10. November 2011

Vor 100 Jahren wurde der Dichter Michael Wolf-Windau geboren

Am 5. November 1911 hat Michael Wolf das Licht der Welt erblickt. Er kam als Sohn armer Bauern zur Welt. Er wurde in ein sich rasant veränderndes Jahrhundert versetzt, das sich besonders für einen Siebenbürger Sachsen zum Schicksal entwickeln sollte.
Vater Wolf ist Hofherr und Ackerknecht. Michael wird am Acker nie seinen Mann stehen können. Auch am dörflichen Geschehen kann er als Jugendlicher nicht teilnehmen. Er ist weder Herr noch Knecht. Ihm, dem von Schwäche Gezeichneten, auf Hilfe Angewiesenen wird Lesen und Schreiben die wenigen Lebensjahre bestimmen. In seinem Gedicht „Heimatbauern“ beschreibt er treffend die ihn umgebende und sein Schicksal bestimmende Realität:

Von meiner Treppe, im Abendschein,
seh’ ich die Bauern jahraus, jahrein,
wie sie mit Wagen, zu Fuß und zu Pferd,
müde kehren zum eigenen Herd.

Sie haben mit Pflug und Sense gewerkt
und sich aus dem Wasserkrug gestärkt,
schweißklebend die Stirne, gebräunt die Hand,
so schritten sie über das Ackerland.

So kehren sie heim, wenn die Sonne geht
und Abendrot über den Bergen steht;
Ein starkes, gläubiges Bauerngeschlecht,
das beides ist: Hofherr und Ackerknecht!


Michael Wolf wurde früh von einer unheilbaren Rückenmarkerkrankung heimgesucht. Behindert. Arbeitsunfähig. Was das für einen Bauernburschen auf unseren Dörfern bedeutete, kann man heute kaum nachfühlen. Man ahnt es, wenn er schreibt: „Mit wortkargen Männern teilt ich das Los…“.

Michael Wolf-Windau (1911-1945) ...
Michael Wolf-Windau (1911-1945)
Michael hat einen guten Hausarzt. Helfen kann ihm dieser nicht, aber er kann ihn mit Literatur versorgen und ihm Menschen zuführen, die ihn geistig fördern. Zu ihnen gehören Heinrich Zillich und Franz Karl Franchy. Besucher aus Deutschland, die sich für die sächsische Kultur, die einmalig schöne Tracht, die Lieder interessieren, werden auf ihn aufmerksam. Er bleibt mit ihnen über lange Zeit im Schriftverkehr und geistigen Austausch verbunden. Doch dann zerstört der Krieg alles. Auch das Leben von Michael Wolf.

Als im September 1944 die sächsischen Bauern aus Nordsiebenbürgen mit dem eigenen Gespann auf einen 1000 km langen Fluchtweg getrieben werden, ist er bereits gelähmt. Er kann nicht gehen und nur mühsam schreiben. Solange er konnte, hatte er seinen jungen Freunden, die an der Front kämpften, tröstende und aufrichtende Briefe geschrieben.

In einem einleitenden Wort zum 1966 von dem verewigten Pfarrer Günter Litschel und Peter Schuller veröffentlichten Gedichtband lesen wir: „Michael Wolf wollte durch seine Gedichte wirken, …Lebenshilfe geben; … sein Bemühen als Seelsorge verstehen.“ In der Tat spricht aus einem schwachen Körper ein im Glauben gestärkter Geist. Der Apostel Paulus hatte schon in seinem Brief an die Korinther geschrieben: „ER hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ Davon machte Michael Wolf in den meisten seiner Gedichte Gebrauch.

Michael Wolf muss die beschwerliche, monatelange Fahrt mit dem Wagen nicht mitmachen. Er wird mit einem Krankentransport ins Waldviertel nach Österreich gebracht. Wie es ihm dort ergangen ist, wissen wir nicht. Aber wir kennen den Ort, wo er starb: Haugschlag im Haus Rottach 18. Das Haus steht nicht mehr. Am 25. Februar 1945 erlöste Gott Michael Wolf von seinen Leiden.

Windau war eine kleine sächsische Gemeinde unweit von Bistritz, zwischen Bergen eingeschlossen. Die Windauer zählten nie mehr als 300 Gemeindeglieder. Sie waren fleißig und gottesfürchtig. Sie brachten immer wieder prächtige Menschen hervor. Darunter Bürgermeister der Stadt, Lehrer und selbst einen Reichstagsabgeordneten. „Windau, das war einmal“, schrieb Michael Csellner, der letzte Bezirkskirchenkurator und Kirchenvater der Stadtgemeinde Bistritz. In Windau steht die evangelische Kirche nicht mehr. Was erinnert an Windau? – Auch wenn Michael Wolf sich und damit seine Landsleute als „Hofherr und Ackerknecht“ bezeichnet, so ist das, was diese Menschen über 800 Jahre geleistet und hervorgebracht haben, eines Denkmals wert. Sie haben ihre Heimat geliebt und trotzdem, wie Michael Wolf, die Verbindung zu der großen Welt nie verloren. Ihm waren nur 33 Jahre geschenkt. Oft war er im Geist seinem leidenden Körper enteilt, bewunderte die Schöpfung, blickte in die Tiefen menschlichen Lebens und in die Weite kommender Zeiten. Er ahnte, was seiner, unserer geliebten Heimat drohte. 1944 schrieb er: „Ein leises Weinen liegt im Wind – fern am Karpatenrand! Dort, Mutter, Deutschland, weint dein Kind, das Siebenbürgerland.“

Kurt Franchy


Pfarrer i.R. Kurt Franchy hält am 23. November 2011 um 16.00 Uhr einen Vortrag über Michael Wolf-Windau und liest aus seinen Gedichten im Evangelischen Gemeindehaus in Drabenderhöhe.

Schlagwörter: Dichter, Nordsiebenbürgen

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  • 10.11.2011, 12:02 Uhr von der Ijel: Einige lyrisch schön formulierte Gedichte in ihrer Qualität von Michael Wolf sind mir im ... [weiter]

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