25. November 2012

Die Schlacht von Marienburg im Wandel der Erinnerungskultur

Im Gedenken an „alle Opfer von Terror und Gewaltherrschaft“ begingen am 19. Oktober in Marienburg im Burzenland das Demokratische Forum der Deutschen im Kreis Kronstadt, das Honterusgymnasium und die Ev. Stadtpfarrgemeinde A.B. Kronstadt erneut die sogenannte „Michael-Weiß-Gedenkfeier“. Seit 1998 werden Gedenkfeiern anlässlich des Jahrestages der Schlacht bei Marienburg, der sich in diesem Jahr zum 400. Mal jährte, am Marienburger Studentendenkmal abgehalten. Die Feiern knüpfen an eine Tradition an, die von 1913, dem Jahr der Einweihung des Denkmals, bis Ende der 1930er Jahre Bestand hatte, und die ihrerseits in einer reichen Kultur des kollektiven Erinnerns an die Schlacht wurzelte – der Fokus des Gedenkens allerdings ist ein neuer.
Ein Blick auf die wechselvolle Geschichte des Erinnerns an das Schlachtereignis vom Jahr 1612 über das 19. und 20. Jahrhundert bis heute zeigt, dass die Deutung des historischen Geschehens stets neu aus den gesellschaftlichen und politischen Umständen der jeweiligen Gegenwart heraus erfolgte, unterschiedliche Formen annahm und verschiedensten Zwecken diente.

Die Schlacht bei Marienburg war Teil einer Auseinandersetzung zwischen Gabriel Báthory, dem damaligen Fürsten Siebenbürgens, und der Stadt Kronstadt unter Führung ihres Stadtrichters Michael Weiss. Báthory hatte die ständischen Rechte der Sachsen im Fürstentum eingeschränkt und sich 1610 des sächsischen Vorortes Hermannstadt bemächtigt. Er führte Kriegszüge u.a. gegen Burzenländer Gemeinden und belagerte 1611 Kronstadt, das „als letzter wirklich freier Ort des Landes" (Harald Roth) zu einem Zentrum des Widerstands geworden war. 1612 wagte Michael Weiss mit einem Heer einen Ausfall aus der bedrängten Stadt und nahm Dörfer im Szeklerland ein. Der von den Szeklern zu Hilfe gerufene Báthory traf am 16. Oktober mit seinem übermächtigen Heer auf die Truppen von Weiss, der sich gegen einen möglichen Rückzug entschied. Noch ehe die Schlacht richtig begann, setzte im Kronstädter Heer angesichts der feindlichen Übermacht eine Fluchtbewegung ein. Zahlreiche Kronstädter fanden den Tod, darunter sollen auch 22, nach jüngeren Quellen 39 Gymnasiasten gewesen sein: die „Studenten“, denen später das Denkmal gewidmet wurde. Auch Weiss wurde getötet. Die Kronstädter jedoch verweigerten auch in der Folgezeit eine Übergabe der Stadt. Auf Druck des benachbarten Osmanischen Reiches hin kam es schließlich 1613 zum Friedensschluss. Kurz darauf bestieg Gabriel Bethlen mit Hilfe der Osmanen den Fürstenthron, Báthory wurde von Mitgliedern seiner Leibwache getötet.

Eine verheerende Niederlage, hervorgegangen aus militärisch zumindest fragwürdigen Entscheidungen des Stadtrichters für einen Ausfall und gegen einen Rückzug; eine Schlacht, die ohne unmittelbare Bedeutung für den späteren Friedensschluss blieb – dennoch wurden das ­Ereignis und die Person des Michael Weiss zu zentralen Erinnerungsorten im Gedächtnis der Siebenbürger Sachsen, insbesondere des Burzenlandes: warum?

Eine Antwort könnte in der gezielten erinnerungspolitischen Steuerung und Nutzbarmachung des Gedenkens liegen, die unmittelbar nach der Schlacht einsetzten: In Kronstadt wurde eine Gedenkmünze geprägt, die Weiss’ Namen, Todesjahr und eine Aufschrift in lateinischer Sprache trägt: „Er tat, was er dem Vaterlande schuldig war“ – fast klingt es wie eine Absolution. Dennoch finden sich unter den Äußerungen von Zeitgenossen und Chronisten des 17. und 18. Jahrhunderts auch durchaus kritische Einschätzungen des Weiss’schen Handelns.
Das Studentendenkmal in Marienburg in einer ...
Das Studentendenkmal in Marienburg in einer Aufnahme des Ateliers Brüder Gust, Kronstadt von ca. 1921/24 . Bildarchiv Siebenbürgen-Institut, Gundelsheim
Ab dem 19. Jahrhundert ist eine breitere Auseinandersetzung mit der Schlacht zu verzeichnen, die sich nicht nur auf historische Darstellungen beschränkte, sondern auch in Dichtkunst, Literatur und Malerei ihren Niederschlag fand. Zu nennen wären hier Projekte u.a. von Stephan Ludwig Roth und Anton Fiala, Wilhelm Morres und Friedrich Miess, Wilhelm Seraphin sowie Adolf Meschendörfer. In diesen Werken wird Weiss zumeist als Held dargestellt, der mit seinem Einsatz für die Rechte und die Freiheit Kronstadts und letztlich aller Siebenbürger Sachsen ein leuchtendes Vorbild für die Nachwelt sei. Auf diese Weise wird ein Bogen zu den Herausforderungen und Konflikten der jeweiligen Gegenwart geschlagen. Der Schwerpunkt liegt dabei bezeichnenderweise weniger auf den Verdiensten, die Weiss u.a. als einer der bedeutendsten siebenbürgischen Diplomaten seiner Zeit erworben hatte, sondern v.a. auf der Schlacht bei Marienburg und seinem als Heldentod verklärten Ende. Einen ersten Höhepunkt erreichte die Rezeption in der Zeit des Vormärz, in dem die nationale Bewegung das Interesse der Siebenbürger Sachsen an der eigenen Geschichte beförderte und das Weiss’sche Vorbild die Widerstandfähigkeit gegen den ungarischen Assimilierungsdruck stärken sollte. Ein weiterer Schwerpunkt der Rezeption liegt im späten 19. Jh. mit Werken, die vor dem Hintergrund der Magyarisierungspolitik des ungarischen Staates mit ähnlichem Impetus entstanden.

Dem Schicksal der Gymnasiasten wurde interessanterweise erst seit dem späten 19. Jh. verstärkte Aufmerksamkeit zuteil, als Traugott Teutsch in seiner Ballade „Der Prediger von Marienburg“, die er zur Eröffnung des Kronstädter Alumnats 1883 verfasste, die Schlacht dem Anlass entsprechend aus der Sicht der Gymnasiasten schilderte. Er griff dabei auf die Tartlauer Chronik des Thomas Tartler von 1755 zurück, nach der von 40 Schülern lediglich einer überlebt und später als Prediger alljährlich am 16. Oktober am Ort der Schlacht seiner ehemaligen Kameraden gedacht haben soll.
Das Ölgemälde „Der Studentenhügel“ von Karl ...
Das Ölgemälde „Der Studentenhügel“ von Karl Hübner (1902-1981), entstanden um 1937.
Ganz dem Andenken an die Studenten gewidmet wurde schließlich das Marienburger Denkmal, das 1912 anlässlich des 300. Jahrestages der Schlacht errichtet und 1913 eingeweiht wurde. Das Projekt geht auf eine Initiative des Marienburger Ortspfarrers Johann Imrich von 1891 zurück, der sich der Kronstädter Sächsische Turnverein anschloss; den Entwurf fertigte der Architekt Friedrich Balthes. Die Finanzierung erfolgte aus Spenden der Burzenländer sächsischen Bevölkerung.

Die Entstehung des Denkmals fällt in eine Zeit des Wandels, der von vielen Zeitgenossen als krisenhaft, ja als Gefährdung des Fortbestandes der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft empfunden wurde. Zu den anhaltenden Konflikten um die Magyarisierungspolitik kam eine Abnahme des sächsischen Anteils an der Gesamtbevölkerung im Verhältnis zu Ungarn und Rumänen, eine Massenauswanderung nach Nordamerika erreichte ihren Höhepunkt. Vor diesem Hintergrund war das Denkmal ein burzenländischer Appell an alle Sachsen, insbesondere aber an die Jugend: „Bleibt ohne Wanken treu der Heimaterde – Die wir mit unserm Herzblut euch erkauft“, hieß es in der als Aufruf der gefallenen Studenten gehaltenen Inschrift, die ursprünglich für das Denkmal vorgesehen war. Der Schlachtentod, interpretiert als notwendiges Opfer für das Fortleben der Sachsen in Siebenbürgen, wird hier als verpflichtendes moralisches Argument eingesetzt.

In den Ansprachen und Vorträgen der Einweihungsfeier klingt am Vorabend des Ersten Weltkriegs bereits eine Kriegsahnung an – und die Aufforderung, den Studenten in Kampfeswillen und Opferbereitschaft im Zweifelsfall nicht nachzustehen. Die Studenten wurden in den Mittelpunkt des Gedenkens gerückt, um der Jugend eine Identifikation zu erleichtern. Vertretern der Coeten (der sächsischen Schülerverbindungen) wurde entsprechend eine zentrale Rolle bei der Einweihungsfeier zugewiesen.

Das Denkmalprojekt zeigt bereits vor dem Ersten Weltkrieg eine Hinwendung zu nationalen bis völkischen Strömungen aus dem Deutschen Reich unter den Siebenbürger Sachsen. So lehnt sich das Denkmal konzeptionell an die zeitgenössischen sog. Bismarcksäulen an, die die Einheit einer alldeutschen Volksgemeinschaft beschworen: Der auf einer Anhöhe oberhalb des Schlachtfeldes errichtete schlichte, nach den Prinzipien der Heimatschutzbewegung gestaltete Turmbau sollte nach dem Willen von Balthes durch Pechfackeln erleuchtet als „völkisches Mahnzeichen“ dienen. Die Initiatoren wollten das Denkmal in diesem Sinne auch als ein Gegengewicht zu dem einen magyarischen Herrschaftsanspruch dokumentierenden Árpáddenkmal auf der Zinne bei Kronstadt verstanden wissen, welches der ungarische Staat 1896 errichten ließ.
Das Studentendenkmal in Marienburg (2011). Foto: ...
Das Studentendenkmal in Marienburg (2011). Foto: Timo Hagen
Im Unterschied zu den Bismarcksäulen trägt der Marienburger Turmbau allerdings die Züge eines sakralen Gebäudes und wurde von einem Zeitgenossen als „Denkmal im sächsischen Kirchenmotiv“ bezeichnet. Vorgeblich über dem Grab der Studenten errichtet, sollte er nach Balthes zugleich „Grab gefallener Helden“ und „Gedächtniskirchlein“ sein. Der Architekt hob zudem eine Inspiration des Baus durch die Regiswindiskapelle in Lauffen am Neckar, die den Sarkophag einer jungen Märtyrerin birgt, hervor – und stilisierte die Studenten damit zu Heiligen, das Denkmal zur Wallfahrtskirche. In Anknüpfung an die jährlichen „Wallfahrten“ von Traugott Teutschs Prediger wurde so den Festzügen der Kronstädter Coeten zum Denkmal in der Zwischenkriegszeit der Boden bereitet.

Das Denkmalprojekt in seiner Gesamtheit zeigt den Versuch, den als krisenhaft empfundenen Umbrüchen der Gegenwart durch die Beschwörung sächsischer Geschichte und Traditionen auf der einen und Anknüpfung an nationale und völkische Strömungen im Deutschen Reich auf der anderen Seite zu begegnen.

Dieser Balanceakt endete mit dem letzten Festzug zum Denkmal Ende der 1930er Jahre, als mit der Machtübernahme der nationalsozialistischen Deutschen Volksgruppe auch die Coeten aufgelöst wurden. Zuvor hatte um 1937 Karl Hübner in seinem Gemälde „Der Studentenhügel“, das die kampfbereiten Studenten zeigt, noch eine Erinnerung an die Schlacht im Sinne des Denkmalprojekts propagiert.

Zur Zeit des Kommunismus meldete sich der nach Deutschland emigrierte Autor Heinrich Zillich, der als Schüler an der Einweihungsfeier mitgewirkt hatte, mit einer Neudeutung des Denkmals anlässlich dessen 50-jährigen Bestehens zu Wort. Er interpretierte das auf enteignetem Grund stehende Denkmal weiterhin als Mahnmal – aber nun unter Bezugnahme auf Unfreiheit im Kommunismus und leitete daraus, auf das Ende Báthorys verweisend, recht unverhohlen einen Aufruf zum Tyrannenmord ab

Wenn heute in „Michael-Weiß-Gedenkfeiern“ am Denkmal „allen Opfern von Terror und Gewaltherrschaft“ gedacht wird, so ist daran vor dem Hintergrund dieser hier umrissenen Geschichte des Erinnerns an die Schlacht mehrerlei bemerkenswert:

Die Studenten sind wieder aus dem Fokus des Erinnerns gerückt – der weitere Verlauf der Geschichte dürfte die mit ihnen verknüpfte Art des Gedenkens diskreditiert haben.

Man gedenkt nicht mehr Helden, sondern Opfern und beschränkt das Erinnern nicht länger auf die Sachsen unter ihnen. So erfuhren Schlacht und Denkmal auch in der Gegenwart eine Aktualisierung ihrer Bedeutung – was in der Vergangenheit zum Kampf gemahnen sollte, gilt heute als „Mahnmal gegen Gewalt“.

Timo Hagen

Für eine detaillierte Analyse des Denkmalprojekts mit Literatur- und Quellenhinweisen siehe: Hagen, Timo: „Gedächtniskirchlein – Grab gefallener Helden – völkisches Mahnzeichen“. Das Studentendenkmal in Marienburg. Ein Entwurf siebenbürgisch-sächsischer Identität am Vorabend des Ersten Weltkriegs, in: Kronstadt und das Burzenland. Beiträge von Studium Transylvanicum zur Geschichte und Kultur Siebenbürgens, hrsg. v. Bernhard Heigl und Thomas Şindilariu, Heidelberg, Kronstadt 2011, S. 139-179.

Schlagwörter: Marienburg, Gedenken, Denkmal

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Neueste Kommentare

  • 25.11.2012, 08:27 Uhr von bankban: Ein hervorragender Artikel, vielen Dank. [weiter]

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