27. April 2002

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In Drabenderhöhe: "Man kann alles, was man ernstlich will! "

In der weltweit größten geschlossenen Siebenbürger Siedlung beging der Hilfsverein „Adele Zay“ kürzlich sein 40-jähriges Jubiläum. Die Feierlichkeiten fanden mit dem Spatenstich für die Kapelle des Altenheims Siebenbürgen und den „Turm der Erinnerung“ einen symbolträchtigen Abschluss.
Der Hilfsverein der Siebenbürger Sachsen „Adele Zay“ e.V. hatte aus Anlass seines 40-jährigen Bestehen für den 12. April zur Festveranstaltung nach Drabenderhöhe eingeladen. Viele folgten der Einladung, darunter zahlreiche hochrangige Vertreter aus Politik, Kirche und Gesellschaft. Schließlich gab es nicht nur den Rückblick auf 40 erfolgreiche Jahre, sondern auch den hoffnungsvollen Ausblick: Die Feierlichkeiten fanden mit dem Spatenstich für die Kapelle des Altenheims Siebenbürgen sowie für den Turm der Erinnerung einen symbolträchtigen Abschluss. In der Presse fanden die Ereignisse ihren gebührenden Niederschlag.
Kinder des Adele-Zay-Kindergartens bei der 40-Jahr-Feier des Trägervereins in Drabenderhöhe. Foto: Günther Melzer
Kinder des Adele-Zay-Kindergartens bei der 40-Jahr-Feier des Trägervereins in Drabenderhöhe. Foto: Günther Melzer

Dass den zahlreichen Gästen im evangelischen Gemeindehaus in Drabenderhöhe an diesem 12. April ein schönes Fest bevorstehen würde, hatten die Kinder des Adele-Zay-Kindergartens unter der Leitung von Hanni Widmann gleich zu Beginn vorausgeschickt: Eines der von ihnen dargebotenen Lieder war „Schön wird das Fest ... für dich und mich“. Dank der Musikeinlagen des von Regine Melzer geleiteten Honterus-Chors, der den Adele-Zay-Verein schon seit dessen erster Mitgliederversammlung in Drabenderhöhe 1967 begleitet, dank der Festreden von Pfarrer i.R. Kurt Franchy und Dr. Roswita Guist sowie der herzlichen Grußworte und nicht zuletzt dank Bundesfrauenreferentin Enni Janesch, die souverän durch das Programm führte, wurde es auch ein schönes Fest. Allerdings dürften die Gäste noch aus ganz anderen Gründen dem Hilfsverein „Adele Zay“ die Reverenz erwiesen haben: Als Träger des Altenheims Siebenbürgen mit gegenwärtig 130 Plätzen sowie des Adele-Zay-Kindergartens mit 75 Kindern ist er nicht nur ein gesellschaftlich-karitativer Faktor, sondern mit 90 Mitarbeitern auch zweitgrößter Arbeitgeber im Ort.
So konnte Kurt Franchy, Vorsitzender des Hilfsvereins der Siebenbürger Sachsen "Adele Zay" e.V., zahlreiche Ehrengäste begrüßen: den Wiehler Bürgermeister Werner Becker-Bloningen, das Mitglied des Bundestages Ina Albowitz, den Landtagsabgeordneten und Stellvertretenden Landesvorsitzenden des Bundes der Vertriebenen in Nordrhein-Westfalen Hagen Jobi, den Superintendenten des Evangelischen Kirchenkreises An der Agger Pfarrer Jürgen Knabe, die Drabenderhöher Pfarrer Frank Müllenmeister und Rüdiger Kapff, den Vorsitzenden des Verbandes der Siebenbürgisch-Sächsischen Heimatortsgemeinschaften Michael Konnerth, den Vorsitzenden der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen der Landsmannschaft der Siebenbürger Sachsen Harald Janesch, den Vorsitzenden des Heimatvereins Drabenderhöhe Ernst-Jochen Höhler, den Vorsitzenden der Kreisgruppe Drabenderhöhe Herwig Bosch und viele andere. Schriftliche Glückwünsche kamen außerdem von Harald Schartau, Arbeits- und Sozialminister des Patenlandes Nordrhein-Westfalen, und von Dr. Horst Waffenschmidt, ehemaliger Aussiedlerbeauftragter und Staatssekretär im Bundesinnenministerium.

40 Jahre im Dienste der Gemeinschaft

Als erster Festredner gab Kurt Franchy einen Überblick über die Entstehung und Entwicklung des Vereins, der am 10. Februar 1962 in Köln als vierter Hilfsverein der Siebenbürger Sachsen gegründet worden war, um den bedürftigen und betagten Landsleuten eine Bleibe zu schaffen, wo sie auch für das seelische Leid des Heimatverlustes Trost finden konnten. Initiator war der siebenbürgische Pfarrer Peter Gärtner aus Essen, der auch zum Vorsitzenden gewählt wurde, 1967 gefolgt von Robert Gassner und 1989 von Kurt Franchy.
Nach vielem Planen und Verhandeln konnte bereits 1966 das neue Alten- und Pflegeheim in Drabenderhöhe mit 80 Plätzen, Altenwohnungen und kleinen Bungalows eingeweiht werden – nur drei Monate nach der Einweihung der Siebenbürger-Siedlung. Immer wieder wurde das Altenheim auf den neuesten Stand gebracht, so dass es heute gehobenen Ansprüchen entspricht. Und was kann das und die gute Pflege besser verdeutlichen als die Tatsache, dass die erste Heimbewohnerin auch heute noch – im Alter von 103 Jahren! - dort wohnt?
Honterus-Chor und Kurt Franchy, Vorsitzender des Hilfsvereins „Adele Zay“. Foto: Günther Melzer
Honterus-Chor und Kurt Franchy, Vorsitzender des Hilfsvereins „Adele Zay“. Foto: Günther Melzer

Allerdings hat sich der Hilfsverein nicht allein der Betreuung der Alten verschrieben. Im Altenheim ist auch das Siebenbürgisch-Deutsche Heimatwerk mit Werkstatt und Laden untergebracht. Dort befindet sich auch der Heimatraum, der für Sitzungen oder sonstige Veranstaltungen zur Verfügung steht, sowie die Kleiderkammer, die vielen Spätaussiedlern mit Hilfsmaßnahmen geholfen hat. Nicht zuletzt trägt der Verein auch den am 1. August 1995 eröffneten Adele-Zay-Kindergarten. Nicht nur Letzteres macht eine weitere Leistung des Hilfsvereins deutlich - die gelungene Integration. Dass diese auch über Drabenderhöhe hinaus Interesse und Anerkennung findet, bezeugen die Besuche von drei Bundespräsidenten, ungezählten Ministern und anderen Persönlichkeiten. Übrigens veranschaulichte der Honterus-Chor die gelungene Integration sogar mit dem Mundartlied „Af deser Ierd“: die darin besungene Heimat, so deutete es Enni Janesch, war früher in Siebenbürgen; heute ist sie in Drabenderhöhe.
Der Vorsitzende dankte in seinem Rückblick den Verantwortlichen in NRW und der ehemaligen Gemeinde Drabenderhöhe-Bielstein dafür, dass sie die heimatlos gewordenen Siebenbürger aufgenommen haben, dankte den Mitgliedern - zehn waren es bei der Gründung, 320 sind es heute -, aber auch denen, die den Verein finanziell unterstützt haben und weiterhin unterstützen. Eine enge Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft und der örtlichen Kirchengemeinde hätte immer bestanden, da diese Kontakte gerade für die Bewohner des Altenheimes sehr wichtig seien.
Bevor Franchy mit den Worten endete: „Gott segne den Verein und sein Werk auch in Zukunft“, hatte er erste Schritte in diese Zukunft skizziert. Auslöser dafür war, dass immer mehr Heimbewohner den Weg zur Kirche nicht bewältigen können und bei dem in einem Raum des Altenheims abgehaltenen Gottesdienst die Atmosphäre eines Gotteshauses vermissen. Mit dem an die Festveranstaltung anschließenden Spatenstich für den Neubau einer Kapelle auf dem Gelände des Altenheimes werde der erste Schritt in die Zukunft getan, und auch der Turm der Erinnerung werde nicht nur ein Denkmal der Erinnerung an das von Kirchenburgen geprägte Siebenbürgen sein, nicht nur ein Denkmal des Dankes an das Land NRW, sondern auch ein Zeichen der neuen Sesshaftigkeit und des Weiterbestehens siebenbürgischer Art und Weise.

Dank, Anerkennung, Solidarität

Den Reigen der Grußworte, in denen dem Hilfsverein „Adele Zay“ von vielen Seiten für seinen humanitären Einsatz Dank, für das bisher Geleistete Anerkennung und für die zukünftige Arbeit Unterstützung und Hilfe ausgesprochen wurde, eröffnete Werner Becker-Bloningen, Bürgermeister der Stadt Wiehl. Er hob hervor, dass die von den Siebenbürger Sachsen als Minderheit in einer fremden Umgebung gemachten Erfahrungen der Anpassung und Toleranz ihre Integration in der neuen Heimat erleichtert habe: „Sie haben gezeigt, wie man sich einbringt in das Gemeinwesen, ohne sich aufzugeben und die 800-jährige Identität als Siebenbürger zu verleugnen.“ Den anstehenden Spatenstich für die Kapelle und den Turm der Erinnerung, für die er auch eine Spende der Stadt überreichte, sah er – wie es im Bericht von Gisela Schwarz für den Oberbergischen Anzeiger heißt - „als Ausdruck für die Symbiose zweier Kulturen, die es zu bewahren gelte.“
Unser Landtagsabgeordneter, Hagen Jobi, las die Grußworte des Patenministers Harald Schartau vor, der bereits bei seinem letzten Besuch im Juni letzten Jahres von den Plänen erfahren und den „Bauplatz“ besichtigt hatte. Außerdem übermittelte er die Glückwünsche des Kreises und überreichte Kurt Franchy das Ehrenwappen des Oberbergischen Kreises als Zeichen der Anerkennung und des Dankes. Das tat auch Superintendent Jürgen Knabe mit einer Spende für die Orgel. Er wie auch Pfarrer Müllenmeister gratulierten dem Adele-Zay-Verein, der sich „um Menschen an den Eckpunkten des Lebens“ kümmert, zum 40-jährigen Bestehen.
Beim Spatenstich zum
Beim Spatenstich zum "Turm der Erinnerung", von links nach rechts: Helge Baumann, Enni Janesch, Werner Becker-Bloningen, Kurt Franchy und Hagen Jobi. Foto: Günther Melzer

Als Vorsitzender des ältesten Vereins in Drabenderhöhe, des Heimatvereins, überbrachte Jochen Höhler die Glückwünsche der einheimischen Vereine, wobei es sich Dr. Alexander Rothkopf, Vorsitzender des Geschichtsvereins, nicht nehmen ließ in einem launischen Vortrag festzustellen, dass bei aller Besonderheit der Siebenbürger Sachsen wir alle doch „so ähnlich“ wären. Nachdem Harald Janesch, Vorsitzender der Landesgruppe Nordrhein-Westfalen, die Glückwünsche der Landsmannschaft und der 18 Kreisgruppen überbracht, und Uta Beckesch, Vorsitzende des Siebenbürgisch-Deutschen Heimatwerks, für die kostenlose Unterbringung des Heimatwerkes im Altenheim gedankt hatte, sorgte Ernst Birkholz - ein treuer Freund der Siebenbürger, der ein privates Heimat- und Kuhstallmuseum in Damte-Bielstein führt - für eine Überraschung: Er überbrachte in einem großen Bilderrahmen einen Scheck über 2 500 Euro für den Bau des Turmes der Erinnerung und überreichte eine Edelstahlhülse für die Baupläne und Urkunden zur Grundsteinlegung mit der Inschrift „Soli Deo gloria“ (Gott allein die Ehre). Es ist dieselbe Inschrift, die ein Zimmermann in das neue Chorgestühl der im Krieg zerstörten Drabenderhöher Kirche geschnitzt hatte.

Doppelte Erinnerung

Den zweiten Festvortrag hielt Dr. Roswita Guist über Adele Zay, die Namenspatronin des Vereins. Der Verein hatte damals diesen Namen bewusst gewählt, um die Erinnerung an die Person und das Wirken der herausragenden Erzieherpersönlichkeit ihrer Zeit im siebenbürgischen Raum wach zu halten. 1848 in Kronstadt geboren, entwickelte sie sich zu einer sozial engagierten, fortschrittlichen und mutigen Frau, die sich Zeit ihres Lebens für Frauen und Kinder einsetzte, wusste sie doch aus schmerzlicher Selbsterfahrung, wie schwer es gerade diese Gruppen in der Gesellschaft hatten: Für Frauen gab es kaum Erwerbsmöglichkeiten außerhalb des eigenen Hauses und Kinder galten als Begleiter der Erwachsenen ohne eigenen Wert. Ihr Vorbild wurden die Lehrpläne des Fröbel-Kindergartens, die sie weiter ausarbeitete und die dann 30 Jahre lang gelten sollten. „Wer Menschenkräfte vermehren will, muss Kinderkräfte entwickeln“ - dies wurde ihr Motto. Als Leiterin der Bildungsanstalt für Erzieherinnen in Kronstadt setzte sie sich ab 1884 und bis zu ihrem Tod 1928 auch für die Gleichberechtigung der Frauen im Lehrberuf ein (1903/04 wurde ein Lehrerinnenseminar eröffnet), insbesondere aber für Erziehung und Bildung. Sie vertrat die Auffassung, dass eine allgemeine und abgerundete Bildung nicht vom und auch nicht dem einzelnen Menschen gegebenen werden könne, sondern nur in der Gemeinschaft zu erhalten sei. „Wie der Mensch nur durch Menschen wahrhaftig zum Menschen wird, so ist das Kind nur unter Kindern wahrhaftig Kind“. Frau Guist schloss ihren Vortrag mit den Worten von Adele Zay: „Man kann alles, was man ernstlich will!“
Skizze des geplanten „Turms der Erinnerung“.
Skizze des geplanten „Turms der Erinnerung“.

Was hätte dieses Einstellung besser bestätigen können als der anstehende Spatenstich für zwei großartige Bauvorhaben. Nachdem Architekt Georg Tinnes die von Stefan Rothmann erstellte Multimedia-Show über typische Kirchenburgen und die Pläne für die neu zu erstellende Kapelle sowie den Turm der Erinnerung erläutert hatte, wurde die Festgesellschaft nach draußen zum Spatenstich gebeten. Nach Ansprachen von Hans Klein, Leiter des Altenheimes, sowie von Rechtsanwalt Herwig Bosch, Vorsitzender der Kreisgruppe Drabenderhöhe, und begleitet von der Siebenbürgischen Blaskapelle Drabenderhöhe unter der Leitung von Jürgen Poschner sowie dem Gebet von Pfarrer Müllenmeister erfolgten die Spatenstiche für die räumlich nicht weit entfernten Bauten: Jürgen Knabe, Kurt Franchy und Hans Klein nahmen gemeinsam den Spatenstich für die Kapelle vor, Hagen Jobi, Werner Becker-Bloningen, Herwig Bosch, Enni Janesch und Helge Baumann, Stellvertretende Vorsitzende des Hilfsvereins, für den Turm der Erinnerung. Mit dem Siebenbürgen-Lied und der Einladung zu dem vom Altenheim vorbereiteten Umtrunk fand der Festakt sein Ende. Wenn es nach dem Willen des Hilfsvereins geht, steht aber schon 2003 das nächste Fest an – die Einweihung der Kapelle und des Turms der Erinnerung.

Helga Bosch
Günther Melzer
Hans-Werner Schuster


(gedruckte Ausgabe: Siebenbürgische Zeitung, Folge 7 vom 30. April 2002, Seite 3)

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