24. September 2006

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Günter Grass’ gutes Timing

Die selbsternannten moralischen Scharfrichter des bundesdeutschen Kulturbetriebs haben längst den Stab über Grass gebrochen, weil ihm noch die Stange zu halten als political incorrect gelten würde. Wer in dieser Gesellschaft gegen die ungeschriebenen Gesetze im öffentlichen Verhalten verstößt, hat gemeinhin keine Chance. Früher – im Glücksfall etwas später – wird er in die rechte oder linke Ecke des Extremismus gestellt – mitunter auch gelockt. Die Gleise sind festgelegt; es sei denn, man verstellt sie durch ein von den anderen nicht einkalkuliertes Schweigen, das man, scheint es opportun, in Eigenregie auch wieder aufheben kann.
Günter Grass sollte 1969 in Bukarest eine Buchausstellung mit deutscher Literatur eröffnen anlässlich des Jubiläums „20 Jahre Bundesrepublik Deutschland“, zudem zwei Jahre Anerkennung der Bundesrepublik durch Rumänien (der einzige Ostblockstaat, der dies seinerzeit wagte). Der Präsident des rumänischen Schriftstellerverbandes, der Lyriker und Epiker Zaharia Stancu, hatte zur Besprechung der Modalitäten dieses für die rumänische Hauptstadt einmaligen Großereignisses Grass zu einem Mittagessen in einem der besten Restaurants Bukarests eingeladen. Stancu sprach kein Deutsch und war auch kein ausgesprochener Freund der „Reichsdeutschen“. Zu „seinen“ Deutschen, den Rumäniendeutschen, allerdings hatte Stancu ein gutes Verhältnis, weil er ihnen vor allen deren Loyalität bei der Bildung Großrumäniens 1918 nach dem Ersten Weltkrieg hoch anrechnete und die rumäniendeutsche Literatur großzügig förderte, nicht zuletzt auch um Rumänien im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Stancu hatte auch den Lyriker und Essayisten Dieter Schlesak zum Übersetzen eingeladen. Dieser wiederum nahm mich als Hilfsübersetzer mit, da er auch zivilisiert mitzuessen gedachte. Ansonsten hätte er dauernd mit vollem Munde übersetzen müssen. So kam ich in den Genuss, mit Günter Grass eine Suppe auslöffeln zu dürfen, die er uns jedoch gehörig einbrocken sollte.
Grass weigerte sich nämlich der Bitte Zaharia Stancus zu entsprechen, von den über 200 Autoren neun ehemalige DDR-Autoren, die nach Westdeutschland „rübergemacht hatten“ und auf deren in ostdeutschen Verlagen erschienene Werke die DDR Rechtsansprüche stellte, aus der Ausstellung herauszunehmen. Die Literatur des freien Deutschland, erklärte Grass, müsse allen Deutschen gerecht werden; auch aus kollegialen Gründen könne er die Bücher nicht zurückziehen. Vergeblich versuchte Zaharia Stancu Grass klarzumachen, dass Rumänien sich in diesem Fall in einer Zwickmühle befinde. Einige Monate zuvor, bei einer Ausstellung des technischen Buches, ebenfalls in Bukarest, hatte die DDR über rumänische Vermittlung drei Bücher aus ihrer Ausstellung herausgenommen auf Intervention der Bundesrepublik hin wegen urheberrechtlicher Probleme. Nun verlange die DDR ihrerseits das Entfernen von neun Büchern. Was aber dem einen recht sei, müsse dem anderen auch billig sein, besonders wenn es sich um einen sozialistischen Staat handele, der sowieso die Aufnahme der Beziehungen zwischen Rumänien und der Bundesrepublik äußerst argwöhnisch betrachtete. Er, Stancu, sei hier an die Ostblockgemeinschaft gebunden und könne einfach nicht anders.
Grass argumentierte, er habe vor nicht langer Zeit in Jugoslawien, auch einem sozialistischen Land, dieselben Bücher ausstellen dürfen. Er sehe nicht ein, weshalb er das hier nicht tun dürfe. Zaharia Stancu wurde jetzt etwas bestimmter und meinte, nur Grass würde Jugoslawien, das nicht dem Warschauer Pack angehöre, das eine so genannte sozialistische Martwirtschaft und keine Planwirtschaft betreibe und das sich zu den blockfreien Staaten zähle, mit Rumänien vergleichen.
Grass blieb rigoros. Mit ihm gebe es kein Entfernen von Büchern. Er vertrete das freiheitliche Europa, belehrte er Zaharia Stancu. Dieser konnte nicht mehr an sich halten und erinnerte an die Zeit des Ersten Weltkrieges. Als Deutschland gegen Rumänien kämpfte und große Teile vorübergehend besetzte, seien auch deutsche Soldaten in sein (Stancus) Heimatdorf in der Donautiefebene der Walachei gekommen. Ein bayrischer Soldat habe einem rumänischen Bauern vorgeworfen, er arbeite schlampig im Stall: nicht der ganze Dung sei genutzt worden, er melke nicht richtig und das Füttern der Tiere sei zu umständlich. Der Rumäne entgegnete dem Bayern darauf, wenn dieser alles so gut könne, weshalb sei er dann nicht bei sich zu Hause in Bayern geblieben, um dort effektive Landwirtschaft zu betreiben?! Daraufhin habe der Bayer die Pistole gezogen und den Rumänen erschossen. Das war natürlich starker Tobak und wohl auch mehr Gleichnis denn Tatsache, aber es zeigte deutlich, welche Schwierigkeiten ein deutscher Standpunkt nach dem Zweiten Weltkriegs zu gewärtigen hatte. Grass hielt dagegen: Er bedauere sehr den Tod des rumänischen Bauern, aber er sehe keinen Zusammenhang zwischen dem schießenden Bayern und seiner Buchausstellung, die ihm viel Kopfzerbrechen bereite. Er habe deshalb Kopfschmerzen und gehe gleich einen Nachmittagsschlaf halten. Damit verließ er uns, ohne den zweiten Gang, einen köstlichen Braten, genossen zu haben.
Stancu, Schlesak und ich blieben bedrückt zurück. Auch der tadellos gewürzte Braten und die herrliche Desserttorte konnten uns nicht ganz aufheitern. Zaharia Stancu kriegte sich aber schnell wieder ein. Er werde auf die Buchausstellung verzichten angesichts dieses „preußischen Stiefels“. Hätte Stancu aber gewusst, dass Grass als 17-Jähriger bei der Waffen-SS gewesen war, er hätte womöglich auf den schießenden Bayern noch einen draufgesetzt und Grass als SS-Mann alle männlichen Bewohner seines Heimatdorfes niedermähen gesehen.
Grass las dann aus seinem frisch erschienenen Roman „Örtlich betäubt“. Darin wird ein Hund (eine deutsche Schäferhündin war das Lieblingstier des Führers) verbrannt. Hätte die Öffentlichkeit seinerzeit schon von Grass’ SS-Vergangenheit Kenntnis gehabt, wäre alles sonnenklar gewesen: Nur ein Unmensch der Waffen-SS vermag beim Verbrennen eines Hundes Gefühle zu entwickeln. – Übrigens sei nicht verschwiegen, dass Günter Grass sich um die rumäniendeutsche Literatur verdient gemacht hat. So hat sich der spätere Literatur-Nobelpreisträger für den siebenbürgischen Autor Hans Bergel eingesetzt, damit dieser 1969 in die Bundesrepublik auswandern konnte.

Ingmar Brantsch

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