5. Januar 2017

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Der Wunsch nach Erneuerung – und was daraus wurde: Tagung zum Nationalsozialismus in Rumänien

Vom 28.-30. November 2016 fand in Annweiler/Pfalz im Kurhaus Trifels der zweite internationale Workshop zum „Nationalsozialismus in Siebenbürgen/Rumänien“ statt. Als Veranstalter hatten eingeladen die Sektionen Zeitgeschichte und Kirchengeschichte des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde (AKSL) sowie das Projekt „Edition der Protokolle des Landeskonsistoriums der Evangelischen Landeskirche A.B. in Rumänien“ am Institut für Evangelische Theologie der Universität Koblenz-Landau (Campus Landau). Koordination und Tagungsleitung bestritten Dr. Ulrich A. Wien, Akademischer Direktor des erwähnten Institutes, sowie Dirk Schuster (Potsdam) und Timo Hagen (Heidelberg).
Zu den Vortragenden gehörten ausgewiesene Fachleute ausländischer und inländischer Universitäten bzw. Mitarbeiter von Fachinstituten. Anwesend waren zwei Zeitzeugen siebenbürger Herkunft. AKSL-Vorsitzender Ulrich A. Wien wies einleitend auf die aktuelle Brisanz des Themas hin und übergab das Wort dem anwesenden Hausherrn, Albrecht Hornbach, Honorarkonsul Rumäniens in Rheinland-Pfalz, der mit seinem freundlichen Grußwort das Tagungshaus vorstellte und zu einem Empfang und Abendessen einlud.

Nach dem Anschluss Siebenbürgens an Rumänien nach dem 1. Weltkrieg braute sich im Zuge des politischen Wandels in jenen aufgewühlten Jahren viel zusammen: Materielle Einbußen wegen Nichtumsetzung gegebener Versprechen des neuen Vaterlandes, Wirtschaftskrise, Verarmung, Aufbrüche in der Jugend und auf dem Feld der Politik. Von besonderer Bedeutung erwies sich auch, dass die „völkische“ Situation schon seit den 1850er Jahren die Siebenbürger Sachsen auf den Weg einer deutsch-nationalen Orientierung geführt hatte. Am eindeutigsten hatte sich, über die Erneuerungsbewegung kommend, nach internen, politisch irrelevanten Richtungs-und Flügelkämpfen, der Nationalsozialismus durchgesetzt, der in diesen geschichtsträchtigen und erschütternden Jahrzehnten den Wunsch nach einer inneren und äußeren Erneuerung am besten zu bedienen wusste. Die beiden Zeitzeugen Paul Philippi (links) und ...Die beiden Zeitzeugen Paul Philippi (links) und Andreas Möckel auf der Tagung in Annweiler. Foto: Ulrich Wien Prof. Dr. Andreas Möckel, em. Professor für Sonderpädagogik (Würzburg), berichtete als Zeitzeuge, wie nationalsozialistisches Gedankengut immer mehr an Bedeutung gewann, wie es die anhaltenden sowie kontrovers geführten Diskussionen um sächsisches Deutschtum und evangelisches Kirchentum deutlich machten. Nach 1938 radikalisierte sich die Bewegung und nahm kirchenfeindliche Formen an. Glaube und Volkstum gerieten aus dem Gleichgewicht und drifteten auseinander. Der Referent sagte wörtlich: „Die Rivalität der Ansprüche beider Seiten“ sahen wir als Schüler nicht, aber die Veränderungen in der Schule nahmen wir wahr: statt Schulandacht gab es Nazilieder, nach der Schulübernahme durch die Volksgruppe blieben die meisten Lehrer dem Sonntagsgottesdienst geschlossen fern. Eine Bejahung der Kirche nur noch aus politischen und völkischen Gesichtspunkten, als Faktor zur Volkserhaltung, verkannte ihr geistliches Wesen.

Prof. Dr. Paul Philippi, Theologe, Ehrenvorsitzender des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, referierte über „Kulturelles am Rande des Krieges“. Er berichtete als ehemaliger Schüler des Honterus-Gymnasiums, dass Kulturarbeit in der Schulungsarbeit und in den Jugendlagern stattfand, wo z.B. nicht mehr „siebenbürgische Geschichte“, sondern nur noch „deutsche Geschichte“ auf der Tagesordnung stand. Schon 1939 wurde der „Coetus“, die demokratische Schülervereinigung, aufgelöst und der „Flaus“ wurde zur Konfirmation nicht mehr zugelassen etc. Nach dem Krieg nahm man nachdenklich Abschied von einer furchtbaren Zeit und hatte Hunger nach Besinnung und Kultur. Einweihung des Lutherheims für Volksmission 1939 ...Einweihung des Lutherheims für Volksmission 1939 in Heltau, von rechts nach links: Stadtpfarrer A. Schuster, Landeskirchenkurator Dr. Hans Otto Roth und seine Gattin, Auslandsbischof D. T. Heckel und Bischof Dr. Viktor Glondys. Das Ereignis dokumentiert eine Haltung: Im Unterschied zu allen anderen Beteiligten erhoben beide Roths ihre Hand nicht zum Deutschen Gruß; er hält die Krempe seines Zylinders und sie ihre Handtasche fest umschlossen. Einen Blick über den eigenen Tellerrand bot Prof. Paul Brusanowski, Hermannstadt, der über „die politischen Aktivitäten des rumänisch-orthodoxen Klerus in den 1930iger Jahren“ sprach. Die auffallendste und schillerndste Partei in jenen Jahren war die „Legion des Erzengels Michael“ (Legiunea), von Corneliu Zelea Codreanu 1927 gegründet, zwischen 1930-33 umbenannt in „Eiserne Garde" (Garda de fier) und zwischen 1935-38 unter dem Namen „Totul pentru ţară“ (Alles für das Land) bekannt. Nach dem Verbot als Partei trat sie 1940 als „Mișcare Legionară“ (Legionärsbewegung) auf. Diese Partei verband religiösen Glauben, antisemitische Losungen, rumänischen Nationalismus sowie faschistisches Gedankengut miteinander und hielt das ganze Land in Atem. Unter Horia Sima trat sie in die Regierung Antonescu ein, wurde dann aber Januar 1941 nach einem Putschversuch aufgelöst und Horia Sima ermordet.

Prof. Dr. Armin Heinen, Aachen, führte aus, dass Entstehung, Geschichte und Verbreitung dieser gewaltorientierten, nationalen und faschistischen Bewegung den europäischen Raum erfüllt hatte. Modernisierungsschübe nach dem ersten Weltkrieg führten nämlich in den damaligen Gesellschaften zu Identitätskrisen und begünstigten damit die Entstehung profaschistischer Bewegungen.

Prof. Dr. Hans-Christian Maner, Mainz, sprach über das „Verhältnis rumänischer intellektueller Laien zur orthodoxen Kirche“. Sie war die dominante Kirche Rumäniens, wofür Aussagen führender Denker jener Jahre stehen: „Kirche als Institution der Rumänen“, „als Nationalkirche“, gleichsam als „Sakralisierung der Nation“(Rădulescu-Motru, Philosoph); Nicolae Iorga (Historiker) betonte „die kulturelle Funktion der Kirche der Bauern auf dem Land“ und umschrieb ihre Aufgabe als „Förderung der nationalen Einheit“. Er zählte die griechisch-unierte Kirche dazu, weil sie die Verbindung zum Westen aufrecht erhalte. Lucian Blaga wertete sie „als geistige Verfassung“, als „allumfassenden Organismus“ des rumänischen Volkes. Ihre Macht im rumänischen Staat wurde auch hinterfragt, ihre oft starre Haltung kritisiert, ebenso ihr Verhältnis zur Säkularisation, wobei die Rechristianisierung des kirchlichen Lebens angemahnt wurde. Dr. Ulrich Wien (rechts) im Gespräch mit ...Dr. Ulrich Wien (rechts) im Gespräch mit Honorarkonsul Albrecht Hornbach. Foto: Christa Wien Der „Numerus Valahicus“(NV) hatte im wirtschaftlich rückständigen Rumänien für viel Aufregung gesorgt, wie Hildrun Glass, München, deutlich machte. Ihre Wirtschaftspolitik grenzte die Rolle der Minderheiten ein und bezog sich zuerst auf den Bildungssektor. Seit 1934 diente er dem Schutz nationaler Arbeit, wobei Rumänen bevorzugt behandelt und die Zurückdrängung von Juden, Deutschen und Ungarn aus Wirtschaft und Verwaltung angeordnet wurde.

Prof. Dr. Constantin Oancea, Theologe in Hermannstadt, brachte „Beispiele zur Rezeption des Alten Testaments (AT) in der rumänisch-orthodoxen Kirche in der Zwischenkriegszeit“ und führte unterschiedliche Arten von Rezeptionen an: AT und Christentum seien unvereinbar. Andere z.B. stimmten dem wirtschaftlichen Antisemitismus zu und stellten fest: Kritik am heutigen Judentum sei berechtigt, doch das AT sei Teil der christlichen Bibel. Eine andere Art der Rezeption vertrat die Meinung: „Leugnung des AT ist Häresie“.

Zur „Idee der Volksgemeinschaft innerhalb der Siebenbürgischen Landeskirche“ bezog Dirk Schuster (Potsdam) Stellung. Der Nationalismus der Siebenbürger Sachsen äußerte sich schon seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in einer exklusiven und selbstbezogenen Einstellung andern gegenüber. In Zeiten, da das sächsische Volk durch den Verlust seiner alten Privilegien als Standesnation seinen Glanz verloren hatte, wurde die Nation aufgewertet, oft sogar sakralisiert. Die sächsische Gemeinschaft wurde zur deutschen Gemeinschaft aufgewertet. Insoweit hatten es die Erneuerer leicht, weite Kreise in Kirche und Volk anzusprechen und mitzunehmen. Der Zeitgeist bestimmte das Denken. Hitlers Vertrauensfeldzug vom „positiven Christentum“ nahm viele gefangen, auch Kirchenleitungen. Die Bewegung war so schnell auch nicht zu durchschauen. Als Schlüsseldatum für den Einzug der Nationalsozialisten in die Kirchenleitung (Landeskonsistorium Hermannstadt) gilt die manipulierte Wahl Wilhelm Staedels zum Bischof nach der Verdrängung von Bischof Dr. Viktor Glondys aus seinem Amt. Im Zeichen des Nationalsozialismus wollte man damit die Grundlagen einer neuen großen Zukunft für das deutsche Volk auch im Verhältnis zur Kirche neu gestalten: als glattgebügelte Volksgemeinschaft. In der Landeskirche wurde eine „Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung des jüdischen Einflusses auf das kirchliche Leben“ gegründet. Eine Selbstnazifizierung wurde in Gottesdienst und Religionsunterricht angestrebt. Die neue Zeit brachte Verwerfungen in Brauch und Sitte der Kirchengemeinden und man versuchte die Volksgemeinschaft von kirchlichen und geistlichen Einflüssen freizumachen. Eine gewachsene Gemeinschaft fing an zu zerbrechen. Man konnte seit dieser Zeit den Satz von der Einheit von Volk und Kirche, Volkstum und evangelischem Glauben nicht mehr unkritisch nachsprechen (ein Zeitzeuge). Die Idee von der Volksgemeinschaft zerbrach. Am Ende stand die Kirche da mit ihrem nationalsozialistischen Irrtum, und sie stand zusammen mit den damaligen politischen Eliten am Abgrund. Den hat meine Generation erlebt. Blick in den Saal. Foto: Ulrich Wien ...Blick in den Saal. Foto: Ulrich Wien Timo Hagen, Heidelberg, sprach anhand von ausgewählten Schulbauprojekten 1899/1927 über „Deutsche Frauen, sächsische Mütter und evangelische Bekennerinnen“ und wies darauf hin, wie die Erziehungsziele der Evangelischen Landeskirche A.B. sich verändert hatten. Das Internat „Alberthaus“ in Schäßburg wurde zur „Schutzwehr“ ausgebaut. Sächsische Schulen wollten als „Geistesburgen“ bewahren und verteidigen. „Deutsch-sächsisch-evangelisch“ wurde als zusammenhängendes Erziehungsziel ausgegeben. Bauten werden zu Orten sächsischer Innenkulturisation.

Über die „rumäniendeutschen Parlamentarier und die NS-Funktionäre 1932-1940“ sprach Prof. Dr. Vasile Ciobanu, Hermannstadt, und Dr. Mariana Hausleitner, Berlin, richtete unsere Blicke auf „Deutsche Katholiken in der Bukowina und im Banat“. In die Bukowina kam der Nationalsozialismus über die Volksdeutsche Mittelstelle (VOMi) erst nach 1938. Hier lebten etwa 9% Deutsche und davon waren zwei Drittel römisch-katholisch. Im Banat, wo ein Viertel der Bevölkerung deutsch war, verlief die NS-Bewegung ähnlich wie in Siebenbürgen.

Über die „Folgen der NS-Verstrickung evangelischer Pfarrer und Landeskonsistorialmitarbeiter in der kommunistischen Zeit“ referierte Hannelore Baier, Hermannstadt. Sie berichtete, dass nach dem 23. August 1944 die nationalsozialistisch ausgerichtete Kirchenleitung kompromittiert war. Die neuen Machthaber sahen sich veranlasst, die Evangelische Kirche A.B. in Rumänien als prohitleristische Organisation einzustufen und dann aufzulösen. Dazu ist es, Gott sei Dank, nicht gekommen. Aber den neuen Machthabern bzw. ihren Geheimdiensten war der Zugriff auf belastendes Aktenmaterial von kompromittierten Personen aus der NS-Zeit, die damals kirchenleitend oder politisch tätig waren, gelungen. Dass damals auch die alte Siguranţa Ion Antonescus mitgeliefert hat, ist wahrscheinlich. Schon am 24. Dezember 1944 war dem Kultusministerium eine Kopie des „Gesamtabkommens“ (Z.K. 132/1942) zwischen der evangelischen. Landeskirche A.B. und der Deutschen Volksgruppe in Rumänien zugestellt worden. Die Deutschen Rumäniens wurden als Gefahr für den Kommunismus eingestuft. Ihre NS-Vergangenheit wurde als Ursünde und Merkmal der Volksgemeinschaft aufrechterhalten. Eine große Aufmerksamkeit wurde der evangelischen Kirche geschenkt, spielten doch die Pfarrer auch eine politische Rolle in der Verbreitung von NS Gedanken. Belastete Personen aus der NS-Zeit wurden später bevorzugt „benutzt“, erpresst und sehr viele Personen standen unter Beobachtung. Mit der staatlich befohlenen „Säuberung“ (epuraţie) ehemaliger Betroffener ist Bischof Friedrich Müller pragmatisch umgegangen: „Wir können nicht päpstlicher sein als der Staat.“

Die politische Wende 1989 hat uns allen wohlgetan, sie war eine Befreiung. Nach einer „Zeit der Schuldlosen“ (Siegfried Lenz) tauchen nun auch in unserer Kirche vermehrt Fragen nach dieser Vergangenheit und ihrer Aufarbeitung auf. Wir wollen diesen Fragen nicht ausweichen, sonst werden wir blind für die Gegenwart.

Dr. August Schuller

Schlagwörter: AKSL, Tagung, Nationalsozialismus, Zeitgeschichte

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