8. September 2026

„Fliege mit mir in die Heimat“: Vom Strande in Rio nach Siebenbürgen? Gedanken zum siebenbürgischen Liedgut in der öffentlichen Wahrnehmung

Ein ereignisreicher siebenbürgischer Kultursommer liegt hinter uns. Die Kulturwoche Haferland präsentierte erneut ein umfangreiches Programm und wurde in sozialen Medien und in der Presse breit begleitet. Doch aus kulturpolitischer Sicht tritt ein grundlegendes Problem immer deutlicher hervor: Das traditionelle siebenbürgische Liedgut verschwindet zunehmend aus der öffentlichen Wahrnehmung – sowohl bei Veranstaltungen in Deutschland als auch in Siebenbürgen. In der Kulturwoche Haferland war offenbar nur ein einziges Lied in der Kirche bei der Vorstellung eines Hochzeitsbrauches präsent.
Historisch war das Liedgut ein tragendes Medium gemeinschaftlicher Erinnerung, ein kultureller Speicher, der über Generationen hinweg Identität gestiftet hat. Sein Rückzug verweist auf strukturelle Verschiebungen in der Programmpolitik, die das Gleichgewicht zwischen repräsentativen Traditionen wie Tracht und Volkstanz einerseits und den musikalischen Ausdrucksformen andererseits zunehmend aus dem Gleichgewicht bringen.

Vor diesem Hintergrund richtet sich ein klarer Appell an die Kulturträger, Veranstalter und Verantwortlichen: Das siebenbürgische Liedgut muss wieder einen festen Platz in der öffentlichen Kulturarbeit erhalten. Es bedarf einer bewussten, strategischen Entscheidung, dieses historische Erbe nicht nur zu bewahren, sondern aktiv zu vermitteln – als integralen Bestandteil einer Kultur, die sich ihrer Geschichte verpflichtet weiß und ihre Vielfalt bewusst präsentiert.

Es gibt Lieder, die sich in eine Gemeinschaft einschleichen, ohne einen Bezug zu ihr zu haben oder von ihrem Mitglied verfasst oder für sie geschrieben worden zu sein. Mit Platten von Heino und anderen deutschen Schlagersängern, die in den 1970er und 1980er Jahren in Siebenbürgen sehr beliebt waren – während der kommunistischen Diktatur und Romanisierung war man über jedes deutsche Lied dankbar und froh –, kam ein ganzes Repertoire deutscher Schlager, Volkslieder und Soldatenlieder, Egerländer Lieder und Blasmusik aus Böhmen, die Oberkrainer Musikanten aus Slowenien nach Rumänien, zudem Gassenhauer und Ohrwürmer, die auf den Massengeschmack ausgelegt sind, eingängig und leicht mitzusingen. Heute ist diese Musik auch ein fester Bestandteil von Radio Siebenbürgen. Im Glauben, dass sie siebenbürgisches Kulturgut darbieten, spielen die Musikanten bei kulturellen Treffen heute diese importierten Lieder, die sie von ihren Großeltern und Eltern gehört haben.

„Fliege mit mir in die Heimat“ gehört zu diesen Fremdgängern. Ein Schlager, den der österreichische Komponisten Franz Winkler (1906-1962) 1929 aus Heimweh in Argentinien schrieb, mit Schauplätzen, die so gar nichts mit Siebenbürgen zu tun haben: Rio, Donau, Rhein, Meer. Und doch erklingt dieses Lied seit Jahrzehnten bei siebenbürgisch‑sächsischen Heimattreffen, beim Heimattag in Dinkelsbühl und auch in diesem Sommer bei der Kulturwoche Haferland. In den sozialen Medien und auf YouTube inzwischen hundertfach aufgerufen, sieht man z.B. in der Kirchenburg Meschendorf etwa 80-100 Landsleute in Tracht schunkelnd verbunden, von zwei Akkordeonspielern begleitet, aus voller Seele singen „Fliege mit mir in die Heimat“, oder kurz nach dem Festgottesdienst in einer der Haferlandgemeinden von einer siebenbürgischen Blaskapelle gespielt, müsste man meinen, es gehöre zum siebenbürgisch-sächsischen Kulturgut.

Woher kommt die Begeisterung zu diesem Schlager aus der Zwischenkriegszeit, den Heino mit seiner Frau Hannelore 1984 auf einer Platte erfolgreich wiederbelebt hat? Das Lied transportiert das universelle Gefühl Heimweh – und Schlager sind seine einfachste und schnellste musikalische Verpackung. Für uns Sieben­bürger Sachsen, deren Geschichte stark von Migration, Vertreibung und Diaspora geprägt ist, spielt das Motiv Heimweh eine zentrale Rolle. Entscheidend in dem Liedtext ist die gefühlsbetonte Botschaft, die durch das Wort „Heimat“ getragen wird, dabei verschwinden die geografischen Namen Rio, Rhein, Donau, Meer unscharf in den Hintergrund. Der erste Satz des Refrains übertüncht die restlichen Zeilen. Bereits im zweiten Satz tritt das Meer in den Hintergrund, denn zwischen Deutschland/Österreich und Siebenbürgen liegt kein Meer – das trifft höchstens für unsere Landsleute in Übersee zu.

Man könnte fast meinen, die Siebenbürger Sachsen hätten keine eigenen Lieder. Das digitale Online‑Archiv siebenbuerger.de/go/2L stellt einen Großteil der Mundartlieder bereit – allen zugänglich und umfassend. Es gibt jedoch auch etliche Heimatlieder, die auf Hochdeutsch verfasst wurden. Notenmaterial und Liederbücher sind hinreichend vorhanden. Die Verantwortung, dieses Liedgut noch ein Weilchen am Leben zu erhalten, liegt nicht nur bei den Kapellmeistern, Musikanten und Moderatoren von Radio Siebenbürgen, sondern bei jedem Einzelnen von uns. Wäre es nicht besser, die kulturellen Treffen in der alten und neuen Heimat dazu zu nutzen, wieder ein Gleichgewicht zwischen echtem siebenbürgischem Liedgut und Importware zu schaffen?

Angelika Meltzer

Schlagwörter: Mundart, Lieder, Tradition, Kulturpflege, Gesang

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