18. August 2013

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Zarte Liebes- und Lebensgeschichte

Da bemüht man sich und sinnt und trachtet, und nichts ergibt sich – davon erzählt das vor Kurzem im Schiller Verlag erschienene Jugendbuch „George oder Vom aufrechten Gang des Menschen“ von Karin Gündisch. Eine Liebe, die nicht in die Gänge kommt und schon in vollem Gange ist. So zart beschrieben, dass die Erzählung ohne viele Worte auskommt und doch alles erzählt.
Der Schüler George, er lebt in einer Kleinstadt in Siebenbürgen, atmet den Duft und mehr noch die Aura einer Klassenkameradin ein, und will sie treffen, ihr etwas sagen, ihr das Entscheidende sagen … Aber kann er es sagen? Man fiebert als Leser mit, in der Klasse, im Kino, vorm nächtlichen Fenster. Kann man es überhaupt sagen, oder hat man es schon gesagt, wenn einem von Angesicht zu Angesicht die Worte fehlen, wie diesem halbwüchsigen George, der gefunden hat, wonach so viele lebenslang suchen werden, sein Lebensglück in der zarten Gestalt von Anitza?

Die preisgekrönte siebenbürgische Kinder- und Jugendbuchautorin Karin Gündisch erzählt von den Gefühlen eines Jungen, indem sie nicht viel darüber spricht, sondern erzählt, was jemand tut, der so fühlt wie George: Er legt sich mit dem ungerechten Lehrer an, der den „kalten Blick“ (S. 8) hat. Die Geschichte spielt zur Zeit der Diktatur in Rumänien. Ein Lehrer, der seine Schüler damit diszipliniert, dass sie sich zur Strafe fürs Nichtwissen eine Glatze scheren lassen müssen, zum Gespött der Mitschüler. Gemeinschaftserziehung. Erziehung im Kollektiv. In der Diktatur: „Der ist ein Diktator im Kleinformat.“ (S. 13) Es geht darum, die Schüler, die anders sind „vor der Klasse zu demütigen“ (S. 47). z ... Man muss mit anderen Jungen rechnen, die sich auch verlieben, in das gleiche Mädchen, schneller, und in jedes Mädchen am Ort, die es nicht ernst meinen, aber so schrecklich erfolgreich sind bei den Mädchen, die alles richtig machen, aber die Sache gerade deshalb verpassen und vermasseln. Man muss zusehen, wie man einem, ach was, seinem Mädchen im Leben nicht helfen kann, weil man nicht die Mittel besitzt, um ein entwendetes, da nachlässig abgestelltes Fahrrad zu ersetzen. Man muss zusehen, wie „sie“ die Kirschen nicht sieht, die man nur für „sie“ gepflückt hat, nur für „sie“ am Fenster abgestellt hat, nachts, und die nun ihr Bruder findet und aufisst, nein, verschlingt. Kleinigkeiten? Die Liebe besteht aus solchen Kleinigkeiten. Das hat George fast begriffen. Fast, denn er sucht immer noch zu sehr nach dem, was er bereits hat. Aber ob es auch Anitza bemerkt hat? Ob sie ihn bemerken wird? Sein Bemühen? Seine Zartheit? Wir Leser bekommen es nicht zu lesen – aber wir wissen es auch nicht, wenn wir es selbst leben. In der Liebe scheint es weder Garantie noch Sicherheit zu geben. Sie ist ein stetiges Bemühen, dessen Ziel im Bemühen liegt.

Kann man Kindern davon erzählen. Von der Liebe? Karin Gündisch kann es. Sie erzählt von einem Versuch, der längst das Ergebnis ist. Die Anbahnung ist die Erfüllung, und man mag für George und Anitza hoffen, dass es immer dabei bleibt. Gündisch erzählt eine Geschichte, in der der Inhalt immerzu ausgespart und merkwürdigerweise eben dadurch präsent ist. Gerade dadurch, dass das Bemühen sich nicht erfüllt, gelingt es ein wenig. Eine wunderbare, eine zärtliche Lebensgeschichte, die das Zarte bewahrt und nicht beredet. Keine therapeutische Adoleszenz-Prosa.

Ein Kunstgriff ist es, in der offenen Geschichte weitere Geschichten ohne Ende zu erzählen: Wie geht die Affäre mit dem gestohlenen Fahrrad aus, was wird aus der Freundin, die nicht mehr in der Klasse erscheint, weil sie (vom erfolgreichen Konkurrenten) schwanger wurde? Man muss sich die Geschichten selbst weiterdenken, und man kann es, denn das Buch gibt einem hierzu die notwendigen Umstände und Hinweise.

Liebe findet immer irgendwo statt, oft in einem Irgendwo, das ihr nicht zuträglich ist: In Zeiten der Diktatur zum Beispiel. Und so kontrastiert Gündisch die zarte Liebe zur harten Realität einer Diktatur. Es ist anrührend, wie sie beides nebeneinander stellt. Die Diktatur, wird in ihren Auswirkungen beschrieben, die in den Alltag reichen, ihn zerstören. An ihren Taten wird man sie erkennen. Politik, die sich einmischt, weil sie alles besser weiß: In der Schule geht es nicht um die Kinder, sondern um die Disziplinierung. Die Landesgeschichte wird je nach aktueller politischer Lage umgeschrieben; wenn man die Nase nicht im Wechselwind hat, bekommt man eine schlechte Note, weil man als Antwort gab, was gestern noch richtig war, aber heute schon falsch ist. In der Wirtschaft geht es nicht um Ideen und Kreativität, nicht um Versorgung, sondern um Macht und ums Kollektiv. Um die anonyme und zugleich präsente Macht. „Hast du eine Ahnung, warum wir abgeholt werden?“ (S. 45), fragen sich George und sein Freund Dinu wechselseitig, als sie aus dem Unterricht geholt und einbestellt werden – und benennen so, was eine Diktatur zusammenhält: die Angst. Die Angst vor dem Ungewissen: Das „Gefühl einer lauernden Gefahr“, bei der man nicht „erkennen konnte, worin sie bestand“ (S. 46). Sicher, eine Diktatur herrscht mit Gewalt, aber mehr noch herrscht sie mit Gerüchten: „Gerüchte, das war alles, was man wissen konnte.“ (S. 66) Gündisch vermag das Einsickern politischer Macht in den Alltag so feinsinnig zu beschreiben, dass man den Atem anhält. So sehr sind wir schon gar nicht mehr wir, dass wir es gar nicht mehr merken, wenn wir anders sind. In diese politische Geschichte eingewoben ist die Geschichte von Georges Familie, eigensinnige Menschen, die ihren Verstand nicht an die Politik abgegebenen haben, sondern so leben, wie sie es für richtig halten. Ein Völkergemisch aus Rumänen und Griechen, Land- und Stadtbewohnern – und einer Mutter, die sich nichts vormachen lässt: „Ich habe es mir gedacht, dass ihr nicht wollt, dass ich arbeiten gehe, weil ich euch zu sehr verwöhnt habe.“ (S. 27) – Manchmal schieben wir eben politische Argumente vor, wo es doch nur um unsere eigene Bequemlichkeit geht. Aber darauf lässt sich Georges Mutter nicht ein. Stets hat sie Überraschungen parat, die ihre männlichen Familien­mitglieder ganz herausfordern. Von wem erfahren wir eigentlich so viel aus dem Innenleben des Jungen George, seiner Familie und der rumänischen Diktatur? Da ist jemand im Roman anwesend, der nicht vorkommt: Die Erzählerin. Sie blickt die Geschehnisse an, beschreibt, hebt hervor, lenkt unsere Aufmerksamkeit. Dass sie so dezent ist, sollte den Leser nicht darüber hinwegtäuschen, dass sie genau weiß, was sie (sagen) will, doch sie gibt es uns nicht vor; sie gibt es uns auf. Sie erzählt von Menschen, die auch in einer Diktatur Respekt (S. 74) bewahren, Respekt vor anderen und vor sich selbst. Und sie zeigt, dass kein System so mächtig ist, dass es nicht Möglichkeiten gibt, um diese wechselseitige Achtung zu leben: Als wieder einmal George für nichts bestraft und gedemütigt werden soll, als er sich wieder einmal zur Strafe eine Glatze scheren lassen muss, tun es ihm alle Mitschüler gleich: Vom aufrechten Gang des Menschen und wie er möglich ist.

Volker Ladenthin



Karin Gündisch: „George oder Vom aufrechten Gang des Menschen“, Schiller Verlag, Bonn/ Hermannstadt, 2013, 78 Seiten, Preis: 9,70 Euro, ISBN: 978-3-944529-04-2.

Schlagwörter: Karin Gündisch, Buchpräsentation

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