29. April 2026
Interview mit Adelheit Szekeresch, Autorin des Romans „Regentränen“
Adelheit Szekeresch, geboren 1957 in Lugosch, wo sie 1976 Abitur an der deutschen Abteilung des „Coriolan Brediceanu“-Gymnasiums machte, studierte 1976-1982 in Temeswar Medizin und arbeitete anschließend als Ärztin in einer Dorfpraxis. Im Mai 1989 floh sie aus dem damals noch sozialistischen Rumänien und ist seither in Deutschland als Ärztin tätig, zuletzt am Klinikum Stuttgart. Ihr erster Roman „Papierflugzeug“ erschien 2013 im Ludwigsburger Pop Verlag. Mit der Autorin Barbara Zeizinger sprach sie über ihr neues Buch „Regentränen“.

„Regentränen“ ist ein Liebes- und Abenteuerroman mit historisch-politischem Hintergrund, der sich an all jene richtet, die sich daran erinnern wollen, wie wir mit den Fesseln des Eisernen Vorhangs und den Auswirkungen seiner Gesetzlichkeiten gelebt und unter ihnen gelitten haben.
Ich habe die im Roman beschriebenen 60er- und 70er-Jahre als jüngere Ausgabe meiner selbst in Rumänien verbracht und konnte, ja musste notgedrungen die Maulkörbe und die Gitterstäbe des sozialistischen Stacheldrahtkäfigs zur Genüge kennenlernen. Es gab natürlich unter meinen damaligen Landsleuten großartige Menschen, die den Mut hatten, sich dagegen aufzulehnen und aufzubegehren. Die meisten von uns hatten diesen Mut jedoch eher nicht. Und ich selbst gehöre zu Letzteren. Meine einzige Auflehnung bestand darin, dass ich im Mai 1989 zusammen mit meinem Mann über die Donau nach Jugoslawien und von dort nach Deutschland geflüchtet bin. Und ich muss gestehen: Wenn ich geahnt hätte, dass nur ein halbes Jahr später eine Revolution bevorstand, hätte ich das vermutlich auch nicht getan, sondern abgewartet. Aber so bin ich kurz vor der Revolution noch schnell geflüchtet und habe dabei als ganz normaler, nicht sonderlich mutiger Mensch Erfahrungen gemacht, die ich nie vergessen werde.
Das war auch eines der Anliegen meiner beiden Bücher: Schicksale von ganz gewöhnlichen Normalbürgern zu schildern, die bei der Bewältigung ihrer mehr oder weniger schwierigen Alltagsprobleme an die Gitterstäbe des sozialistischen Käfigs geraten und sich an ihnen und ihren Auswirkungen die Stirn blutig stoßen.
Ich hatte aber noch ein weiteres, sehr viel größeres Anliegen: die zum Teil äußerst gefährlichen Wege zu schildern, die Rumäniendeutsche bei ihrer Ausreise oder auch Flucht aus Rumänien gegangen sind. Es gab und gibt unendlich viele Fluchtgeschichten auf der Welt, bedingt durch Krieg, menschenverachtende politische Systeme, Naturkatastrophen und Hungersnöte. Die Wege der Rumäniendeutschen von damals sind nur ein verschwindend geringer Teil davon und gehören zum Glück längst der Vergangenheit an. Aber die rumänische Grenze war die blutigste Grenze Osteuropas. Johann Steiner und Doina Magheţi haben dies in ihren beiden Büchern anhand von Tatsachenberichten sehr eindrucksvoll zusammengetragen. Und die Schicksale, die sich dort abgespielt haben, sollten nicht vollständig in Vergessenheit geraten. Sie verdienen es, gewürdigt zu werden – auf welche Weise auch immer. Dazu wollte ich einen, wenn auch verschwindend geringen, Beitrag leisten.
Meine Protagonisten sind fiktiv, und auch die Handlung ist frei erfunden. Aber sie sind eng angelehnt an Tatsachen, an Schilderungen, an Erinnerungen, die Landsleute mir in ihren Erzählungen offenbart und anvertraut haben.
Bereits dein Debütroman „Papierflugzeug“ von 2013 hat uns in das Rumänien der Ceaușescu-Zeit zurückgeführt und die Liebes- und Fluchtgeschichte eines jungen Paares erzählt. Dieses Thema hat dich offensichtlich nicht losgelassen, denn du erzählst dreizehn Jahre später in deinem neuen Roman „Regentränen“ von einem weiteren Paar, das sich ebenfalls nichts anderes wünscht, als gemeinsam ein Leben nach seinen Vorstellungen zu führen. Was ist anders an dem neuen Roman?
Der erste Roman war stärker auf die Flucht selbst ausgerichtet, während der neue Roman vielmehr die soziale Seite beschreibt und zeigt, wie sich die Einschränkungen und Gesetzlichkeiten des menschenverachtenden Ceaușescu-Regimes auf das Leben der Protagonisten ausgewirkt haben.
Warum „Regentränen“ als Titel?
Weil diese Tränen die Protagonisten durch den gesamten Roman begleiten – die Tränen genauso wie die Fesseln, die man ihnen anlegt. „Regen, das sind die Tränen, die man nicht weinen kann. Wenn du nicht weinen kannst, dann weint der Regen für dich …“, sagt Alina. „… und die Fesseln, die sie mir damals angelegt haben, die habe ich nie wieder abgelegt. Nie wieder …“
Adelheit Szekeresch: „Regentränen“. Roman, Pop Verlag, Ludwigsburg, 2026, 540 Seiten, 29,90 Euro, ISBN 978-3-86356-430-8, erhältlich im Buchhandel oder (mit Widmung) bei der Autorin unter E-Mail: adelheit.szekeresch[ät]gmx.de.

Adelheit Szekereschs „Regentränen“ als Roman über Liebe, Trennung und die späte Rückkehr der Vergangenheit
„Das Foto lag noch immer auf dem Tisch.“ Mit diesem Satz beginnt die spannende und zugleich berührende Geschichte von Paul und der Lini genannten Alina, deren Leben wir mit all seinen unglaublichen Wendungen über mehr als fünfhundert Seiten atemlos verfolgen. Der Protagonist Paul betrachtet im Jahr 1989 ein Urlaubsfoto seines Sohnes Frank, auf dem dessen rumänische Ferienbekanntschaft Corina zu sehen ist. Und dieses Mädchen sieht seiner großen Liebe Lini verblüffend ähnlich.„Es ist nicht sie. Es ist irgendein Mädchen“, versucht Paul sich immer wieder einzureden. „Vielleicht einfach nur ein junges Mädchen, das die gleichen Haare hat. Die gleichen Augen. Den gleichen Mund. Die gleichen Gesichtszüge. Die gleiche zierliche Figur …“ Doch schon während er das denkt, spürt er, dass es nicht stimmt. „Es ist nicht irgendein Mädchen …“
Warum jetzt?, fragt er sich. Jetzt, da er sein Leben endlich wieder im Griff, seinen Dämonen entsagt und sein Lebensziel erreicht hat: angesehener Oberarzt in einer Münchner Klinik zu sein. Sie muss ihre Tochter sein, weiß Paul in seinem Innersten – und ebenso, dass er herausfinden will und muss, wie es Lini geht und was nach ihrer unfreiwilligen Trennung viele Jahre zuvor wirklich geschehen ist. Er braucht endlich Antworten auf seine Fragen. Also beschließt er, nach Temeswar zu fahren, um sie sich zu holen. Sein Sohn begleitet ihn dabei, und im Verlauf dieser Reise erfährt er – und mit ihm erfahren auch die Leserinnen und Leser – von Linis dramatischem Leben.
Die Geschichte beginnt 1970, als sich die beiden an der Universität zur Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium melden. Sie verlieben sich, aber von Beginn an ist klar, dass diese Beziehung kaum eine Chance hat. Lini stammt aus einer der angesehensten Familien Temeswars; ihr Vater ist ein weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannter Professor der Medizin. Pauls Eltern hingegen leben in prekären Verhältnissen, und sein Vater ist ein stadtbekannter Säufer.
Da der Herr Professor hochtrabende Pläne mit seiner Tochter hat, passt jemand wie Paul nicht in sein Welt- und Lebensbild. Allerdings trügt der Schein, denn hinter der Fassade hat Lini es mit einem äußerst brutalen Vater und Bruder zu tun, die nicht davor zurückschrecken, Paul Gewalt anzutun und auch in Linis Leben gewalttätig einzugreifen. Paul und Lini gelingt es anfangs, sich immer wieder heimlich zu treffen und sogar zwei Wochen lang gemeinsam zu verreisen. Doch das ist nur die Ruhe vor dem Sturm.
Es ist eher Zufall, der Paul und Lini dazu bringt, sich auf ein unglaubliches Abenteuer einzulassen – ein Zufall, der für den gesamten Fortgang der Handlung verantwortlich ist. Die mehr als dreißig Seiten, auf denen Adelheit Szekeresch dies beschreibt, gehören mit ihrer Spannung und Dichte zu den Höhepunkten des Romans. Man fiebert mit und hofft, dass die jungen Leute ihr Ziel erreichen. Wird es ihnen gelingen, ans Ziel ihrer Träume zu kommen? Oder nur scheinbar?
„Paul spürte … fast das Herz in die Hose rutschen“, heißt es schließlich. „Wir sind gerettet! Lini, wir sind gerettet“, stammelt er. Doch das sind die letzten Worte, die er zu Lini sagen kann, und zugleich der Wendepunkt des Romans. Denn von diesem Zeitpunkt an nimmt alles einen völlig anderen Verlauf als geplant, und beider Leben bewegt sich in den nächsten achtzehn Jahren in völlig unterschiedlichen Bahnen.
Wie die Handlung weitergeht, wird nicht chronologisch erzählt; vielmehr wechseln die Kapitel zwischen 1970 und 1989. So erfahren wir Linis dramatische Geschichte erst nach und nach. Das ist einer der Gründe, weshalb es Adelheit Szekeresch gelingt, über 540 Seiten hinweg den Spannungsbogen hochzuhalten. Hinzu kommt ihre dichte Erzählweise mit vielen Details und Dialogen, die vor allem bei der Schilderung gefährlicher Situationen und unterschiedlichster Personen stets den richtigen Ton trifft.
Am Ende des Romans stehen im Dezember 1989 die Revolution von Temeswar und der Sturz Ceaușescus bevor. So klingt der Roman historisch korrekt und authentisch aus. Doch auch diese nicht zu unterschätzende Hürde müssen die beiden irgendwie nehmen …
Barbara Zeizinger
Schlagwörter: Interview, Roman, Flucht
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