2. Oktober 2000

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Dichterischer Protest gegen den 'Syllabus' des selig gesprochenen Papstes Pius IX.

Gegen den sogenannten "Syllabus" des kürzlich selig gesprochenen Papstes Pius des Neunten hat 1869 der siebenbürgisch-deutsche Lyriker Friedrich Krasser sein kritisches Gedicht "Anti-Syllabus" veröffentlicht, das in kürzester Zeit Verbreitung und Berühmtheit im damaligen Europa und auch in Übersee fand. Es rief zur Erhebung "aus der alten Dunkelheit" auf.
Am 3. September dieses Jahres sind zwei Päpste - Pius IX. und Johannes XXXIII. - durch Papst Johannes Paul II. selig gesprochen worden. Äußerst umstritten war dabei die Seligsprechung von Papst Pius (1846-1878), während dessen Amtszeit das erste vatikanische Konzil (1869/70) tagte und unter anderen das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes verkündete. Auf Papst Pius geht auch die Herausgabe der Enzyklika "Quanta cura" von 1864 zurück, der ein "Syllabus" (Irrlehreverzeichnis) beigelegt war.

Der "Syllabus" verdammte als Zeitirrtümer die geistig-naturwissenschaftlichen Erkenntnisse des 19. Jahrhunderts, so die Evolutionstheorie Darwins, ferner den Pantheismus, Protestantismus, Rationalismus, Liberalismus und Sozialismus. Das rief natürlich den Protest und die Kritik aller fortschrittlichen Geister hervor. Der Reihe dieser Kritiker schloss sich damals auch der Mühlbacher Arzt und Dichter Friedrich Krasser (1818-1893) an und veröffentlichte 1869 als Entgegnung auf den "Syllabus" ein Gedicht unter dem Titel "Anti-Syllabus", das in den Siebenbürgischen Blättern anonym erschien.
Das Gedicht wurde kurz darauf von der in Bukarest erscheinenden Zeitung Die Epoche und von der Freiheit in Graz nachgedruckt. Dadurch gelangte es an die große Öffentlichkeit und wurde bald ohne Krassers Dazutun als Flugblatt in Millionen Exemplaren in München, Reutlingen, Köln, Hamburg, Braunschweig, Leipzig und, außerhalb Deutschlands, in der Schweiz und in den USA sowie in ungarischer Übersetzung in Budapest vornehmlich in Freidenker- und sozialistischen Arbeiterkreisen verbreitet. Ähnliche Verbreitung fanden auch andere Gedichte Krassers - "Ceterum censeo", "Das Glas und die Bibel", "Marseillaise des Christentums", "Freie Schulen", "Enzyklika".
Krasser spricht sich in seinen Gedichten gegen die kirchlichen Dogmen von der Erschaffung der Welt und für das moderne wissenschaftliche Weltbild aus. So heißt es einleitend im "Anti-Syllabus":

Schon vor fünfzigtausend Jahren, wie die Wissenschaft bewies,
Lebten Menschen auf der Erde - lange vor dem Paradies -.
Eh´ die Bibel war gedichtet, eh´ des Schöpfers Werderuf
Laut der eignen Offenbarung Himmel, Erd und Menschen schuf...


Krasser ergreift fortfahrend Partei für das unterdrückte Volk und spricht sich für eine bessere, lichtvollere Zukunft der unteren sozialen Schichten aus. Er mahnt gleichzeitig die Machthaber, die Zeichen der Zeit zu erkennen, um nicht eine Volksrevolution, also die Anwendung von Gewalt, zu provozieren. Er lehnte grundsätzlich die Radikalisierung der Fortschrittsbewegung ab und sah deren Heil in der Hebung des geistigen, sittlichen und kulturellen Bildungsstands des unterdrückten Volkes. Im "Anti-Syllabus" hört sich das so an:

Aber wollt ihr wirklich helfen, gründlich lindern seine Not,
Oh, verweigert ihm nicht länger des Jahrhunderts geistig Brot!
Gebt ihm Wahrheit, gebt ihm Wissen statt dem alten Firlefanz,
Daß es menschenwürdig blühe im modernen Völkerkranz,
Schließt die alten Trödelbuden, die man Bildungsstätten nennt...
Andere Schulen braucht das Leben, braucht der neue Geist der Zeit,
Soll die Seele sich erheben aus der alten Dunkelheit.


Das Gedicht endete mit dem Aufruf:

Dulde nicht, daß deiner Kinder unverdorbner Geisteskraft
Ferner vorenthalten bleibe die moderne Wissenschaft...


Durch seine Gedichte wurde Krasser in Freidenkerkreisen bekannt, so dass er eine Einladung zu deren Kongress nach Neapel erhielt. Gesinnungsgenossen aus dem In- und Ausland besorgten das Geld für die Reise- und Aufenthaltskosten. Der Kongress tagte 1869, zur selben Zeit, als in Rom das erste vatikanische Konzil stattfand. Am Kongress nahmen Vertreter aus Europa, Nord- und Südamerika und Asien teilt. Wie aus dem Bericht Krassers über die Arbeiten des Kongresses hervorgeht, gehörte er dem gemäßigten Lager der Teilnehmer an, das sich am 12. Dezember 1869 in dem verabschiedeten Programm zu folgenden Grundsätzen bekannte:
"...dem Mittelalter gegenüber die Neuzeit - dem Autoritätsglauben in Staat und Kirche gegenüber die demokratische Selbstbestimmung - der Allianz der Fürsten und Priester gegenüber die Solidarität der Völker - der Kirche gegenüber die freie Schule... Es (das Programm - Anm. d. Red.) proklamierte den freien Menschen im freien Staate..."
Friedrich Krassers Gedichte fanden innerhalb der Sachsen in Siebenbürgen bei der dort engen Verknüpfung von evangelisch-sächsischer Volkskirche und Schule kaum Beachtung. In siebenbürgisch-sächsischen Kreisen, einschließlich in denen der Literaten, interessierte man sich weniger für allgemeine Welterlösungsfragen, sondern in erster Linie für nationale Angelegenheiten im Ringen um die Erhaltung des siebenbürgischen Deutschtums gegen die drohende Assimilierung durch die andersprachige Umwelt und Staatsmacht.

Michael Kroner



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