18. Januar 2021

Dichter, Geschichtenerzähler, Romancier: Dem banat-schwäbischen Schriftsteller Johann Lippet zum 70.

Wiseschdia, rumänisch Vizejdia, zählt zu den kleinen und vom Hauptverkehr bis heute abgehängten Dörfern der Banater Heide. Solche Situationen prägten die Menschen der Gemeinschaft. Aus diesem Ort mit knapp 700 Einwohnern im Jahr 1940, Deutsche bis auf vier Rumänen, stammte die Familie Lippet, der in der Fremde (Wels, Österreich) am 12. Januar 1951 das erste Kind, der Sohn Johann, geboren wurde.
Johann Lippet in Temeswar, 1975 aufgenommen von ...
Johann Lippet in Temeswar, 1975 aufgenommen von Luzian Geier.
Fünf Jahre später kehrte die Familie ins Dorf der Vorfahren zurück, Ereignis mit Folgen für viel literarischen Stoff. „biographie. ein muster“ (Gedicht/e aus 1977, Kriterion Bukarest 1980, Reihe kriterion hefte) stand daher am Anfang der Buchveröffentlichungen des jungen Autors Johann Lippet, der als Lyzeaner in Großsanktnikolaus und Germanistik-Student in Temeswar ab 1969 erste Gedichte in Zeitungen und danach in Anthologien (Temeswar 1972, 1979, Klausenburg 1976) veröffentlichte. Für dieses breit angelegte Langgedicht erhielt Lippet im selben Jahr den Debütpreis des Schriftstellerverbandes. Das Poem kündigte den langen Atem an für die bald folgenden längeren Erzählungen, Geschichten und Romane.

Lippet erzählt seine Geschichte, wie später die seiner Akte – ein Bändchen über die Bespitzelungen durch den rumänischen Geheimdienst –, und viele andere Geschichten. Sie belegen den Weg zum Autor lesenswerter Romane – ein halbes Dutzend –, die uns mit der Zeitgeschichte in Rumänien konfrontieren. Sie fußen alle auf gründlicher, akribischer Recherche der Fakten, die Rumäniendeutschen allgemein betreffend, und reichen thematisch über das Banat hinaus. So beispielsweise die neueren Romane „Die Tür zur hinteren Küche“ (2000) und „Das Feld räumen“ (2005), die als „plastisches Panorama“ gelten für die Endzeit der Gemeinschaft der Deutschen in Rumänien und als literarische Aufarbeitung dieses Exodus. Die Zeit schrieb dazu: „Hier ist jemand ebenso unaufdringlich wie konzentriert an der Arbeit. Der Arbeit des Sich-Erinnerns, -Festhaltens, der Suche nach verlorener Zeit, verlorenem Land.“ Beide Bücher wurden ins Ungarische übersetzt und 2016 in Budapest veröffentlicht. Oder auch der jüngste abgeschlossene und veröffentlichte Band „Wegkreuze“ aus dem Jahr 2017 mit der Sammlung beobachteter, gehörter, gelesener und anderer „Geschichten“. So im Untertitel.

Anders als bei einigen Autoren der neun Gründer (1972) der später sogenannten Aktionsgruppe Banat liest sich bei Lippet die Nähe und Verbundenheit zu seinem Dorf, zum ländlichen Mikrokosmos, zur kleinen Welt, deren Wandel und Untergang in einigen der inzwischen auf über 20 Bände angewachsenen Werk thematisiert wird, ohne dabei unterschwellig Sozialkritik auszusparen, oft mit Humor und Lakonie. Er kann in der Sprache schreiben, die Authentizität gibt.

Pseudo-Roman, unechte Chronik

Einen besonderen literarischen Stellenwert im bisherigen Schaffen nimmt das Buch „Dorfchronik, ein Roman“ ein, so die Titeldefinition des Autors (2010, ISBN-13:978-3-937139-99-9). Es ist ein wichtiges Werk für die Banatdeutschen und ihre Literatur, mit vielen inhaltlichen Verbindungen zu den Siebenbürger Sachsen wie auch mit vielen Parallelen zu Kriegs- und Nachkriegsgeschehen, die nachhaltig auf das Schicksal der Deutschen in Rumänien wirkten. Es ist ein eigenwilliges, eigenartiges literarisch-dokumentarisches Werk, ein Pseudo-Roman, aber auch eine unechte, ungewöhnliche Dorfchronik trotz Tatsachenhintergrund und schicksalhafter Zusammenhänge in den einzelnen Geschichten. Das umfangreiche Fresko (790 Seiten) umfasst einen Prolog und einen Epilog, zwischen denen anhand von 179 Dorf- bzw. Familien(Haus)geschichten das Leben einer kleinen, weitgehend geschlossenen und in sich verwobenen banatschwäbischen Gemeinschaft literarisch präsentiert, man könnte fast sagen dokumentiert wird. Dabei hat man als Leser den Eindruck, dass der Schreiber vieles als selbstverständlich ansieht, er schimpft nicht und verurteilt nicht, wird nicht boshaft. Und man weiß nie, wo und was Fiktion und was subjektive Lebensgeschichte bzw. Wirklichkeit ist (war). Fiktion ist kein vordergründiges Mittel für den Zeit- und Handlungsrahmen. Dieses Buch ist zu den Banater Literaturveröffentlichen zu zählen, die erzähl- und detailfreudig festgehalten haben, was an Erinnerungen über diesen historischen Raum und seine Menschen bleibend in die Zukunft getragen werden soll. Der Autor legt gewissermaßen ein schöngeistiges Zeugnis ab, verarbeitet eigene Erfahrungen sowie Freuden, Hoffnungen, Nöte und Ängste seiner Protagonisten. Er wird eingehen als „Treuhänder dieses Verlustes“ (so der Literaturkritiker Peter Motzan). Seine Genauigkeit – er hat wahnsinnig viel minutiös festgehalten, was schon längst vergessen ist – erhöh die Glaubwürdigkeit und die Suggestivität der Sprache.

Zwischendurch meldete sich immer wieder der Lyriker zu Wort, sprachgewandt und einfallsreich, wie im Band „Banater Alphabet“ (2001) oder zuletzt mit „Kopfzeile – Fußzeile“ aus dem Jahr 2016. Auch da ist sich der Dichter treu geblieben, ohne Brüche, so wie er als Mensch geradlinig durch die Umbrüche im eigenen wechselvollen Leben gegangen ist.

Johann Lippet studierte 1970-1974 Germanistik und Rumänistik an der Temeswarer Universität, Jahren, in denen der Mitbegründer der jungen Autoren-Gruppe politisierter und opponierender Studenten immer zum Kern gehörte. Darüber und über die Zeit im Temeswarer deutschen Literaturkries „Adam Müller-Guttenbrunn“ (1977-1984) erschien aus seiner Feder eine längere Fortsetzungsfolge Streiflichter unter dem Titel „Wir werden wie im Märchen sterben“ in der Banater Zeitung (2012).

Nach dem Studium wirkte der Deutschlehrer in Temeswar, seit 1978 als Dramaturg am deutschen Staatstheater der Stadt. Nach der Ausreise mit seiner Familie 1987 in die Bundesrepublik Deutschland war Lippet in Mannheim (Theater) und Heidelberg tätig. Der Schriftsteller und Übersetzer rumänischer Autoren lebt in Sandhausen bei Heidelberg, seit 1998 als Freischaffender. Im Gesamtwerk des Schriftstellers blieben das Banat und das Schicksal seiner Menschen bis zum jüngsten Buch (Roman-Fragment, 2019) ein Leitthema – der aufmerksame, nur scheinbar stille Beobachter und geduldige Zuhörer mittendrin von damals und heute weiß, worüber er schreibt.

Zuletzt erschienene wichtige Einschätzungen zu Werk und Person des Schriftstellers Johann Lippet stammen von einem Insider, dem Mitbegründer des erwähnten damaligen Autorenkreises, dem inzwischen emeritierten Prof. Dr. Anton Sterbling. Im 2019 herausgegebenen Band „Über deutsche Dichter, Schriftsteller und Intellektuelle aus Rumänien“ stellt der Autor in diesem Buch zusammen mit Lippet noch Herta Müller, Richard Wagner, Paul Schuster, Ilse Hehn, Hellmut Seiler, Horst Samson und Werner Kremm vor.

Luzian Geier

Schlagwörter: Porträt, Geburtstag, Dichter, Schriftsteller, Banat

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