24. Januar 2003

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Die Poesie des Gabelstaplers

„König Ubu“ und kein Ende: Bereits zum vierten Mal – diesmal in der Pasinger Fabrik in München - inszenierte der aus Kronstadt stammende Ioan C. Toma Alfred Jarrys geniales Anarcho-Stück „König Ubu. Mittlerweile bekam er dafür die tz-Rose und den AZ-Stern der Woche. Desto unbegreiflicher, dass die Süddeutsche die Premierenvorstellung vom 11. Januar als „zähe Vorlesung“ abtat, die „immerhin einige recht niedliche“ Einfälle enthalten habe.
Nein, eigentlich hatte Toma nicht vor, „König Ubu“ ein weiteres Mal auf die Bühne zu bringen, jenes gefräßige und geldgierige Ungeheuer, das in einem imaginären Polen lebt und hier auf Wunsch seiner machtgeilen Ehefrau zum Königsmörder wird („dann tötet mal schön“). Die Bitte kam vom Team des Theaters Viel Lärm um nichts von der Pasinger Fabrik. Man habe letzte Spielzeit „das Horrorpaar Lord und Lady Macbeth“ aufgeführt und sei nun konsequenterweise dem Publikum auch die „schamlos wüste Parodie in Gestalt des mörderischen Rüpelpaares Papa und Mama Ubu“ schuldig. Was blieb dem bekennenden Ubu-Sympathisanten und - Versteher Toma („auch in mir steckt viel Ubu“) anderes übrig, als ja zu sagen, zumal Margrit Carls, eine der Schauspielerinnen der Truppe, eine deftig-frische Neuübersetzung des Skandalstückes von 1896 - Jarrys verquere Brachialsprache in „Ubu roi“ fordert Übersetzer immer wieder aufs Neue heraus - in der Tasche hatte.

Mit einem Gabelstapler poetische Höchstleistungen erreichen – kein Problem für einen Theatermagier wie Ioan C. Toma. Am Steuer des „Ubumobils“ Hauptmann Bordüre (Wolf Friedrich), auf dem Fahrzeug Bublaos (Margrit Carls, der auch die Neuübersetzung des Stückes zu verdanken ist), hinter der Palette Papa und Mama Ubu (Andreas Seyferth und Ute Pauer). Foto: Konrad Klein
Mit einem Gabelstapler poetische Höchstleistungen erreichen – kein Problem für einen Theatermagier wie Ioan C. Toma. Am Steuer des „Ubumobils“ Hauptmann Bordüre (Wolf Friedrich), auf dem Fahrzeug Bublaos (Margrit Carls, der auch die Neuübersetzung des Stückes zu verdanken ist), hinter der Palette Papa und Mama Ubu (Andreas Seyferth und Ute Pauer). Foto: Konrad Klein

Jarrys Kultstück „König Ubu“ hatte Toma zuletzt 1992 am Stadttheater St. Gallen inszeniert. Freilich nicht mittels Gabelstapler wie in München, sondern in einer alten Donauzille, wie die flachen Kähne früher im Österreichischen hießen.

In der Münchner Theaterszene ist der aus dem siebenbürgischen Kronstadt stammende Regisseur Ioan Cristian Toma, 49, längst kein Unbekannter mehr. Eher schon für seine siebenbürgischen Landsleute, die oft nur wissen, dass er der Sohn der Schriftstellerin Bettina Schuller ist. Bereits Anfang der 80er Jahre hatte Toma „König Ubu“ am Theater rechts der Isar inszeniert. 1998 adaptierte er Gogols Novelle „Tagebuch eines Wahnsinnigen“ für die Bühne (die Bühnenbildmetapher jenes Stahlrohr-Kubus, in dem sich der Kranke mit einem Seil allmählich selber einspinnt, ist vielen noch in lebhafter Erinnerung), 2000 inszenierte er in der Reithalle ein von ihm nach Platon-Texten geschriebenes vielbeachtetes Kriminalstück („Die Akte Sokrates“).

Ein an die Macht gekommenes Monster ohne Unrechtsbewusstsein („Ist schlechtes Recht nicht grad so gut wie’s gute?“) mit einer ehrgeizigen Realpolitikerin und „Arschkuh“ (das „Schlampenaas“ einer älteren Übersetzung war zugegebenermaßen auch nicht von schlechten Eltern) als Ehefrau? Welcher Halb-, Voll- oder auch Nichtrumäne denkt da nicht gleich an den unheiligen Nicolae und dessen Möchtegern-grande-dame Elena? Was Wunder auch, als gleich nach der Wende der rumänische Regisseur Silviu Purcarete mit seiner Theatertruppe vom Staatstheater Craiova den „Ubu Rex“ zusammen mit Szenen aus Macbeth als märchenhaft-surreale Politposse in Ost und West zum Besten gab?

Doch solche Einengung auf Ceausescu & Co. wird der mythisch-archetypischen Dimension des Stückes nicht gerecht; überdies sowas wie eine Majestätsbeleidigung: Auch Monster haben ihren Stolz. Toma: „Mich interessiert die Poesie mehr als die Politik.“ Und in der Tat ist Toma das Wunder gelungen, aus einem Stück über Macht und Maßlosigkeit jede Menge Poesie herauszuholen, fast ohne Bühnenbild und mit nur wenigen Requisiten. Alles lebt von der Kunst der Schauspieler und den szenischen Einfällen des Regisseurs. Allen voran der Gabelstapler, der als Bett, Thron, Pferd und Schafott als wahrer „Spielmacher“ (tz) brilliert.

Ein Lob auch auf die gute alte Klorolle. Mal dient ihr Papier als Lebensfaden, das bei Bedarf schnipp-schnapp mit der Schere gekappt werden kann, mal sorgt eine Handvoll aufgewirbelter Papierfetzchen für ein echt russisches Schneegestöber. Zwischendurch muss die Rolle auch als Fernrohr herhalten – Magie pur, wie man sie sonst nur von spielenden Kindern kennt.

Sogar der Tyrannenmord wird mit Klopapier vollzogen. Doch Monster wie Papa Ubu, das weiß man ja mittlerweile, sterben nicht wirklich. Leider ist „Polen“ nun endgültig verloren, und so geht’s denn per Schiff im Donauwellendreivierteltakt neuen Ufern entgegen. Ach ja, die Musik. Auch sie trägt in Tomas Inszenierung nicht unwesentlich zum Gelingen des Ganzen bei. Neben der „Musique pour les soupers du Roi Ubu“ des zeitgenössischen Komponisten Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) gab’s Adäquates von Beethoven (Wellingtons Sieg), Hummel und Johann Strauß.

Ioan C. Toma (links) am Premierenabend
Ioan C. Toma (links) am Premierenabend

Leider endete die Aufführung nur für das Premierenpublikum richtig ubuesk. Mittels Gabelstapler (wie denn sonst) fuhr Toma eigenhändig eine Palette voller Bratwürste auf - natürlich nicht irgendwelche, sondern „dem Binder seine“ aus der Münchner Auenstraße.

Bei Wurst und Rotwein wurde noch bis tief in die Nacht über die Dramaturgie des Stückes oder auch über die Welt der „Pataphysik“ fachsimpelt, eine Art hermetische, nicht ganz ernst gemeinte Wissenschaft, die sich um Jarry und dessen Stück gebildet hat. (Für den Pataphysiker, zu denen u.a. Picasso, Bonnard, Max Ernst und Mirò zählten, beginnt das neue Zeitalter mit Jarrys Geburtsjahr 1873.) Andere spazierten die Hallenwände entlang, um Petra Scherzers wunderbar genialischen Kohlezeichnungen auf den Papierbahnen des tiefschwarz ausgemalten Theaterraumes anzusehen. Das an die 25 Meter lange Ubu-Fries der Graphikerin setzte sich mit der Welt des ewigen Haudraufs und Nimmersatts in überzeugender Weise auseinander.

Konrad Klein


Aufführungen Donnerstag bis Samstag 20 Uhr, Sonntag 19 Uhr, Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, direkt am S-Bahnhof Pasing, Telefon: (089) 8 34 20 14 (voraussichtlich bis März).

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 2 vom 31. Januar 2003, Seite 10)

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