18. Dezember 2002

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Geschichten rund um den Handball in Siebenbürgen (XVIII)

Das erste Länderspieltor für Rumänien geworfen / Liane Roth ist 1949 mit drei weiteren Schäßburgerinnen im ersten Länderspiel der Frauen-Nationalmannschaft gegen Ungarn dabei / Sportlerehe mit Walter Schmidt geschlossen
Sie war im ersten Handball-Länderspiel der Frauen dabei, hat auch das erste Länderspieltor für Rumänien geworfen, und sie war mit 18 die jüngste Spielerin auf dem Platz: Liane Roth aus Schäßburg. Es war 1949 in Temeswar beim 1:4 gegen Ungarn, als auch die rumänische Männer-Nationalmannschaft gegen den Nachbarn aus dem Westen antrat im ersten Länderspiel nach dem Krieg, das ebenfalls verloren wurde.

So beginnt eine Handball-Geschichte, die im Dezember 2001 entstanden ist. Wir sind in Gummersbach bei Liane und Walter Schmidt zu Gast. Liane Schmidt-Roth zeigt Fotos aus alten Alben, erinnert sich an Mitspielerinnen, erzählt vom Frauen-Handball nach dem Krieg in Schäßburg und von der Nationalmannschaft. Sie lacht und ist wohlauf. Als es dann heißt, dass sie fotografiert werden soll, fragt sie, ob das denn sein muss. Es sollte sein. Die Fotos liegen seit dem 12. Januar 2002 vor. Gut, dass es sie gibt, denn inzwischen ist Liane Schmidt-Roth nicht mehr. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt ist sie am 17. Februar gestorben. Die vorliegende Geschichte hat sie im Manuskript noch lesen können.

Liane Roth-Schmidt.
Liane Roth-Schmidt.

Und so geht die Geschichte weiter: Liane Roth spielt in dieser Begegnung zusammen mit drei weiteren Spielerinnen aus der Schäßburger Meistermannschaft von 1948: mit Torsteherin Edith Deppner, mit Adele Theil, Martha Siegmund und Novak. Betreut wird diese Frauenauswahl von Olympiateilnehmer Bruno Holzträger. "Wir haben damals gestaunt über den ungarischen Handball", sagt Liane Roth-Schmidt heute, "die Hälfte der Spielerinnen war verheiratet und hatte bereits Kinder, doch sie haben ein schönes, elegantes Spiel aufgezogen".

Im Spiel von Temeswar sind ferner aufgelaufen: Erna Schobel, Trude Greser, Erika Blahm (alle aus Mediasch) und Marianne Adami (aus Hermannstadt), erinnert sich die am 25. November 1930 in Schäßburg geborene Liane Roth-Schmidt. Vor dem Spiel gab es ein Trainingslager in Temeswar. "Nach jedem Training sind wir auf allen Vieren die Hoteltreppe hinaufgekrochen", sagt sie. "Jeden Morgen mussten wir auf die Waage, ich war die Dickste. Professor Eilhardt aus Temeswar wusste genau, wo das Gewicht an der Waage hingeschoben werden musste."

Das Länderspiel in Temeswar sollte Liane Roths erstes und letztes bleiben. Denn 1949 heiratet sie ihren Trainer Walter Schmidt. Die Mädchenmannschaft übernimmt dieser im selben Jahr von seinem Lehrer und Trainer Hans Kraus, der auch für die Männermannschaft der Victoria zuständig war. Schmidt wird das Großfeld-Frauenteam bis 1962 trainieren. Schmidt beginnt 1934 Handball zu spielen unter Kraus an der Grundschule in Schäßburg. Der am 29. Dezember 1920 in Schäßburg geborene Schmidt erinnert sich noch an den Siebenbürgen-Aufenthalt des Vaters des Handballspiels, Karl Schelenz. Ferner an die Spiele mit der Mannschaft der Handelsabendschule gegen die gleichwertigen Teams aus den anderen siebenbürgischen Städten, außerdem an die Gründung der Handballabteilung innerhalb des Schäßburger Turnvereins 1935. Aber auch an die Meisterschaftsspiele der Großen aus Hermannstadt, Bistritz, Kronstadt und Mediasch gegen die Schäßburger.

Schmidts Handballkarriere erfährt 1936 einen jähen Knick. In einem Spiel fällt er auf die Schulter und kann seinen Wurfarm, es ist der rechte, nur noch schlecht einsetzen. Er wendet sich dem Fußball zu. Den Krieg macht Schmidt in der rumänischen Armee mit. 1945 ist er wieder zu Hause und gehört zu den Gründern der Victoria in Schäßburg. Er hat seinen linken Arm inzwischen so lange trainiert, dass er ihn auch als Wurfarm einsetzen kann. Was ihm damit gelingt, ist allerdings nur der Schleuderwurf.

Den rechten Arm kann er 1951 kaum noch gebrauchen. Sein Glück: Er gehört zum Nationalmannschaftskader. Und deshalb wird er auch vom Arzt der Nationalmannschaft untersucht und operiert. Der Oberarmknochen war 1936 gebrochen und ist schlecht zusammengewachsen. Mit einer Rippentransplantation bringt der Arzt in Bukarest den Arm soweit, dass Schmidt ihn wieder heben kann. Zu einem Länderspieleinsatz wird er jedoch nicht mehr kommen. Seine Handballerfolge: zwei Meistertitel mit der Schäßburger Victoria A 1946 und 1948. Aus dem dritten Titel ist nichts geworden, weil die Mannschaft 1947 vor der Abfahrt nach Bukarest zum Meisterschaftsspiel gegen Dinamo von der Securitate auf dem Schäßburger Bahnhof abgefangen und nach Hause geschickt wird. Das Spiel wird als verloren gewertet, weil die Mannschaft sich nicht dem Gegner gestellt hat, erinnert sich Schmidt.

Die Willkür wird ein Nachspiel haben. Mitte der 50er Jahre kommt es in Schäßburg in einem Spiel gegen Dinamo zu Ausschreitungen. Daraufhin wird die Mannschaft aus der ersten Liga verbannt.

Die Umstellung vom Großfeld auf das Kleinfeld sei den Schäßburgern nicht schwer gefallen. Es sei genügend Nachwuchs da gewesen. Doch der sei ständig abgewandert in Städte mit Hochschulen. So sei es auch gekommen, dass Schäßburg nach der Einführung des Kleinfeld- und Hallenhandballs nie mehr ins Oberhaus aufgestiegen ist, sagt Schmidt. Rudi Eder, der mit Schmidt zweimal Meister geworden ist und 1950 mit den Mannschaftskameraden Hermann Kamilli und Karl Adleff ins Arbeitslager am Donaukanal geschickt wurde, war nach seiner aktiven Zeit stets auf dem Sportplatz und hat auch geholfen, die Torsteher zu trainieren. Eder hat außerdem die Schäßburger Eishockeymannschaft trainiert. Die meisten Handballer seien auch Eishockeyspieler gewesen.

Doch trotz aller Unzulänglichkeiten nach dem Krieg haben Liane und Walter Schmidt schöne Erinnerungen: “Wenn wir in jener Zeit beispielsweise nach Mediasch gefahren sind, dann warteten schon Mädchen und Jungen am Bahnhof auf uns, um uns ins Quartier mit nach Hause zu nehmen. Meist fuhren wir in offenen Lastwagen zu den Auswärtsspielen, möglichst beide Mannschaften, Mädchen und Jungen zusammen, um Geld zu sparen", sagt Walter Schmidt.

Ein anderes Mal fährt die Mannschaft von Mediasch zurück im Viehwaggon, unerlaubterweise. In einem Spiel in Ploiesti wirft Eder in letzter Sekunde das Siegestor. Dann heißt es nur noch heil in die Kabinen kommen. Schmidt weiter: "Wir mussten etliche Stunden in den Kabinen ausharren".

“Mit den Szeklern hatten wir ein gutes Verhältnis. Zum Beispiel mit der Mannschaft aus Odorhellen. Als sie ein Spiel in Lugosch auszutragen hatten, haben sie uns einfach eingeladen mitzufahren. Wir haben angenommen, haben ein Spiel in Reschitza ausgetragen und anschließend eine Einladung zum Freundschaftsspiel nach Lugosch angenommen: für ein Mittag- und ein Abendessen. Dann geht es Richtung Siebenbürgen. Die beiden Mannschaften unterbrechen die Fahrt zu einem weiteren Spiel in Hermannstadt gegen Derubau. Ein aus Odorhellern und Schäßburgern bestehendes Team tritt an und besiegt in einer Regenschlacht Derubau 2:1. Ein anderes Mal gewinnt Schäßburg in Mediasch in einem Gewitter 2:1. Viele Zuschauer sind mit Spaten und Schaufel vom Arbeitsdienst auf den Sportplatz gekommen. Als das zweite Tor fällt, müssen die Spieler in die Kabinen flüchten. Sie haben Glück, denn es gib ein paar Einsichtige, die sich schützend vor sie stellen.

Johann Steiner


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 14 vom 15. September 2002)

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