26. Januar 2003

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Der unbedingte Glauben an die Literatur

Der Schriftsteller und Universitätslehrer Dr. h. c. Georg Scherg (geboren am 19. Januar 1917 in Kronstadt, gestorben am 20. Dezember 2002) ist am 30. Dezember in Bodelshausen bei Tübingen beerdigt worden. Familienmitglieder, Freunde und Bekannte, ehemalige Arbeitskollegen und Studenten, die aus vielen Teilen der Bundesrepublik Deutschland angereist waren, erwiesen ihm die letzte Ehre.
Den Trauergottesdienst gestaltete der Schriftsteller und Pfarrer Harald Siegmund, der Georg Scherg seit den Jahren der gemeinsamen Haft freundschaftlich verbunden ist. Gedächtnisreden hielten der Schriftstellerfreund Hans Bergel, dessen Biographie mit dem Lebensweg von Georg Scherg zahlreiche Berührungspunkte aufweist, und die Stellvertretende Bundesvorsitzende der Landsmannschaft Karin Servatius-Speck, vormals Hochschulassistentin an dem von Scherg geleiteten Germanistiklehrstuhl der Hermannstädter Philologischen Fakultät. Die Beerdigung wurde von einer Musikergruppe unter der Leitung von Marius Ungureanu feierlich umrahmt.

Georg Scherg dankte für den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2000 mit wohlgesetzten, "geziemenden Worten". Foto: Josef Balazs
Georg Scherg dankte für den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturpreis 2000 mit wohlgesetzten, "geziemenden Worten". Foto: Josef Balazs

Die Nachricht vom Tod Georg Schergs hat Freunde und Bekannte vor allem deshalb überrascht, weil man seinen Tod zu diesem Zeitpunkt nicht für möglich gehalten hatte. Obwohl hochbetagt - seinen 86. Geburtstag hätte er am 19. Januar feiern sollen -, hatte man sich an Schergs konstantes äußeres Erscheinungsbild so sehr gewöhnt, dass man geneigt war, nicht nur seinen Büchern, sondern auch ihrem Urheber Zeitlosigkeit zu bescheinigen. Seit Jahren und Jahrzehnten hatte das Alter an dem schmächtigen, aber zähen Körper und an dem durchgeistigten, von vielen Falten gezeichneten Gesicht mit den tief liegenden melancholischen Augen, der Adlernase und den schlohweißen, nach hinten abfallenden schütteren Haaren so wenig verändern können, dass man glauben konnte, der Tod werde noch lange nicht Besitz von ihm ergreifen. Angekündigt hatte dieser sich - wie hätte es im Falle Georg Schergs anders sein können - beim Schreibtisch. Beschäftigt mit der Zusammenstellung eines neuen Buches, stürzte Scherg unglücklich, brach sich die Hüfte, kam ins Krankenhaus - die geplante Operation hat sein bereits krankes Herz nicht mehr verkraften können.

Nun sind Person und Werk von Georg Scherg nicht nur der Ewigkeit, sondern auch der Literaturgeschichte übereignet und überantwortet worden, ihr wird die Aufgabe zukommen, seinen Büchern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und ihnen jenen Stellenwert zuzuweisen, der ihnen im breit gefächerten literarhistorischen Kontinuum zukommt. Zu wünschen ist, dass es den Literaturhistorikern während dieser mühevollen und zähen Auseinandersetzung gelingen wird, neue Ausblicke auf den Autor und sein Werk zu eröffnen, und dass die Bücher dieses Autors, die nicht auf einen großen Publikumskreis ausgerichtet sind, nicht allein Sache kleiner Lesezirkel bleiben. Zwar hat man es als Leser oft mit einer uferlos mäandernden, nicht immer zielstrebig auf den Punkt zusteuernden Prosa zu tun, doch wer die Geduld aufbringt, den epischen Verästelungen nachzugehen, den historischen und gesellschaftlichen Bezügen in den Romanen und Erzählungen nachzuspüren, gewinnt Einblick in ein faszinierendes Stück jüngerer Zeitgeschichte und wird sich an Schergs eigenartiger und nuancenreicher Sprache erfreuen.

Was Schergs Leben und Werk gleichsam als basso continuo durchzieht, ist der unbedingte Glauben an die Bedeutung der Literatur. Georg Scherg hat die Literatur und die Beschäftigung mit ihr, sei es als Leser, Vermittler oder als Produzent, immer auch als Hilfe in der Überwindung existenzieller Notsituationen verstanden. Vor allem während der schwierigen Abschnitte seines bewegten Lebens hat er sich aus der tristen und erniedrigenden Umgebung immer wieder in ihren fiktionalen Freiraum retten können. Bereit, der Literatur vieles, wenn nicht alles zu opfern, ja selbst sein Leben als Mittel zu diesem höheren Zweck zu begreifen, hat er diese Auffassung über viele Jahre verfochten - diesen Mythos für das eigene Schaffen aber auch gebraucht. Obwohl das Echo seiner Bücher selbst in der kleinen siebenbürgischen Öffentlichkeit eher verhalten blieb, hat er in verzehrender, einsamer und oft auch heimlicher Arbeit viele Jahre seines Lebens in seine zahlreichen Erzählungen, Romane, Gedichte, Dramen, Übersetzungen und literarhistorischen Abhandlungen investiert.

Die Hingabe zur Literatur ist dem am 19. Januar 1917 in Kronstadt als Georg Kurmes geborenen späteren Schriftsteller in der Familie nicht anerzogen worden. Im Haus des Lederhändlers Ernst Scherg - seine Herkunft hat Georg Scherg in seinen Werken, vorwiegend im Roman Das Zünglein an der Waage (1968) und in den Erzählungen des Peter Merthes (drei Bände, 1958-1984), literarisch immer wieder anders inszeniert -, in das das elternlose Kind 1922 nach einem fünfjährigen Aufenthalt im Kronstädter evangelischen Waisenhaus aufgenommen worden war, brachte man den schriftstellerischen Neigungen des künstlerisch vielseitig begabten Knaben kein besonderes Interesse entgegen. Der pragmatisch denkende Vater hielt die poetischen Träume seines Ziehsohnes für Größenwahn und mahnte: "Lass die Schreiberei, du verhungerst im Straßengraben!" - eine Vorhersage, mit der er zwar nicht Recht behalten hat, die aber nicht nur im übertragenen Sinne zumindest für eine längere Episode aus Schergs Leben beinahe zugetroffen wäre.

Das eigentliche literarische Debüt des Jugendlichen, der als Geiger bereits Ende der 1930er Jahre erste Erfolge verzeichnen konnte, fiel erst in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg und sollte nicht ohne Folgen für sein weiteres Leben sein. Ein politisch harmloses Naturgedicht ("Du liebereicher Morgen, du"), das Heinrich Zillich in seine 1949 in Salzburg erschienene Anthologie Wir Siebenbürger aufgenommen hatte, nahm das Kronstädter Militärgericht Jahre danach mit zum Anschuldigungsanlass und verurteilte Scherg 1959 mit vier weiteren siebenbürgisch-deutschen Schriftstellern (Andreas Birkner, Wolf von Aichelburg, Hans Bergel und Harald Siegmund) zu 20 Jahren Zwangsarbeit, wegen des "Verbrechens der Aufwiegelung gegen die soziale Ordnung durch Agitation". Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft (1962) war Scherg zunächst Kanalreiniger, danach Orchestermusiker und nach seiner Rehabilitierung ab 1968 Deutschlehrer am Honterus-Gymnasium in Kronstadt. 1970 durfte er seine Laufbahn als Hochschullehrer fortsetzen, die er 1957 am Germanistiklehrstuhl der Klausenburger Victor-Babes-Universität begonnen hatte und die durch seine Verhaftung unterbrochen worden war. Scherg übernahm 1970 die Leitung des Lehrstuhls für Philologie in Hermannstadt, dem er bis zu seiner Emeritierung 1984 vorstand.

Der Schriftsteller Georg Scherg war auch ein begnadeter Vorleser. Die Aufnahme entstand bei seiner letzten Lesung in München am 25. April 2002. Foto: Konrad Klein
Der Schriftsteller Georg Scherg war auch ein begnadeter Vorleser. Die Aufnahme entstand bei seiner letzten Lesung in München am 25. April 2002. Foto: Konrad Klein

Dieser anderthalb Jahrzehnte währende Lebensabschnitt dürfte der produktivste, erfolg- und wirkungsreichste im Leben des Schriftstellers und Lehrers gewesen sein. Georg Scherg, der sich während seiner Studienzeit in Gießen, Berlin, Paris, Tübingen und Straßburg eine solide klassische Bildung angeeignet hatte, konnte seine Studenten nicht nur mit seinem Wissen, sondern auch durch seine Persönlichkeit beeindrucken, war er doch selbst ein lebendiges ,Stück' Literatur. Seinen Literaturunterricht verstand er als unmittelbare Begegnung mit den bedeutendsten Schriften der deutschen und der Weltliteratur, wobei er den Zugang zu ihnen nicht durch übermäßigen Gebrauch der Sekundärliteratur verbaut wissen wollte. Sehr gern las er seinen Studenten aussagekräftige Passagen aus einzelnen Werken selbst vor, wobei seine schauspielerische Begabung sowie seine schriftstellerische Vorliebe für Masken und Verkleidungen zum Vorschein kamen. Gekonnt und gestenreich vermochte Georg Scherg, jeder literarischen Gestalt seine Sichtweise, seine eigene Stimmlage, seinen Tonfall, zu verleihen.

Für den Schriftsteller war es eine Zeit von geradezu überbordender Produktivität - von 1971 bis 1990 sind sechs Romane, darunter seine wohl bedeutendsten Spiegelkammer (1973) und Paraskiv Paraskiv (1976), sowie vier Bände Erzählungen, drei Gedichtbände und sechs Übersetzungen aus dem Rumänischen, unter ihnen auch vier längere Romane, erschienen. Scherg trennte sich, auch unter dem Einfluss der modernen Literatur, die er erst jetzt gründlich kennen lernte, von der traditionellen Bauart seiner bisherigen Romane und Erzählungen und benutzte hinfort zeitgenössischere Erzählformen. Einzelne Episoden in seinen umfangreichen Romanen und Erzählungen des meist nicht mehr linear erzählten Geschehens tendieren zur Selbstständigkeit, Reflexionen machen sich breit, Ironie und ein bewusst eingesetztes Spiel mit dem Leser gehören zu den effektvollen Darstellungsmodalitäten in diesen Büchern.

In Hermannstadt bildete Georg Scherg für rund zwei Jahrzehnte (1970-1990) den Mittelpunkt des deutschsprachigen literarischen Lebens. Als Hochschuldozent und Leiter des städtischen Literaturkreises und vor allem als Schriftsteller, der landesweit bekannt war, war er auch für die Literaten, die aus dem In- und gelegentlich auch aus dem Ausland kamen, immer erste Ansprechstation. Schergs Geburtstagsfeiern, zu denen seine gastfreundliche Gattin Mariana alljährlich einlud, entwickelten sich im Laufe der endsiebziger und in den achtziger Jahren zu regelrechten Treffen der Hermannstädter deutschsprachigen Intelligenz. Obwohl sich deren Reihen als Folge der Abwanderung zusehends lichteten, sonnte man sich noch einige Jahre in der lokalen und regionalen Respektabilität und gab sich der Illusion hin, die Auswanderung berühre einen nicht unmittelbar und alles gehe weiter wie bisher. Vom Regime misstrauisch beäugt, politisch ohne Einfluss und verbannt in eine Außenseiterrolle war die Strategie des kommunistischen Regimes darauf ausgerichtet, die nicht zu vereinnahmenden Autoren gewähren zu lassen, um sie als Aushängeschild für seine angeblich liberale Politik zu benutzen.

Von Siebenbürgen, das ihm immer tragender, überschaubarer Lebens- und Heimatraum gewesen, hat sich Georg Scherg nur schwer trennen können, wohl auch weil er wusste, dass er im vorgerückten Alter in Deutschland eine seinem Status angemessene Arbeit nicht mehr finden könne. Überzeugt von sich und seiner Mission als siebenbürgisch-deutscher Schriftsteller, respektiert, gefeiert und geehrt, dauerte es Jahre, bis Georg Scherg sich zum Entschluss durchringen konnte, Rumänien zu verlassen. Erst als sich die Lebensverhältnisse gegen Ende der 1980er Jahre so sehr verschlechterten und Ceausescus Nationalkommunismus auch die Vernichtung der kulturellen Identität der deutschen Minderheit verfolgte, war er bereit, seinen Kindern, die bereits Jahre davor in die Bundesrepublik Deutschland ausgereist waren, zu folgen. Freilich hoffte er als Autor insgeheim auch im Westen auf Anerkennung und Wertschätzung, nicht zuletzt weil die rumäniendeutsche Literatur gerade in den Jahren vor und kurz nach der Wende in den bundesdeutschen Medien Aufmerksamkeit erregte. Doch seine Bücher entsprachen nicht dem, was vom Publikum und Verlagen hierzulande erwartet wurde, und so blieb die Wahrnehmung seiner Schriften auf kleine Leser- und Philologenkreise begrenzt, wo sie mitunter recht intensiv rezipiert wurden. Zwar sind solche Erfahrungen für einen Schriftsteller eher lähmend als stimulierend, doch Georg Scherg hat sich davon nicht beirren lassen und bis zu seinem Lebensende der Literatur die Treue bewahrt.

Befragt nach der begrenzten Resonanz seiner Bücher, gab Scherg zur Antwort, "Bücher können Jahrhunderte warten", und fügte hinzu, Siebenbürgen würde zwar für die Siebenbürger Sachsen irgendwann als Heimat nicht mehr in Frage kommen, doch die Literatur, die sie hervorgebracht hätten, werde nicht untergehen. In diesem Glauben lebte und schrieb er.

Stefan Sienerth


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 2 vom 31. Januar 2003, Seite 7)

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