14. März 2002

Begegnung mit der Vergangenheit

Ehemaliger Geselle des Kronstädter Korbflechters Alex Kravatzky macht sich selbständig in Freiberg am Neckar.
An einem schönen Sonntag im letzten Herbst schlenderte ich über den Jahrmarkt in Brettach (Landkreis Heilbronn). Vorbei an vielen Ständen und Buden gelangte ich zu einem Stand mit Korbwaren, auf die ich als Sohn eines Korbflechters immer neugierig bin. Da mir die Körbe dieses Standes besonders schön und preiswert schienen, fragte ich den Händler, ob er die Ware selber hergestellt habe. Er erwiderte, dass diese aus dem Großhandel stamme, dass er sich aber auch selber damit auskenne, da sein Vater von Beruf Korbflechter sei und sein Handwerk in Kronstadt/Siebenbürgen gelernt habe. Dies machte mich erst recht neugierig.
Alex Kravatzky (71) im Sommer 1978 bei der Arbeit an einem Puppenwagen in seiner Werkstatt in der Waisenhausgasse zu Kronstadt. Die Aufnahme stammt vom damaligen US-Botschafter in Bukarest, der zu den begeisterten Kunden des Korbflechters gehörte.
Alex Kravatzky (71) im Sommer 1978 bei der Arbeit an einem Puppenwagen in seiner Werkstatt in der Waisenhausgasse zu Kronstadt. Die Aufnahme stammt vom damaligen US-Botschafter in Bukarest, der zu den begeisterten Kunden des Korbflechters gehörte.

Im Gespräch stellte sich dann heraus, dass der 81-jährige Vater des Händlers, Gerhard Mix, bei einem gewissen Alex Kravatzky in die Lehre gegangen war - meinem Vater! Der Händler berichtete, dass er mit seinen Eltern in Freiberg am Neckar wohne und das Geschäft vom Vater übernommen habe. Dieser spreche auch heute noch voller Respekt von seinem ehemaligen Meister. Schnell tauschten wir Adressen und Telefonnummern, und mir war klar, dass ich G. Mix besuchen und kennen lernen musste.
Ende September 2001 war es dann soweit: Ausgerüstet mit allerlei Bildern und Zeitungsberichten über Kronstadt, meinen Vater und die Werkstatt machte ich mich auf nach Freiberg a. N. Dort prangte inmitten eines stattlichen Anwesens das Firmenschild „Korbwaren Mix - Meisterbetrieb“. Im Hof empfing mich die Frau Meisterin, und bald darauf trat auch der Meister selbst hervor. Spannung lag in der Luft: Wie würde wohl unsere Begegnung werden? Fotoapparat, Mikrofon und Rekorder waren eingeschaltet, damit ja kein Wort, kein Eindruck verloren ging. Jovial begrüßte mich der Meister: „Schön, dass du gekommen bist! Ich sage ‚du‘ zu dir - ich darf das wohl? Schließlich habe ich deinen Vater vor dir gekannt. (...) Freilich habe ich bei ihm gelernt!“ Das Eis war gebrochen, die Spannung löste sich, und plötzlich war alles sehr vertraut.
Im Dorf Seimeny in Bessarabien (heute in der Ukraine), dem damals östlichsten Bauerndorf Rumäniens am Dnjestr, 1920 als Sohn einer Schwäbin und eines Preußen geboren, kam Gerhard Mix 1935 nach Siebenbürgen, um einen Beruf zu erlernen, denn Kronstadt war die nächstgelegene Stadt, in der Deutsch gesprochen wurde. Nach einigen Umfragen nahm Alex Kravatzky den Jungen in die Lehre.
Mix erinnert sich: „Es war eine gute Zeit bei deinem Vater. Ich war insgesamt fünf Jahre bei ihm. Vom Herbst 1935 bis Juni 1939 war ich in der Lehre und anschließend als Geselle eingestellt. Im August 1940 musste ich nach Hause, nach Bessarabien, weil wir von der Deutschen Wehrmacht ins Sudetenland umgesiedelt wurden. Wir, die Lehrlinge, erhielten keinen Lohn, nur Kost und Quartier, und jährlich einen Anzug, einen Mantel und Schuhe. Dein Vater war streng, aber gerecht! Die alte Frau Meisterin, deine Großmutter, hat am Hof gewohnt und war ganz lieb zu mir. Sie hat mir immer etwas Essen zugesteckt, wenn sie mich sah. Sie kochte auch für uns. Ich war der Kleinste in der Werkstatt. (...) Mein ganzes Geld war das Taschengeld, das ich von der Kundschaft bekam, wenn ich ihre Körbe nach Hause trug. Dein Vater war der Kundschaft gegenüber sehr entgegenkommend.“
Unterdessen hatten wir uns aus dem Hof in die Werkstatt begeben, wo es fast wie in der Werkstatt meines Vaters aussah: das „Bankl“ mit dem Schlageisen, dem Pfriem (einer Aale), der Weidenschere und dem Handspalter, das große Brett, auf dem die Körbe geflochten werden, an der Wand die verschiedenen Handsägen usw. Über die Arbeit meines Vaters erzählte Mix: „Die Weiden hat er meistens im Banat, bei Arad und Temeswar, gekauft. Er ist zwei- bis dreimal im Jahr hingefahren. (...) Alle nur denkbaren Arbeiten wurden gemacht. (...) Hauptsächlich waren es aber Körbe aller Art: Baby-, Wäsche-, Reise-, Blumen- und Einkaufskörbe, Puppenwagen, Reisekoffer u. a.. Aber auch Sonderarbeiten haben wir auf Wunsch gemacht: Für das Sommerschloss des Königs in Sinaia (Peleş) haben wir eine schachbrettartig geflochtene Decke und Heizkörperverkleidungen gemacht. (...) Dein Vater hat auch an den königlichen Hof nach Bukarest geliefert. (...) Wenn Theater in der Redoute war, ca. dreimal im Jahr, hat dein Vater mit Korbmöbeln für die Bühne ausgeholfen. Die mussten wir hintragen, und dann bekamen wir einen Stehplatz und durften die Aufführung schauen.“
Wir gingen nun ins Wohnzimmer, nahmen Platz am Tisch, und Mix fuhr fort: „Die Arbeitszeit war von 7 bis 17 Uhr mit einer Mittagspause von einer Stunde. Ab 17.45 Uhr hatten wir in der Schule am Kirchhof jeden Tag drei Stunden Unterricht. Es war eine gemischte Gewerbeschule, d. h. der Lehrstoff war auf alle Handwerke abgestimmt. So lernten wir Mechanik, Physik, Chemie, Zeichnen, Holzbearbeitung, Elektrik, und natürlich Mathematik und Deutsch. In Deutsch mussten wir viele Gedichte auswendig lernen. Unsere Lehrer unterrichteten tagsüber am Gymnasium und abends bei uns. (...) Ja, da war noch das Honterusfest Anfang Mai. Draußen bei der Honterusquelle, auf der Honteruswiese. Das war eine Sache! Auf dem Schulhof stellten wir uns auf, die Blaskapelle voran, und dann ging es durch die Stadt, über den Burghals bis zur Festwiese. Die ganze Stadt war auf den Beinen. Für uns Jungen war das eine Gaudi! Spiele wurden gespielt, Reden gehalten, es gab Musik, Zelte wurden aufgestellt, Würstel gegrillt, Baumstriezel gebacken, und es wurde gegessen, was das Zeug hielt! Es war eine schöne Zeit.“
Nun war der Moment gekommen, die mitgebrachten Archivfotos hervorzuholen. Schon beim ersten Bild aus der Werkstatt rief Mix: „Das Bild hab ich auch! Da - das bin ich!“ Es war erstaunlich, wie viele Erinnerungen er noch an Kronstadt und die einzelnen Gebäude und Straßen hatte. Wie so oft, konnte er die Früchte seiner Lehrjahre allerdings erst viel später ernten. Erst folgte die Umsiedlung seiner Familie 1940 in ein Lager (...) bei Marienbad im Sudetenland. Sie bekamen ein Zimmer mit einer strohbedeckten Pritsche. Arbeit fand er schließlich als Bürogehilfe in einem Kolonialwaren-Großhandel. 1941 bekamen sie dann ein Haus mit Hof im polnischen Warthegau. Weil Mix’ Ausbildung in Kronstadt als Mittelschule anerkannt wurde, konnte er eine Landwirtschaftsschule besuchen. Nach einem Semester wurde er jedoch in den Krieg zur Infanterie einberufen. Es ging hart los: Seine erste Station war Mogilev, eine Partisanenhochburg zwischen Minsk und Moskau. Er wurde verwundet, kam dann nach Norwegen, bis er schließlich 1945 in Magdeburg - wohin es seine Eltern inzwischen verschlagen hatte - entlassen wurde.
Hier waren aber schon die Kommunisten an der Macht, und nur wer mit ihnen „konform ging“, hatte eine Chance weiterzukommen. Da Mix dies nicht wollte, zog er mit seiner Familie 1946 in den Großraum Stuttgart. Bereits 1947 gründete er seine Firma und legte ein Jahr später in Stuttgart die Meisterprüfung ab. Dazu erklärt er: „Alles was ich kann, hab ich in Kronstadt gelernt! Ich bin ja aus einem „Kuhdorf“ ohne elektrisches Licht und ohne Handwerker, einem Dorf, das nur von der Landwirtschaft lebte, in eine lebendige, pulsierende Industriestadt gekommen. Im Geschäft musste man jede Kundschaft in ihrer Sprache ansprechen, den Rumänen rumänisch, den Ungarn ungarisch usw. Dein Vater hat außer Sächsisch alle Sprachen gekonnt, und die mussten wir auch lernen. Ich bin immer mit offenen Augen und Ohren durch die Welt gegangen!“
Da es inzwischen Abend geworden war, deckte Frau Mix den Tisch und trug eine Vesper auf, darunter eine hausgemachte bessarabische „Pfeffersoße“. Als ich kostete, stellte ich fest, dass wir sie als „Sakuska“ kennen. Beim Essen kamen dann doch auch Erinnerungen an Bessarabien auf. Heute leben dort keine Deutschen mehr. Herr und Frau Mix waren mit dem Bessarabien-Verein schon zweimal dort, aber seine fünf Kinder interessiert diese Vergangenheit heute nicht mehr. Seine Frau stammt aus Freiberg a. N., und so ließen sie sich hier nieder. 1998 gratulierte die Stadt Mix zu seinem 50-jährigen Meisterjubiläum. Sein Geschäft hat er schon seit Jahren seinem Sohn Wilfried übergeben, hilft aber weiterhin immer wieder aus. Für mich war dieses Gespräch ein einmaliges Erlebnis - eine unvergessliche Begegnung mit der Vergangenheit.

Johannes Kravatzky


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 4 vom 15. März 2002, Seite 15)

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