heilung ist noch lang.

Claudia Gherghel

Schlagwörter: Kommunismus, Vergangenheitsbewältigung, Kirche und Heimat

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