12. Mai 2021

Senator Dr. Peter Boehm im Interview: Ein hohes Maß an internationaler Zusammenarbeit ist erforderlich

Dr. Peter Boehm, einer der herausragendsten Diplomaten Kanadas, gibt im folgenden Interview mit SbZ-Chefredakteur Siegbert Bruss Auskunft über seine parlamentarische Arbeit, seinen Bezug zur siebenbürgischen Heimat und die Herausforderungen der Coronakrise. Geboren wurde er 1954 in Kitchener, Ontario, als ältester Sohn von Michael und Anna Boehm, die aus Waltersdorf und Draas in Siebenbürgen stammen. Er wirkte u.a. als Botschafter Kanadas in Berlin (2008-2012) und als Staatssekretär und Vizeaußenminister im Außenministerium Kanadas. Seine 37-jährige Beamtenlaufbahn beendete er im September 2018 und vertritt seither als Senator die Provinz Ontario im kanadischen Parlament (siehe Interview in der SbZ Online vom 2. Februar 2019). Kürzlich wurde er zum Vorsitzenden des Außenpolitik- und Handelsausschusses des Senats von Kanada und zum Vorsitzenden der Deutsch-Kanadischen Parlamentariergruppe gewählt.
Senator Dr. Peter Boehm ...
Senator Dr. Peter Boehm
Seit Oktober 2018 vertreten Sie als Senator die Provinz Ontario im kanadischen Parlament. Wie haben Sie sich in dieses Amt eingearbeitet?

Ich habe meine Zeit im Senat genossen. In vielerlei Hinsicht bedeutete dies eine Änderung des Schwerpunkts in meiner Karriere, das heißt vom Staatssekretär, der eine Abteilung oder internationale Initiative leitet, zum Gesetzgeber. Es ist auch ganz anders als Botschafter zu sein; Politik neigt dazu, roh und manchmal rau zu sein. Ich war an einer Reihe von Projekten beteiligt und war im vergangenen Jahr und in einigen Monaten wie viele andere mit der Reaktion unserer Regierung auf die Covid-Pandemie beschäftigt, die größte globale Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg. Zuvor war ich Sponsor des Senats für die Gesetzgebung zum Bundeshaushalt und das neu ausgehandelte nordamerikanische Freihandelsabkommen mit den Vereinigten Staaten und Mexiko.

Welche gegensätzlichen Kräfte kommen bei der Corona-Pandemie zum Ausdruck? Wie sehen Sie die aktuelle Krise und die Zeit danach?

Wie in anderen Ländern erforderte die Reaktion in Kanada auf die Pandemie ein ausgewogenes Verhältnis zwischen den verfassungsrechtlichen Verantwortlichkeiten des Bundes und der Provinzen, der Notwendigkeit, die öffentliche Sicherheit durch Impfung und soziale Distanzierung zu gewährleisten, und der wirtschaftlichen Unterstützung für die meisten anderen Betroffenen und natürlich dem Schutz der Freiheiten, die uns allen am Herzen liegen. Da wir keine eigene inländische Impfstoffproduktion haben, ist der Import von entscheidender Bedeutung. Wir sind glücklicherweise auf einem Weg, so dass die meisten Kanadier ihre Impfstoffe erwartungsgemäß bis Ende des Sommers erhalten werden. Mit Blick auf die Zukunft könnte das Wiederaufleben der Weltwirtschaft weit vor erneuten internationalen Reisen liegen. Es wird ein außerordentliches Maß an internationaler Zusammenarbeit geben müssen, die von den G7 und G20 geleitet wird, in enger Abstimmung mit den Vereinten Nationen und ihren Agenturen, insbesondere der WHO, um der Ausbreitung des Virus und seiner Varianten entgegenzuwirken sowie die Gesundheit für die ärmsten Länder zu gewährleisten. Wir müssen besser auf die nächste Pandemie vorbereitet sein.

Sie sind neuerdings Vorsitzender des Außenpolitik- und Handelsausschusses des Senats von Kanada. Welche Aufgaben und Handlungsmöglichkeiten ergeben sich für Sie in diesem Amt?

Wie in unserer anderen Senatsarbeit wird sich der Ständige Ausschuss für auswärtige Angelegenheiten und internationalen Handel des Senats, dessen Vorsitzender ich bin, auf die internationale Pandemie-Reaktion konzentrieren. Ebenso unterstützen wir die „COVAX“-Initiative [COVAX ist die Abkürzung für Covid-19 Vaccines Global Access – Anmerkung der Redaktion], die auch ärmeren Ländern den Zugang zu Impfstoffen ermöglichen soll. Die Diplomatie wird künftig anders sein: weniger Reisen zu internationalen Konferenzen sowie eine stärkere Abhängigkeit von virtuellen Internetplattformen für Besprechungen und Konsultationen. Wir haben schnell gehandelt und Gesetze verabschiedet, die das Handelsabkommen mit dem Vereinigten Königreich von Großbritannien fortsetzen, nachdem dieses aus der Europäischen Union ausgetreten war. Ich vermute, dass unser Ausschuss, wie ähnliche Gremien in der ganzen Welt, nicht nur auf Gesetzgebungsprojekte der Regierung reagieren, sondern auch sehen wird, wie wir in der Lage sein werden, unsere Geschäfte in Zukunft zu führen. Wir sind weiterhin besorgt über die Instabilität in der Welt, die geostrategischen Rivalitäten, die Auswirkungen des Klimawandels, die Erosion der Demokratie, Vertreibungen und Menschenrechtsverletzungen.

Sie waren Botschafter Kanadas in Berlin und wurden nun von kanadischer Seite zum Vorsitzenden der Deutsch-Kanadischen Parlamentariergruppe ernannt. Welche Ideen möchten Sie dabei einbringen?

Ich habe nur die schönsten Erinnerungen an meine Zeit als kanadischer Botschafter in Deutschland und pflege den Kontakt zu vielen Freunden in Deutschland aus dieser Zeit. Es ist interessant für mich, Politiker wieder zu treffen, nun, da ich auch Politiker bin. Die Interparlamentarische Fraktion Deutschland-Kanada sollte 2021 in Deutschland zusammenkommen, musste nun aber virtuell tagen, was nicht ganz dasselbe ist. Als Politiker in Verbänden haben wir viel zu vergleichen und zu diskutieren, ob es sich um eine Pandemie, fiskalökonomische Bedenken, einen freieren Welthandel oder die Auswirkungen des Klimawandels handelt. Ich sehe Deutschland auch als unseren Einstiegspunkt in die Europäische Union und als Dreh- und Angelpunkt für die Verbesserung unserer Handels- und Investitionsbeziehungen, wie sie im umfassenden Wirtschafts- und Handelsabkommen zwischen Kanada und der EU (CETA) vereinbart wurden. In einer perfekten Welt sollten wir auch in der Lage sein, einen Teil unseres parlamentarischen Personals auszutauschen. Wir können voneinander lernen. Die Arbeit an unseren gemeinsamen Zielen wird sich, obwohl sie aufgrund der Pandemie bereits langsamer geworden ist, noch einmal verlangsamen, weil Deutschland bald in seinen föderalen Wahlzyklus eintritt. Unsere Wahlen in Kanada sind zeitlich auch nicht mehr weit entfernt.

Zurzeit ist auch das siebenbürgische Kultur- und Gemeinschaftsleben in den jeweiligen Ländern lahm gelegt. Wie werden sich nach Ihrer Einschätzung die globalen Änderungen der Coronakrise auf das Leben der Siebenbürger Sachsen auswirken?

Nachdem ich mehrmals an unserem Heimattag in Dinkelsbühl teilgenommen habe, kann ich mir ein virtuelles Gedenken an unser großes Erbe kaum vorstellen. Doch das ist die aktuelle Lage. Im Laufe der Geschichte waren die Siebenbürger widerstandsfähig, mutig und haben ihre kulturelle Identität bewahrt. Dieses wird sich nicht ändern. Ebenso werden wir uns weiterhin sozial engagieren und uns um unsere Schwächsten kümmern. Seit 1989 ist es einfacher, in direkten Kontakt mit jenen zu treten, die in der alten Heimat geblieben sind. Gleichzeitig können wir sicherstellen, dass die nächsten Generationen, wo immer sie auf der Welt leben, sich unseres reichen Kulturerbes bewusst bleiben.
Holzlade aus dem Jahr 1816 im Besitz der Familie ...
Holzlade aus dem Jahr 1816 im Besitz der Familie ­Boehm in Kanada.
Wie gelingt es Ihnen, neben Ihrer Senatskarriere, die Beziehungen zu Ihren Landsleuten zu pflegen?

Ich halte mich gerne über Ereignisse in unserer breiteren siebenbürgischen Gemeinschaft auf dem Laufenden. Ich bin ein begeisterter Leser der Siebenbürgischen Zeitung sowohl in Papierform als auch online. Kitchener ist ungefähr sechs Autostunden von Ottawa entfernt und ich versuche, meine Eltern so oft wie möglich zu besuchen. Meine Mitgliedschaft im Transylvania Club bleibt aktiv, obwohl der Club seine Festhalle verloren hat. Meine Eltern haben kürzlich den schwierigen Umzug in ein Altersheim gemacht, und es war emotional und sehr ergreifend für mich, die Schätze anzuschauen, die sie auf ihrer plötzlichen Flucht aus Siebenbürgen mitgebracht haben: Krüge, Webereien und typische Erinnerungsstücke. Meine Mutter hat mir kürzlich eine bemalte Holzkiste gegeben, die die Reise überlebt hat. Sie wurde 1816 von meinem Vorfahren Andreas Jacobi angefertigt und trägt die Aufschrift „Rosen und Nelken, alle Blumen verwelken, aber unsere Liebe und Freundschaft nicht.“ So ist es. Und ich freue mich auf die Teilnahme an einem zukünftigen Heimattag.

Besten Dank für das Interview und viel Erfolg in Ihren Vorhaben!

Schlagwörter: Politik, Diplomat, Parlament, Kanada, Botschafter, Peter Boehm

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