14. September 2026

Ein Hermannstädter Arzt besonderer Art: Dr. Günther Neugeboren (1899-1981)

Geboren und aufgewachsen ist er in Hermannstadt. Sein Vater, Emil Neugeboren, war Chefredakteur beim Siebenbürgisch-Deutschen Tageblatt, eine deutsche Tageszeitung, die von 1874 bis 1941 in Hermannstadt erschien. Der Name „Neugeboren“ steht für eine bekannte Patrizier- und Intellektuellen-Familie in Siebenbürgen, zum Beispiel der namhafte evangelische Bischof Daniel Georg Neugeboren (1759-1822) ebenso der bedeutende Naturwissenschaftler Johann Ludwig Neugeboren (1806-1887) entstammen der Familie. Ihr Urahne Kaspar Heinrich Neugeboren (1728-1787), der Vater des Bischofs, ist in Quedlinburg (Sachsen-Anhalt) geboren, gelangte jedoch nach Siebenbürgen, hat eine Hermannstädterin geheiratet, Anna Maria Angermayer (1740-1794), und ist auch hier verstorben.
Dr. Günther Neugeboren, etwa 45 bis 50 Jahre alt ...
Dr. Günther Neugeboren, etwa 45 bis 50 Jahre alt
Günther Neugeboren besuchte in Hermannstadt das Brukenthal-Gymnasium. Nach der Reifeprüfung (1917) musste er gleich zum Militärdienst. Der Erste Weltkrieg war noch im Gange und Siebenbürgen gehörte damals zur Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie. Er diente als Meldeoffizier und nahm an den Isonzo-Schlachten (Slowenien/Italien) teil, wo er, wie er später im Familienkreis erzählte, oft großen Gefahren ausgesetzt war.

Danach studierte er Humanmedizin an der Charité in Berlin, einer der größten Universitätskliniken Europas. Nach dem Studium kam er zurück nach Hermannstadt und ließ sich als Allgemeinmediziner nieder, wobei er auch die Ausbildung für Innere Medizin besaß. Seine Praxis und auch Wohnung befanden sich in der Wintergasse, also ziemlich zentral gelegen, unweit vom Großen Ring. Bald wurde er ein bekannter und geschätzter Arzt. Zwischen den beiden Weltkriegen heiratete er Ada Kisch, die Tochter eines Offiziers aus der k. u. k. Zeit. Die Ehe blieb aber kinderlos. Einige Jahre nach seinem Tod im Januar 1981 siedelte Ada Neugeboren im Jahre 1986 zusammen mit der Familie ihrer Schwester nach Deutschland aus und gelangte hier sehr bald nach Gundelsheim auf Schloss Horneck, wo sie im Altenheim der Siebenbürger Sachsen 95-jährig verstarb und auf dem dortigen Friedhof beerdigt wurde. Sie war eine sehr freundliche Person, die auch eine gute Erziehung genossen hatte.

Im Zweiten Weltkrieg wurde er als Arzt in die rumänische Armee eingezogen, dort erlangte er den Dienstgrad eines Majors. Dabei kam er nicht bis an die Front, seine Aktivität beschränkte sich auf das Militärkrankenhaus in Jassy (Iaşi) in der Moldau, nicht sehr weit von der russischen Front entfernt. Dabei hat er sicher auch seine Rumänisch-Kenntnisse verbessert… Als er in Hermannstadt aufwuchs und die Schule besuchte, sprach man in der Stadt noch hauptsächlich deutsch bzw. sächsisch. Erst nach dem Jahr 1918, als Siebenbürgen dem rumänischen Königreich eingegliedert wurde, hat sich das geändert und das Rumänische begann zu dominieren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führte er seine Arztpraxis weiter, aber 1949 wurde alles „nationalisiert“ bzw. enteignet, somit verlor er das Recht, eine selbständige Arztpraxis zu besitzen und zu führen. Er mietete sich eine Weile ebenfalls in der Wintergasse eine Wohnung, wo er noch seine Patienten empfangen konnte. Dies war jedoch relativ bald auch nicht mehr möglich, und deshalb musste er Praxis und Wohnung aufgeben. Danach wohnte er mit seiner Frau in der Turnschulgasse, zuerst in einem Durchgangszimmer, im „Breitenstein-Haus“, wo auch Familie Schuster und Familie Hann wohnten.

In der Stadt war er schon als sehr guter Arzt bekannt, deshalb hatte er auch immer Patienten, die ihn zu sich nach Hause riefen, um behandelt zu werden. In erster Reihe waren es Siebenbürger Sachsen; unter der rumänischen Bevölkerung hatte er ebenfalls einen guten Ruf als sehr kompetenter und verlässlicher Arzt. Auch in den folgenden Jahren ist er nie als Arzt in den staatlichen Dienst eingetreten. Auf diese Art hat er immer gut verdient. Weil er nicht verschwenderisch war, konnte er auch Geld auf Seite legen.

Ab einem gewissen Zeitpunkt bekam er bei der Theologischen Fakultät der Evangelischen Kirche A.B. im Bischofpalais am Großen Ring eine Stelle als Bibliothekar. „Inoffiziell“ betreute er dort medizinisch das ganze Personal und auch die Studenten. Von hier ist er dann in Rente gegangen. In seiner Freizeit besuchte er in der Stadt seine anderen Patienten, dies natürlich auch nicht „offiziell“ und – wie schon gesagt fehlte es ihm nicht an Geld.

Dr. Neugeborens Situation war, im Nachhinein betrachtet, sehr ungewöhnlich: Seine ärztlichen Hausbesuche waren eigentlich alles andere als legal. Er hätte das nicht tun dürfen, denn er machte es „privat“ und nicht in staatlichem Auftrag, man lebte in einem sozialistischen System und dies waren die Regeln. Die Tatsache, dass er trotzdem privat ordinierte und ihm nichts passierte, zeigt, wie beliebt er war. Außerdem handelt es sich um eine Zeitperiode von fast drei Jahrzehnten! Die Überwachung durch den Geheimdienst Securitate und dessen Informanten war ja allgegenwärtig, das funktionierte am besten im sozialistischen Staat, es ist deshalb sehr unwahrscheinlich, dass es den Behörden nicht bekannt gewesen wäre. Seine Aktivität hatte allerdings keine direkten Tangenten zur Politik, es ging ausschließlich um gesundheitliche Probleme und deshalb hatten sie es vielleicht leichter, „ein Auge zuzudrücken“. Die Behörden im Kommunismus waren alles andere als „feinfühlig“, aber seine hohe Professionalität und seine Menschlichkeit überwanden alle Grenzen. Seine rumänischen Patienten behandelte er ohne Unterschied, wie die Deutschen. Auch war er dafür bekannt, dass seine finanziellen Ansprüche nach einem Krankenbesuch immer sehr zurückhaltend ausfielen, und dies erhöhte seine Beliebtheit zusätzlich. Das sozialistische System umschloss somit auch Ausnahmen, denn die Perfektion gab es auch hier nicht …!

Von seinem Aussehen betrachtet, war er von mittlerer Größe und von mäßig kräftiger Gestalt, er sah jedoch immer gesund aus und hatte stets gut kontrollierte Bewegungen. Als Arzt war er sehr begabt und hatte dabei auch eine gewisse „Intuition“, wenn er seine Diagnosen stellte; diese Eigenschaft war sehr wichtig, wenn man bedenkt, dass es damals nicht die heutigen Möglichkeiten gab, verschiedene medizinische Analysen durchführen zu lassen und das darüber hinaus noch in kurzer Zeit. Als Mensch war er auch immer sehr korrekt und freundlich, man konnte sich auf ihn jederzeit verlassen, gleichzeitig zeigte er seinem Gegenüber stets eine bestimmte Zurückhaltung. Richtig „warm“ ist er mit niemandem geworden. So war eben sein Wesen, seine genetische Veranlagung. Nur innerhalb seiner Familie bzw. der Familie seiner Frau kam seine Freundlichkeit und Wärme zum Ausdruck. In Hermannstadt hatte er zwei befreundete Ärzte, die er regelmäßig besuchte, um sich mit ihnen auszutauschen: Dr. Wermescher und ein rumänischer Arzt, der allerdings auch deutsch konnte.

Seine Umgebung schätzte ihn sehr, obwohl er niemanden näher an sich herantreten ließ. Seine Allgemeinbildung war von hohem Niveau, sein „Hobby“ war die Philosophie als Wissenschaft. Um dies zu pflegen, muss man im Leben einen gewissen Bildungsstand erreicht haben. Er erhielt aus Westdeutschland monatlich eine philosophische Zeitschrift, die ihm vermutlich ein ehemaliger Kommilitone schickte. Außerdem bezog er auf diese Art auch eine medizinische Zeitschrift und war somit immer auf der Höhe der neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Ebenso liebte er die Natur und das Wandern. Wenn das Wetter es erlaubte, verging kein Sonntag, an welchem er nicht mit Bekannten in die in der Nähe von Hermannstadt gelegenen Berglandschaften Ausflüge unternahm, und dies bis ins hohe Alter.

Nach 1975 erhielt er mit seiner Frau eine größere Wohnung am Huetplatz Nr. 4, im „Kapitel-Gebäude“ zwischen der evangelischen Stadtpfarrkirche und dem Brukenthal-Gymnasium gelegen, dort, wo sich heute das „Café Wien“ befindet. Zumindest in seinen letzten Lebensjahren konnte er somit ein komfortables Wohnen genießen. In fortgeschrittenem Alter erkrankte er an einer malignen Prostata Neoplasie. Daran starb er im Alter von 82 Jahren. Begraben wurde er auf dem Waldfriedhof in Hermannstadt.

Dr. Horst Peter Hann

Schlagwörter: Arzt, Hermannstadt

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