19. Dezember 2016

Fachtagung in Bad Kissingen über die Stadt- und Kulturgeschichte von Heltau

Wie sehr die in einer Ortschaft überschaubarer Größe gemeinsam verbrachte Zeit verbindet, war an einem Treffen jener zu ersehen, die durch Geburt und Kindheitstage, durch Schul- und Dienstjahre oder sonstige Belange eine Beziehung zu Heltau haben. Einstige und heutige Ortsbewohner, über 120 an der Zahl, kamen vom 7. bis 9. Oktober 2016 im „Heiligenhof“ von Bad Kissingen zusammen, um an dem Seminar „Mitteleuropäische Stadt- und Kulturgeschichte am Beispiel von Heltau in Siebenbürgen“ teilzunehmen.
Über dieses Programm hinausgehend, einte das angereiste Publikum der Wunsch, Bekannte zu sehen, sich an vergangene Geschehnisse zu erinnern und die Welt geistig noch einmal aufleben zu lassen, die es vordem in geringerer oder beträchtlicher zeitlicher Entfernung gegeben hat. Gemeinsamkeiten galten wieder, als seien sie nie in Frage gestellt worden, als hätten sie nicht durch die vielen Umschichtungen unserer Existenz an Gehalt und Gewicht eingebüßt. Gleichermaßen belangvoll erschien im Trubel der unverhofften Begegnungen, ob sich die unvermittelt im Gedächtnis aufsteigenden Geschehnisse im kleineren Kreis von Familie und Freundeskranz abgespielt hatten oder ob sie im umfassenderen Zusammenhang, in der kirchlichen sowie weltlichen Öffentlichkeit, abgelaufen waren.

Gustav Binder, Studienleiter der gastgebenden „Bildungs- und Begegnungsstätte“, hieß die von nah und fern Angereisten willkommen. Von den Städtetagungen, die der „Heiligenhof“ ausgerichtet habe, verspreche das Heltau gewidmete Seminar, schon durch den überaus regen Zuspruch des Publikums und durch die vielseitige Thematik, eine der gewichtigsten zu werden.

Der jederzeit einsatzbereite Heimatortsgemeinschaftsvorsitzende Heinz Hermann, an der Regie der Veranstaltung maßgeblich beteiligt und ihr lebendiger Moderator, dankte dem für siebenbürgische Treffen aufgeschlossenen Studienleiter für die gute Aufnahme im Haus, auch für finanzielle Förderung der Zusammenkunft - über das Haus des Deutschen Ostens München erwirkt vom Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration. Herzlich begrüßte er die Landsleute und all jene, die sich vom Tagungsprogramm angesprochen fühlten.

Die Vortragsfolge und auch die sorgsam aufgebotenen kulturellen Beigaben kamen dem Bestreben, die kollektive Erinnerung zu beleben, vielfach entgegen. Photographische Aufnahmen hingen an den Wänden des Tagungssaals, von Michael Kapp eigens für dieses Treffen ausgewählt und nun den Anwesenden erläutert. Die Schau war auf Heltau und Umgebung wie auch auf Tracht und Brauchtum eingestellt, und es war bezeichnend, dass der erfahrene Photograph Michael Kapp sagte, er habe auch bisher ungenutztes älteres Fotomaterial herangezogen, um Alltag und Festtag von dazumal, um den Naturrahmen vergangenen Lebens möglichst authentisch zu dokumentieren.

Das Stichwort „Tracht“ wurde von Heinz Hermann aufgegriffen und mit einem Appell verknüpft. Er nahm die Übergabe einer Tracht an die Heimatortsgemeinschaft zum Anlass, die Anwesenden dazu aufzufordern, ein Auge für die Heltauer Festtracht zu haben, sie als Identitätsmerkmal zu schätzen und im Rahmen des Möglichen zu pflegen. Das Publikum erfuhr, dass Frau Meta Denny, geborene Sill die im Saal ausgestellte Frauentracht der HOG gespendet habe.

Die damit veranschaulichte Verflechtung von Familienereignis und Gemeinschaftsschicksal, von Einzelperson und Gemeinde, von Privatem und Kommunitärem, wurde, in den verschiedensten Formen, auch in den Vorträgen und Diskussionsrunden offenkundig. Die Ausführungen der Referenten, die Meinungsäußerungen der Hörer erhielten dadurch einen Zug ins ansprechend Verwandte. Häuser, Gassen, Sippschaften, auch damit verquickte kuriose Begebenheiten kamen immer wieder ins Gespräch, zumal Heinz Hermann die Anwesenden ausdrücklich dazu aufforderte, ihren Bezug zur Ortschaft offenzulegen.
Fachtagung zur Stadtgeschichte von Heltau: ...
Fachtagung zur Stadtgeschichte von Heltau: Gruppenfoto auf den Stufen des Heiligenhofs in Bad Kissingen. Foto: Karl Heinz Mantsch
Der gelockerte Umgang mit Daten und Fakten und nicht versponnen anmutende, trockene Gelehrsamkeit kennzeichneten auch die Referate. Zeitlich recht entlegene, in die Einwanderungszeit weisende Momente der Vergangenheit und spätere Entwicklungen Heltaus führte Dr. Konrad Gündisch vor, auf Grund auch eigener Forschungen in einem umfassenden mitteleuropäischen Gelände. Wie er eingangs ankündigte, war er aufzuzeigen bestrebt, womit der Ort seiner Väter zur gesamtsiebenbürgischen Geschichte beigetragen habe. Der Unternehmungsgeist einzelner, das Mitwirken vieler im Sinne zeitgemäßer Anforderungen räumte Heltau im Lauf der Jahrhunderte mitunter eine Vorrangstellung ein, und manche diesem Marktflecken entstammende oder in ihm tätige Persönlichkeiten hätten es in anderen Ortschaften der Region zu hohem Ansehen gebracht (Kaspar Helth in Klausenburg, Jakob Schunn und Johann Bergleiter als evangelische Bischöfe in Birthälm).

War Konrad Gündisch in seinem Vortrag bisweilen dazu genötigt gewesen, lediglichVermutungen vorzutragen und mit Beweisgründen zu untermauern, so konnte Oskar Schemmel im Rahmen seiner wirtschaftsgeschichtlichen Darlegungen sich meist auf reelle Bestrebungen und greifbare Ergebnisse im Bereich materieller Kultur einstellen. Zustimmend wurde vom Publikum aufgenommen, was Ortsbewohner während des 19. und 20. Jahrhunderts in der Textilbranche, aber auch in sonstigen Wirtschaftszweigen geleistet hatten, in Heltau selbst oder auch in anderen Landesteilen. Dabei waren Schwierigkeiten aller Art zu überwinden, was geschätzten Fachkräften oft gelang (gelingen musste, weil das von ihrer Kompetenz erwartet wurde und der Erfolg professioneller Eignung auch ihrem Selbstverständnis entsprach).

Was sich vor einem Jahrhundert ereignete, im 1916er, als der Kriegsschauplatz bedenklich nahe an Heltau sowie dessen Umland heranrückte, Gefechte und Fluchtbewegungen auslösend, wurde von Dr. Frank Schuster geschildert. Er stützte sich in seinen Ausführungen auf Tagebücher, Briefe und Bildmaterial aus jenen Tagen, auf größtenteils unveröffentlichte Quellen, die ihm aber, gerade wegen ihrer Unmittelbarkeit, aussagekräftig erschienen, um die zeittypische Mischung von Reaktionen und Gefühlen „zwischen Idylle, Abenteuer, Solidarität, Sorge und Furcht“ zu erfassen.

Kulturhistorische Themen lösten zu einem gewissen Zeitpunkt die strikt geschichtlichen Erörterungen ab; wir halten uns im Folgenden nicht an den im Programm gegebenen Verlauf der Darbietungen.

Die Musik war wohl seit je die für Heltau wichtigste künstlerische Äußerung, und das war für die Organistin und Chorleiterin Ruth Weiss ein Anlass, in ihrer Betrachtung über Volkslied und Kirchengesang, über Orgelspiel und Instrumentalmusik weit zurückzugehen und dann die Schwerpunkte zu setzen für einzelne Gattungen im Lauf der Jahrhunderte. Die Pflege des Volkslieds ergab sich von früh an ohne sonderlichen Aufwand. Der Chorgesang hingegen erforderte einen etwas größeren Einsatz, der auch gewährt wurde, sei es von der Schuljugend, sei es von der Kirchengemeinde. Noch vor der Mitte des 19. Jahrhunderts, 1847, wurde die „Heltauer Liedertafel“ gegründet. Die Referentin führte auch die von einsatzbereiten Musikern ins Leben gerufenen Instrumentalformationen an, sei es Blaskapelle, sei es Kammer- oder größeres Orchester, und sie nannte die Organisten des letzten Halbjahrhunderts.

Von ihrem Vorgänger Klaus Metz hatte Ruth Weiss 2010 die Leitung der „Liedertafel“ übernommen. Der traditionsreiche Chor trat beim Kissinger Treffen zweimal auf, im Rahmen eines „Bunten Abends“ und tags darauf bei der Morgenandacht (hierbei auch unterstützt von dem Organisten Remus Henning). Beide Male waren Sängerschar und Publikum schier eins in Gefühlen und Gedanken.

Hatten die Ausführungen von Ruth Weiss und das von der „Liedertafel“ gestaltete Programm den Eindruck einer umfassenden Komposition erweckt, so hörten sich Doris Hofmanns Reflexionen über eine Heltauer Tanzgruppe gleichsam als Ballade an. Der mit jugendlichem Elan bestrittene Einsatz führte das Ensemble rasch zu Erfolgen in den Endsiebziger Jahren. Begeisterung wie auch hingebungsvolles Proben, zudem enthusiastisch gestaltete Auftritte vermochten aber nicht, den Argwohn der Behörden zu zerstreuen und den Neid missgünstiger Zeitgenossen auszuschalten. Das Ende der vier Jahre bestehenden Tänzerschar nahte mit beinahe schicksalhafter Unausweichlichkeit bereits 1981.

Mir, einem einstigen Heltauer Schulmeister (in den Jahren 1961-1966), fiel die Aufgabe zu, die literarischen Arbeiten zu sichten, die von den in Heltau ansässigen oder auch nur zeitweilig in der Ortschaft weilenden Autorinnen und Autoren herrührten. Die Frage, die mich dabei beschäftigte, war, inwieweit die Literaten Heltaus Zeitgeschichte, das heißt Ereignisse der Jahre vor und nach 1950, gestaltet hatten. Namen und Buchtitel fielen, etwa jene der Verfasser erzählender Prosa Oskar Paulini, Hans Bergel, Otto Folberth, Ricarda Terschak und Karin Gündisch. Auch die Gedichte von Gerda Mieß-Herbert und Georg Hoprich wurden auf zeitgeschichtliche Motive geprüft. Tagebuchschreiber wie Bischof Viktor Glondys und der einstige Heltauer Schulrektor Hermann Rehner wurden nicht übergangen. Ein anderer Verfasser von höchst aufschlussreichen Tagesnotaten war der Heltauer Obernotär Michael Klein. Seine unveröffentlichten Aufzeichnungen zum Geschehen in den Jahren 1945-1950 dienten mir als dokumentarische Quelle bei Niederschrift eines Romans („Bestätigt und besiegelt“, 2003).

Um beim Kapitel Literatur zu bleiben: Auf dem „Bunten Abend“ las Karin Gündisch aus den von ihr veröffentlichten Büchern. Sie bot Unterhaltsames von der Heltauer Szene, die sie aus Kindheitstagen und von häufigen Besuchen bestens kennt. Mit den Augen des jungen Menschen wird die Welt der Erwachsenen gesehen und mitsamt ihren kleineren oder auch gravierenden Unvollkommenheiten unverblümt kritisch, nie aber gehässig geschildert.

Wandern und sportliche Betätigung waren den Ortsbewohnern stets ein wichtiges Anliegen. Höher schlägt das Herz der Heltauer, wenn sie von Handballtournieren hören, an denen ihre Sportler beteiligt waren und dabei manchen Sieg errangen. Michael Herbert präsentierte die Geschichte des Heltauer Handballsports in einem Vortrag, den er zusammen mit Karl Mantsch ausgearbeitet hatte. Dabei wurden auch die Anfänge der Sportbewegung in Heltau berücksichtigt – ein Turnverein war noch vor 1900 gegründet worden – sowie einige wichtige Momente aus diesem für alle Generationen anziehenden Bereich angeführt.

Zwar lag der Hauptakzent der Tagung auf Geschichte, doch durfte es an Auskünften über Jüngstvergangenheit und Gegenwart nicht fehlen. Ortwin Herbert sprach über die Tätigkeit des seit der politischen Wende bestehenden Demokratischen Forums der Deutschen in Heltau, über diesen lokalen Zweig einer in ganz Rumänien aktiven Vereinigung. Zum Ausdruck kam dabei, dass diese Einrichtung mit ihren kommunalpolitischen, gesellschaftlichen, kulturellen, humanitären Bestrebungen und Leistungen nicht nur den relativ kleinen Kreis der Mitglieder erfasse, sondern, in nachbarschaftlicher Verbundenheit, auch der Gesamtgemeinde manchen Dienst erwiesen habe und auch gegenwärtig erweise.

Ähnliches hatte auch Stadtpfarrer László-Zorán Kézdi von der evangelischen Kirchengemeinde zu vermelden – ohne Absicht, Gläubige anderer Konfessionen abzuwerben, wirke sie in die Gesellschaft hinein und unterhalte gute Beziehungen zum Bürgermeisteramt sowie zu den anderen Institutionen der Stadt. Im Anschluss an die von ihm gestaltete Andacht bot er einen Überblick über die Zusammensetzung der Gemeinde und über die Betreuung der einzelnen nach Alter gegliederten Gruppen, über den Religionsunterricht und die Beschäftigung mit Konfirmanden und Jugendlichen, über die Erwachsenenbildung, Diakonie und Kulturarbeit.

Es war eine anregende Tagung, eine auf dem Kissinger „Weg der Besinnung“ nachklingende Folge von Begegnungen, eine Konfrontation mit vergangenem, gewandeltem, mit neu erworbenem Leben.

Joachim Wittstock

Schlagwörter: Tagung, Bad Kissingen, Heltau, Geschichte, Stadtgeschichte, Kulturgeschichte

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