25. Mai 2018

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Kreisgruppe Bad Tölz – Wolfratshausen: Flott gesungen

Nach längerer Pause und einigen Stolpersteinen trafen wir uns am 20. April wieder im Gemeindesaal der Petruskirche Geretsried. Mit herrlichem Butterkuchen und Kaffee ölten alle ihre Stimmbänder, um später Konrad Schuster mit seinem Akkordeon zu begleiten.
Bei meiner Frage „Könntest du vielleicht beim Seniorennachmittag …“ sagte er sofort „Ja, gerne“, ohne dass ich die ganze Frage aussprechen musste. „Es macht mir einfach Spaß zu musizieren.“ Diese Freude schwappte schnell über. Zuerst wurden die Liedtexte in den Mappen gesucht. Da die Lieder dort unterschiedlich abgelegt waren, entstanden durch das Suchen Pausen und die Freude aufs Lied war dahin. Da nahm Konrad sein Liedblatt, auf dem er nur die Titel verzeichnet hatte, und siehe, alle konnten mitsingen, man brauchte keine Liedermappe, alle waren textsicher. Jetzt erwachte die richtige Freude am Singen. Als dann die Schlager aus der Zeit, als wir noch jung und flott waren, erklangen, zuckte es sogar in den Beinen. Es wurde getanzt. Lieber Konrad, recht schönen Dank.

Oft kommt die Frage: „Was ist das für ein Lied?“ und die Antwort: „Ein Volkslied“. So war das Thema dieses Nachmittags: das Volkslied und das gemeinsame Singen. Den Begriff „Volkslied“ hat 1773 Johann Gottfried Herder geprägt. Das Volkslied ist immer ein einfaches, überliefertes Lied, leicht zu singen, dessen Herkunft aber oft anonym ist. So ist beim Lied „Sah ein Knab ein Röslein stehn“ zwar bekannt, wer es geschrieben hat. Es war 1770 Johann Wolfgang v. Goethe. Vertont wurde es 1815 von Franz Schubert. Denkt aber je einer beim Singen daran, woher und von wem es kommt? Ich glaube nicht. Man singt einfach mit. So wird es oft als ein dem Volk entsprungenes Lied angesehen. Franz Schubert schrieb 1827 auch die Melodie zu „Am Brunnen vor dem Tore“, den Text lieferte 1822 Wilhelm Müller. „Ich hatt‘ einen Kameraden“, 1809 geschrieben von Ludwig Uhland, 1825 vertont von Friedrich Silcher, entstand zum Andenken an den Volksaufstand 1809, als die Tiroler gegen die bayerische Besatzung kämpften. Denken wir daran, wenn wir dieses Lied spielen oder singen? Wer kennt „Auf einem Baum ein Kuckuck“ mit dem Zungenbrecher „sim sa la dim bam ba sa la du sa la dim“ aus dem Jahr 1830, wo Texter und Komponist unbekannt sind? Dies ist ein echtes Volkslied. Auch „Lustig ist das Zigeunerleben“ ist ein wahres Volkslied. Kein Erzeuger bekannt, nur 1842 in einem Liederbuch erschienen. Aber dürfen wir dieses Lied noch singen, nachdem das Wort „Zigeuner“ verboten wurde, obwohl diejenigen nichts dagegen haben, wenn man es freundlich und nicht als Schimpfwort benutzt?

Bei meiner Recherche stellte ich fest, dass die meisten bekannten Volkslieder im 19. Jahrhundert entstanden sind. Da hat man scheinbar zu jener Zeit viel gesungen und gefeiert. Könnte heute noch ein Volkslied entstehen? Ich glaube fast nicht. Aber vielleicht wird in 100 Jahren Helene Fischers Lied „Atemlos“ doch zu einem Volkslied, so wie es zurzeit von jeder Altersgruppe gesungen und verbreitet wird. Noch eine Frage: Ist unser „Siebenbürgen-Lied“ auch ein Volkslied? Könnte man fast glauben, da man es bei jeder Gelegenheit und zum Abschluss einer Feier singt. Keiner denkt dabei an den Texter Leopold Maximilian Moltke, der aus Deutschland nach Siebenbürgen kam und dort einige Jahre als Redakteur des Siebenbürger Wochenblatt arbeitete. Vertont wurde es 1848 von Johann Lukas Hedwig aus Heldsdorf. Es war und ist kein Volkslied, sondern wurde zur Hymne der Siebenbürger Sachsen. Hedwigs Originalblatt befindet sich heute noch im Kirchenarchiv in Heldsdorf.

Ich hoffe, das Singen hat euch befreit, ihr habt die Sorgen zu Hause gelassen und das Volkslied lieben gelernt. Diesen Nachmittag hätten wir nie ohne die vielen helfenden Hände so sorglos erleben können. Recht schönen Dank, aber nicht nur ich danke, sondern auch der Kirchenhausmeister, der sich sehr lobend im Sekretariat geäußert hat. Mein Dank gilt auch den Besuchern. Bleibt alle gesund, freut euch auf den Sommer und singt, so oft es nur geht.

Angesagt ist schon das nächste Lied: „Der Mai ist gekommen“. Es ist ein Volkslied, ohne das man sich den 1. Mai gar nicht mehr denken kann. Entstanden ist es 1841 mit dem Text von Emanuel Geibel und der Melodie von Justus Wilhelm. Leider denke ich nicht an die zwei Herren, wenn ich dieses Lied aus vollstem Herzen singe.

Wiltrud Wagner

Schlagwörter: Senioren, Singkreis, Volkslied, Geretsried

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