18. Mai 2026

Werkstattgespräch von Heinke Fabritius, Folge 16: Alexander Hauptkorns Ausmalbilder für Schloss Horneck

Alexander Hauptkorn ist Medien- und Grafikdesigner in München, mit siebenbürgischen Wurzeln in Schäßburg. Als Gast des Verbandes der Siebenbürger Sachsen in Deutschland ist er auf Einladung von Bundeskulturreferentin Dagmar Seck auf dem Heimattag mit der smarten Umsetzung eines Legopuppenpaares in siebenbürgisch-sächsischer Tracht präsent gewesen. Nun hatte ich ihn zum Zeichnen nach Schloss Horneck eingeladen, um ihn ein Set von Zeichen- und Ausmalvorlagen für die Gäste das Schlosses entwerfen zu lassen, und natürlich haben wir uns auch zu einem Gespräch zusammengesetzt.
Alexander Hauptkorn und Heinke Fabritius im ...
Alexander Hauptkorn und Heinke Fabritius im November 2025 vor Schloss Horneck. Foto: Manuel Traut
Alex, du unterstützt verschiedene Firmen im Bereich der visuellen Kommunikation und Information. Eines deiner größeren Projekte ist die Gestaltung des Kinderwartebereiches auf dem Münchener Flughafen, der von Familien mit großer Freude genutzt wird. In den letzten zwei Jahren hast du, ganz ohne Auftrag, ein siebenbürgisch-sächsisches Legofigurenpaar entworfen und ein siebenbürgisches Erinnerungsbuch veröffentlicht. Wie kam es zu diesen Vorhaben?
Das hat mit dem Tod meiner Mutter zu tun, die aus Schäßburg kam. Beide Projekte stehen für mich im Zusammenhang mit ihrem Verlust und sind tatsächlich erst nach ihrem Tod entstanden.

Also geht es hier um eine Form der Aufarbeitung und der Hinwendung an ihr Leben und ihre – vielleicht auch deine – Heimat?
Ja, vielleicht. Ich bin hier geboren, in München. Siebenbürgen, oder besser das Siebenbürgische habe ich tatsächlich eher hier kennengelernt, das heißt bei meiner Großmutter in Dachau. In Siebenbürgen bin ich als Kind nie gewesen, erst nach dem Tod meiner Mutter bin ich hingefahren.

Du hast in München studiert, bist ein gefragter Grafikdesigner. Das Lego­figurenpaar und auch dein Erinnerungsbuch waren also Herzensarbeiten, die durchaus mit einem verstärkten oder gestiegenen Bedürfnis nach Verankerung und Identität zu tun haben.
Ja, aber das hört sich jetzt zu schwer an für mich. Denn mir hat es ja auch großen Spaß gemacht, die Figuren zu entwerfen. Und besonders schön war zu sehen, dass es ein Interesse und eine Nachfrage für die Figuren gab. Das war nicht unbedingt von Anfang an klar und zu erwarten. Aber ja, natürlich, haben diese Projekte eine ganz besondere Bedeutung für mich.

Vor Kurzem hast du nun auch eine erste Auftragsarbeit zu Siebenbürgen abgeschlossen. Dafür hast du im November fünf Tage auf Schloss Horneck in Gundelsheim am Neckar gewohnt und gearbeitet. Deine Aufgabe war es, ein Set von Aus- und Weitermalkarten zu entwerfen, das vom Schlosspublikum und auch von den Gästen des Museums fortgezeichnet und als Ansichtskarte verschickt werden kann.
Ja, dafür habe ich tatsächlich eine Woche auf dem Schloss wohnen dürfen. Über diese Einladung und den damit verbundenen Auftrag, den Ort, also das Siebenbürgische Kulturzentrum, das Siebenbürgen-Institut sowie das Siebenbürgische Museum kennen zu lernen und alles in Ruhe zu erkunden, um dann Zeichenvorlagen für die Vermittlungsarbeit zu produzieren, habe ich mich riesig gefreut. Ich bin sehr froh, dass ich der Anfrage, die in der Tat recht kurzfristig kam, zusagen konnte.

Du warst zum ersten Mal auf Schloss Horneck?
Ja, ich hatte zwar schon davon gehört, wusste, dass es dort eine Bibliothek und ein Museum gibt – beides interessierte mich sehr –, doch war ich dort noch nie gewesen. Als ich an meinem Buch arbeitete, hatte ich eigentlich schon an einen Besuch gedacht, doch dann hatte es sich nicht ergeben. Umso glücklicher war ich jetzt über die Möglichkeit, gleich mehrere Tage konzentriert dort arbeiten zu dürfen.

Was nimmst du mit von dem Aufenthalt? Was waren die stärksten Eindrücke?
Es war alles spannend. Was das Museum betrifft, so hatte ich meine Eindrücke vom Brukenthalmuseum und dem Teutsch-Haus im Hinterkopf. Im Teutsch-Haus waren es beispielsweise die Trachtenpuppen, die mich begeistert haben. So einen ähnlichen Vibe gab es dann auch auf Schloss Horneck.
Gestaltung: Alexander Hauptkorn, Copyright: ...
Gestaltung: Alexander Hauptkorn, Copyright: Alexander Hauptkorn + Kulturreferat SKBD
Du solltest vermittlungsstarke Bildmotive von verschiedenen Ansichten des Schlosses und von ausgewählten Sammlungsgegenständen aus dem Siebenbürgischen Museum generieren und Weitermalvorlagen entwerfen. Das ist genau das, was du auch beruflich tust: es geht darum Bilder (oder Zeichen) zu formulieren, die dazu taugen, Informationen prägnant zu vermitteln und Austausch zu eröffnen.
Das ist die Krux an der Sache: Es muss klar und sprechend sein, zugleich aber nicht auf eine bestimmte Sichtweise einengen, sondern Offenheit für Weiterentwicklung signalisieren.

Im Falle dieser Weitermalkarten geht es darum, dass man seine eigenen Erlebnisse und Entdeckungen, die man beim Besuch macht, im Bild festhält oder beschreibt. Deshalb war es dir auch so wichtig, die Vorlagen nicht komplett auszufüllen oder „vollzuzeichnen“, sondern viel Raum und freie Bild-Fläche zu lassen, damit andere damit weiterarbeiten können. Was hat dich bei der Auswahl der Bildmotive geleitet?
Die mächtige Architektur des Schlosses oberhalb der Stadt, aber auch der Neckar gefallen mir sehr. Es ist eine tolle Landschaft, die ich auf jeden Fall würdigen wollte.

Eine Ansicht des Schlosses vom Flussufer aus gesehen ist entstanden. Mit extra viel Raum, um dann selbst die Weinberge, das Neckartal oder auch nur einen schriftlichen Gruß ins Bild einfügen zu können.
Ja, ich will, dass man seinen eigenen Zugang zum Schloss und sein eigenes Bild von den Schätzen darin findet und dies gestaltet.

Ein anderes Bild zeigt den Innenhof des Schlosses.
Richtig. Der Schlossinnenhof ist für mich mindestens genauso eindrücklich, wie die Ansicht der Gesamtanlage. Im Hof ist man eingekeilt zwischen den Eingängen zum Hotel, zum Museum und zum Kulturzentrum. Da ist es so eng, dass ein Auto kaum wenden kann. Der Blick ist nicht mehr weit und offen, sondern sehr beengt. Das hat mich beeindruckt. Als ich dann auf den schmalen Balkon in der ersten Etage hinausgegangen bin und so nach oben zum Turm hochgeschaut habe, da war das schon sehr majestätisch. Es war dunkel und der Turm vom Mond hell erleuchtet. Diese Situation musste ich festhalten und so ist auch eine Ausmalkarte vom Blick aus dem Innenhof zum Turm hoch und in den Himmel entstanden.

Es wird spannend sein zu sehen, wie das Publikum dieses Motiv weiterdenkt. Die dritte Karte vom Schloss zeigt ein Paar vor dem Schlosstor auf der Brücke stehend.
Nun, der Gang über die Brücke ist wohl der einzige Zugang ins Schloss. Den nutzen alle. Und wenn man mehrere Tage vor Ort ist, so wie ich es war, geht man diesen Weg eben mehrmals am Tag. Die Gäste gehen staunend durch das Tor und bald merkt man, dass das auch die Stelle ist, von wo aus alle ihre Erinnerungsbilder aufnehmen. – Ich hatte viel Zeit, solche Dinge zu beobachten und Verhaltensmuster zu entdecken. Bin einfach rummarschiert, hab mir alles angeschaut und irgendwie aufgesaugt wie ein Schwamm. Und ich habe alles fotografiert, was ich spannend fand. Als ich dann wieder zurück in München war und die Fotos durchgegangen bin, haben sich die Ideen konkretisiert. Die beiden Figuren habe ich in die Zeichnung hineingesetzt, eben weil sich darin so viele Gäste wiederfinden können und das Motiv sowohl als Erinnerung als auch für die Weitergabe gut funktioniert. Selbst wir beide haben ein solches Abschlussfoto gemacht. lacht – Ach, und übrigens: Wer will, kann an der Rezeption des Hotels auch gleich die entsprechenden Briefmarken für die Karten erwerben und den selbstgestalteten Gruß direkt in den alten, gelben Briefkasten – der wirklich ein ganz besonderes Exemplar ist und tatsächlich auch täglich geleert wird – auf den Weg bringen. Ich mag diese Form der Verbindung zwischen dem Ort hier und der Welt sehr. Für mich ist das ein nachhaltig wirkender kreativer Akt, der Wahrnehmung und Erinnerung stärkt.

Das ist auch der Grund, warum du in der Gestaltung deiner Zeichnungen so minimalistisch vorgegangen bist. Du willst, dass man den eigenen Blick aktiviert.
Absolut. Ich will nicht mit meiner Sichtweise dominieren, sondern mit den Bildern eher Raum bereitstellen, um eigene Ideen zu entwickeln und umzusetzen.

Heftel. Gestaltung: Alexander Hauptkorn, ...
Heftel. Gestaltung: Alexander Hauptkorn, Copyright: Alexander Hauptkorn + Kulturreferat SKBD
Wie bist du mit dieser Idee im Siebenbürgischen Museum verfahren?
Im Museum gibt es so überwältigend viel zu entdecken. Die Schatzkammer zum Beispiel finde ich großartig, da sind einige imposante Bockelnadeln und Heftel zu sehen.

Doch wie begeistert man junges Publikum für diese Art des traditionellen Handwerks und der Repräsentationskultur?
Ich habe mir überlegt, dass ich die Heftel in Mandalas transformiere. Mandalas kennt jedes Kind. Ich habe also die Anordnung der Steine in den Heftel einfach zum Strukturelement von Mandalas gemacht und damit, zwar in abstrahierter Form, aber doch in den Grundzügen nachvollziehbar und identifizierbar, eine Ausmalvorlage entwickelt, mit der Kinder im Museum auf Entdeckungsreise gehen können: Sie müssen das zur Vorzeichnung passende Heftel finden. Und wenn sie die Karte auch tatsächlich ausmalen wollen, müssen sie sich das Heftel in der Vitrine auch genau anschauen und sich über Farben, Steine und andere Schmuckformen klar werden. Das übt nicht nur das Auge.

Was gibt es sonst für das junge Publikum im Museum zu entdecken?
Also, was mich persönlich sehr beeindruckt hat, das sind in dem kleinen Textilraum diese ganzen Schubladen mit den verschiedenen Kleidungsstücken und Stoffen, die alle feinste und mir vertraute Musterungen tragen. Meine Oma war auch eine Näherin und Schneiderin, sie hat sich viel mit solchen Dingen beschäftigt und mich auch ein bisschen so belehrt, sag ich mal.

Sie hat dich dafür sensibilisiert und offensichtlich wirkt eine gewisse Begeisterung nach.
Ja, das fand ich schon interessant. Ich denke, das ist tolle Handwerkskunst. Eine erste Auseinandersetzung damit habe ich bereits in meinem Siebenbürgen-Buch begonnen. Den Kreuzstich und die strukturierte Symmetrie der Muster finde ich wahnsinnig inspirierend. Ich habe das Sticken und Häkeln auch einmal selbst versucht, aber mir fehlt da echt sehr die Geduld. Zum Glück habe ich ganz viele gehäkelte Deckchen und andere Dinge meiner Großmutter gut verwahrt in einer Kiste zu Hause. Die ist mir viel wert.

Du bewahrst sie auf?
Aber klar. Es wäre sonst schade darum. Sie hat so schöne Sachen gemacht. Die will ich nicht wegwerfen. Irgendwann, später einmal, bringe ich die Sachen vielleicht her. Jetzt weiß ich, wo sie gut behandelt und erhalten bleiben.

Fährst du regelmäßig nach Siebenbürgen? Mit Freunden oder Familie?
Ehrlich gesagt, lieber allein. Ich bin zwar kein Einzelgänger, aber nach Siebenbürgen zu fahren ist für mich irgendwie eher eine Inspirationsreise. Da will ich nicht Rücksicht nehmen müssen, sondern mich ganz auf die eigenen Blicke oder die eigenen Ideen konzentrieren können.

Und ist das, was du dabei dort erfährst, so etwas wie die Chance einer zusätzlichen, einer neuen Verortung? Ist es Heimat? Wie würdest du dein emotionales Verhältnis zu Siebenbürgen beschreiben?
Also, ja, ich fühle mich da richtig zugehörig. Früher, als Teenager, war ich natürlich anders drauf. Ich dachte: Hä, ich will damit nichts am Hut haben. Die sind alle so spießig und so engstirnig, irgendwie. Na ja, als Jugendlicher denkt man halt so. Ich meine, da ist es egal, wo die Eltern herkommen. Wahrscheinlich sagt jeder, die Eltern seien engstirnig oder sonst irgendwas. Doch wenn man sich dann damit befasst und auch tiefer an diese ganze Thematik rangeht, sieht und versteht man viele Aspekte. Zum Beispiel bei meinem Vater ist es so: Er sieht, dass das Siebenbürgen, das ich heute kennenlerne, nicht das Siebenbürgen ist, wie er es kannte. Und das tut ihm vielleicht auch weh, das sehe und erkenne ich zunehmend.

Kontakt zu halten oder diesen nach einer längeren Pause wieder aufzubauen, kann eine echte Herausforderung sein, aber auch sehr erfüllend, wenn ich dich richtig verstehe?
Ja, für mich schon. Für mich hat sich mein Herz erfüllt. So fühlt es sich auf jeden Fall an. Aber ich weiß, dass dieses Weggehen manchen Leuten auch das Herz gebrochen oder es ihnen zumindest sehr schwer gemacht hat. Aber vielleicht würde sich das ja bessern, wenn man sich entschließen könnte, Siebenbürgen neu anzuschauen.

Als du dort warst, auf wen bist du gestoßen? Wie hast du dich verständigt und kommuniziert?
Zumeist auf Englisch, mit allen möglichen Menschen. Ganz unerwartet habe ich aber auch Siebenbürger Sachsen getroffen, natürlich in Schäßburg an der Bergkirche. Das macht mich froh. Hier in Deutschland bin ich dann auch dem Verband der Siebenbürger Sachsen beigetreten und es ist mir heute wichtig, etwas für die Gemeinschaft zu tun.

Das hast du mit diesem Projekt auf jeden Fall getan. Es sind sechs schöne Zeichenvorlagen entstanden, die nicht nur Schloss und Hof neu sehen lassen, sondern besonders dem jungen Publikum auf lebendige Weise den Weg zu den Sammlungsbeständen und in die Gemäldegalerie eröffnen. Dafür sei dir herzlich gedankt.

Schlagwörter: Interview, Grafikdesigner, München

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