1. Februar 2000

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Den "Windbruch" erfahren und in die Sprache geholt

Irmgart Höchsmann-Maly, am 10. Januar in Hermannstadt geboren, ist Erzählerin und engagierte Initiatorin von kulturellen Aktivitäten in Nordrhein-Westfalen. In vielen Veröffentlichungen, vor allem mit ihrem Prosaband „Windbruch“ (1991) hat sie schwierige Erfahrungen mit den Wandlungen und Umstürzen, die sie und ihre Landsleute in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen hatten, in die Sprache gehoben und sich damit „in die Herzen“ einer großen Zahl von Lesern geschrieben.
Irmgart Höchsmann-Maly, die aus Hermannstadt gebürtige Erzählerin und engagierte Initiatorin von kulturellen Aktivitäten ihrer siebenbürgischen Landsleute in Nordrhein-Westfalen, wo sie seit ihrer Aussiedlung im Jahre 1975 lebt, hat in ihrer Wahlheimat Drabenderhöhe am 10. Januar ihr 80. Lebensjahr erfüllt. In zahlreichen Einzelveröffentlichungen, vor allem aber mit ihrem Prosaband „Windbruch“, der 1991 erschien, hat sie viele der schwierigen Erfahrungen mit den Wandlungen und Umstürzen, die sie und ihre Landsleute in den letzten Jahrzehnten zu bewältigen hatten, in die Sprache gehoben und sich damit „in die Herzen“ einer großen Zahl von Lesern geschrieben. Aus Anlass ihres Geburtstages wird hier, leicht gekürzt, ein Aufsatz von Karin S e r v a t i u s - S p e c k abgedruckt, der im Hermannstädter Heimat-Boten erschienen ist und sich der Schriftstellerin und ihrem Buch widmet.

Sehr oft ist Irmgard Höchsmann-Maly mit eigenen Texten in Hochsprache und Mundart an die Öffentlichkeit getreten, im Rundfunk, bei Lesungen, in ihrer Tätigkeit als Kulturreferentin in Drabenderhöhe und in Nordrhein-Westfalen, Die Auftritt und das, was sie bewirkt haben, brachten ihr Auszeichnungen, Preise ein, vor allem aber einen sehr hohen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad bei ihren Landsleuten, deren eigene Erfahrungen, Erlebnisse im Werk der Künstlerin so viel Verwandtem, Bekanntem begegneten.
„Dieses ist meine Erfahrungswelt“, schreibt Irmgard Höchsmann-Maly im Vorwort ihres Buches „Windbruch“. Es umfasst Erinnerungen, literarische Essays, Streiflichter in die Geschichte, Sinniges – immer die Situation des Umbruchs betreffend: im eigenen Leben, dem der Familie, anderer, in der Geschichte. Der aus Kronstadt stammende Maler und Grafiker Friedrich von Bömches trug zur künstlerischen Gestaltung des Buches mit beeindruckenden, die Aussage vertiefenden, bereichernden Bilder bei.
Wenn das literarische Kunstwerk dem Leser die Möglichkeit des sich selbst darin Findens und gleichzeitig Schlüssiges zur Erhellung dieser Situation liefern kann, dazu sprachlich vollendet ist, dann ist es gute Literatur. Irmgard Höchsmann-Maly greift in ihrem Buch zum bilderträchtigen Motiv des Weges, der Veränderung in Raum und Zeit, das alle Texte tragend durchzieht – und auf diesem Wege können viele, viele sie begleiten, gerade auch wir, die wir so prägend neue Wege und Wandel erfuhren.
Umbruch und Zusammenbruch, das waren Schlüsselworte auf dem Weg unserer Eltern und Großeltern, „Windbruch“ das Fazit auf unser aller Weg - das tödliche, endgültige Umbrechen all dessen, was Gradlinigkeit bis dahin gesichert hatte: bewahrte Ordnung und Tradition des zwischenmenschlichen Gefüges.
Der Lebensweg von Irmgard Höchsmann-Maly ist trotz seiner Einmaligkeit typisch für viele unserer Landsleute, so viele vom großen „Windbruch“ betroffene: In Hermannstadt geboren, in einem siebenbürgisch-sächsischen Künstlerhaus mit österreichischer Prägung und Lebenshaltung, zog die Absolventin des Hermannstädter Mädchenlyzeums nach Deutschland zwecks beruflicher Ausbildung. Das Vorhaben wurde durch den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und Zwangsarbeitseinsatz unterbrochen, 1945 kehrte die junge Frau auf abenteuerlichen Wegen nach Siebenbürgen zurück. Was folgte, bezeichnet die Autobiographin schlicht als „schwere Jahre“. Mit ihrem Mann und den drei Söhnen verlässt sie 1975 Hermannstadt und Siebenbürgen endgültig, um in Nordrhein-Westfalen, im Oberbergischen, eine neue Heimat zu suchen und, wie im Buch zu lesen ist, zu finden. Auch eine Heimat des Herzens, denn da hat sie den geeigneten Platz auch für die „Familientruhe“, den Hort der ureigensten deutsch-österreichisch-sächsischen Familientradition, gefunden, sie in Vertrauen hierher gebettet. Von da aus schweift sie dann immer fort: auf den alten Wegen der Donaumonarchie, die gesäumt von Windbrüchen sind, und dann weit, sogar bis ins ferne Bogota, auf den Spuren verwandter Schicksale. Unruhig, temperamentvoll erkundet sie, „schnappt auf“, schreibt auf, erzählt allen Gleichgesinnten, allen des Trostes Bedürftigen, diese aufheiternd mit tröstlicher Lektüre, aber auch für alle, die wissen sollten, wissen möchten, wer wir so sind, durch unterhaltsam zugespielte Information. Ihre Lebens-, ihre Erzählhaltung ist der Humor. Er nimmt dem Bedrückenden die Schwere und unterwegs, dank seines leichtfüßig ungetrübten Auges, erleichtert er den Weg zu den Herzen der Menschen.
Was mich an dem Buch am meisten berührt hat, ist die Ehrlichkeit der Erzählerin, der jedwelches Beschönigen fern liegt. Das aufrichtige Bedürfnis, in Klarheit zu sehen, sich und andere wahrhaftig zu erklären, mitzuteilen, die aufgedeckten Schwächen gleichzeitig in Verständnis und Freundlichkeit zu beten, das macht das Buch nochmals lesenswert.
Und dann spricht aus dem Buch, so wie aus der ganzen so zerbrechlich anmutenden Person der Künstlerin, die ihr Publikum so charmant zu bannen weiß, eine ganz große Kraft. Sie kommt aus dem Bewußtsein der Werte, die Generationen gepflegt und bereichert haben, sie liefert das Vertrauen in Augenblicken des Abschieds auf einen guten Neubeginn, in den man das Beste mit der Erinnerung mitnehmen kann.

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