13. Juli 2001

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Patenminister Schartau lobt Integration in Drabenderhöhe

Bei einem Besuch in Drabenderhöhe am 29. Juni hat der nordrhein-westfälischche Sozialminister und damit Patenminister der Siebenbürger Sachsen, Harald Schartau, die Aufbauleistung der Siebenbürger Sachsen als „großes Vorbild“ bezeichnet. Die Patenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen über die Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen sei „eine dauerhafte und glückliche Verbindung, weil es gelungen ist, eine neue Gruppe hier zu integrieren“, sagte der Minister beim Empfang im „Hermann Oberth“-Kulturhaus in der größten Siebenbürger-Sachsen-Siedlung weltweit.
Die seit 1957 bestehende Patenschaft sei geprägt „von konstruktiver, vertrauensvoller Zusammenarbeit und gegenseitige Wertschätzung“. Johannes Rau, der heutige Bundespräsident, damals noch Ministerpräsident des Bundeslands, hatte auf dem Heimattag der Siebenbürger Sachsen 1997 in Dinkelsbühl mit besonderer Genugtuung festgestellt, dass diese Patenschaft zu einer echten und lebendigen „Partnerschaft“ gediehen sei.

Patenminister Harald Schartau (Bildmitte, sitzend) zu Besuch in der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Drabenderhöhe; neben ihm Bundesvorsitzender Volker Dürr (links) und Bundesfrauenreferentin Enni Janesch (rechts), obere Reihe, von links: der Wiehler Bürgermeister Werner Becker-Blonigen und Landtagsabgeordneter Hagen Jobi. Foto: Christian Melzer
Patenminister Harald Schartau (Bildmitte, sitzend) zu Besuch in der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Drabenderhöhe; neben ihm Bundesvorsitzender Volker Dürr (links) und Bundesfrauenreferentin Enni Janesch (rechts), obere Reihe, von links: der Wiehler Bürgermeister Werner Becker-Blonigen und Landtagsabgeordneter Hagen Jobi. Foto: Christian Melzer


Für Harald Schartau, seit genau einem Jahr Minister für Arbeit, Soziales, Qualifikation und Technologie des Landes Nordrhein-Westfalen, war es nicht nur ein Pflichtbesuch, um sich in die Reihe prominenter Gäste der Siebenbürger-Sachsen-Siedlung neben den Bundespräsidenten Carl Carstens, Richard von Weizsäcker, Roman Herzog, die Bundestagsvizepräsidentin Renate Schmidt sowie die Patenminister Hans Engelhart, Rolf Krumsick, Franz Müntefering und Axel Horstmann einzugliedern. Schartau zeigte darüber hinaus sehr großes Interesse an den Siebenbürger Sachen und viel Einfühlungsvermögen in ihre Situation. So fand er auch die treffenden Worte dazu: Die Geschichte der Siebenbürger Sachsen in Nordrhein-Westfalen zeige, dass es ein Gewinn für alle Beteiligten bedeute, wenn man Identität und Integration zusammenführe. Nur die Wahrung des eigenen kulturellen Erbes könne die Integration fördern. Beim Bau eines einheitlichen Europas komme den Siebenbürger Sachsen eine besondere Rolle zu, da sie seit langem Brücken nach Osteuropa schlagen, führte der Arbeitsminister weiter aus. Das gemeinsame Europa sehe er als Haus, „in dem sich die Menschen wohl fühlen, in dem unterschiedliche Traditionen und Gepflogenheiten zukünftig ihren Platz finden“.
Bei seinem Besuch wurde Schartau unter anderen von Ministerialrat Ullrich Kinstner, Unterstaatssekretär Bodo Champignon (SPD), der zugleich Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit, Soziales und Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge im Landtag ist, dem Bundestagsabgeordneten Friedhelm Julius Beucher (SPD) und seitens des Oberbergischen Kreises von Landrat Hans-Leo Kausemann und Vizelandrat Hagen Jobi (beide CDU) begleitet.
Aus der gelungenen Integration heraus sei es den Siebenbürger Sachsen gelungen, soziale Brücken zu bauen, betonte Bundesvorsitzender Volker Dürr in seinem Grußwort im „Oberth“-Kulturhaus. So seien über das Sozialwerk der Siebenbürger Sachsen in den letzten zehn Jahren Hilfsmaßnahmen in Höhe von 15 Millionen Mark nach Siebenbürgen geflossen, davon die Hälfte aus Eigenmitteln. Dürr, der zugleich Vorsitzender der Föderation der Siebenbürger Sachsen ist, wies auf den kulturellen Brückenschlag zwischen den Ländern hin, in denen die Siebenbürger heute beheimatet sind. Er bat den Patenminister und den Bundestagsabgeordneten Bleucher sich gemeinsam mit den Siebenbürger Sachsen für den Erhalt des siebenbürgischen Kulturzentrums in Gundelsheim einzusetzen. Dem Patenminister überreichte Dürr als Zeichen des Dankes den „Bildband Burzenland“. Dankesworte an das Patenland richteten auch Harald Janesch, Vorsitzender der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, und Herwig Bosch, Vorsitzender der Kreisgruppe Drabenderhöhe, der Nordrhein-Westfalen als „guten Patenonkel“ bezeichnete, mit dessen Hilfe man Heimat gefunden und die Siedlung gegründet habe.
Der Wiehler Bürgermeister Werner Becker-Blonigen (FDP) lobte die Integrationsleistung, die trotz großer kultureller Kontraste in Drabenderhöhe gelungen sei. Die Siebenbürger Sachsen hätten das örtliche Gemeinwesen z.B. im Bereich der Musik, der Bildenden Kunst, des Theaters in „unschätzbarer Weise bereichert“.
Das kulturelle Programm wurde neben siebenbürgischen Kulturgruppen, und zwar der Kindertanzgruppe unter Christa Brandsch-Böhm, dem Honterus-Trachtenchor unter Horst Niedtfeld und der Trachtenkapelle unter Hans Frim, auch vom „Nostalgia“-Chor der Russlanddeutschen unter der Leitung von Frau Strauch gestaltet. Vizelandrat Hagen Jobi, der durch das Programm führte, betonte, dass die Siebenbürger Sachsen es sich zur Aufgabe gemacht haben, den Spätaussiedlern aus Russland eine Hilfe zu sein. Diese Initiative fand Schartau besonders lobenswert: „Denn wer kennt dieses Schicksal besser als Sie, sich eine neue Heimat aufbauen zu müssen!“

"Turm der Erinnerung"

Der Patenminister ließ sich auch für einen „Turm der Erinnerung“, den der Adele-Zay-Verein und die Kreisgruppe Drabenderhöhe der Landsmannschaft auf dem Gelände des Altenheimes errichten wollen, begeistern. Damit wollen die Siebenbürger ein Zeichen für ihre gelungene Integration und neue Heimat in Drabenderhöhe setzen sowie an ihr Kulturerbe in Siebenbürgern erinnern. Diese Absicht fand der Patenminister gut, „denn wenn man seine Tradition wahrt, wenn man weiß, wo man herkommt, weiß man auch, wo man hinwill“. Insofern sei die Tradition kein Zeichen, dass man zurückblicke, sondern Ausdruck von Selbstbewusstsein, das einem Kraft gebe, nach vorn zu gehen. Für den Turmbau brachte Minister Schartau als Erstes einen Scheck in Höhe von 5 000 DM mit. Darüber hinaus hoffe er, aus den Mitteln des Landes, die für Traditionelles und Kulturelles vorhanden sind, „eine Scheibe für die Siebenbürger Sachsen abzuschneiden“. Einen Verbündeten habe er bereits in dem nordrhein-westfälischen Ministerpräsident Wolfgang Clement gewonnen, und mit ihm wolle er eine mögliche Anschubfinanzierung für das Bauwerk erwirken, „damit wir hinterher bei der Einweihung an prominenter Stelle dabei sein können“.
Ein Überraschungsgeschenk überreichte Ernst Birkholz, Inhaber des Bauernmuseums in Bielstein-Damte. Bei jedem seiner Mundartbücher, das er verkaufe, werden vier Mark für die Unterstützung von Brauchtum beiseite gelegt. Als Zeichen der Verbundenheit zu den Siebenbürgern spendete er stolze 5 000 DM für den Turmbau. Kurt Franchy nahm das Geschenk gerührt entgegen: „Es ist vielleicht der wichtigste Baustein für unseren Turm.“
Schartau war zuvor im Altenheim Siebenbürgen vom Adele-Zay-Kindergarten unter der Leitung von Hanni Widmann mit einem Lied und Blumenstrauß begrüßt worden. Pfarrer i.R. Kurt Franchy, Vorsitzender des Adele-Zay-Vereins, verwies auf den sozial-diakonischen Auftrag, den die Siebenbürger Sachsen bereits im 13. Jahrhundert durch den Bau von Hospitälern und Altenheimen wahrgenommen haben. Der Adele-Zay-Verein habe es sich schon bei der Gründung vor 35 Jahren zur Aufgabe gemacht, alten und heimatlosen Menschen einen würdigen Lebensabend zu ermöglichen. Von den 126 Heimbewohnern seien zwei Drittel Siebenbürger und ein Drittel oberbergischen Ursprungs. Das Altenheim ist mit 84 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Drabenderhöhe. Im Adele-Zay-Kindergarten werden 75 Kinder für die Schule vorbereitet.
Ebenfalls bei der Begrüßung im Altenheim hatte Landrat Hans-Leo Kausemann geäußert, dass die gesamte Siedlung ein Musterbeispiel für Integration sei, und Architekt Georg Trinnes, Autor des Entwurfs für den „Turm der Erinnerung“, stellte den Besuchern das Bauvorhaben vorgestellt.

"So eine Herzlichkeit noch nie gesehen "

Sein Besuch in Drabenderhöhe habe gezeigt, dass Nordrhein-Westfalen zur Patenschaft für die Siebenbürger Sachsen stehe, nun sei er neugierig geworden auf eine Reise nach Siebenbürgen, wo er Zeugnisse ihrer kulturellen Identität sehen und informative Gespräche mit Vertretern der deutschen Minderheit führen werde. Im Rahmen der Patenschaft wird eine Abordnung des Landtags von Nordrhein-Westfalen an der Spitze mit Harald Schartau zusammen mit landsmannschaftlichen Vertretern unter dem Bundesvorsitzenden Volker Dürr Siebenbürgen vom 24. bis 26. August besuchen. Geplant sind Gespräche mit Staatspräsident Ion Iliescu und Arbeitsminister Sarbu in Bukarest sowie mit Vertretern des Forums in Kronstadt, Schäßburg und Hermannstadt.
Schartau, Champignon und die anderen Gäste zeigten sich begeistert von dem Empfang in Drabenderhöhe: „So eine Herzlichkeit haben wir noch nie gesehen.“ Schartau lobte die menschliche Wärme und den Zusammenhalt der Siebenbürger Sachsen. Die Bewirtung im „Oberth“-Kulturhaus hatte der Siebenbürgische Frauenverein unter Katharina Lutsch besorgt. Die organisatorischen Stränge der Gastgeber, der Stadt Wiehl und der Kreisgruppe Drabenderhöhe der Landsmannschaft, wurden von Enni Janesch koordiniert. „Sie kocht gut an allen Töpfen“, stellte Schartau anerkennend fest. Frau Janesch ist Stadträtin, stellvertretende Kreisgruppenvorsitzende, stellvertretende Vorsitzende des “Honterus“-Chors, Bundesfrauenreferentin der Landsmannschaft, um nur einige ihrer Ehrenämter zu nennen.
Bei einer Rundfahrt durch die Siedlung hatte Frau Janesch die Entstehung der Siedlung erläutert, die 1966 eingeweiht worden war. Die Straßennamen sind nach Landschaften in Siebenbürgen gegeben worden, nach den Straßen orientieren sich auch die 18 Nachbarschaften, die siebenbürgische Bräuche fortführen. Drabenderhöhe ist mit über 3 500 Einwohnern die größte geschlossene Siedlung der Siebenbürger Sachsen weltweit. In der Heimatstube, die im „Oberth“-Kulturhaus untergebracht ist, bewunderten die Gäste eine Bauernstube, Trachten, Keramik, Fotos von Kirchenburgen und andere Zeugnisse siebenbürgischer und oberbergischer Kultur.

Siegbert Bruss


(Siebenbürgische Zeitung, Folge 11 vom 15. Juli 2001, Seite 1-2)

Links zu Drabenderhöhe und dem Besuch des Patenministers

Webseite von Drabenderhöhe, entwickelt von Christa Tabara, Günther Melzer und Christian Melzer

Fotoalbum von Christian Melzer

Bericht im Kölner Stadt-Anzeiger

Artikel der Oberbergischen Volkszeitung

"Turm der Erinnerung" im SibiWeb von Dirk Beckesch

Diskussion über den Turm im Sibiweb

Diskussion über den Turm im Wiehl/Drabenderhöher-Forum

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