27. November 2004

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Otto Gert Folberth: Mitbegründer der Halbleitertechnik

In Millionen Haushalten weltweit leuchtet die Erfindung eines Siebenbürger Sachsen: Die roten Leuchtdioden an Geräten und Maschinen aller Art werden nach einem Patent hergestellt, das Otto G. Folberth als Erfinder nennt. Der Mitbegründer der Halbleitertechnik erfüllt am 28. November sein 80. Lebensjahr.
Auch in der Generation nach Hermann Oberth, dem Begründer der Weltraumtechnik, sind aus den Reihen der Siebenbürger Sachsen Physiker, Ingenieurswissenschaftler und Erfinder hervorgegangen, die Bedeutendes auf verschiedenen technisch-wissenschaftlichen Gebieten geleistet haben. Prof. Dr. Otto Gert Folberth ist ein herausragendes Beispiel dafür. Die Fachwelt schätzt und ehrt den siebenbürgisch-sächsischen Forscher und Wissenschaftler als „einen Mitbegründer der Halbleitertechnik“, wie es IBM-Vorstandsmitglied Prof. K. Ganzhorn auf einem Festkolloquium zu Ehren des Jubilars formulierte. Es ist dies jene Technologie, die die Herstellung von hochtintegrierten mikroelektronischen Bauelementen und Bausteinen erlaubte, der bloß fingernagelgroßen, aber enorm hochleistungsfähigen Chips, die heute bei allen modernen Geräten und Maschinen kaum noch wegzudenken sind.



Otto Gert Folberth hat die roten Leuchtdioden erfunden, die den Betrieb von elektronischen Geräten signalisieren.
Otto Gert Folberth hat die roten Leuchtdioden erfunden, die den Betrieb von elektronischen Geräten signalisieren.
Der Physiker Otto Gert Folberth wurde am 28. November 1924 in Mediasch geboren. Hier besuchte und absolvierte er auch das traditionsreiche deutsche Stepan Ludwig Roth-Gymnasium, dem damals sein Vater, der namhafte Kulturhistoriker und Roth-Forscher Otto Folberth, als Rektor vorstand. Die Ereignisse des zweiten Weltkrieges verschlugen ihn nach Deutschland, wo er an der TH Stuttgart Physik, Schwerpunkt Festkörperphysik, studierte. Hier diplomierte er 1951 und promovierte schon ein Jahr später zum Dr. rer. nat. Darauf verschrieb sich Folberth der Festkörperelektronik, die nach der Entdeckung des Transistors im Jahr 1948 eine rasante Entwicklung erfuhr. Seine Forschungstätigkeit begann er bei den Siemens-Schuckert-Werken in Erlangen, wo er vorwiegend neue Halbleiterverbindungen untersuchte. Die heute weltweit verbreiteten roten Leuchtdioden an Geräten und Maschinen aller Art werden nach einem Patent hergestellt, das Otto G. Folberth als Erfinder nennt.

Anfang 1961 wechselte Folberth zum weltgrößten Computerhersteller IBM, der in Böblingen eine europäische Niederlassung aufbaute. Bei IBM widmete sich Folberth mit ganzer Kraft der mikroelektronischen Forschung und Entwicklung – mit herausragenden Erfolgen: Mehrere weltweit verbreitetete Rechnerfamilien von IBM sind mit Komponenten aus der Böblinger Entwicklung bestückt; zeitweilig bestanden praktisch alle Speichereinheiten in IBM Geräten aus Bauelementen, die in Böblingen entwickelt wurden. Diese Pioniertätigkeit in den Böblinger Forschungs- und Entwicklungslaboratorien führte dann auch zum Aufbau des IBM-Halbleiterwerkes in Sindelfingen. Folberth wurde Leiter der Halbleiter- und Prozessentwicklung, die den fortschrittlichsten Speicher-Chip der siebziger Jahre hervorbrachte. 1974 wurde Folberth als erster deutscher Forscher zum IBM Fellow ernannt, ein Titel, der mit großzügigen Freiheiten und Arbeitsbedingungen verbunden war. Nach einem längeren Aufenthalt in den USA, wo er die technisch-wissenschaftliche Planung der Mutterfirma mitbestimmte, wurde er 1983 zum Direktor für Wissenschaft und Forschung der IBM Deutschland GmbH ernannt. Die verantwortungsvolle Funktion füllte Folberth bis zu seiner Berentung im Jahre 1989 schöpferisch aus.

Trotz starker Belastung übernahm Folberth 1968 auch einen Lehrauftrag an der Universität Stuttgart, wo er eine ganze Generation von Physikern und Ingenieuren in die Technologie der hochintegrierten Halbleiterschaltungen einführte. Zugleich war Folberth auch ein geschätzter Autor wissenschaftlicher Publikationen. Aus seiner Feder stammen zahlreiche Beiträge über grundlegende Themen der Mikroelektronik, wie z.B. über die von ihm entwickelte Einlagen-Abhebetechnik, über die Flexibilisierung von Rechnerstrukturen, über Trends und Grenzen der Grossintegration und vieles mehr.

Diese herausragenden Leistungen begründeten nicht zuletzt auch sein hohes Ansehen in der einschlägigen Fachwelt, wofür vor allem zwei herausragende Ehrenämter stehen: Die Deutsche Physikalische Gesellschaft wählte Professor Folberth zu ihrem Präsidenten für die Amtszeit 1988-1990 und im März 1988 wurde er in das Exekutivkomitee der Europäischen Physikalischen Gesellschaft berufen.

Doch nicht allein die Technologie, sondern auch die gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Implikationen und Auswirkungen der durch die Mikroelektronik angetriebenen industriellen Revolution beschäftigten den siebenbürgischen Forscher und Wissenschaftler. Seine Beiträge zur Folgenabschätzung des technisch-wissenschaftlichen Fortschritts bezeugen, wie intensiv ihn dessen Ambivalenz von Vor- und Nachteilen bewegte. Genau diese Beschäftigung führte auch zu meiner persönlichen Begegnung mit Professor Folberth. Als ich nämlich im Sommer 1987 damit begann, die erste Ausgabe der im VDE-Verlag erscheinenden Fachzeitschrift „mikroelektronik“ vorzubereiten, wurde mir von den honorigen Mitgliedern des Redaktionsbeirates Otto G. Folberth gleich als „namhafter Autor“ anempfohlen – „übrigens ein großer Landsmann von Ihnen“, ließ man mich gleich wissen. Bei der ersten telefonischen Kontakaufnahme hatte ich dann den ersten Satz kaum ausgesprochen, da kam gleich die Zwischenfrage: „Was für ein Landsmann sind Sie?“ Der Siebenbürger Folberth hatte schon an meinem Akzent erkannt, dass er mit einem Siebenbürger sprach. Sein vielbeachteter Beitrag erschien auch schon in der ersten Ausgabe der neuen Fachzeitschrift unter dem Titel „Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Mikroelektronik“. In diesem Beitrag behandelte Folberth die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen des unbändigen industriellen Fortschritts am Beispiel der Mikroelektronik. Den positiven Auswirkungen, die wir alle kennen, stellte Folberth die negativen Wirkungsaspekte gegenüber: „Die Mikroelektronik führt zur Entfremdung des Menschen und zur Schwächung zwischenmenschlicher Beziehung durch überzüchtete, leblose Technik; sie trägt zur Vernichtung von Arbeitsplätzen durch Rationalisierung und den Einsatz von Robotern bei; sie beschleunigt die Destabilisierung unserer Gesellschaft durch Reizüberflutung und ein unkontrollierbares Überangebot an minderwertiger, überflüssiger, manipulierbarer Information.“ Dennoch dürfe man daraus nicht voreilige und falsche Schlussfolgerungen ziehen, warnte Folberth: „Es wäre aber falsch und abwegig anzunehmen, dass Problemlösungen auf diesen Gebieten mit einem Rückzug aus der Technologie zu meistern wären. Vielmehr wird das Gegenteil eintreten, dass nämlich nur mit vermehrten technologischen Anstrengungen befriedigende Lösungen zu finden sein werden. Denn Technik lässt sich besser, sicherer und humaner nur durch Technik machen.“ Ein Kernsatz, den er noch oft wiederholen sollte.

Die zweite große Frage, die Folberth anschnitt, lautete: Sind mikroelektronische Chips, die sich zusehends neue Anwendungen erobern, Job-Killer oder Job-Knüller? „Beides“, lautete seine unmissverständliche Antwort. Hauptsache, wir schaffen es, dass die Vorteile überwiegen. Ein Beispiel dafür: „Die Mikroelektronik wird insgesamt zur Erleichterung der Arbeit und der Kommunikation beitragen. Während die klassische industrielle Revolution Vorstädte und Pendler erzeugte und eine Trennung von Arbeitszeit und Freizeit bewirkte, so dürfte die mikroelektronische Revolution die Arbeit wieder ins Haus bringen (Heim-Terminal). Arbeitszeit und Freizeit rücken räumlich und zeitlich wieder zusammen. Dabei ein neues Gleichgewicht zu finden, ist weniger ein technologisches als vielmehr ein politisches und soziologisches Problem.“

Und denjenigen, die in der modernen Technologie auch eine Gefahr für die Demokratie sehen, antwortete Folberth: „Dabei ist es eher umgekehrt. Selbstverständlich kann man mit modernen Informations- und Kommunikationstechniken perfektere Überwachungs- und Unterdrückungssysteme aufbauen als früher. Andererseits jedoch werden die Menschen gerade durch die modernen Informationsmedien und durch die Verkürzung und Humanissierung der Arbeit stark für mehr individuelle Freiheit konditioniert, so dass man Rückfälle ins Mittelalter wohl kaum noch zu befürchten hat, jedenfalls nicht auf weltweiter Basis. Nur mit einem milden Überfluss an Bedarfsgütern – fortschrittliche Technologie hat ihn ermöglicht – gibt es Wahlmöglichkeiten, gibt es Freiheit und Demokratie. Es liegt am Menschen, welcher Weg eingeschlagen wird und ob die positiven oder negativen Aspekte einer grundsätzlich immer ambivalenten technologischen Entwicklung überwiegen werden. Es besteht durchaus Hoffnung auf einen insgesamt positiven Trend.“

Auf die Frage eines Reporters, welches sein dringlichster Wunsch zugunsten der Allgemeinheit sei, antwortete der sich auch um das gesamte „Haus Erde“ Gedanken machende Siebenbürger Sachse: „Dass eine humane, allgemein akzeptable Lösung gefunden werden kann, um eine langfristige, globale Verminderung der Erdbevölkerung herbeizuführen. Hiervon hängt das Überleben der Menschheit ab“.

Hans Barth

(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 19 vom 30. November 2004, Seite 6)

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