20. Januar 2014

Auf der Bühne lebten ihre Rollen auf: Die Schauspielerin Luise Pelger

Es war eine lange Märznacht 1974 mit Vollmond und viel Sternengold – doch niemand hatte es eilig, den Theatersaal zu verlassen. Minutenlang brauste der Schlussbeifall. Die Kenner waren sich einig, dass „Der gute Mensch von Sezuan“ die beste Darbietung überhaupt des Ensembles der Hermannstädter Bühne war. Die Kritiker schrieben von einer Höchstleistung, die dem Brecht-Stück in der Regie des Hamburgers Henry E. Simmon etliche Glanzlichter aufgesetzt hatte. Eines davon war zweifellos die Doppelrolle, in der Luise Pelger als herzensgute Shen Te sowie als böswilliger Vetter Shui Ta von allen Seiten Lob erntete. Das nicht nur, weil sie den Spagat zwischen den beiden verkörperten Persönlichkeiten (Frau/Mann) mit grundverschiedenen Charakteren in dem Parabelstück überzeugend meisterte, sondern auch weil sie mit einer fein nuancierten Mimik sowie mit ausdrucksvollen Gesten und Gebärden ausgeglichene Leistungen vollbrachte. Und das sollte ihr während der gesamten Laufbahn immer wieder gelingen: minutiös erarbeitete Nebensächlichkeiten wuchsen zu tragenden Momenten in der jeweiligen Aufführung.
Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze – so sinniert Schiller in seiner Wallenstein-Trilogie. Wir wollen der inzwischen 76-jährigen Luise Pelger keinen Kranz, dafür aber ein goldenes Lorbeerblatt darreichen. Die Stürme ihres Lebens hat sie an der Seite ihres Schauspielergatten Hans Pomarius mit Bravour gemeistert. Zielstrebigkeit und Ausdauer waren auch ihre Stärken auf dem steinigen Weg der Kunst. Und ihr ständiger Begleiter in allen Lebenslagen war und ist der Humor, der ja bekanntlich der Regenschirm des Weisen ist. Humor ist bestimmend für ihr Wesen, er ist für vielseitige Berufsschauspieler unverzichtbar.

Eigentlich wollte Luise Pelger (Jahrgang 1938) aus Wurmloch Lehrerin werden oder Sängerin – und warum denn nicht Schauspielerin? Dieser Wunsch wuchs mit jedem Jahr im Vorgefühl der Fähigkeiten, die in ihr schlummerten, er wuchs auch im Vorgefühl der Leistungen, zu denen sie später fähig sein sollte. Ihr Wille war stärker als die Hemmnisse und Hürden der Zeit. Ihr Beispiel belegt es: Wenn ein Mensch wirklich etwas will, so erreicht er es, er mag sich sein Ziel noch so hoch stecken. Fachleute wurden bald auf das Talent aufmerksam und erkannten Luises Berufung für die Bühne. Dann kam alles wie es kommen musste: ein geglückter Schritt ins professionelle Rampenlicht.

Luise Pelger wurde 1966 Mitglied der deutschen Abteilung des Hermannstädter Theaters. Der unumkehrbare Weg ins Bühnenleben war eingeschlagen. Zur Zufriedenheit des Ensembles und zur Freude des Publikums. Aber noch eine Hürde musste genommen werden. Und das kam so: Bei einem Besuch in Hermannstadt sah ihr künftiger Ehemann Hans Pomarius sie auf der Bühne und war sofort Feuer und Flamme für die junge Zunftkollegin, die ihm nicht abgeneigt war. Der gebürtige Schäßburger war bereits beim Deutschen Staatstheater in Temeswar verpflichtet; da er beruflich nicht nach Hermannstadt wechseln konnte, nahm er Luise nach vielem Hin und Her mit nach Temeswar. Hier sollte es eine gute Zeit für die vielseitige Interpretin, die auch bestechend gut singen konnte, werden, vielleicht ihre fruchtbarste Zeit. Heute noch schwärmt sie von den gefeierten Aufführungen und den begabten Kollegen und Partnern. Ob in den Unterhaltungsklassikern wie „Alt-Heidelberg“ und „Die Kaktusblüte“ oder in der besinnlich-bezaubernden Rolle der Maria in „Ein Winternachtstraum“ (von Tudor Musatescu) zog sie alle Register ihres Könnens und ihres natürlichen Charmes. Die Theaterkritiker im vielsprachigen Temeswar waren sich einig in ihrem Urteil: vielseitige und sogar noch steigerungsfähige Schauspielerin. Und wen wunderte es: Der damalige Dramaturg und Dichter Franz Liebhard sprach einfach von „der Pelgerin“, was in Anlehnung an das klassische Vorbild höchstes Lob bedeutete.
Luise Pelger gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans ...
Luise Pelger gemeinsam mit ihrem Ehemann Hans Pomarius im Stück „Das Konzert“ von Hermann Bahr 1980 in Hermannstadt. Foto: Otto Schmidt
Anfang der 1970er Jahre trübte sich der Theaterhimmel ein. Nach dem Zerwürfnis mit dem engstirnigen Intendanten Bruno Würtz packte das Pomarius-Paar die Koffer und zog nach Hermannstadt. Erfolge und Anerkennung blieben auch hier nicht aus. Das eingangs erwähnte Brecht-Stück mit Luise Pelger in der Doppelrolle steht stellvertretend für alle Erfolge. Doch auch am Hermannstädter Theater hinterließ der Exodus der Sachsen Spuren und Narben, es wurde ringsum immer einsamer. Deutschland hieß im Januar 1984 die nächste Lebensetappe des Schauspieler-Ehepaares Pomarius. Hans biss sich durch und blieb auf der Bühne bis zum Rentenalter. Luise wiederum sagte der Bühne ade und widmete sich der Familie. Das war für sie eine neue Rolle und Herausforderung; auch diese meistert sie.

Luise Pelger hat viele Rollen gestaltet; sie zu zählen, wäre verlorene Mühe. Zwischen zwei Begabungen hatte sie zu wählen und ihre Zukunft danach auszurichten: Theater und Gesang. Thalia hatte die Oberhand gewonnen. Thalia hat sie nicht nur geködert, sondern auch reichlich beschenkt. Von Anfang an meisterte sie ihre Parts mit einer verblüffenden Unbekümmertheit und Selbstverständlichkeit, die zu ihren Markenzeichen werden sollten. Selbstzufriedenheit war ihr fremd. Werk- und Autorentreue erhob Luise Pelger zum Prinzip. Sie gestaltete ihre Rollen so, dass sie wie ein Kleid zu ihr passten – oder dass sie ins Rollenkleid passte. Sie lebte ihre Rollen, passte diese an sich an und passte sich wiederum an die Rollen an. Durch diese Osmose konnte die seelisch-geistige Brücke zum Zuschauer und Zuhörer unten im Saal geschlagen werden. Zur Textaufsagerin wurde sie nie – sie konnte diese Brücke stets bauen. Mit einer Rolle hatte sie erst abgeschlossen, wenn das Stück aus dem Repertoire gestrichen worden war.

Ob es die leichtere und unterhaltsame Muse war oder dramatisch-tragische Figuren sie herausforderten, Luise Pelger gelang es, die theatralische Überhöhung zu vermeiden. Verzerrung, schäumendes Pathos oder Rhetorismus blieben stets außen vor. Stellvertretend für die vielen guten Kritiken stehen jene der gestrengen Helga Reiter, die Lob nur sparsam und selten austeilte. Ihr Fazit: „Solch sorgfältig gebaute Rollen möchte man öfter sehen.“ Und Wolf Aichelburg urteilte: Übertriebene subjektive Einstellungen und Eitelkeiten sind ihr fremd; er beurteilte schwärmend die Rolle der Magd Hanne Schäl in „Fuhrmann Henschel“: Die Schauspielerin wiederholt sich nie. In ihrem Spiel sind keine Ticks.“ Apropos: In dieser Hauptmann-Inszenierung trat Luise Pelger an der Seite ihres Mannes Hans Pomarius auf.

Die Fähigkeit zu nuancierten Leistungen durch ein schnörkelloses und unaufdringliches Spiel stellte sie immer wieder unter Beweis. Ein Beispiel: Ihre Miranda in „Don Juan oder die Liebe zur Geometrie“ von Max Frisch wirkte „fraulich-grazil über hurenhaft bis grand dame“ urteilte Horst Weber. Mehrschichtige Rollen waren ihre Stärke. So als Margot in „Die Schreibmaschine“ von Jean Cocteau (unschuldiges Kind, dann femme fatale, wiederum burschikos-verwegen und nachdenklich-weich) oder als Angelika Unglaube in Rudi Strahls „Ein irrer Duft von frischem Heu“ (Gespaltenheit und dennoch einheitliche Persönlichkeit) und nicht zuletzt in „Rheinsberg“ (ein Stück von Ulrich Wendler nach einer Tucholsky-Erzählung) als Claire, wo sie alle ihre Trümpfe ausspielt: von reizend und unbändig, über zärtlich und aufbrausend bis hin zu schmollend und mütterlich – ein „seelisches Chamäleon“ passiert hier Revue. Und dass man viel Beifall auch im Tandem ernten und teilen kann, zeigte sie in Shaws „Man kann nie wissen“ und brannte mit Abi Kitzl ein Feuerwerk der Unbekümmertheit und der guten Laune ab. Und nicht zuletzt: Auch im Duo mit ihrem Mann, der mehrmals als Regisseur bestach, erntete Luise Pelger manche Lorbeeren – so in „Rose Bernd“ (Hans Pomarius gelang eine bemerkenswerte Übertragung des Hauptmann-Stücks ins sächsische Milieu) oder in Rudi Strahls „In Sachen Adam und Eva“.

Luise Pelger hat auf beiden deutschen Bühnen in Rumänien das Publikum begeistert und manchmal auch verzaubert. Manche Wunschrolle blieb zwar ungespielt, doch traurig stimmt das sie nicht. Inzwischen steht sie im Zenit ihres Lebens. Zuversicht vermittelt sie wie eh und je im Freundeskreis. Man dankt es ihr – vor allem der Mann an ihrer Seite.

Anton Palfi

Schlagwörter: Porträt, Schauspielerin

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