14. März 2011

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Ruinologie und Dromologie

Gedanken über Burg(ruin)en und alte Gemäuer von Károly Szöcs.
Als junger Mann habe ich für Ruinen eine Zuneigung gespürt, ohne mir die Frage zu stellen: warum eigentlich? Heute, besonders nachdem ich Antonio José Pontes „Der Ruinenwächter von Havanna“ gelesen habe, betrachte ich mich ein bisschen auch als „Ruinologe“. Als angehender Landarzt in Siebenbürgen lebte ich recht bescheiden, einen Fotoapparat konnte ich mir nicht leisten, aber, ich habe immer gerne gezeichnet und gemalt, und so sind mehrere Zeichnungen von Burgen und Burgruinen entstanden. Marienburg, Tuschezeichn ung von Károly Szöcs, ...Marienburg, Tuschezeichn ung von Károly Szöcs, 1973 Die beigefügte Tuschzeichnung habe ich im Sommer 1973 gemacht. Als ich später, im Frühling 2000, die Marienburg (besser gesagt: was davon übrig geblieben ist) fotografisch festhielt, ergab sich für mich die Möglichkeit, ihren Untergang zu dokumentieren.

Auf die Frage, welche Wirkung alte Gebäude und besonders Ruinen auf den Betrachter ausüben, werde ich in den folgenden Zeilen versuchen, einer Antwort näher zu kommen.

Beim Betrachten von Ruinen – im Gegensatz zu den neuen oder glatt verputzten und weiß getünchten Gemäuern – spürt man die Vergangenheit, die Unumkehrbarkeit der Zeit, eine Erinnerung an die Menschen, die dort lebten und geschaffen haben. Zugleich überwältigt uns ein Gefühl des unvermeidlichen Endes, das uns aber nicht traurig stimmt, sondern uns das Schöne als erhaben und fast als übermenschlich empfinden lässt. Umberto Eco sagt dazu: Erhaben ist das Echo einer noblen Seele („Die Geschichte der Schönheit“, 2004). Damit erklärt sich auch, warum Ruinen nicht für alle etwas bedeuten.

Mönchsdorf, Foto, 2009 ...Mönchsdorf, Foto, 2009Die Frage der Restaurierung scheint für die Behörden meist eine Frage der Finanzierung zu sein. Vor das Geld sollten aber historische, kulturelle, künstlerische und ästhetische Kenntnisse bzw. Überlegungen gesetzt werden. Ich habe mir vor der 900 Jahre alten Kirche von Mönchsdorf die Frage gestellt: Wie würde in Rom das Kolosseum glatt verputzt und weiß getüncht aussehen? Das beigefügte Foto zeigt die Kirche in Mönchsdorf heute, nach so genannter Restaurierung. Es hat mich deprimiert, da ich auch die Kirche auch von alten Aufnahmen kenne.

Ich befinde mich in der glücklichen Lage, ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert zeigen zu können. Nach der Innen- und Außenrestaurierung wurde eine Hälfte belassen wie „alt“, die andere aber glatt verputzt und schneeweiß getüncht. Beidseitig bewohnt, sind die Wohnungen natürlich dementsprechend modernisiert. Das Treppenhaus in der Mitte wird nicht benutzt und wurde daher auch „alt“ belassen und nicht renoviert. Das Bild verdeutlicht, wie die weiße Hälfte des Gebäudes (rechts im Bild) ihres historischen Charakters beraubt worden ist. Das Bild verdeutlicht, wie die weiße Hälfte des ...Das Bild verdeutlicht, wie die weiße Hälfte des Gebäudes (rechts im Bild) ihres historischen Charakters beraubt worden ist. Es wären noch kurz ein paar Worte über die Dromologie zu sagen. Der Begriff wurde von Paul Virilio (geboren 1932) geprägt (alt-griechisch: dromos: Weg, Bahn; logos: Lehre, Wissenschaft). Der französische Philosoph sagt, dass die Geschwindigkeit den Raum zerstört und die Zeit komprimiert. Es ist ein verhängnisvolles Phänomen des 20. Jahrhunderts. Ich zögere nicht, hierzu meine Zustimmung zum Ausdruck zu bringen. Ja, mehr noch: Im großen Rennen (um ... wer weiß wonach?) bleibt uns keine Zeit, um unsere schönen Ruinen auch nur eines flüchtigen Blickes zu würdigen.

Károly Szöcs

Schlagwörter: Kulturerbe, Denkmalpflege

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