27. November 2000

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Siebenbürger Sachsen in Drabenderhöhe: "Wir sind daheim!"

Zehn Jahre nach dem Tode von Robert Gassner gedachte Drabenderhöhe des Vaters der Siebenbürger-Siedling. In einer beeindruckenden Festansprache würdigte Wiehls Bürgermeister Becker-Blonigen die Integrationsleistung der Neubürger im Oberbergischen.
Am Reformationstag hat die Siebenbürger-Siedlung Drabenderhöhe in einer Feierstunde ihres Initiators Robert Gassner gedacht, dessen Todestag sich zum zehnten Mal jährte. Zugegen waren bei der Gedenkveranstaltung, die von Darbietungen örtlicher Kulturgruppen umrahmt wurde, unter anderen hochrangigen Ehrengästen der Bundestagsabgeordnete Friedhelm Beucher (SPD), Vertreter des nordrhein-westfälischen Landtags, des Landkreises und der Stadt Wiehl, der die Siedlung eingemeindet ist, dazu der landsmannschaftliche Bundesvorsitzende Volker E. Dürr und Bundesfrauenreferentin Anna Janesch, Landesvorsitzender Harald Janesch sowie der Vorsitzende des Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen und Evangelischen Banater Schwaben, Kurt Franchy. Festredner der Feierstunde war Wiehls Bürgermeister Werner Becker-Blonigen, der die Integrationsleistung der Neubürger seiner Stadt würdigte. Die streckenweise sehr persönlich gehaltene Ansprache des Nichtsiebenbürgers, in der viel Verständnis und Anerkennung für die Zuzügler ins Oberbergische mitschwang, wird hier leicht gekürzt nachgedruckt:

Wir kommen heute zum zehnten Todestag von Robert Gassner zusammen, um seiner zu gedenken. Dies kann man nicht allein unter dem Gesichtspunkt seines langjährigen Wirkens in unserer Stadt tun. Dazu muss man ein wenig ausholen und diejenigen mit einbeziehen, für die er gelebt hat und für die er eine große Bedeutung gehabt hat, nämlich die Siebenbürger Sachsen. Es ist, wohlgemerkt, nicht meine Erfindung, mit diesem Ansatz zu beginnen. Dies war vielmehr Robert Gassners Ansatz, als wir uns im Frühsommer des Jahres 1979 kennenlernten und in der ersten Begegnung über die Fortentwicklung der Siebenbürger Siedlung Drabenderhöhe sprachen. Gewiss, auch andere Landsleute haben ihre Heimat verlassen müssen, haben Tradition und Brauchtum mühsam wieder aufbauen können und wurden dennoch über alle Teile des verbliebenen deutschen Staates verteilt.
Die Besonderheit der Siebenbürger Sachsen liegt darin, dass sie nicht als irgendein deutscher Volksstamm in irgendeinem Teil des deutschen Staatsgebildes gelebt haben und aufgrund der schrecklichen Ereignisse des Krieges in einen anderen Teil dieses Staates hätten umsiedeln müssen. Die Siebenbürger, die vor über 800 Jahren den Weg in das Land vor dem Karpatenbogen gefunden haben, waren acht Jahrhunderte in nichtdeutscher Umgebung zu Hause. Siebenbürgische Kultur ist eine Mischung aus der Bewahrung von sprachlicher und ethnischer Identität unter gleichzeitiger Öffnung zu ungarischen und rumänischen Einflüssen. Dass die Siebenbürger, deren Ansiedlung seinerzeit auch aus strategischen Überlegungen heraus gerne gesehen wurde, ihre kulturelle Identität in für sie fremder Umgebung bewahrt haben, machte sie eigenwilliger, resistenter, zäher und auch leidensfähiger. Ihr stetiges Bekenntnis zur deutschen Kultur und zur deutschsprachigen Nation musste sie beim Zerbrechen der Vielvölkermonarchie Osterreich-Ungarn in Schwierigkeiten bringen. Doch das Zeitalter der Nationalstaaten, das auch zur Beendigung des Feudalismus notwendig war, hat sie Siebenbürger Sachsen zunächst einmal noch nicht abgeschreckt. Ihr Überleben schien möglich, zumindest denkbar. Erst der schreckliche Zweite Weltkrieg mit all seinen Exzessen und der folgenden militärischen Niederlage sowie der rigiden Nationalitätenpolitik in der kommunistischen Diktatur brachte das endgültige Aus für ein Stück 800-jähriger Siedlungs- und Heimatgeschichte.
Die Siebenbürger mit ihren Wehrkirchen, ihren Schulen, ihren handwerklichen und bäuerlichen Traditionen, ihrem Bekenntnis zum christlichen Glauben und zur deutschsprachigen Nation haben dort, im heutigen Rumänien, eine siedlungspolitische und kulturelle Höchstleistung erbracht. Aber dies ist leider Geschichte.
Zur Ansiedlung der Siebenbürger Sachsen in der oberbergischen Region gibt es nun vielerlei Ursächlichkeiten. Wer auch immer hier dem Ansinnen der Siebenbürger Rechnung getragen hat, in einer mehr ländlich geprägten Landschaft siedeln zu wollen, als dies die Aachener Region, der Niederrhein oder das Ruhrgebiet darstellten, darf am heutigen Tag einmal hinten anstehen. Natürlich war es der damalige Oberkreisdirektor Goldenbogen, der die Chance erkannt hatte, tüchtige, fleißige, loyale und aufbauwillige Menschen in seine Region zu holen. Und es war Robert Gassner, der erkannt hatte, dass hier möglicherweise eine Region aufnahmefähig war, in der die Siebenbürger Sachsen eine neue Heimat würden finden können. So ist auch sein Satz, den er seinerzeit bei der Gründung der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung gesprochen hat: "Wir sind daheim", ohne Schnörkel so zu verstehen, wie er gesagt wurde.
Die Siebenbürger sind heute ein integraler und prägender Bestandteil der Bevölkerung in dieser oberbergischen Region. Dabei ist das Verhältnis zwischen Altoberbergern und Siebenbürgern bis heute ambivalent geblieben. Einerseits sind die Oberberger aufnahme- und hilfsbereit, freuen sich über den Zuzug von Menschen, die auch noch verschmähte Sekundartugenden wie Höflichkeit, Pünktlichkeit, Rücksichtnahme, Fleiß und andere ähnliche Eigenschaften pflegen. Andererseits gibt es aus der Geschichte und Tradition des Oberbergischen ein tiefes Misstrauen gegenüber der Vorstellung, dieses karge, die Mäuler kaum stopfende Land könne viel mehr Menschen ertragen, geschweige denn ernähren, als dies aus der Erfahrung der vergangenen Jahrhunderte möglich gewesen ist. Aus dem Oberbergischen wanderte man in den vergangenen Jahrhunderten eher aus als ein. Insoweit treffen sich die Erfahrungen mit den Siebenbürgern, die ja nachweislich dem Rhein-Mosel-Raum entstammen und deren Ursprungsheimat, wenn ich sie einmal so nennen darf, von den natürlichen Gegebenheiten ausgehend auch nicht die Mäuler stopfen konnte, die sie beherbergte. Dieses Misstrauen gegenüber starker Zuwanderung wird dann auch noch gepaart mit der Furcht, eigene Identität zu verlieren, die der Zuwanderer nicht annehmen zu wollen, was natürlich ist, und womöglich Minderheit im eigenen Land zu werden. Da eine solche Entwicklung in der Beziehung von Altoberbergern und Siebenbürger Sachsen nicht existenzbedrohend, sondern im Gegenteil materiell befruchtend war, konnte sie ertragen werden. Heute verflüchtigen sich diese Aspekte, von denen mir Robert Gassner viel erzählt hat. Aber ich habe auch die anderen Stimmen angehört, und es war Robert Gassner, der mich immer wieder dazu ermutigt hat, das Gespräch mit allen Beteiligten zu suchen, Brücken zu bauen, um Verständnis zu werben, um alles zu tun, damit den Siebenbürger Sachsen, Robert Gassners Siebenbürgern, die neue Heimat auch wirklich zu einem "Daheim" werden möge.
Die Siebenbürger Sachsen stellen heute ein Fünftel der Bevölkerung unserer Stadt. Das mag erstaunen, aber es ist so. Sie nehmen Aufgaben in Wirtschaft und Verwaltung, auch in leitender Position wahr und sind heute ein nicht mehr wegzudenkendes Bevölkerungselement, das die neue oberbergische Welt, die zur Hälfte aus Zugezogenen besteht, maßgeblich beeinflusst. Natürlich war Drabenderhöhe der Einwanderungsort, der, in dem nachbarschaftliche Vertrautheit einem das Zurechtfinden in einem völlig anderen sozialen und politischen Umfeld erleichterte. Aus dieser Interagtionsschleuse heraus ist mittlerweile die zweite Generation und zum Teil schon die dritte in unserer Stadt aufgewachsen. Für die jungen Menschen ist vieles, was noch Robert Gassner und seine Mitstreiter tief bewegt und besorgt hat, längst schon wieder Geschichte.
Für mich war das Siebenbürgische deshalb nie so ganz fremd, auch weil ich mütterlicherseits aus der südlichen Eifel stamme. Daher habe ich vor nunmehr 21 Jahren in meinen ersten Begegnungen mit Siebenbürgern immer geglaubt, in Drabenderhöhe spräche man so eine Art luxemburgischen Dialekt. Das kannte man ja noch aus seiner Kindheit, zumal nur über den Originalsender Radio Luxemburg damals die so heiß begehrten Schlager zu hören waren.
Gemeinsam also haben wir hier im Oberbergischen eine neue Heimat gefunden, und ich teile mit den Siebenbürgern die gleichen Zwiespältigkeit der Gefühle, die einen einerseits hier zu Hause sein läßt, andererseits das melancholische Rückbetrachten und Rückerleben der Heimat, der Kindheit und der Herkunft nicht ruhen lässt.
Mein Wunsch ist und bleibt, dass wir Zuwanderer in dieser oberbergischen Region gemeinsam mit der angestammten Bevölkerung in Zukunft noch mehr daran arbeiten mögen, die Heimatgeschichte und die Tradition des oberbergischen Landes aufzunehmen, in Erinnerung zu rufen und mit den neu eingebrachten Impulsen verbinden mögen.
Das Oberbergische darf nicht Fluchtland, sondern muss Heimatland sein und werden. So hat es Robert Gassner gewollt, und so wurde sein mühsamer Weg, den er seinerzeit mit dem großen Treck aus Nordsiebenbürgen begonnen hat, vollendet: "daheim".

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