3. Dezember 2014

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Interview mit Richard Wagner: „Bei der Literatur war ich immer“

Am 31. Oktober 2014 wurde dem Banater Schriftsteller Richard Wagner vom Berliner Kulturstaatssekretär Tim Renner im Auftrag von Bundespräsident Joachim Gauck das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland überreicht. Ausgezeichnet wurde sein bedeutendes literarisches Lebenswerk ebenso wie sein mutiges Engagement in der rumänischen Opposition. Das folgende Gespräch führte Edith Ottschofski.
Lieber Richard, herzlichen Glückwunsch zum Bundesverdienstorden! Hast du dich darüber gefreut?
Ja, ich habe mich gefreut, natürlich, weil es auch eine Anerkennung ist, letzten Endes. Einen Orden, und von einem solchen Staat, der schließlich und endlich der beste in der deutschen Geschichte ist, kann man schon annehmen.

Du bist in vielen Genres zu Hause, als Lyriker, als Romanautor, als Essayist. Gibt es ein Genre, das du bevorzugst, oder wie würdest du dich definieren?
Ich war ursprünglich ein Lyriker, ein absoluter Lyriker, und habe erst danach angefangen Prosa zu schreiben. Das hängt auch von den Themen ab, und da war diese Epochensituation in den 80er und 90er Jahren, ’68 und ’89. Das alles, und sie verlangte nach der Prosa. Man kann über eine Diktatur kaum Gedichte schreiben, ohne sie zu einem Kreuzworträtsel zu machen. Um eine Diktatur zu erklären, zu beschreiben, zu analysieren, dazu braucht man schon eine Erzählung.

Wie bist du zur Literatur gekommen? Kannst du das kurz skizzieren?
Bei der Literatur war ich immer schon. Zur Literatur findet man nicht, sie ist bei einem, entweder ist sie da oder sie ist nicht da. Das fängt mit dem Lesen an. Der Schriftsteller kommt nach dem Leser. Ich habe immer schon gelesen. Mit 14 Jahren wollte ich einen Karl May-Roman schreiben, darauf Hesses Steppenwolf, und einen Reisebericht des Sven Hedin. Mit 18 liest man dann Kafka, und damit fangen die Probleme an.

Du hast zusammen mit Johann Lippet, William Totok und anderen die Aktionsgruppe Banat gegründet. Wie würdest du sie heute betrachten? Hat sich der Kampf gelohnt, um es pathetisch zu formulieren?
Der Kampf hat sich auf jeden Fall gelohnt, die Frage ist jetzt nur, wie man das im Ergebnis betrachtet. Es war zum einen ein Kampf um die Literatur. Im Banat gab es ja kaum eine gültige Literatur, bis wir kamen. Wir haben eigentlich die Banater ernsthafte Literatur begründet. Zum anderen war es ein politischer Kampf, der sich auch gegen die Mentalität der Landsleute richtete. Wir waren die ersten, die über die Nazi-Vergangenheit der Banater Schwaben offen reden wollten. Und das dritte Anliegen, wiederum ein politisches, war der Kampf gegen das totalitäre Regime, das viele Facetten haben konnte und zahlreiche Gesichter: Von Stalin bis Mussolini. Zeitweise wirkte es durchaus leger – um ’68 herum – immer öfter aber unerträglich. Auch diesen Kampf haben wir schließlich gewonnen, wenn man so will, mit dem Tag, an dem Ceauşescu und seine Dame erschossen wurden.

Gesundheitlich angeschlagen, aber mit ...Gesundheitlich angeschlagen, aber mit ungebrochener Kampfkraft und Schreiblust: Richard Wagner, hier während eines Securitateprozesses beim Landgericht München im April 2011. Foto: Konrad Klein Und hattet ihr Respekt vor dem Regime oder habt ihr es provoziert und ausgereizt, was ging?
Wir waren, sagen wir es mal so, Kinder von ’68. Unsere Auftritte hatten den Happening-Charakter und die kreative Spontaneität, die im Westen damals entwickelt worden ist. Daran haben wir uns orientiert. Wir waren nicht Oppositionelle in einem herkömmlichen Sinn. Wir haben uns über alles Ideologische lustig gemacht, auch über den eigenen Bierernst. Es ist die Sprache, die das System und seine Intentionen verrät.
Ich war in der Partei. Bei der Aktenöffnung aber hat sich herausgestellt, dass die Abteilung der Securitate, in der wir „bearbeitet“ wurden, den Namen: Naţionalişti şi fascişti germani trug, also: Deutsche Nationalisten und Faschisten. Das zeigt ein weiteres Mal die Inkohärenz des Systems, seine Neigung zur Balkanitis.

Was sollte man heute im Umgang mit der Securitate anders machen?
Jede Diskussion darüber ist seit einer Weile in Frage gestellt. Dafür sorgt ein prozessfreudiger Kollege.

Was ist Heimat für dich?
Heimat ist ein Ort der Geborgenheit, des Zuhause-Seins, und ist durch Kulturgeschichte und durch Sprache gegeben. Man ist nur dort zu Hause, wo man die Sprache hört, wo man in sie hineinhorcht und wo das Wort mehr sagt, als ein technisch gemeinter Ausdruck. Heimat hat mit Kindheit zu tun. Es geht um den Horizont der ersten Erfahrungen, die einen prägen. Man wird immer, wenn man den Regen hört, an einem Novembertag oder so, wird man sich immer an die Situation erinnern, wo man den ersten Novemberregen erlebt hat. Und das ist dann der aus dem Banat.

Dein neues Buch, das im Frühjahr erscheint, ist „Herr Parkinson“. Wie bist du zu diesem Titel gekommen?
Es ist ja nun so, dass ich selber die Krankheit habe und das Vergnügen habe dazu, so dass ich irgendwann anfing vom „Herrn Parkinson“ zu sprechen. Es ergab sich so, weil er ja immer präsent war. Später stellte ich fest, dass ich nicht der Erfinder dieser Anrede bin. Viele Parkinson-Kranke sind von sich aus auch zu dieser Namensgebung gekommen. Deshalb habe ich das „Herr Parkinson“ genannt.

Was bedeutet diese Krankheit für dich? Was kann man von ihr – so merkwürdig es klingt – lernen?
Disziplin kann man von ihr lernen. Man kann lernen, dass man begrenzt ist und dass man sich seine Rechnung machen muss mit der Existenz. Man kann zwar vieles anstellen, aber man muss auch ans Maß der Dinge erinnert werden. Und eine solche Krankheit erlaubt nicht den Exzess. Und das ist das, was man lernen kann, dass man bewusster lebt und dass alles, was man tut, auch einen gewissen Wert hat.

Du hast aber immer weiter geschrieben und dich nicht unterkriegen lassen.
Ja, darüber wundern sich einige. Die Leute teilen ihr Leben in Arbeit und in Schlendrian ein. Ich teile mein Leben nicht so ein. Als Parkinson-Kranker hat man mehr Zeit als andere Leute, man ist halt langsam, wenn man aber langsam denkt, denkt man vielleicht auch Gescheiteres, als wenn man mal schnell etwas denkt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das vollständige Interview erscheint in der „Matrix – Zeitschrift für Literatur und Kunst“, Heft 2/2014, im POP-Verlag in Ludwigsburg.

Schlagwörter: Interview, Schriftsteller, Wagner, Banater, Literatur

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