12. August 2000

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Auch jenseits des siebenbürgischen Horizonts anerkannt und gewürdigt

2000 jährt sich zum 125. Mal der Geburtstag und zum 50. Mal der Todestag des bedeutenden siebenbürgischen Komponisten Paul Richter (1875-1950). Nachgegangen wird der Rezeption seines Werks und Wirkens. Dabei bleibt offen, ob Richter in der Tat der "siebenbürgischste" aller siebenbürgischen Komponisten war, als der er von der Nachwelt wiederholt bezeichnet worden ist.
Auf den Spuren der Rezeption von Paul Richters Werk und Wirken aus Anlass seines 125. Geburtstages und 50. Todestages

Am 28. August dieses Jahres wird der 125. Geburtstag des bedeutenden siebenbürgischen Komponisten Paul Richter begangen, am 16. April erfüllten sich 50 Jahre seit seinem Tod. Aus diesem Anlass wird in dem hier abgedruckten Aufsatz des Musikhistorikers Karl Teutsch der Rezeption von Richters Werk und Wirken nachgegangen. Die Frage bleibt offen, ob Richter in der Tat der "siebenbürgischste" aller siebenbürgischen Komponisten war, als der von der Nachwelt wiederholt bezeichnet worden ist. Die eigentliche Anerkennung fand er zu Lebzeiten jedenfalls außerhalb der engen Grenzen seines Herkunftslandes und dessen Musikbetrieb, dem er dennoch ein Leben lang in unverbrüchlicher Treue gedient hat.

Um Paul Richter ist es stiller geworden, nachdem sein Name und Werk in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren im Musikleben und dem kulturellen Bewusstsein der Siebenbürger Sachsen durchaus präsent waren. Durch die Zuwendung und die Initiativen führender siebenbürgischer Musiker, so der Dirigenten Carl Gorvin und Adolf H. Gärtner, der Organisten Franz Xaver Dressler und Eckart Schlandt, einiger Sänger und Instrumentalsolisten, der Kronstädter Philharmonie und zuletzt des Siebenbürgischen Musikarchivs in Gundelsheim, kamen zahlreiche Aufführungen von Kompositionen Richters in Siebenbürgen und in einigen Städten Deutschlands zustande. In den letzten Jahren waren lediglich das Klaviertrio und einzelne Lieder bei Darbietungen der Musikwochen des Arbeitskreises für südostdeutsche Musik bzw. der Gesellschaft für deutsche Musikkultur im südöstlichen Europa zu hören.
Dank Hans Peter Türks umfassender Monographie über Paul Richter (Kriterion Verlag, Bukarest 1975) ist dessen Leben und Werk gut dokumentiert. Hans Bergel befasste sich in seinem Essay "Paul Richter - Rückkehr nach Siebenbürgen" (in: "Würfelspiele des Lebens", München 1972) mit der Problematik von Richters Stellung, Wirken und Befindlichkeit in den in mancher Hinsicht eingeengten und einengenden musikalischen Verhältnissen Siebenbürgens, nachdem der am 28. August 1875 in Kronstadt geborene Komponist sich dem "elften Gebot" der Siebenbürger Sachsen - wie es der Musikwissenschaftler Ferenc Laszlo nennt - unterworfen hatte und - wie vor ihm Johann Lukas Hedwig oder Rudolf Lassel - nach dem Studium und ersten beachtlichen Erfolgen in Deutschland in sein Herkunftsland zurückgekehrt war und sich dem Musikleben seiner Vaterstadt verschrieben hatte (was er später bitter bereut hat). Einzelne Aufsätze und Würdigungen von Egon Hajek (in: "Die Musik, ihre Gestalter und Verkünder in Siebenbürgen", Kronstadt 1927), Erich H. Müller von Asow (in der Zeitschrift Klingsor 10/1935), Victor Bickerich (Muzica 6/1958, Karpatenrundschau vom 29. August 1975), Rudolf Reschika (Karpatenrundschau vom 12. April 1968 und "Paul Richters Trauerkantate" in: "Beiträge zur Musikgeschichte der Siebenbürger Sachsen", Kludenbach 1999), Harald Krasser (Neuer Weg vom 1. April 1970), Hans Peter Türk (Karpatenrundschau vom 12., 19. und 26. April sowie vom 10. Mai 1974, Neuer Weg vom 30. August 1975), viele Konzertbesprechungen und Berichte, aber auch Richters eigene autobiographischen Aufzeichnungen ergänzen und vervollständigen das Bild, das wir uns von ihm machen können.
Gelegentlich wird Richter als bedeutendster siebenbürgischer Komponist bezeichnet. In dieser apodiktisch ausschließlichen Form kann die Behauptung nicht aufrechterhalten werden, aber ohne Zweifel ist die etwas relativierte Aussage berechtigt, dass Richter - wenn man klassifizieren und kategorisieren will - mit Waldemar von Baußnern, Rudolf Wagner-Regeny und Norbert von Hannenheim zu den herausragendsten und produktivsten schöpferischen Begabungen der jüngeren siebenbürgisch-sächsischen Musikgeschichtet gehört.
Was Richters historische Bedeutung allerdings erhöht, ist die seltene Tatsache, dass es ihm und seiner Musik gelang, aus der Abgeschiedenheit Siebenbürgens heraus, über dessen Grenzen hinweg im Ausland Fuß zu fassen und vor allem im Musikleben Deutschlands bekannt zu werden. Zwischen 1928 und 1837 erklangen die dritte Sinfonie, andere Orchesterwerke wie die "Karpatische Suite" und die Serenade in D-Dur, das Klavierkonzert, Kammermusik, Lieder für Gesang und Klavier, Werke für Singstimme und Orchester in Wien, Breslau, Teplitz, Dresden, Leipzig, Gera, Stuttgart, Bielefeld und Kopenhagen. Einige Konzerte wurden im Rundfunk übertragen, so in Wien, Breslau, Leipzig, Berlin, Königsberg, Hamburg, Saarbrücken, Bukarest. Die Kritik zeigte sich durchweg wohlwollend und anerkennend, gar in höchstem Maße lobend. Lorbeeren erntete Richter zudem als Dirigent in Dresden, Leipzig, Breslau und Bukarest. Renommierte Musiker jener Zeit wie Richard Strauss und George Enescu zeigten Interesse an Richters kompositorischem Schaffen. Er selbst jedoch tat in seiner Bescheidenheit und Zurückhaltung wenig dazu, um sich und seine Musik bekannt zu machen, außer dass er bei Aufführungen seiner Werke selbst dirigierte oder als Pianist in Kammermusikdarbietungen mitwirkte.
Was in den Würdigungen zu Richters künstlerischer Persönlichkeit zu kurz kommt, ist seine - freilich vergängliche und zeitgebundene - Bedeutung und Wirksamkeit als Interpret, als Dirigent. Schon während seiner anfänglichen Tätigkeit als Chormeister des Kronstädter Männergesangvereins führte er größere Werke auf, so 1905 "Das Lied von der Glocke" von Max Bruch, 1907 das "Deutsche Requiem" von Brahms, 1908 Webers "Freischütz", 1910 Wagners "Fliegenden Holländer", 1913 dessen "Tannhäuser" und 1914 "Fidelio" von Beethoven. Nachdem Richter 1918 die städtische Kapellmeisterstelle angetreten hatte, folgten weitere für Kronstadt und Siebenbürgen bedeutende, neue Maßstäbe setzende Aufführungen: der neunten Sinfonie Beethovens (1921), des "Kinderkreuzzugs" von Gabriel Pierne (1022), noch einmal des "Fidelio" (1927), mehrerer Sinfonien und vokal-orchestraler Werke von Bruckner, dazu Erstaufführungen von Werken Richard Strauss' und Gustav Mahlers. Von den eigenen Kompositionen, die Richter dirigierte, seien außer mehreren Orchesterwerken noch "Der Totenvogel" für Singstimme und großes Orchester, seine Chorballaden, die Ballade für Soli, Chor und Orchester und die Trauerkantate für Sopran- und Bass-Solo, Chor und Orchester genannt.
Richter stellte als Interpret vor allem die sinfonische Musik auf neue Grundlagen des Repertoires und der künstlerischen Qualität. Er nimmt somit in der Geschichte der musikalischen Interpretation Siebenbürgens als Pendant zu Bickerichs und Dresslers hervorragender Pflege der Barockmusik, vor allem der Johann Sebastian Bachs, eine wichtige Stellung ein.
Die physischen Kräfte Richters reichten nicht aus, um in der kurzen Zeit seiner Tätigkeit als Leiter des Musikvereins in Hermannstadt (1935/1936) sein fruchtbare Wirken als Dirigent fortzusetzen. Es kam zu keiner nennenswerten Aufführung mehr. In Kronstädt dirigierte er 1936 noch die vereinigten Chöre und Orchester beider Städte zum Abschied von seinen öffentlichen Funktionen. Er widmete sich fortan nur noch dem Komponieren: Es entstanden die fünfte Sinfonie, das Cello-Konzert, das zweite Streichquartett, ein Klavierquintett, ein Quartett für Klavier, Flöte, Violine und Cello, die Festouvertüre op. 114 und das bedeutende Orgelkonzert op. 115. Ein letztes Mal dirigierte Richter 1937 in Deutschland: Im Rahmen der Kulturtage in Gera leitete er mit großem Erfolg die Uraufführung seiner fünften Sinfonie.
Schließlich zog Richter sich 1939 in das ländliche Neustadt bei Kronstadt zurück. Er erlebte noch die Uraufführungen seiner letzten Werke in Kronstadt und Bukarest. Das Orgelkonzert wurde auch in Hermannstadt, Wien, Regensburg und Prag, das Klavierquintett in Berlin und bei den Wittener Kammermusiktagen gespielt. Es entstanden noch die Variationen für Klavier und Orchester, das dritte Streichquartett und die sechste Sinfonie. Verarmt, vereinsamt, schwer krank und in zermürbender Angst um zwei seiner Kinder, die nach Kriegsende zur Zwangsarbeit nach Russland deportiert worden waren, starb Paul Richter am 16. April 1950 in Neustadt. Die Nachricht von ihrem Tode hatte man dem qualvoll auf ihre Rückkehr wartenden Vater aus Rücksicht auf seine seelische Verwundbarkeit bis zuletzt vorenthalten. Beerdigt wurde er unter reger Anteilnahme auf dem innerstädtischen Friedhof in Kronstadt.
Das Paul Richter der "siebenbürgischste" unter den siebenbürgisch-sächsischen Komponisten sei, weil man siebenbürgische Idiomatik aus seiner Musik heraushören könne, weil er, nach eigenen Worten, "von unserer Umgebung sichtlich beeinflusste und gefärbte Musik" zu schreiben und "ungekünstelt das Siebenbürgische" aus seinem Innern, soweit er es erkenne, zu sagen bemüht war, mag vielleicht stimmen, ist aber an Größen gebunden, die rational kaum fassbar und schwer artikulierbar sind. Stilistische Analysen und die Suche nach bestimmten Merkmalen der musikalischen Substanz und Struktur führen wahrscheinlich nicht zur angestrebten Erkenntnis. Vielleicht aber können irgendwann doch Anzeichen und Eigentümlichkeiten, die in die gesuchte Richtung weisen, gefunden und in Worte gefasst werden.
Karl Teutsch
Siebenbürgische Zeitung, 15. August 2000

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