30. Juli 2014

Druckansicht

Ich hätte einen Herzenswunsch

Die Rumänen mögen etwas von dem Geist und der Würde der Siebenbürger Sachsen aufnehmen. Diesen Wunsch bekundet die Psychologin Aurora Liiceanu, eine der bedeutendsten Intellektuellen ihres Landes, in dem Artikel „Am un jind“ (Ich hätte einen Herzenswunsch) auf der Webseite der Initiative „România Curată“ (www.romaniacurata.ro/am-un-jind/), die sich für ein moralisch sauberes Rumänien einsetzt. Den Anlass zu Liiceanus Überlegungen bot der Heimattag in Dinkelsbühl, über den die deutschsprachige „Akzente“-Sendung des Rumänischen Fernsehens am 19. und 26. Juni sowie am 3. Juli berichtete (siehe Online-Mediathek www.tvrplus.ro). Der Artikel wurde aus dem Rumänischen von Georg Aescht übersetzt.
Wer ist schon davor gefeit, ohne jede Absicht über einen Fernsehkanal zu stolpern und hängenzubleiben? Man trifft, ohne dass man gezielt hätte, ist erstmal beiläufig interessiert, zusehends aber nimmt einen gefangen, was man da alles zu sehen bekommt.

So ist es mir ergangen, als ich neulich in einem der Programme des rumänischen Fernsehens zufällig auf das Fest der Siebenbürger Sachsen stieß, das zu Pfingsten im Juni dieses Jahres in Dinkelsbühl, Deutschland, stattgefunden hat. Ich hatte keine Ahnung, dass sich die Sachsen aus Siebenbürgen, Deutschland, Österreich, Kanada und den USA jährlich zu Pfingsten in einem mittelalterlichen Städtchen mit nur 12000 Einwohnern treffen, das von der Geschichte glücklich verschont geblieben ist. Das diesjährige Motto des Treffens war „Heimat ohne Grenzen“. Erwartet hatte man 20000 Teilnehmer, gekommen waren um die 22000, fast das Zweifache der Einwohnerzahl.

Ich hatte keine Ahnung, dass in Kanada 8000 Sachsen leben. Ebensowenig, dass die Sachsen ihre Tracht und ihre Sprache nicht vernachlässigen. Keine Ahnung hatte ich, dass je nach Quelle 14000 bis 16000 Siebenbürger Sachsen und der Volkszählung von 2011 zufolge 37000 insgesamt Deutsche bei uns geblieben sind. Ein besonderes Schauspiel war natürlich der sächsische Trachtenumzug, bei dem an die 100 Gruppen mit 2700 Trachtenträgern vorüberzogen, die ihren jeweiligen Heimatort vorstellten. Diese Tradition reicht bis 1951 zurück. Dinkelsbühl ist seit 1950 eine Touristenattraktion an der berühmten Romantischen Straße, die wie ein märchenhaftes Band die schönsten Schlösser und Burgen Süddeutschlands verbindet. Die Stadt ist zudem vom deutschen Staat für die Art und Weise, in der sie die siebenbürgisch-sächsischen Aussiedler integriert hat, mit einer Goldplakette ausgezeichnet worden.

Das Fest der Sachsen dauert vier Tage. Das herrliche mittelalterliche Stadtbild lässt bei ihnen nostalgische Erinnerungen an ihr heimatliches Siebenbürgen aufkommen. Ein Fest der Erinnerung, aber auch eine Lektion für die Rumänen, die sich gleichgültig dem süßen Vergessen hingeben. So habe ich es empfunden. Die Sachsen verweigern sich dem Gedächtnisschwund, deshalb habe ich den Ablauf dieser Tage mit großer Bewunderung und im Bewusstsein eigener Bedürftigkeit verfolgt, weil ich doch so wenig über die Geschichte weiß, weil mich der Schulunterricht dermaßen weit von der eigentlichen Geschichte meines Landes abgetrieben hat, von jener Gesellschafts- und Kulturgeschichte, die mit den Geschichten der Vergangenheit und den unvergesslichen Sagen einen Zusammenhang bildet. Die Zahlen vergisst man, die Sagen bleiben.

Sehr beeindruckt hat mich das, wie ich meine, harmonische Verhältnis zwischen den einzelnen Gruppen und der großen Gemeinschaft der Sachsen jenseits aller Geographie. Jede Gruppe führte feierlich das Bild der Kirche, die Flagge und das Wappen ihres jeweiligen Heimatortes in Siebenbürgen mit sich. Alle aber waren sie Sachsen. Ja, die Sachsen sind eine Welt mit eigener Geschichte und Kultur, bestehend aus kleinen Welten, den siebenbürgischen Dörfern, in denen sie gelebt haben. Alles scheinbar Kleine ist in jener großen Welt der Sachsen aufgegangen, und so begriff ich, wieso sie ein Motto gewählt hatten, in dem die Geographie überspült, aufgelöst wird und nur die ethnische Identität erhalten bleibt. Ich muss gestehen, dass mich schließlich der Neid packte. Und zwar beim Anblick ihrer Tänze, die durch ihre solidarische Ausstrahlung beeindruckten. Sie tanzten in einem Miteinander, das von tiefer Zuneigung geprägt war; dralle Sächsinnen, darunter auch ältere, neben lebhaften jungen Frauen, die vor Freude und Energie sprühten, beleibte Sachsen neben stolzen jungen Männern – sie alle einte die Freude, beisammen zu sein. Wieso sehe ich bei den Rumänen nichts Derartiges? Wieso spüre ich bei den Rumänen eher einen umstandsabhängigen Herdentrieb als eine wohlgegründete, gesetzte Solidarität, die an Kontinuität und Gemeinsamkeit denken lässt? Wieso will mir scheinen, dass sich bei uns eher der Eigennutz des Einzelnen durchsetzt als der gute Wille? Kennen wohl die Sachsen den rumänischen Ausdruck „dat la gioale“ (etwa: einheimsen, sich unter den Nagel reißen)? Ob wohl der Hochmut sich bei Mehrheitlern auftürmt und bei Minderheitlern abflaut?Die Blaskapelle Heldsdorf beim Heimattag 2014 in ...Die Blaskapelle Heldsdorf beim Heimattag 2014 in Dinkelsbühl. Foto: Detlef Schuller Das alles hat mich bewogen, im Internet zu suchen. Ich wollte sehen, was es mit diesen Sachsen auf sich hat, schließlich haben sie in meinem Land gelebt. Wieso sind sie hergekommen, weshalb sind sie wie Vögel in warme Länder gezogen und nicht wiedergekehrt? Ich bin auf ein wunderbares Blog von Mihaela Kloos-Ilea gestoßen. Gar manches habe ich erfahren, darunter auch, dass dieses Fest „in Rumänien zu Unrecht kaum bekannt“ ist. Ich habe erfahren, dass zum Zeitpunkt der Beerdigung eines Sachsen, der in Deutschland gestorben ist, in seinem Heimatort die Glocken geläutet werden. Allerhand habe ich außerdem noch gelernt von Mihaela Kloos-Ilea, einer Sächsin aus Mühlbach, die in München lebt, aber oft nach Hause, nach Siebenbürgen kommt. Ihr Blog „Poveşti săseşti“ (Sächsische Geschichten) als Vorbereitung für ein Buch, das sie schreiben will und sicher schreiben wird, enthält manches über die Sachsen, ihre Lebensläufe, kleine Geschichten und Sagen aus ihrer Vergangenheit, heißt es doch auch bei Faulkner: „The past is never past“.

Als ich die Leute mit dem Schild „Deutsch-Weißkirch“ sah, ging mir das nahe, weil ich dort gewesen bin und den Ort kenne, als ich das Interview mit Paul Hemmerth in Reichesdorf las, freute ich mich erst recht, weil ich auch dort gewesen bin. Ich kenne das Dorf. Ich habe es erlebt, voller Zigeuner, die sich in den verfallenen Häusern der ausgewanderten Sachsen niedergelassen haben. Dabei hat sich dieser Sachse aus Mediasch in Reichesdorf ein wunderschönes Haus gebaut, und der Gedanke, dass Reichesdorf wieder ein Dorf werden könnte wie einst, hat bei mir Hoffnungen geweckt.

Ich habe mich drangesetzt und über die Deportation der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben in die Ukraine und nach Sibirien im Jahr 1945 gelesen. 75000 Menschen sind verschleppt worden. Ich habe mich an das interessante Buch von Smaranda Vultur mit Zeitzeugnissen von in den Bărăgan deportierten Banater Schwaben erinnert – das waren weitere 50000. Wer wüsste nicht um den Ausverkauf der Sachsen? Niemand hat sich allerdings darum gekümmert, dass nach 1989 ihrer 100000 gegangen sind, und ich habe auch nicht gehört, dass man etwas unternommen hätte, sie zum Bleiben zu bewegen.

Ruxandra Hurezean hat im November 2008 „Trista poveste a ultimilor sași din Transilvania“ (Die traurige Geschichte der letzten Sachsen in Siebenbürgen) veröffentlicht, der Text ist 2014 wiederaufgelegt (gepostet) worden. Sie hat einen Sachsen interviewt, der nicht weggegangen ist, obwohl seine Söhne in Deutschland leben. Auf die unvermittelte Frage, weshalb die Sachsen gegangen sind, hat dieser Sachse namens Johann Schaas mit einer Fabel geantwortet. Ich will sie kurz nacherzählen. Ein Dachs und ein Fuchs lebten irgendwo im Hügelland. Der Dachs hatte kurze plumpe Beine, fraß Kräuter und Früchte, er war kein Fleischfresser. Der Fuchs hatte schlanke schnelle Beine und eine gute Witterung, er war ein Jäger, grub aber keine Höhlen wie der Dachs. Jedes Frühjahr grub der Dachs eine Höhle. Der schlaue Fuchs fürchtete den Dachs und ging morgens zum Eingang der Höhle und verrichtete dort seine Notdurft. Dem Dachs behagte der Geruch nicht, den der Fuchs hinterließ, aber er konnte nichts dagegen tun. Am zweiten und am dritten Tag tat der Fuchs es wieder, bis der Dachs es nicht mehr ertrug und sich zum Gehen gezwungen sah. Seine Höhle überließ er dem Fuchs. Als Johann Schaas die Fabel erzählt hatte, sagte er zu Ruxandra Hurezean: „Der Fuchs ist die Geschichte, gute Frau, die Geschichte, die sich gar manchen Morgen vor der Tür der Sachsen entleert hat.“

Eine Frage ergibt die nächste: Wieso sind die Sachsen nicht zurückgekehrt? Ich habe über 300 Kommentare zu diesem Interview gefunden. Die einen meinten, der Weggang der Sachsen sei einer der größten Verluste, die Rumänien erlitten hat. Andere zählten die Juden zu den Sachsen hinzu. Andere wiesen auf die verlassenen Häuser der Sachsen hin, die von Zigeunern verwüstet würden, und unkten, Siebenbürgen werde zu einem Zigeunerdorf ohne Sachsen und ­Ungarn.

Nun, die Sachsen haben für den Zweiten Weltkrieg bezahlt, gleichwohl hat das Stereotyp des Deutschen weiterhin Bestand. Dass ein Stereotyp dergestalt die Veränderungen überdauert, ist äußerst selten. Nach 1990 habe ich die Wahrnehmung der Minderheiten bei den Rumänen untersucht, dabei ergab sich für die Deutschen, dass sie als fleißig, diszipliniert und konsequent in Wort und Tat galten. Ich stelle fest, dass sich im kollektiven Denken seit Dinicu Golescu (1777-1830) nichts geändert hat, der da sagte, die „sächsische Nation ist sehr arbeitsam“, „man sieht keinen barfüßigen Sachsen“, „der Sachse hält auf Biegen und Brechen an seiner Tracht, an seiner Sprache fest und heiratet Mädchen seiner Sippe, auf dass seine Sprache und seine Ordnung nicht verunstaltet und seine Gebräuche und seine Tracht nicht verschnitten werden“. Das gemahnt an den Umzug von Dinkelsbühl, nicht wahr? Oder an das, was Nicolae Iorga (1871-1940) geschrieben hat über den „Boden Siebenbürgens, zutiefst geprägt von deutschem Fleiß und deutscher Kultur, die für Ehre, Geschäftstüchtigkeit, Sinn für Gerechtigkeit und Ideal stehen“. Wir bezeichnen uns als faul, sie bezeichnen sich als arbeitsam. Eine Sächsin sagt zu Smaranda Vultur, die Deutschen hätten sowohl im Banat als auch im Bărăgan, wo sie auf blanker Scholle ausgesetzt wurden, weitergearbeitet, denn „so sind wir, wenn man uns die Hände abhackt, arbeiten wir mit der Nase“.

Wie sollte man nicht betrübt sein über das, was die Rumänen im Ausland anrichten? Ich frage mich, ob die Siebenbürger Sachsen wohl bei der Beerdigung eines Sträflings applaudieren, einem mildtätigen Sträfling verzeihen oder ihn gar lieben würden, weil er mit dem, was er geklaut hat, Armen hilft. Würden sie es hinnehmen, dass ein straffällig gewordener Bürgermeister aus dem Knast kommt, um zu sagen, was er als Bürgermeister tun wird, und dann dorthin zurückzukehren, wo er hingehört, in den Knast? Würden sie akzeptieren, dass eine Erziehungsministerin mit akademischen Ansprüchen bei den Wahlen von einem bildungsfernen Politiker unterstützt wird? Oder dass ein Schauspieler ohne irgendwelche politische Erfahrung seine längst im Abnehmen begriffene Bekanntheit nutzt, um sich auf dem Wege unwürdiger Hochstapelei unverdiente Vorteile zu erschleichen?

Der Heimattag der Siebenbürger Sachsen hat mir Freude bereitet und mich neidisch gemacht, aber auch meine Erbitterung befeuert: über unsere moralische Laxheit, über unser Unvermögen, Ehrlosigkeit in die Schranken zu weisen, über die Gleichgültigkeit der meisten vor den Anmaßungen weniger – darunter mancher Politiker. Die Sachsen trugen keine Spruchbänder, auf denen gestanden hätte: „Ich bin stolz, Sachse zu sein.“ Stolz ist keine Sache der Worte, sondern des Verhaltens. Wie sagte schon Caragiale: „Vergesst das Ich, lasst andere über euch reden.“

Aurora Liiceanu

Schlagwörter: Heimattag 2014, Rumänien, Siebenbürger Sachsen

Nachricht bewerten:

65 Bewertungen: ++

Neueste Kommentare

Artikel wurde 2 mal kommentiert.

Zum Kommentieren loggen Sie sich bitte in dem LogIn-Feld oben ein oder registrieren Sie sich.

  • AKTUELL
  • BEWERTET
  • GELESEN
  • KOMMENTIERT
Druckausgabe der aktuellen Zeitung
Die Druckausgabe der SbZ bereits eine Woche vor der Auslieferung online lesen (inkl. Volltextrecherche).

Archiv Schmökern und recherchieren im Archiv der SbZ von 1950 bis heute.

Terminkalender

« November 19 »
Mo Di Mi Do Fr Sa So
28 29 30 31 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10
11 12 13 14 15 16 17
18 19 20 21 22 23 24
25 26 27 28 29 30 1

Artikel zum Thema

RSS-Feeds abonnieren

Nächster Redaktionsschluss

4. Dezember 2019
11:00 Uhr

20. Ausgabe vom 15.12.2019
Alle Redaktionsschlüsse
Registrieren! | Passwort vergessen?
Impressum · RSS · Banner · Online werben · Nutzungsbedingungen · Datenschutz