5. Juli 2004

Harald Zimmermann: Schätze der Siebenbürger Sachsen

"Wer sind die Siebenbürger Sachsen? " lautete - wie in dieser Zeitung berichtet - der Titel einer zweiwöchigen Siebenbürgen-Ausstellung im Rathaus der Stadt Nürtingen. Prof. Dr. Dr. Harald Zimmermann hielt am 12. März 2004 den Einführungsvortrag, der im Folgenden abgedruckt wird. Beim virtuellen Gang durch die Ausstellung und gleichzeitig durch die siebenbürgisch-sächsische Geschichte erläutert der Tübinger Historiker, weshalb sich seine Landsleute eigentlich gar nicht vorstellen müssten.
Nur eine Ausstellung soll heute und hier eröffnet werden, kein Museum. Eine Ausstellung ist ganz etwas anderes als ein Museum. Aber das Wörtlein „nur“ passt gleichwohl nicht. Museum kann vielerlei sein. In Tübingen gibt es ein Museum und das ist ein Kino, und daneben heißt Museum ein Restaurant, und darüber in den Prunkräumen des Hauses werden Konzerte veranstaltet und Empfänge und hält die Tübinger Museums-Gesellschaft alljährlich ihren Ball: Die Herren stellen sich aus, mindestens im Smoking, und die Damen ihr langes Abendkleid und ihre Schönheit. Es ist aber nur eine Ausstellung, kein Museum.

In Wien gibt es vor allem zwei Museen. Es gibt noch mehr, aber vor allem zwei, die man gesehen haben muss, innen und außen: ein naturhistorisches Museum und ein kunsthistorisches Museum. Als Knabe wurde ich von meinem Vater in beide geführt. Im naturhistorischen Museum gab (und gibt es) einen Saal, da sind unter Glas mindestens zehntausend tote Käfer aufgespießt und alle haben einen lateinischen Namen, und im Nebenraum mindestens zehntausend verschiedene Fliegen aus aller Welt, ebenfalls mit lateinischem Namen, und daneben rund zehntausend Schmetterlinge, einer schöner als der andere, wunderschön und mit lauter lateinischen Namen, aber alle tot. Es war grässlich traurig und grässlich langweilig. - Mehr als dreißig Jahre später zerrte ich meine Tochter ins Museum, damals vielleicht sechs Jahre alt: nicht zu den aufgespießten und ausgestopften Viechern, nein, (und weil sie Bilderbücher so gern hatte) in die Bildergalerie des kunsthistorischen Museums. Sie fand nur, dass es schlecht geordnet sei, denn man könnte doch die lustigen Bilder mit Bajazzo und Harlekin oder alle Bilder aus dem Winter mit Schneemännern und Schlittenfahrten oder Eisläufern, alle zusammen in einen Saal hängen, dann müsste man nicht so lange gehen und wäre früher fertig mit der Besichtigung.

Über 1000 Gemälde, eines schöner als das andere

Zwischen den beiden Museen in Wien steht das Denkmal der Kaiserin Maria Theresia. Sie sitzt hoch oben auf ihrem Thron und um sie herum sind ihre Ratgeber, die Militärs hoch zu Ross, die Zivilisten zu Fuß und die weniger wichtigen nur als Konterfei am Relief. Links zum kunsthistorischen Museum hin findet man einen Siebenbürger Sachsen, den Baron Brukenthal, Gouverneur ihrer Kaiserlichen Majestät im Großfürstentum Siebenbürgen.

Das war aber keine unwichtige Person. Er hat‘s am weitesten gebracht unter uns Siebenbürger Sachsen: vom Bauernbub zum Baron. Wer kennt ihn nicht? Im vergangenen Jahr, zweihundert Jahre nach seinem Tode, waren alle Zeitungen voll von ihm und mit seinem Konterfei, und nicht nur die siebenbürgischen und nicht nur in Siebenbürgen. Wer nach Hermannstadt kommt, macht einen Besuch auch in seinem Palais, im Brukenthal-Museum. Es ist das älteste öffentliche Museum in der ganzen alten Habsburger Monarchie. Wien ist viel später eröffnet worden, und in Budapest kam das berühmte Széchenyi-Nationalmuseum auch erst später. Das Brukenthal-Museum ist ebenfalls ein Nationalmuseum. Es gehörte der Siebenbürgisch-sächsischen Nation. Der Baron hat es ihr geschenkt und testamentarisch hinterlassen, verwaltet zuerst von der Familie Brukenthal, dann vom Brukenthal-Gymnasium, aber Besitz aller Siebenbürger Sachsen. Es gehört uns allen, das heißt: Es hat uns gehört, bis 1948, dann hat es der kommunistische rumänische Staat konfisziert. Aber vielleicht wird das nicht immer so bleiben.

Als ich zum ersten Mal in unserem, in meinem Museum war, war ich tief beeindruckt: über 1 000 Gemälde, fast 1 000 Kupferstiche, 6 371 Steine, 17 510 Münzen und Medaillen. Nochmals: über 1 000 Gemälde, eines schöner als das andere, fast aus aller Welt zusammengekauft von dem reichen Baron Brukenthal in seiner Sammlerleidenschaft.

Ein Museum ist eben doch etwas anderes als eine Ausstellung: In einem Museum zeigt, man, was man hat. In einer Ausstellung zeigt man, was man ist. Als Siebenbürgen vor 85 Jahren rumänisch wurde, ist in Bukarest ein schmales Heft erschienen unter dem Titel „Ce sînt şi ce vor Saşii din Ardeal“, herausgegeben von dem berühmtesten Historiker Rumäniens Nicolae Iorga, vielfacher Doktor und Ehrendoktor, Mitglied und Ehrenmitglied vieler Akademien der Wissenschaft, einige Jahre lang auch Ministerpräsident in Bukarest, als welcher er einen Siebenbürger Sachsen zu seinem Staatssekretär für Minoritäten machte. Iorga war Autor vieler Bücher in allen Sprachen, mit denen er die rumänische Geschichte in der Welt bekannt machte. Noch heute heißt das berühmteste rumänische Forschungsinstitut für Geschichte in Bukarest nach Nicolae Iorga.

1919 aber schrieb er über „Die Siebenbürger Sachsen, wer sie sind und was sie wollen“. Er schrieb für Rumänen, um ihnen die neu eingebürgerten Sachsen vorzustellen, zu zeigen, was sie sind und was sie haben. 50 Jahre später (1969), als schon viele Siebenbürger Sachsen nicht mehr in Siebenbürgen lebten, hat hier in Deutschland der junge „Arbeitskreis für siebenbürgische Landeskunde“ eine deutsche Übersetzung des erwähnten Heftes publiziert, um den Deutschen zu zeigen, wer sie sind, die Siebenbürger Sachsen, und was sie alles haben, oder was übrig geblieben ist von dem, was sie hatten.

„Ein feste Burg“ - seit Honterus evangelisch

Man kann das auch durch eine Ausstellung machen, wie heute und hier in Nürtingen. Auch Nicolae Iorga (oder wer für ihn schrieb) führt seine Leser vor Schaukästen und Glasvitrinen und in eine Gemäldegalerie mit vielen historischen Porträts. Er führt sie unter anderem ins Brukenthal-Museum nach Hermannstadt, - wohin denn sonst? Erstaunlich, wie viel sein Büchlein weiß von den Siebenbürger Sachsen, was sie sind und was sie waren, was heute wohl alles nicht mehr so wahr ist, wie es wahr gewesen war: in der Landwirtschaft, im Gewerbe und in der Industrie, im Handel und Bankwesen, in Schule und Kirche, in Kultur und Wissenschaft, in Musik, Theater und Kunst, im Vereinsleben, in Bruderschaften und Schwesterschaften und Nachbarschaften. - Alles gewesen, tempi passati. Aber seinen Erinnerungswert hat das alles nicht verloren. Es gibt Geschichtsbücher, die wie ein Museum alten Stils sind: Statt einer Unmenge von Fliegen sind da Fakten aufgespießt, schön der Reihe nach, chronologisch, und genauso langweilig wie in Wien oder anderswo ein Museum sein kann, aber natürlich nicht sein muss. Moderne Museen stellen das Repräsentative, stellen Repräsentanten aus.

Ich wollte Wien nicht schlecht machen. Da gab es einmal auch eine Ausstellung über einen Kaiser, der übrigens auch in Siebenbürgen herrschte. Sein Ölgemälde von einem berühmten Künstler hing in einem Saal an der Wand und war viel zu klein neben den vielen anderen Bildern desselben Meisters. Man ging glatt am Kaiser vorbei ohne ihn zu bemerken. Da hat der Gestalter der Ausstellung in den herrlichen Museumssaal unter die beachtenswerte Stuckdecke und zwischen die kunstvoll tapezierten Wände aus Styropor einen Tunnel hineingestellt, einfach scheußlich, aber es führte den Besucher direkt und schnurstracks vor das kleine Kaiserbild, denn nur dieses Porträt war wichtig in dem ganzen Saal, sonst nichts, kein anderes Bild, wenigstens für diese Ausstellung. Iorga hat es genauso gemacht. Ihm war klar, wenn er die Siebenbürger Sachsen vorstellen wolle, wer sie sind, dass man dann einen Tunnel durch die historischen Fakten und Daten bauen müsse direkt auf die Porträts ihrer Repräsentanten.

Meinen Sie, dass Sie erraten würden, wer sie waren: die wichtigsten Persönlichkeiten in Ihrer langen Geschichte? - Als erster natürlich Honter(us), dann der Baron Brukenthal, endlich Stephan Ludwig Roth. - Hermann Oberth hatte 1919 zwar schon seine erste Rakete gebaut, war aber noch Student, über den sich höchstens seine Kommilitonen an der Universität lustig machten, seine Mitstudenten, noch nicht die Schüler im Mediascher Gymnasium, über den spintisierenden Mathematik-Professor. Niemand hielt ihn damals schon für genial. Das hat lange gedauert und war für Professor Iorga schon zu spät.

Über Brukenthal ist im letzten Jahr fast schon genug gesagt worden. Natürlich war er für Iorga nicht ein Bauernbub, der Baron geworden war. Die simple Story, dass ein Tellerwäscher auch amerikanischer Präsident werden könne, glaubt man nicht einmal in Amerika und damals höchstens unter den Auswanderern aus Old Europe. Für Iorga markiert der Baron in seinem herrlichen Hermannstädter Palais in prächtig tapezierten Sälen unter Plafonds durch Stuckaturen verziert einen Höhepunkt der siebenbürgisch-sächsischen Kultur, umgeben von Kunstwerken, und unter anderem von mehr als 1 000 Gemälden, gesammelt aus aller Welt, gleich gesinnte Gelehrte um sich, wie in einer Akademie der Wissenschaften, glücklich über den Besitz von 16 000 Büchern, - was für ein Schatz! Für Iorga war dieser Brukenthal doch nur einer von den Siebenbürger Sachsen, von den sasii din Ardeal, wie sie eben sind: Fidem genusque servabo - Glaube und Art stets sei gewahrt!

Hans Honter. „Ce sînt şi ce vor Saşii din Ardeal“. Nun, sie sind evangelisch, alle zusammen, und das ist eine merkwürdige Geschichte. Da hatten die Türken schon fast ganz Ungarn erobert samt der Hauptstadt Budapest. Sie hatten Wien belagert und bedrohten Siebenbürgen von allen Seiten, von links und rechts, von oben und unten. Woher kann Hilfe kommen? Vom Kaiser? Der war katholisch! Vom Papst? Der war auch katholisch! Und eben in diesen Jahren beschließen die sächsischen Dickschädel, evangelisch zu werden, alle zusammen, und in ihren Kirchenburgen hört man das Lutherlied von der „festen Burg ist unser Gott“. Seither, seit Honter, heißt deutsch sein in Siebenbürgen evangelisch sein, und evangelisch ist gleichbedeutend mit deutsch. Die Kirchenburgen haben fast alle gehalten - fast bis heute.

Freilich während eines Sachsentages in Wels hat mir ein oberösterreichischer Pfarrer vor Jahren gesagt: „Sie behaupten, die Sachsen seien alle evangelisch. In meiner Gemeinde gibt es jetzt viele, aber ich merke nicht viel davon.“

Der populärste Siebenbürger Sachs

Stephan Ludwig Roth war und ist wohl der bekannteste siebenbürgische Pfarrer. Sein Doktorhut, in Tübingen an der Universität erworben, wurde in Österreich-Ungarn nicht anerkannt. Aber Roth brauchte ihn auch nicht, um berühmt zu werden. Seine Doktorarbeit kennt kaum jemand: „Das Wesen des Staats als Erziehungsanstalt“. Schon der Titel klingt sehr gespreizt, eher wie ein Programm als wie eine Darstellung. Roth war Praktiker. Ihm verdankt Siebenbürgen die Bekanntschaft mit Pestalozzis moderner muttersprachlicher Pädagogik. Ihm verdankt Siebenbürgen bekanntlich auch, dass in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts schwäbische Bauern und Handwerker nach Siebenbürgen übersiedelten, weil es dort besser war als hier. - Ich hätte Ihnen jetzt gerne ein paar Familien aus Nürtingen genannt, aber von hier kamen keine, weil es hier wohl doch besser war als dort. Ich hätte auch gerne von einem Nürtinger Aufenthalt Roths erzählt. Aber es gab anscheinend keinen. Roth hatte sein Hauptquartier 1845 in der Nähe von Cannstatt, und wenn er zu seinem Freund und Helfer fahren wollte, Peter Wolf, damals Student, in Tübingen, dann konnte das nicht mit der Schwäbischen Eisenbahn geschehen über Plochingen und Nürtingen, denn die wurde erst in den Jahren 1859-62 gebaut. - Auch unter den Rumänen war und ist Stephan Ludwig Roth der populärste Siebenbürger Sachs, dessen Name selbst in kommunistischer Zeit mit Respekt genannt wurde, mit Respekt für seine Völker-versöhnende Toleranz und für seine im Revolutionsjahr 1849 bewiesene Treue. Sie hat ihn bekanntlich das Leben gekostet, was selbst die Ungarn als ein Missverständnis und einen Justizirrtum längst erkannt haben.

Liebe Landsleute, liebe Siebenbürger Sachsen! Wozu diese Ausstellung unter dem Motto „Wer sind die Siebenbürger Sachsen?“ Das braucht doch gar nicht erklärt zu werden. Wir sind bekannt. Was es da in Südosteuropa an Deutschen gibt und gab, das sind auf alle Fälle Siebenbürger Sachsen, - wenigstens in der Meinung mancher Journalisten. So wurde jedenfalls in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 5. März 2004 der deutsche Präsidentschaftskandidat Dr. Horst Köhler als Siebenbürger Sachse aus Rumänien vorgestellt, der allerdings 1943 schon in einem polnischen (völlig unaussprechlichen) Ort geboren wurde, als Sohn „rumänischer Bauern“ im Schwäbischen Tagblatt ebenfalls vom 5. März. Nicht nur der Geschichtskenner wird sich über den deutschen Familiennamen gewundert haben von jemandem aus Rumänien 1943 in Polen. Schon wollte ich mit der Zeitungsredaktion telefonieren, aber dann habe ich es sein lassen, denn man hätte einem deutschen Journalisten wohl auch erklären müssen, dass Bessarabien nicht ein Ölscheichtum in der Nähe von Mekka und Medina sei, sondern zwischen Pruth und Dnester im heutigen Moldawien liege, wohin am Anfang des 19. Jahrhunderts der russische Zar Alexander I., Sohn der württembergischen Königstochter Sophie, Bauern aus Baden-Württemberg holte, die 1940, schnell bevor Bessarabien sowjetisch wurde, nach Deutschland übersiedelten, etwa 90 000. Jetzt ist Moldawien eines der ärmsten Länder.

Sie, liebe Landsleute, zeigen heute und hier ihre reichen Schätze, um sich vorzustellen, weniger was Sie haben, mehr was Sie sind. Sie sollten sich darüber freuen, dass man uns Siebenbürger Sachsen kennt.

Harald Zimmermann

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