10. März 2005

Lilian Theil

Bis zum 11. März zeigt Lilian Theil eine Auswahl ihrer Phantasien auf Stoffen im Haus des Deutschen Ostens in München. In der folgenden Rezension setzt sich Bettina Schuller mit dem schöpferischen und handwerklichen Können der in Schäßburg lebenden Künstlerin auseinander.
Lilian Theil: Deportation (Textilcollage) ...
Lilian Theil: Deportation (Textilcollage)

Lillian Theil wurde Anfang der fünfziger Jahre, zwanzigjährig wegen „ungesunder sozialer Herkunft“ von der Bukarester Kunstakademie Nicolae Grigorescu ausgeschlossen. Sie kehrte in ihre Heimatstadt Kronstadt zurück, heiratete den Facharzt für Neurologie Josef Theil, der Anfang der sechziger Jahre nach Schäßburg versetzt wurde.

Dort lebt Lilian Theil noch heute. In einer engen Wohnung hatte sie den Haushalt für Mann und zwei Söhne zu versorgen, auch hatte sie einen großen Freundeskreis, so dass ihr Tag voll ausgefüllt war. Jahrzehntelang wussten selbst nahe Bekannte nichts von ihrer außergewöhnlichen Begabung. Heute leben Söhne Enkel und Freunde in Deutschland und ihre Zeit ist nicht mehr so knapp.

Lilian Theil besann sich auf die Träume ihrer Jugend, die Tapisserien. Ihre große Begabung ist gepaart mit der Hingabe zur Kunst, dem Respekt vor der Kunst und der Liebe zum Detail. So ist stets etwas Neues in ihren Arbeiten zu entdecken, wo gedankliche Dimensionen konkret dargestellt sind.

Ihre Werke sind etwas für den Erlebnisfähigen, aber auch für den Historiker (die bebilderten Ereignisse sind genau dokumentiert und mit Jahreszahlen versehen). Die Künstlerin hat die Gunst des einmaligen Einfalls, den unerlernbaren Blitz, der auf vergängliche Effekte verzichten und Themen unsere Zeit nachvollziehbar sichtbar kann.

Es entstanden Wandteppiche, in Patchworktechnik, von unbeirrbarer Form- und Farbsicherheit, die im besten Sinne an Bilder der naiven Malerei erinnern. (Die bunten Stoffreste in Schäßburg aufzutreiben, verlangte sicher viel Beharrlichkeit.) Jede kleinste Figur, z.B. auf einem Bild mit 200 Menschen, war scharf beobachtet und genau erinnert, vom russischen Flintenweib zum geplagten Kollektivbauern. Stalins winziger Schnurrbart misst höchstens einen halben Zentimeter, ist aber deutlich zu erkennen.

Im Unterschied zu vielen anderen Kunstwerken kann man sich Theils Tapisserien merken, man kann lang darüber diskutieren, die Eindrücke wirken nach. Das hat auch eine gute Weile gebraucht. Lilian Teil arbeitete bis zu sechs Monate täglich an einer Tapisserie.

Trotz der sehr ernsten Anliegen ist bei näherem Hinschauen in jedem Werk eine Prise Humor zu finden. Manchmal ist der Humor ganz offensichtlich: Im Vordergrund die drei Heiligen mit traditionell glitzernden Kirchengewändern, bei denen jeweils ein Element aus der heutigen Zeit vorkommt, Adidas Schuhe, die Bildzeitung, ein Fußball.

Ihr Entschluss, an Tapisserien zu arbeiten, ergab sich in den ersten Tagen nach der Wende 1989. Sie war 68 Jahre alt. Zu ihrer Lebenserfahrung kamen durch die Revolution neue starke Eindrücke zum Tragen. Eine größere Tapisserie ist tief beeindruckend: die Schrecken der kommunistischen Diktatur zwischen 1945 und 1989 werden in ihren schwersten Schicksalsstunden sichtbar. Das genannte Bild hatte einen besonderen Anlass. Zehn Jahre nach der Wende hatten die Leute, sogar die Älteren, den Schrecken des Kommunismus vergessen. Man legte Blumen auf Ceausescus Grab. Gegen das gefährliche Vergessen geht die damals kaum bekannte Künstlerin auch heute noch in ihren Arbeiten tagtäglich an. Sie besitzt etwas in unserer Zeit ganz Seltenes, nämlich eine Geduld, die an die sächsischen Frauen der Vergangenheit erinnert, die einen Winter lang stickten und fädelten in unverkennbaren Mustern, die minutiös auch in der Sigerus-Mappe erhalten sind.

Die Exponate lassen sich in drei Hauptthemen gliedern: Geschichtliches, Zeitgeschehen und psychische Grenzsituationen. Gemeinsam ist allen das schöpferische und das handwerkliche Können. Die Ausstellung, die bis zum 11. März in München zu sehen ist, hat die Besucher begeistert.

Bettina Schuller

Schlagwörter: Porträt, Kultur

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