3. Mai 2005

Pfarrer i.R. Kurt Franchy wird 70

Die in den Friedensschlüssen nach dem Ersten Weltkrieg veränderten Ländergrenzen, die große Gebietsabtretungen an Siegermächte und neu entstandene Staaten beinhalteten, schienen nur kurze Zeit und durchaus nicht bei allen Nationen auf einen dauerhaften Frieden zuzusteuern. Die zwischen den beiden Weltkriegen geborenen Generationen gehörten zu den Leidtragenden in vielen Völkern, nicht nur in Europa. Zu ihnen gehört Kurt Egon Franchy, der am 4. Mai 1935 in Bukarest geborene ältere Sohn von Viktor Franchy, dessen Vater aus Österreich in Bistritz heimisch geworden war.
Der junge Kurt verbrachte viel Zeit bei seinen Großeltern in Bistritz, besonders nachdem die Eltern des damals Fünfjährigen nach Großwardein verzogen waren. In jenem Jahr war durch den Zweiten Wiener Schiedspruch Nordsiebenbürgen zu einem Teil Ungarns geworden. Kurt Franchy, der 1942 die zweite Klasse der Grundschule in Bistritz absolvieren sollte, hatte wegen Krankheit so viel versäumt, dass er zur Versetzung vor einer Prüfungskommission seine Kenntnisse beweisen musste. Vorsitzender war der Generaldechant und Bistritzer Stadtpfarrer Dr. Carl Molitoris. Franchy berichtet, dass dies die einzige Begegnung mit Molitoris gewesen sei, obwohl er später selbst das Amt des Bistritzer Stadtpfarrers übernahm. Der Auftakt zur Zerreißung unseres Stammes hatte durch die politischen Ereignisse schon in den letzten Kriegsjahren begonnen.

Bei der Evakuierung der Sachsen Nordsiebenbürgens anlässlich des Vormarschs der sowjetrussischen Truppen nach Westen überholten diese jene Flüchtlinge, unter denen sich die Familie Franchy befand, und zwangen sie zur Rückkehr ins Nösnerland. Der Vater Kurt Franchys, der amerikanischer Kriegsgefanger war, kehrte erst 1956 nach Bistritz zurück. Nordsiebenbürgen war an Rumänien zurückgegeben und dieses wie alle osteuropäischen Länder kommunistischer Herrschaft unterworfen worden.


Jubilar Kurt Franchy
Jubilar Kurt Franchy

Die auf der Flucht in Ungarn und Böhmen von Kurt Franchy sporadisch besuchten Schulen konnten in kurzer Zeit nicht soviel Unterrichtsstoff bieten, dass der in die Heimat zurückgekehrte Schüler den Wissensstand seiner Jahrgangsgenossen erreichen konnte, als er im Herbst 1945 zu seiner Tante nach Bukarest kam, deren Mann mit Sachsen und Schwaben zur Zwangsarbeit nach Sowjetrussland verbracht worden war. In der Landeshauptstadt lernte Franchy erstmals Rumänisch und besuchte vier Jahre lang das katholische Gymnasium „Sankt Joseph“, dann Handelsschule und eine Außenhandelsschule mit Abitur. Nach Bistritz zurückgekehrt und als Statistiker und Wahlhelfer erfolgreich tätig, wurde die kommunistische Partei auf ihn aufmerksam und bot ihm ein Studium an der „Stefan Gheorghiu Hochschule“ in Bukarest an, das er ablehnte, wodurch er die Mächtigen provozierte, die ihn noch sieben Jahre später als „Arbeitssoldaten“ unter schwersten Bedingungen und gesetzeswidrig verfolgten.

Sein Ziel, Theologie in Klausenburg zu studieren, wurde zunächst trotz bester Note in der Aufnahmeprüfung durch die Tatsache behindert, dass die Bukarester Außenhandelsschule nur das Abitur einer Fachmittelschule vergeben konnte. So besuchte er am Bistritzer humanistischen Gymnasium die letzte Klasse, bestand dort das Abitur und widmete sich anschließend dem Theologiestudium, das er schon als Vierundzwanzigjähriger erfolgreich abschließen konnte.

Das Jahr 1959 wurde von besonderer Bedeutung für ihn: Außer dem Studienabschluss fielen seine erste Pfarrvikarstelle (in Wallendorf), seine Ordination in Hermannstadt und seine Eheschließung mit Renate, der Tochter des Zeidner Stadtpfarrers Richard Bell, in diese Zeit. Das Nösnerland hatte durch die Evakuierung der Sachsen bei Kriegsende viele sächsische Landsleute, die nicht zurückkehrten, verloren. So zählte die Stadt Bistritz nur noch etwa 2 000 evangelische Gemeindemitglieder, als Kurt Franchy 1965 zu ihrem Stadtpfarrer gewählt wurde. Auch übernahm er das Amt des Bezirksdechanten von Nordsiebenbürgen bis zur Auflösung des Kirchenbezirks Bistritz. In seinen neuen Ämtern hatte er keinen leichten Stand, nicht nur wegen der Einstellung der rumänischen Beamten gegenüber den Sachsen, sondern auch wegen des Auswanderungswillens der sächsischen Bevölkerung, der zunehmend die evangelische Kirchengemeinde verkleinerte.

In Deutschland wurde inzwischen auf Initiative des sehr aktiven Landsmannes Robert Gassner und mit Hilfe des landsmannschaftlichen Patenlandes Nordrhein-Westfalen die Siebenbürger-Sachsen-Siedlung in Drabenderhöhe aufgebaut, für die Gassner sich um einen sächsischen Pfarrer bemühte. Er erreichte, dass das Landeskonsistorium der Heimatkirche Pfarrer Franchy 1978 „für den Dienst in einer Gliedkirche der Evangelischen Kirche in Deutschland“ freistellte. Nach seiner Aussiedlung mit der Familie bewältigte er die nötigen Formaslitäten und wurde als Pfarrer in Drabenderhöhe eingesetzt. In kurzer Zeit fand er die Wertschätzung der einheimischen und der siebenbürgisch-sächsischen Glaubensbrüder und -schwestern, doch auch großes Ansehen bei Beamten und Politikern vor allem in Nordrhein-Westfalen. Eine große Zahl von Ehrenämtern wurde ihm anvertraut: So wurde er zuerst Vorstandsmitglied des Hilfskomitees der Siebenbürger Sachsen und evangelischen Banater Schwaben im Diakonischen Werk der EKD und dann dessen Vorsitzender, gründete die Pfarrgemeinschaft der aus Siebenbürgen ausgewanderten Pfarrer mit dem Ziel deren Integration, nach Pfarrer Joseph Scheerers Tod wurde er „Amtierender Generaldechant von Nordsiebenbürgen“. Die Gemeinschaft der Bistritzer machte ihn zu ihrem Sprecher, der Hilfsverein der Siebenbürger Sachsen „Adele Zay“ e.V. in Drabenderhöhe zu seinem Vorsitzenden; dort ließ er für die Bewohner eine Kapelle einrichten und auch den „Turm der Erinnerungen“. Die von Dr. Ernst Weisenfeld aus seinen Mitteln errichtete Stiftung, die den Namen seiner verstorbenen Frau Elena Mureşanu trägt und u.a. in Hermannstadt ein Schülerwohnheim der Evangelischen Kirche errichtete, wählte Franchy zu ihrem Geschäftsführer und Vorsitzenden des Stiftungsrates. Viele siebenbürgische Pfarrer konnten früher ihren Kirchenkindern in vielen Fragen behilflich sein und sie beraten. Solche Ehrenämter hat Kurt Franchy neben seinem Hauptberuf als Geistlicher in hohem Maße ausgeübt. So war er auch Mitbegründer des „Adele-Zay-Kindergartens“ in Drabenderhöhe und selbstverständlich Vorstandsmitglied der Landsmannschaft. Als er in den Ruhestand ging, konnte er 1994 in sein eigenes Haus in Hillerscheid ziehen, blieb aber vielen seiner Ehrenämter treu.

Wer sich fragt, woher Pfarrer Kurt Franchy die Kraft nahm, um so viele und verantwortungsvolle Aufgaben zu meistern, möge an seine Familie und deren Unterstützung denken und auch an die nicht zahlreichen Helfer vor allem aus den Reihen der Landsleute. Vielleicht denkt der eine oder andere an den Reformator in Otto Devrients Bühnenwerk, in dem Martin Luther im Erfurter Kloster noch Mönch ist und sein Gebet mit den Worten beginnt: „Hör mich, Pater Augustine! Deines ärmsten Sohnes Flehn! Vor dem Gott lass‘, dem ich diene, hilf Vermittler mich bestehn!“

Vor Gott bestehen zu können, ist das Ziel der Christen. Pfarrer Kurt Franchy hat schon im kommunistischen Rumänien gezeigt, wie man als Verfolgter Haltung und Gottvertrauen bewahren kann und den Mitmenschen gab er Beispiele für das Leben miteinander. Wir haben allen Grund, ihm an seinem 70. Geburtstag für vieles zu danken und ihn zu diesem Jubiläum zu beglückwünschen.

Wilhelm Bruckner


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