15. August 2011

Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen geht online – Interview mit Dr. Martin Armgart

Seit April dieses Jahres ist Dr. Martin Armgart Mitarbeiter des Projekts „Virtuelles Siebenbürgisches Urkundenbuch“ an der Universität Koblenz-Landau. Schon während seines Studiums der Geschichte und Germanistik an der Universität Bochum beschäftigte sich der Historiker nebenbei mit siebenbürgischer Geschichte. Nach seinem Studium arbeitete er zunächst am Landesarchiv Speyer sowie in Karlsruhe und München an der Erschließung mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Archivbestände. Seine Kenntnisse der siebenbürgischen Geschichte konnte er seit 2008 auch beruflich an der Forschungsstelle „Evangelische Kirchenordnungen des XVI. Jahrhunderts“ der Heidelberger Akademie der Wissenschaften und nun beim Urkundenbuch einbringen. Das „Urkundenbuch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ ist eines der ältesten Forschungsprojekte der siebenbürgisch-sächsischen Landeskunde. Seit dem 19. Jahrhundert sammeln und editieren Historiker alle Urkunden, die das Leben der Deutschen in Siebenbürgen dokumentieren. Dank eines Förderprogramms des Bundesbeauftragten für Kultur und Medien sollen nun alle bisher erschienenen Bände in einer Online-Datenbank der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der 50-jährige Dr. Martin Armgart arbeitet derzeit zusammen mit drei Forschern aus Siebenbürgen bzw. Ungarn und einer studentischen Hilfskraft an dem Projekt. Das Interview führte Angelika Stefan.
Herr Dr. Armgart, Sie bereiten das „Urkunden­buch zur Geschichte der Deutschen in Siebenbürgen“ auf, damit es online verfügbar ist. Um welche Urkunden handelt es sich?

Das Urkundenbuch erfasst alle urkundlichen Rechtstexte, die einen Bezug zu den Deutschen in Siebenbürgen haben – insgesamt fast 5000 Urkunden aus den Jahren 1191 bis 1486. Darunter sind so wichtige Texte wie das „Andreanum“ von 1224 [Freibrief König Andreas II. an die Siebenbürger, der ihnen besondere Privilegien einräumt, Anm. d. Red.] oder die Verleihung des Burzenlandes an den Deutschen Orden 1211, auch für viele Orte die ältesten schriftlichen Erwähnungen. Die Ausgestaltung der kirchlichen Sonderrechte lässt sich in allen Stationen verfolgen; der allmähliche Aufstieg der großen Handelsstädte mit all ihren königlichen Privilegierungen; zahlreiche Facetten des Alltagslebens wie Immobilienverkäufe und Darlehen, Abgabenerhebungen, Regeln für Handwerkerzünfte und Rechtsstreitigkeiten. Im 15. Jahrhundert dokumentieren die Urkunden zudem die Auswirkungen der Türkengefahr und die Ausbildung der Nationsuniversität.
Dr. Martin Armgart ...
Dr. Martin Armgart
Welcher Nutzen entsteht durch die Veröffentlichung für die Historiker und für die an der Geschichte Siebenbürgens Interessierten?

Die im Urkundenbuch gesammelten Dokumente sind die Quellen und damit die Arbeitsgrundlage für zahlreiche Forschungsfragen von der allgemeinen Geschichte über die Kirchengeschichte zur Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Rechtsgeschichte, den Sprachwissenschaften und all den anderen Disziplinen, die sich auch mit dieser Zeit beschäftigen. Ich bin immer wieder erstaunt, für wie viele Forschungsfelder derartige spätmittelalterliche Urkundentexte schon herangezogen wurden.

All diese Forscher müssten ansonsten die handschriftlichen Texte in den diversen Archiven aufsuchen oder ihre Forschungen angesichts des unverhältnismäßig großen Aufwandes ohne Einbeziehung Siebenbürgens durchführen. Außerdem stehen durch die jetzt eingesetzte moderne Technik diese Grundlagentexte für Forscher weltweit zur Verfügung.

Wird die Datenbank allen Interessierten zur Verfügung stehen?

Ja – und dank des Internets wird diese von Generationen von Forschern erarbeitete Dokumentation dann deutlich einfacher zu benutzen sein als bisher. Ein Buch, das 1892 in Hermannstadt erschienen ist, ist keineswegs flächendeckend in den deutschen oder österreichischen Bibliotheken zu finden. Und erst recht nicht in vielen anderen Ländern. Das war bislang Pech für jemanden, der nicht in der Nähe einer alten, gut ausgestatteten Landes- oder Universitätsbibliothek lebt und forscht. Nun wird das Urkundenbuch allen Interessierten auf der ganzen Welt jederzeit zu Verfügung stehen.
Die sieben Urkundenbände, die bald online ...
Die sieben Urkundenbände, die bald online verfügbar sein werden. Foto: Martin Armgart
Wie wird die Recherche für die Nutzer konkret ablaufen?

Ein einfacher Weg wäre es gewesen, die Bände als Bilddateien ins Netz zu stellen. Wir erschließen diese große Dokumentationsleistung Urkundenbuch weitaus stärker. Die eingescannten Urkundentexte und weitere damit verbundene Informationen werden als Datensätze in eine Datenbank eingestellt. Über verschiedene Suchmasken wird der Inhalt des Urkundenbuches bandübergreifend recherchierbar. Hinzu kommen Angaben zum heutigen Verwahrort und eine Verlinkung der Literaturtitel mit einschlägigen Bibliothekskatalogen. Der Zugang wird über die Internet-Präsenz des Siebenbürgen-Institutes erfolgen.

Haben Sie vor, in den nächsten Jahren noch weitere Urkunden zu bearbeiten?

Das „Urkundenbuch der Deutschen in Siebenbürgen“ ist bereits jetzt, mit der Erfassung der Urkunden bis zum Jahr 1486, weiter gediehen als fast alle vergleichbaren Vorhaben anderer Regionen. Frühere Bearbeiter haben bereits für die kommenden Jahre Vorarbeiten geleistet und viele Urkunden liegen noch in den Archiven. Eine Aufarbeitung der Urkundenschätze weiterer Jahre wäre sehr sinnvoll. Das fast erreichte Ende des 15. Jahrhunderts bietet sich als „runder Endtermin“ an. Die Fortsetzung der Urkundenbucharbeit wäre auch eine denkbar effektive Nutzung der vorhandenen EDV-Ausstattung, der Datenbankstruktur und natürlich auch der persönlichen Erfahrungen und Kenntnisse der Forscher. Auch für die Forschung wäre es denkbar effizient, in der gleichen Datenbank auch auf eine sich stetig erweiternde Zahl von Urkundentexten zugreifen zu können. Doch es geht nicht ohne Finanzmittel. Wir bemühen uns um eine weitere Förderung des Projekts.

Die Originale der Urkunden lagern wahrscheinlich sehr verstreut in Siebenbürgen. Wo genau suchen Sie nach den Urkunden?

Die Ermittlung der Lagerorte ist ein wesentlicher Teil der Arbeit am Urkundenbuch und eine besondere Hilfe für die späteren Nutzer. Die Mehrzahl der Urkunden findet sich verstreut in Siebenbürgen und in Budapest. Fündig wurden die Urkundenbuchbearbeiter aber auch in mancherlei auswärtigen Archiven, vom vatikanischen Archiv in Rom und dem Wiener Stadtarchiv bis nach Lemberg und den (jetzt in Berlin verwahrten) Königsberger Archivbeständen.

Hinzu kommt, dass die Urkunden innerhalb eines Archivs in verschiedenen Archivbeständen verwahrt werden können – abhängig von der Einrichtung, bei der diese Urkunde vor ihrer Einlieferung ins Archiv aufbewahrt wurde. So müsste man heute z.B. im Hermannstädter Staatsarchiv in den Findbüchern der allgemeinen Urkundensammlung (Colecţia de documente medieval), der Zunfturkunden, der Bischofsurkunden, der Urkunden des Hermannstädter und des Bistritzer kirchlichen Kapitels und in mehreren Familienarchiven bzw. Forschernachlässen suchen, dazu nach Abschriften in den Sammlungen „Manuscripta Varia“ und Brukenthal. Die Urkundenbuchbearbeiter bringen erhebliches Vorwissen ein, wo überall eine Urkunde lagern kann.

In den letzten drei Jahren haben Sie in einem Projekt der Heidelberger Akademie der Wissenschaften zu evangelischen Kirchenordnungen gearbeitet. Was war das Ergebnis dieser Forschungen?

Es war Teil eines „Langzeitprojekts“: Vor über 100 Jahren hatte ein Kirchenjurist die Idee, kirchenordnende Texte der Reformationszeit aus dem gesamten deutschen Sprachraum durch kommentierten Abdruck zu erschließen. Seit zehn Jahren erfolgen die Arbeiten bei der Heidelberger Akademie der Wissenschaften. Zu den Siebenbürger Sachsen habe ich fast 100 kirchenordnende Texte bearbeitet, die bekannten Werke aus der Druckerei von Honterus wie das Reformationsbüchlein und die „Reformatio ecclesiarum Saxonicarum“ ebenso wie Synodalbeschlüsse oder bislang ungedruckte Kapitelstatuten sowie kirchenordnende Artikel aus 25 Landtagsbeschlüssen. Die über 600 Textseiten werden gerade für den Druck vorbereitet.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen den zwei Projekten?

Für mich persönlich ergaben sich große Synergieeffekte. Ein Projekt konnte auf das andere aufbauen. Bevor ich nach Heidelberg kam, habe ich in meiner Arbeit mit siebenbürgischen Themen auf der Grundlagenforschung anderer aufgebaut. Für die Kirchenordnungen bin ich erstmals in die siebenbürgischen Archive gegangen. Beim Urkundenbuch erhalte ich noch eingehendere Einblicke in die siebenbürgische Archivlandschaft.

Die Projekte ergänzen sich auch darin, dass sie mich zur Quellenforschung an zwei Fun­- damente der siebenbürgisch-sächsischen Geschichte brachten: die mittelalterliche Grundlegung und Ausgestaltung der weltlichen Rechtsgemeinschaft der Siebenbürger Sachsen sowie die Ausbildung einer eigenen evangelischen Landeskirche im 16. Jahrhundert.

Sie selbst kommen nicht aus Siebenbürgen, beschäftigen sich aber seit Jahren intensiv mit dieser Region. Was macht dieses Gebiet für Sie so interessant?

Bereits als Student bin ich über Harald Roth zu „Studium Transylvanicum“ und dann zum Arbeitskreis für siebenbürgische Landeskunde gekommen. Viele Jüngere waren in diesem Kreis an siebenbürgischer Geschichte interessiert, Sachsen und Nichtsachsen, mit ganz unterschiedlichen Schwerpunkten, aber gegenseitigem Interesse und Austausch. Meine persönlichen Arbeitsschwerpunkte lagen lange bei der (mittelalterlichen) Geschichte anderer Regionen, zunächst Ost- und Westpreußens, dann viele Jahre der Pfalz bzw. dem nördlichen Oberrhein. Die vergleichende Betrachtung von historischen Abläufen in verschiedenen Regionen und die erstaunlichen Querverbindungen faszinieren mich. Siebenbürgen ist mir dabei ein durch seine aufregende Vielfalt hochinteressantes Vergleichsfeld geworden.

Vielen Dank für das Gespräch.


Schlagwörter: Urkundenbuch

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Neueste Kommentare

  • 17.08.2011, 21:57 Uhr von bankban: Naja, guni, ich denke unsere ganze Geschichte ist doch auch auf andere Quellen noch aufgebaut und ... [weiter]
  • 17.08.2011, 20:00 Uhr von guni: Als Besitzer einiger Bände,suche ich schon lange nach dem noch fehlenden. Nun freue ich mich schon ... [weiter]
  • 15.08.2011, 12:24 Uhr von bankban: Schönes Projekt. Werden die Urkunden aber sogleich auch übersetzt? Und: werden sie (evtl. auf ... [weiter]

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