5. März 2013

Alaine Polcz’ Lebensbericht „Frau an der Front“

Die Nachrichten über brutale Vergewaltigungen von Kindern, Frauen oder wehrlosen Menschen überschlagen sich tagtäglich in den Medien, sie berichten über Grausamkeiten nicht nur von den verschiedenen Kriegsschauplätzen in der Welt, sondern auch aus dem Umfeld der Menschen, die scheinbar im Frieden leben, ja sozusagen aus unserer Nachbarschaft. Die Grausamkeiten der Gegenwart überlagern oft die der Vergangenheit. Wen wundert es also, dass Filmemacher, Buch- und Theaterautoren sich der Themen immer häufiger annehmen.
Manchem Fernsehzuschauer dürfte der Zweiteiler „Anonyma. Eine Frau in Berlin“ bekannt sein, den der Regisseur Max Färberböck bereits 2008 mit Nina Hoss in der Hauptrolle in die Kinos gebracht hatte. Im Oktober 2012 wurde seine Ausstrahlung wiederholt. Grundlage für den Film waren die Tagebuchaufzeichnungen der Berliner Journalistin Marta Hillers (1911-2001) aus dem Jahre 1945. Diese hatte ihre erschütternden Erlebnisse nach dem Einmarsch der Roten Armee und während der Besetzung Berlins festgehalten und 1959 anonym auch deutsch veröffentlicht, nachdem der Text zuerst englisch erschienen war. Die „Anonyma“ erntete damit in Deutschland böse Kritik und Anwürfe, weil sie durch die Schilderung der brutalen Vergewaltigungen, die sie und andere Frauen durch Rotarmisten erlitten, sowie der Überlebensstrategien der Opfer angeblich das Ansehen „der deutschen Frau“ beschädigt habe. Daraufhin verbot die Autorin über ihren Tod hinaus eine Neuauflage ihrer Aufzeichnungen. 2003 brachte kein Geringerer als Hans-Magnus Enzensberger im Eichborn-Verlag in der Reihe „Die andere Bibliothek“ ihren Text dennoch neu heraus, nachdem der Journalist Jens Bisky die Identität der Verfasserin aufgedeckt hatte. Die Diskussionen in der Presse um die Rechtmäßigkeit solcher Vorgehensweisen waren abzusehen.

2012 ist nun die deutsche Fassung eines ungarischen Buches erschienen, das bereits 1991 gedruckt und danach gleich in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Die Identität der Verfasserin war und ist bekannt: Alaine Polcz (1925-2007). Sie schildert sehr ähnliche Ereignisse und Erlebnisse noch ausführlicher und vielleicht noch schonungsloser, als es die Tagebuchaufzeichnungen von Hilllers tun. Für den originalen Untertitel „Egy fejezet élemböl“ [Ein Kapitel aus meinem Leben] wählte der Übersetzer Lacy Kornitzer in der deutschen Ausgabe den neutralen Begriff „Bericht“. Als „Buch des Jahres“ wurde es 1991 in Ungarn gefeiert, 1992 erhielt Alaine Polcz dafür den Déry Tibor-Preis, 2000 den Buchpreis für Autoren der Gegenwartsliteratur.

Alaine Polcz ist in Klausenburg geboren. Sie stammte aus einer gutbürgerlichen ungarischen Familie, ihr Vater war Bezirksoberstaatsanwalt. Kindheit und Jugend verbrachte sie in einer gediegenen Wohngegend Klausenburgs, wo auch mehrere jüdische Familien lebten, mit denen gute Nachbarschaft und Freundschaft gepflegt wurden. Während 1944 die mit Hitlerdeutschland verbündete ungarische Regierung – Nordsiebenbürgen gehörte seit dem Wiener Schiedsspruch bekanntlich zu Ungarn – unter dem Terrorregime von Ferenc Szálasi auch Juden aus Klausenburg in Ghettos deportierte, feiert die 19-jährige Alaine Hochzeit mit dem aus Budapest stammenden „János“, Mitarbeiter des Helikon-Verlages und angehender Dichter. Die ­Atmosphäre kurz vor den kriegerischen Ereignissen in Klausenburg schildert Polcz als widersprüchlich: das bunte Stadtleben mit Kinobesuchen, Unterhaltungen in fröhlicher Freundesrunde einerseits und beängstigende Vorkommnisse wie Wohnungsräumungen, das Verschwinden jüdischer Nachbarn und Freunde bzw. deren Verstecken vor der Deportation oder Nachrichten über die immer näher rückende Front und den unübersehbaren Kriegsverlauf andererseits.

Ihre Hochzeitsreise machen die beiden frisch Vermählten nach Budapest, kehren jedoch der unsicheren Lage wegen sehr bald zurück. Da Siebenbürgen nach dem Frontwechsel Rumäniens auch Schauplatz kriegerischer Handlungen wird, scheint es der Familie ratsam, westwärts zu fliehen. Auf ihrem Weg geraten die Flüchtlinge in Bombardements und in Schusslinien, kommen aber glücklicherweise mit dem Leben davon. Während solch dramatischer Begebenheiten belastet die junge Frau überraschenderweise zusätzlich die scheinbare Kälte und Lieblosigkeit ihres angetrauten Mannes. Die beiden retten sich aus dem unter heftiger Kampfoffensive stehenden Budapest nach Csákvár in ein Schloss der Familie Eszterházi, wo die Mutter von János als Haushälterin eine kleine Wohnung zur Verfügung hat. Das Schloss steht unter diplomatischem Schutz des Schweizerischen Roten Kreuzes. Dort haben inzwischen auch andere Flüchtlinge Aufnahme gefunden: Franzosen, Juden und Antisemiten, rechte Ungarn, im Nebendorf wohnen Donauschwaben, unter ihnen „Volksbündler“. Alaine arbeitet zeitweilig in der Aufnahme und Pflege von Kriegsversehrten, Soldaten, Zivilisten, Kinder. Hier sieht sie zum ersten Mal den Gräueln und Schrecken des Krieges und dem Tod ins Gesicht.

Auf ihrem Rückzug zwingen deutsche Truppen alle Insassen zum Verlassen des Schlosses. Die Flüchtlinge ziehen sich in ein Forsthaus der Eszterházis in den Wald zurück. Dort treten am ersten Weihnachtstag Rotarmisten die Tür ein, verschleppen János und setzen die anderen gefangen. Die junge Alaine erlebt in der Folge das Schicksal vieler Frauen im Zweiten Weltkrieg, sie wird mit den Soldaten an wechselnde Kriegsschauplätze mitgenommen, vielfach vergewaltigt, mit Gonorrhoe und Tuberkulose infiziert, für deren Ausheilung sie nach Kriegsende in Klausenburg drei Jahre lang Siechtum in Kauf nehmen muss. Infolge ihrer schweren Erkrankung wird sie auch nach der Genesung kinderlos bleiben. Inzwischen ist Nordsiebenbürgen wieder an Rumänien zurückgegeben, die Ungarn der Stadt fühlen sich benachteiligt und verfolgt. Alaine leidet vor allem auch unter der Einsamkeit inmitten ihrer nächsten Familienangehörigen und Freunde, weil sie über ihre traumatischen Erfahrungen im Krieg mit niemandem sprechen kann. Sie geht zurück in das zerbombte Budapest. Als ihr Mann dort wieder auftaucht, vollzieht sie die Trennung von ihm. 1949 heiratet sie den Schriftsteller Miklos Mészöly, der im literarischen Leben Budapests und als Anreger und Förderer der jüngeren Schriftstellergeneration eine wichtige Rolle spielen sollte. Sie studiert Psychologie, betreut kranke und sterbenskranke Kinder, veröffentlicht mehrere grundlegende Werke über den Umgang mit dem Tod und begründet 1991 die Hospizbewegung in Ungarn. Den „harten Kern des Schweigens“ über ihre traumatischen Erfahrungen bricht Polcz erst nach der Wende, als die Sowjets ihr Einflussgebiet in Ost- und Südosteuropa verlassen haben.

Das Buch ist kein Roman, liest sich aber wie ein solcher und führt an Schauplätze, die einem siebenbürgischen Leser durch Anschauung oder Geschichtswissen bekannt sein dürften. Manche Details und Kriegsgeschehnisse aber könnten auch sehr neu für ihn sein. Vor allem frappiert, wie rücksichtslos und lakonisch die gebürtige Klausenburgerin ihre erschütternden Erlebnisse schildert – aber ohne Hass, sondern mit Güte gegenüber der Kreatur Mensch und Tier. Die differenzierende Darstellung der Täter-Opfer-Beziehung und die Erfahrung einer „anderen Zeitdimension“ angesichts des Todes verleihen ihrem Text besondere Aussagekraft.

Gudrun Schuster


Alaine Polcz: „Frau an der Front. Ein Bericht“, aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer, Suhrkamp-Verlag, Berlin 2012, 231 Seiten, Preis: 22,95 Euro. ISBN 978-3-518-42306-6.
Frau an der Front: Ein Bericht
Alaine Polcz
Frau an der Front: Ein Bericht

Suhrkamp Verlag
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Schlagwörter: Buch, Rezension, Frauen, Krieg

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  • 05.03.2013, 20:47 Uhr von bankban: "Für den originalen Untertitel „Egy fejezet élemböl“..." Das ergibt keinen Sinn. Es müsste wohl ... [weiter]
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