11. April 2011

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Gutes erfahren und an die Gemeinschaft zurückgeben: Interview mit Enni Janesch

Die Europäische Kommission hat beschlossen, das Jahr 2011 zum „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ auszurufen. Ziel ist es, die Menschen für den Wert und die Bedeutung von ehrenamtlichem Einsatz als Ausdruck einer aktiven Bürgerbeteiligung zu sensibilisieren. Die 1941 in Stein geborene Anna Janesch gibt zu diesem Thema durch ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement ein vorbildliches Beispiel ab: Seit 1995 ist sie als Bundesfrauenreferentin des Verbandes tätig, seit 2003 ist sie Vorsitzende der Kreisgruppe Drabenderhöhe, seit 1994 im Stadtrat Wiehl, seit 40 Jahren im Vorstand des Honterus-Chores sowie Vorstandsmitglied im Adele-Zay-Verein. Anlässlich ihres Scheidens aus dem Amt der Bundesfrauenreferentin zieht Anna Janesch, besser bekannt als Enni, Bilanz und verweist auf ihre Wurzeln, die sie zum Ehrenamt gebracht haben. Das Interview führte Franziska Rill.
Welche Bilanz ziehen Sie nach langem Einsatz als Bundesfrauenreferentin des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland?
1995 wurde ich beim Verbandstag in Drabenderhöhe gewählt. Nun trete ich beim Verbandstag im November 2011 in Gundelsheim nicht mehr zur Wahl an. Ich denke, dass es gut ist, wenn nach 16 Jahren jüngere Frauen das Amt übernehmen und neue Ideen in unsere Arbeit bringen. Ich habe diese Arbeit sehr gerne gemacht, weil ich gerne mit Menschen zusammenarbeite und mich besonders auch für die Frauenarbeit einsetzen konnte. Das hat mich immer interessiert. Es wurde vieles erreicht, und diese Arbeit ist mir erleichtert worden, weil ich von der Basis her beurteilen kann, wie es in den Kreis- und Landesgruppen läuft. Ich arbeite seit 50 Jahren für unsere Landsmannschaft bzw. den Verband und kann meinen Einsatz dementsprechend koordinieren.

Wie stand es in dieser Zeit mit Herausforderungen und Zweifeln?
Schwierige Herausforderungen, bei denen ich überhaupt nicht wusste, wie es weitergeht, könnte ich nicht nennen. Anfallende Probleme konnten mit Unterstützung des Bundesvorstandes, der Kreisgruppen und Frauenreferentinnen immer gelöst werden. Die Resonanz war stets positiv und hat die Arbeit gefördert.
Man kann nicht alles erreichen, was man sich vorgenommen hat! Allerdings muss ich sagen, der Kontakt mit den siebenbürgischen Frauen, sei es aus der Kreis- oder Landesgruppe, lag mir eben sehr am Herzen und die Zusammenarbeit zwischen den Kreisgruppen, Landesgruppen und Bundesfrauenreferat ist sehr, sehr gut gelaufen. Auch weil die Frauen bereit waren mitzuhelfen. Sehr hilfreich waren unsere dreitägigen Tagungen. In den letzten Jahren war auch die Zusammenarbeit mit dem Bildungszentrum Heiligenhof und dem Leiter Gustav Binder hervorragend. Ein Höhepunkt in meiner Zeit als Bundesfrauenreferentin war die zehntägige Reise und Tagung 2002 in Siebenbürgen in Zusammenarbeit mit der Frauenarbeit der Evangelischen Kirche in Rumänien.

Sie schreiben der Frauenarbeit also einen sehr hohen Stellenwert zu.
Ja, natürlich. Die Frauen leisten wertvolle Arbeit in den Kreisgruppen, Landesgruppen, im Bereich der Kultur, bei der Betreuung unserer Mitglieder und der Organisation von großen Festen vor Ort. Ich wage den Ausspruch: Ohne den Einsatz der Frauen würde vieles nicht so gut gelingen. Vor 20, 30 Jahren, da waren im Bundesvorstand vielleicht ein, zwei Frauen. In der Zwischenzeit sind es zehn. Wir haben jetzt viele Frauen, die Vorsitzende der Landes- sowie Kreisgruppen sind. Dass sich das Frauenbild in unserem Verband so positiv entwickelt hat, freut mich sehr.

Seit 2003 sind Sie auch Vorsitzende der Kreisgruppe Drabenderhöhe. Weshalb haben Sie diese Aufgabe angenommen?
Ich war von Anfang an dabei und habe mitbekommen und mitgeholfen, wie diese Siedlung entstand und das Gemeinschaftsleben aufgebaut wurde. Ich war schon Jahre vor 2003 im Kreisvorstand, zuerst als Schriftführerin, dann als stellvertretende Vorsitzende und habe 40 Jahre lang im Vorstand des Honterus-Chores mitgearbeitet. Diese Beziehungen zu den Menschen waren meist ungetrübt, und es hat mich auch gereizt, das sächsische Gemeinschaftsleben und das Zusammenwirken mit dem Altdorf mitzugestalten.Siebenbürgisch-sächsisches Gemeinschaftsleben in ...Siebenbürgisch-sächsisches Gemeinschaftsleben in Drabenderhöhe: die Theatergruppe des Honterus-Chores mit dem Lustspiel „Der lädich Kreach“ von Julius Orendi. Foto: Christian Melzer Welches war, Ihrer Ansicht nach, der Hauptgrund für diese Besetzung?
Also ich denke, ich bin hier wohl doch recht bekannt. In der Nachfolge der langjährigen Vorsitzenden Robert Gassner und Herwig Bosch, mit denen ich immer eng zusammengearbeitet habe, ist mir schon viel Vertrauen entgegengebracht worden.

Sie haben ja auch schon das gemeinsame Leben mit dem Altdorf erwähnt. Wie steht es heute mit der Zusammenarbeit?
Man hat immer nach Kompromisslösungen gesucht und auch Gott sei Dank immer gefunden, denn es war nicht so ganz einfach: Drabenderhöhe hatte 1965 630 Einwohner und dann kommen innerhalb von, sagen wir 20 Jahren, 3000 Neubürger dazu. Ich denke, das verlangt von beiden Seiten sehr viel Toleranz. Man muss aufeinander zugehen, miteinander reden und das ist uns hier gelungen, was die, 1991 im Bundeswettbewerb erhaltene Goldmedaille, die ganz Drabenderhöhe für die vorbildliche Integration bekam, bestätigt. Die Vereine des Ortes treffen sich einmal im Jahr zum Gespräch am „Runden Tisch“, bereden die Termine und stimmen sie aufeinander ab, damit die zahlreichen Veranstaltungen nicht an denselben Tagen stattfinden.
Als die Siedlung entstand, kamen viele evangelische Christen in den Ort. Man überlegte damals, ob man für die Siebenbürger Sachsen eine neue Kirche bauen sollte, und hat es nicht getan. Die jahrhundertealte evangelische Dorfkirche wurde durch Emporen erweitert, so dass nun mehr Platz in der Kirche ist. Dazu kam ein neues evangelisches Gemeindehaus. Die Veranstaltungen werden abgesprochen und können je nach Bedarf im Gemeindehaus oder Kulturhaus zusammen abgehalten werden. Also, es klappt, sehr gut und ich denke, das ist den Menschen im Altort und in der Siedlung zu verdanken.

Das Kulturhaus Hermann Oberth wurde kürzlich in „Kulturhaus Drabenderhöhe – Siebenbürgen“ umbenannt. Diesbezüglich ist die Zusammenarbeit doch nicht gut gelaufen.
Das hat nichts mit dem Zusammenhalt in Drabenderhöhe zu tun. Der Stadtrat von Wiehl hat auf Antrag eines Stadtverordneten das Kulturhaus umbenannt wegen Äußerungen von Hermann Oberth in seiner „Wählerfibel für ein Weltparlament“. Wir Siebenbürger Sachsen waren gegen die Umbenennung, doch wir hatten bei der Abstimmung im Stadtrat keine Mehrheit. Dieser Vorgang hat mir viele schlaflose Nächte bereitet.

Im „Europäischen Jahr der Freiwilligentätigkeit“ muss man leider feststellen, dass das Ehrenamt heute nicht mehr so hoch im Kurs steht wie früher. Sie selbst haben einmal gesagt, dass sich die Leute um die ehrenamtliche Arbeit nicht mehr so reißen.
So ist es. Als ich am Anfang meiner ehrenamt­lichen Tätigkeit stand, da weiß ich, war es noch eine besondere Ehre, dass man, zum Beispiel, als Kreis- oder Landesvorsitzende gewählt wurde. Wir merken ja nun selbst bei den Wahlen, wie schwierig es geworden ist, Kandidaten für ehrenamtliche Arbeit zu begeistern. Viele bieten zwar Hilfe an, aber vor richtiger, dauerhafter Verantwortung schrecken sie dann zurück.

Und Sie haben sich damals, als Sie begonnen haben, diese Verantwortung zugetraut.
Die Ursprünge meiner ehrenamtlichen Tätigkeit liegen wohl in meiner Kindheit und Jugend. Ich bin im sächsischen Dorf Stein aufgewachsen. Zu der Zeit gab es dort noch eine gut funktionierende Gemeinschaft unter der Leitung der Kirche, der Nachbarschaften sowie der Bruder- und Schwesternschaften. Trotz der sehr schwierigen Zeit hat die Gemeinschaft zusammengehalten und für den Nächsten gesorgt. Ich denke daher kommt auch meine Einstellung zur Gemeinschaft. 1958 bin ich aus Siebenbürgen ausgereist zu meinen Eltern, die durch Russlandverschleppung und Krieg erstmal in Österreich und dann in die siebenbürgisch-sächsische Siedlung nach Oberhausen umgezogen waren. Dort gab es wieder eine siebenbürgisch-sächsisch geprägte Kreisgruppe mit Chor und Blaskapelle und Frauenverein. Als meine Eltern 1965 nach Drabenderhöhe zogen, entstand hier auch wieder eine Gemeinschaft, zu der man gehörte und in die man eingebunden war. Ich denke, es war eine Fortsetzung der Erfahrungen aus der Kindheit: Man erfährt Gutes von dieser Gemeinschaft und ist somit auch verantwortlich für sie.

Wie haben Sie diese vielseitige ehrenamtliche Arbeit mit dem Familienleben vereinbaren können?
Meine Familie hat mich immer unterstützt, und dafür bin ich auch sehr dankbar. Mein Mann Harald ist auch sehr vielseitig im Ehrenamt tätig. Bei uns klappt die Absprache halt gut. Wir haben uns immer abgesprochen, wer welche Arbeit verrichtet. Unsere Kinder haben auch immer sehr viel Verständnis dafür gehabt und uns unterstützt. Nicht zu vergessen ist die Hilfe unserer Eltern, die auch in Drabenderhöhe lebten. Wir konnten unseren Familienhaushalt eigentlich immer sehr gut organisieren.

Warum würden Sie auch anderen Menschen empfehlen, ein Ehrenamt auszuüben?
Jeder Mensch findet etwas, wo er zugehörig ist und wo er sich einbringen kann. Wir müssen heute in unserem Land alle dankbar für das sein, was wir eigentlich alles haben und empfangen. Jeder der etwas Gutes erlebt und empfängt, müsste auch die Verpflichtung spüren, etwas davon an die Gesellschaft zurückzugeben. Unsere Gesellschaft ist heute so aufgebaut, dass sie ohne Ehrenamt in dem Maße nicht funktionieren würde.
In den Vereinen und vielen Einrichtungen kann man sich gut einbringen. Durch die ehrenamtliche Arbeit bekommt man Freunde und erfährt auch Freude. Ich denke, diese Freude, für andere da zu sein und etwas zurückzubekommen, das ist schon ein toller Erfolg. Diesen Erfolg in einer Gemeinschaft zu erleben, ist ein ganz gutes Gefühl. Jeder, der ein Ehrenamt ausübt, der hat bestimmt auch für sich selbst einen Gewinn: Man muss sich etwas aneignen, Neues dazu lernen.

Können Eltern ihre Kinder dazu bewegen, ein Ehrenamt auszuüben?
Natürlich, allerdings können sie sie nicht in eine bestimmte ehernamtliche Arbeit hineindrängen. Man muss der Jugend die Zeit und die Chance geben, sich ihren Interessen gemäß zu entwickeln. Ein gutes Beispiel ist unsere siebenbürgische Jugend unter der Leitung der Siebenbürgisch-Sächsischen Jugend in Deutschland (SJD), die gut vorzeigbare, ehrenamtliche Arbeit leistet, gut sichtbar bei den Heimattagen in Dinkelsbühl oder bei den Volkstanzwettbewerben. Unabhängig davon gibt es bestimmt zahlreiche Jugendliche, die sich in den an ihrem Wohnort vorhandenen Vereinen ehrenamtlich einbringen. Also ich denke, obwohl es heute schwieriger geworden ist, so ganz düster sieht die Zukunft nicht aus.

Frau Janesch, ich danke Ihnen für das Interview!

Schlagwörter: Verbandstag 2011, Frauenarbeit, Verbandspolitik, Ehrenamt

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