10. Januar 2017

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Mit den Augen eines Weltgereisten: Dorfschreiber von Katzendorf hat viel und genau beobachtet

Den Stadtschreiber gab es in deutschen Landen seit dem 12. Jahrhundert. Er hatte ein oft auch wichtiges Amt als Protokollführer im Rathaus und bei Gericht. Von Dorfschreibern hatte man bisher – auch in der nun schon mehr als 850-jährigen Geschichte der Siebenbürger Sachsen – kaum gehört. Bis dann der siebenbürgische Dichter und Theatermann Frieder Schuller, dessen Vater Pfarrer in Katzendorf war, auf die Idee kam, in seinem Geburtsort einen „Dorfschreiber-Preis“ auszuloben.
Ein Akademiker aus Deutschland hat zugegriffen und im Ergebnis sind nun in Leipzig unter dem Buchtitel „Mein Jahr hinter den Wäldern“ die Aufzeichnungen eines Dorfschreibers aus Siebenbürgen erschienen. Das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der LMU München (IKGS) hat in Zusammenarbeit mit dem Verband der Siebenbürger Sachsen in Deutschland zu einer Lesung mit dem Autor eingeladen, die am 5. Dezember 2016 im Institut stattfand. Der von der Moderatorin dieser Veranstaltung, Dr. Michaela Nowotnick aus Berlin, dem Publikum vorgestellte „Dorfschreiber“ ist Dr. Elmar Schenkel, Professor für Anglistik an der Universität Leipzig. Wenn der ehemalige Dorfschreiber von Katzendorf ...Wenn der ehemalige Dorfschreiber von Katzendorf Elmar Schenkel erzählt, bleibt kein Auge trocken: Lesung vom 5. Dezember letzten Jahres im Münchner IKGS. Daneben die Moderatorin des Abends, Dr. Michaela Nowotnick, im Hintergrund bemüht sich Institutsdirektor Dr. Florian Kührer-Wielach um den richtigen Standpunkt. Foto: Konrad Klein „Von Oktober 2011 bis Oktober 20l2 hatte ich das Vergnügen, der erste Dorfschreiber Siebenbürgens in Caţa/Katzendorf zu sein.“ So beginnt die „Erste Vorbemerkung“ seines vor kurzem erschienenen Buches.

Das Ganze darf einem gewiss merkwürdig vorkommen, wenn man erfährt, dass in Katzendorf heute nur noch eine einzige Sächsin lebt, der Autor aber gleich darauf hinweist, dass mehrere Siebenbürger Sachsen im Sommer in ihren Häusern im Dorf Urlaub machen. Diesen Aspekt, aber natürlich auch das gesamte Dorfleben der Rumänen, Ungarn sowie der vielen Zigeuner in der Siedlung am Rande der Gemeinde beobachtet Dr. Elmar Schenkel sehr genau und auch wohlwollend. („Es gibt in Katzendorf 172 Familien, die Sozialhilfe bekommen; das sind 600 von 1200 Einwohnern.“) Natürlich wird der Fleiß und die Erfindungsgabe mancher Leute, aber auch die Armut und das Betteln, das Herumlungern und der Suff mit seinen Folgen beschrieben. Unzählige interessante Begegnungen hat der Autor auf seinen oft abenteuerlichen Fahrten mit der rumänischen Eisenbahn. Köstlich sind die Beschreibungen der Bahnhöfe und ihrer Fahrkartenschalter mit den kleinen Schiebefenstern.

Elmar Schenkel ist im Laufe eines Jahres zehnmal nach Siebenbürgen gefahren, hat außer Katzendorf die meisten Dörfer des Repser Ländchens besucht, nicht nur Deutschweißkirch. Er war in Schäßburg, Hermannstadt, Bukarest, Kronstadt. Er konnte sich einen facettenreichen Überblick über Vergangenheit und Gegenwart der ehemals von Siebenbürger Sachsen besiedelten Orte verschaffen. Er berichtet aber auch aus Baia Mare, Sighet und der Maramuresch.

Aus vielen Moment- und Nahaufnahmen sowie Einblicken in die Biographien der unterschiedlichsten Leute sowie markanter Gestalten der Vergangenheit des Landes entsteht bei ihm ein buntes Mosaik, hochinteressante Lektüre. Alles ist aus Fragmenten klug zusammengesetzt. (Das 247 Seiten starke Buch hat 215 Zwischentitel; zehn Schwarzweißfotos von Hans U. Alder dienen als passende Illustration.)

Eine Richtigstellung sei hier gestattet: Im Dorf Weilau sind die Zigeuner, die in der Kirche deutsche Lieder singen und im Alltag auch den sächsischen Dialekt sprechen, als ehemalige Knechte der Sachsen nicht erst nach deren Auswandern, sondern schon vor mehr als hundert Jahren zum evangelischen Glauben übergetreten.

Einen „schönen Halbkreis“ nannte Dr. Florian Kührer-Wielach, der Direktor des IKGS und Gastgeber, die Zuhörerschaft, die im Anschluss an die Lesung mit Fragen und Bemerkungen nicht gegeizt hat, und der Bundeskulturreferent des Verbands der Siebenbürger Sachsen, Hans-Werner Schuster, sprach von einer „hochkarätigen Runde“. Vielleicht wird der Dorfschreiber von 2011/2012 in eine zweite Auflage seines Buches auch Adolf Meschendörfer und dessen „Siebenbürgische Elegie“ aufnehmen. Und auf die Frage „Hätten Sie ein Interesse daran, auch Stadtschreiber in Bistritz zu sein?“ reagiert Dr. Elmar Schenkel positiv, zumal er Bistritz bereits besucht hat. Dann dürfte anstelle des in diesem Buch geheimnisvoll allgegenwärtigen „Barons“ – und es ist nicht unbedingt schwer zu erraten, wer das ist – wohl eine andere Gestalt im Hintergrund auftreten ...

Aber für Katzendorf gab es inzwischen schon einige Nachfolger im Amt. Tanja Dückers, die Dorfschreiberin 2016, wird sich am 1. Oktober 2017 in Katzendorf mit einer Lesung verabschieden. Die bekannte siebenbürgische Schriftstellerin Dagmar Dusil, jetzt in Bamberg, wird aus gleichem Anlass im Rahmen eines dreitägigen Festprogramms die „Gipskatze“, eine Katzenskulptur mit Feder, als Preisträgerin und Dorfschreiberin 2017 in Empfang nehmen. Auch sie wird dann bis zum Herbst 2018 kostenlos in der Dichterklause auf dem Pfarrhof von Katzendorf wohnen und Eindrücke sammeln. Man darf neugierig bleiben.

Ewalt Zweyer

Schlagwörter: Lesung, IKGS, Katzendorf

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