4. Oktober 2020

Ein Fenster in die siebenbürgisch-sächsische Welt vor 400 Jahren: Wertvolles Urkundenbuch der evangelischen Landeskirche

137 Jahre sind vergangen, seit Bischof Georg Daniel Teutsch (1817-1893) den zweiten Band des Urkundenbuchs der evangelischen Landeskirche A.B. in Siebenbürgen herausgegeben hat. Damit hatte er Forschenden und Interessierten zahlreicher Generationen eine Möglichkeit in die Hand gegeben, die Geschichte der siebenbürgisch-sächsischen Kirche im Zeitalter der Reformation in ihren Quellen selbst kennen zu lernen und zu studieren.
Grabmäler/Epitaphien der Superintendenten in ...
Grabmäler/Epitaphien der Superintendenten in Birthälm, v.l.n.r.: Theilesius, Barth und Haas. Foto: Ulrich A. Wien
In dieser Tradition ist im vergangenen Jahr der dritte Band erschienen und ermöglicht nun ein solches Studium auch für das 17. und die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts. Wobei die Bezeichnung des dritten Bands „Die Synodalverhandlungen der evangelischen Superintendentur Birthälm 1601-1752. Urkundenbuch der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien“ irreleitet, denn tatsächlich umfasst das von Ulrich Andreas Wien und Martin Armgart herausgegebene Werk 1.666 Seiten in drei Bänden. Sie machen in ihnen die Protokolle und Mitschriften zu den Synoden des Birthälmer Bistums zugänglich (siehe auch SbZ Online vom 6. Februar 2020).

Das Vorwort der beiden Herausgeber und die Einführung zur Bedeutung der Synodalprotokolle durch Edit Szegedi findet sich in dreifacher Ausführung wieder: in Deutsch, Rumänisch und Ungarisch. Damit öffnen die Herausgeber die Edition für verschiedene Sprachräume.

Durch ihre Einführung gelingt es Szegedi hervorragend, das Werk den Lesenden nahezubringen. Der Wert der Edition ermisst sich daraus, dass sich mit deren Hilfe die religiöse und soziale Pluralität innerhalb der siebenbürgisch-sächsischen Kirche des 17. und 18. Jahrhunderts erfassen lässt. Über die kirchliche Lehre konnte leidenschaftlich (und ausfällig) gestritten werden; selbst die sächsischen Hörigen (auf Adelsgrund lebende Siebenbürger Sachsen) konnten auf den Synoden zu Wort kommen, denn sie gehörten zu derselben Kirche.

Die historische Einleitung übernimmt Ulrich Wien selbst und liefert dabei eine knappe Darstellung der siebenbürgisch-sächsischen Kirchengeschichte. Sie ermöglicht es den Lesenden, die Texte der Frühen Neuzeit selbst einzuordnen und deren breiteren Kontext zu verstehen. Wien unternimmt es damit zugleich, den Aufgabenbereich der Synoden und einige der zentralen Themenfelder darzustellen: das Verhältnis der Geistlichen zur politischen Organisation der Sachsen sowie die Deutung der Osmanen. Das Ganze rundet der Landauer Kirchenhistoriker mit einer Darstellung möglicher Forschungspunkte ab, die mit den Synodalprotokollen verbunden sind und an denen sich die zukünftigen Forschendengenerationen lange abarbeiten können.

Vor den Aufzeichnungen der Protokolle stehen noch die geschichtswissenschaftlichen Ausführungen Martin Armgarts, die einen Einblick in die Überlieferung der Protokolle gewähren. Neben Handschriftenproben und einer chronologischen Tabelle über die einzelnen Quellen findet sich ein Glossar, das rechtliche und historische Begrifflichkeiten erläutert.

Die ersten beiden Bände der Protokolle bilden chronologisch den lateinischen Ursprungstext der Schriftstücke ab; der erste Band behandelt die Texte des 17., der zweite die des 18. Jahrhunderts. Sie sind mit einer deutschen Zusammenfassung von Szegedi versehen, die die Orientierung erleichtert und eine erste thematische Begegnung ermöglicht.

Der dritte Band bietet schließlich deutsche Übersetzungen ausgewählter Texte der anderen Bände von Annastina Kaffarnik. So ist die Edition auch einem Publikum zugänglich, das kein Latein beherrscht, und bildet ein Fenster in die siebenbürgisch-sächsische Welt von vor 400 Jahren: eine Welt, in der sich Frauen erfolgreich gegen eine Zwangsehe zur Wehr setzen können, die Politik sich aber auch nicht vorschreiben lassen möchte, die eigenen Töchter erst mit 16 Jahren zu verheiraten. In ihr gelingt es einem Bauernsohn, Bischof zu werden, und zugleich streiten sich Kirche und Politik über Asyl.

Bei der Auseinandersetzung mit dem Werk bleibt aber ein Wermutstropfen zurück, der ihren Wert jedoch nicht im Geringsten schmälert: die immer noch desolate Forschungssituation zur siebenbürgisch-sächsischen Kirchengeschichte des 17. Jahrhunderts wird den Lesenden sowohl in Edit Szegedis als auch in Ulrich Wiens umfangreicher Darstellung möglicher Forschungsfelder schmerzlich bewusst. Doch mit der vorliegenden Edition ist ein Grundstein dafür gelegt, dieses Problem zu lösen.

Frank Krauss

Ulrich A. Wien, Martin Armgart (Hgg.): „Die Synodalverhandlungen der evangelischen Superintendentur Birthälm 1601-1752. Urkundenbuch der evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien Band 3“. Honterus-Druckerei, Hermannstadt, 2019, 1666 Seiten, ISBN 978-606-008-040-4; 978-606-008-041-1; 978-606-008-042-8. Die dreibändige Edition ist mit Förderung der Regierung Rumäniens durch das DFDR erschienen; die Gratisexemplare können gegen Kostenersatz für Verpackung und Porto dort oder beim Siebenbürgen-Institut in Gundelsheim bestellt werden.

Hinweis des Siebenbürgen-Instituts vom 5. November 2020: Die drei Bände der Synodalprotokolle von insgesamt 5,5 kg können gegen Übernahme der Porto- und Verpackungskosten von 10,00 Euro beim Siebenbürgen-Institut, Schloss Horneck, 74831 Gundelsheim/N., Telefon: (06269) 4215-0, Fax: (06269) 4215-30 oder info [ät] siebenbuergen-institut.de bestellt werden.

Schlagwörter: Rezension, Urkundenbuch, EKR, Wissenschaft, Kirchengeschichte, Evangelische Kirche, Birthälm, Quellen, Editionsprojekt

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