22. August 2007

Wiedersehen in Israel

Zu den zahlreichen Reisen des Hermannstädters Dipl. Phys.-Chem. Harry H. Binder zählt nun auch eine Reise nach Israel. Trotz seines hohen Alters wollte Binder nicht darauf verzichten, das Heilige Land zu besuchen, und so flog er im Juni dieses Jahres mit einer Gruppe Senioren aus Nürnberg nach Israel.
Israel, ein Land der Widersprüche, mit schneebedeckten Bergen, grünen Wäldern und karger Wüstenlandschaft, gelegen zwischen dem Mittel­meer und dem Toten Meer, ein Land, in dem die dramatischsten Ereignisse stattfanden und sich die Wiege der drei bedeutendsten monotheistischen Religionen befindet. Kaum ein anderer Ort bietet Christen und Deutschen mehr Gelegenheit zur Besinnung als die Heiligen Stätten in Israel. Verflochten wie nirgendwo sind hier Geschichte, Legenden und Mythen und mittendrin die Erin­nerung an den Tod von Millionen von Juden, dem Grauen des Rassen- und Größenwahns, verursacht von Deutschen und leider auch einigen Siebenbürger Sachsen, erschütternd dargestellt in Yad Vashem. Nirgendwo sind Trauer und Hoffnung, Glaube an Gott und Abscheu vor menschlichem Wahnsinn so eng miteinander verbun­den wie hier, in der Gedenkstätte des Holocaust oben auf dem Herzl-Berg.

Unsere Reise führte uns von Tel Aviv zunächst in den Norden über Ceasarea, Haifa, Akko nach Galiläa bis zu den Golanhöhen. Über Nazareth fuhren wir nach Judäa, Jerusalem, Bethlehem, Massada, Qumran und ans Tote Meer. Die Ein­drücke von Yad Vashem, der Westmauer (Klage­mauer), dem Tempelberg, der Via Dolorosa, den bizarren Landschaften rund um das Tote Meer, dem Leben in einem Kibbuz und der Militär­präsenz an allen Ecken geben Aufschluss über ein tief religiöses Volk im täglichen Kampf um sein Überleben.

Auf dem Gelände der Westmauer hörte ich plötzlich zwei ältere Herren rumänisch sprechen. Es stellte sich heraus, dass einer aus Hermannstadt stammte, ja dass wir dort nicht nur Nachbarn in der Salzgasse waren, sondern öfter auf dem Krautplatz Fußball gespielt hatten, mit Bällen zusammengebastelt aus alten Strümpfen. Es war Samuel Steiner, den wir Sami nannten, ein Jude, der unser Freund war, trotz der damaligen antisemitischen Hysterie. Er war ein Freund, wie alle anderen aus der Nach­barschaft, aber an ihn und unsere letzte Be­gegnung erinnere ich mich noch gut. Es war im Frühsommer 1944, als ich auf dem Weg nach Hause schon von weitem Schreie und Schimpf­wörter hörte. Als ich näher kam, sah ich eine Gruppe Jugendlicher, die fluchend und schimpfend die Synagoge in der Salzgasse mit Steinen bewarfen, und eine Menge Menschen, die versteckt im Schatten der Synagoge davoneilten. Plötzlich stand Sami vor mir; er sah mich erstaunt an und fragte: „Warum tun die das?“ Ich nahm in schweigend an der Hand und wir liefen beide fort. Seit damals habe ich Sami nicht wieder gesehen.

Es war ein Wunder, dass wir uns jetzt, mehr als 60 Jahre danach, in Jerusalem wieder trafen. Er erzählte mir, dass seine Familie Ende der fünfziger Jahre nach Israel auswanderte, wo sie ein neues Leben be­gannen. Er hatte in Israel Medizin studiert, ge­heiratet und ist inzwischen Opa. An Hermann­stadt erinnert er sich noch gut, an seine Kind­heit und die Zeit, als wir Rumänen, Sachsen, Juden und Ungarn noch keinen Rassenwahn kannten und ungezwungen zusammen leben und spielen konnten. Aber er erzählte mir auch von der ständigen Gefahr, in der sie heute lebten, von den Bomben und Selbstmordattentä­tern, die sich an jeder Ecke in die Luft sprengen konnten. Er bedankte sich schließlich für unseren Besuch in Israel und meinte, dass wir durch unsere Reise in sein Land uns zu Israel bekennen. Leider konnten wir nicht länger zusammen sein, denn unsere Gruppe musste weiter, und in der Hoffnung, uns vielleicht wieder zu sehen, umarmten wir uns, dann sah er mir in die Augen und sagte: „Shalom, mein Freund, Gott helfe dir.“ So wurde die Reise ins Heilige Land für mich nicht nur eine Begegnung mit einer anderen Welt, sondern bot mir auch die Gele­genheit, einen längst vergessenen Freund meiner Kind­heit in Hermannstadt wieder zu sehen. Am Ende der Reise haben wir eine Urkunde erhalten, laut der wir den Titel „Jerusalem-Pilger“ tragen dürfen. In der Hoffnung, dass auch in diesem Land bald Frieden herrschen wird, schließe ich mit Shalom,

Ihr H.B.

Schlagwörter: Israel, Völkerverständigung

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