12. Dezember 2017

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Horst Samson: "Ich spiele gerne mit den weißen und schwarzen Tasten des Lebens"

Dichterlesungen gehören seit ihrem Bestehen zur Stuttgarter Vortragsreihe. So fand die Lesung am 24. November im Haus der Heimat mit Horst Samson beim interessierten Publikum großen Anklang. Von Beruf Lehrer und Diplom-Journalist, zählt der Banater Autor, der bisher zehn Gedichtbände von hohem sprachlichem Reiz veröffentlichte, zu den bedeutenden Repräsentanten der rumäniendeutschen Literatur.
Samsons Gedichte enthalten eine gehörige Portion Sprachspiel und Sprachwitz: „Ich spiele gerne mit den weißen und schwarzen Tasten des Lebens, der Polysemie der Zeichen, mit Sprache, Pronomen, Metaphern und Bildern und dem Rhythmus der Existenz, mit Hals-, Bein- und Zeilenbruch.“ Das könnte als Motto über den Texten stehen, in denen Horst Samson Selbstbiographisches im zeitgeschichtlichen Geschehen der letzten fünf Jahrzehnte verarbeitet. In seinem Meisterwerk, dem Poem „La Victoire“ (Anton G. Leitner bezeichnete es als eines der drei wichtigsten Bücher des Verlagsjahres 2003), setzt er sich mit dem Leben und Überleben in der Diktatur auseinander. Der Bogen spannt sich weit zurück: 1954 wurde der Autor als Kind von Banater Schwaben im Weiler Salcimi in der Bărăgansteppe geboren, wohin seine Eltern, die aus dem Banater Dorf Albrechtsflor stammten, zwangsumgesiedelt worden waren. Es war ein Leben im Erdreich, „geschützt unterm Gras im tiefen schwarzen Loch“.

Tragische Erlebnisse aus Albrechtsflor nahe der ungarisch-jugoslawischen Grenze finden ihren Niederschlag in einigen Gedichten: „Wir leben in erfundenen Paradiesen (...) Verschüttete im ungelobten Land, umgeben von Eisenmauern, bewacht von Soldaten mit dressierten Wolfshunden (...) Man hört Trommelfeuer und Kalaschnikow-Geräusche wie im Krieg (...) Wachtürme ragen hinterm Dorf aus dem Feld (...) Türme, Zäune aus Stacheldraht trennen von den ersehnten Landschaften im anderen Land (Reich), so dass nachts heimlich die Gedanken die Grenzen überschreiten“. Surreale Bilder malt der Dichter: Der Mond, „dessen Licht den Gewehrkugeln leuchtet“, wird zum Verräter, zum Komplizen der Mächtigen, Schüsse krachen Nacht für Nacht und die Toten vermehren sich, so dass Hinterbliebene in Schweigen vor einem Sarg verfallen. Über dem niedergetrampelten Land heulen die Sirenen. Diese schlimme Zeit der Repressionen, der Verfolgung und Bespitzelung durch die Securitate im kommunistischen Rumänien spiegelt sich in vielen Textpassagen: „Gehst du aus der Wohnung/ Gehörst du ihnen./ Gehst du aus der Wohnung/ Triffst du Vermummte, die folgen dir wie ein Messer“. Willkür, schreiende Ungerechtigkeit, Ausgeliefertsein einem diktatorischen System und seinen brutalen Repräsentanten, der „Milizmann mit dem Schlagstock und dem Bluthund“ oder beim Verhör „Auge im Auge mit dem Oberst“. Es rauschen Lautsprechersätze, der Angeklagte, ein „schändliches Element“, hört „Eisentüren zufallen, spürt Rost auf den Augenlidern“.

Was unter die Haut geht bei Samsons Texten, ist die wahrheitsgemäße Beschreibung einer menschenverachtenden Diktatur. Deutlich wird die Macht der Wörter, allein die Sprache demaskiert die Verlogenheit („Nichts in den Zeitungen“) und entlarvt die Demagogen, die ihre Macht nur durch Täuschung, Lügenpropaganda, Verdrehung der Wahrheit ins Gegenteil aufrechterhalten können. Sogar die Grammatik wird gefälscht, die Sprache wird vergewaltigt und es verschwinden Wörter: „Mal ist es ein Arm, der verschwindet, und ein Bein, das fehlt, mal ein Wort“. Der Diktator fordert die Genossen auf, bei der Schaffung des neuen Menschen tausende Wörter auf einen Streich zu verbieten. Das verlangt die Partei, das Volk muss folgen.

Die Bedrohung des Lebens durch Kriege, Repressionen, Bespitzelung und die brutale Macht eines autoritären Regimes, die Pervertierung aller Werte in einer verlogenen Gesellschaft kehren als Leitmotiv in vielen Gedichten des Lyrikers wieder. Die Verwüstung erreicht apokalyptische Dimensionen: Die Farben sind müde, Frauen und Männer jammern und verfluchen sich gegenseitig in „gefälschten Zeiten“. Es ist ein Leben in der Kälte, „im Bett erwachen und erfroren sein (...) der Sommer ist kalt (...) Die Sonne verschließt uns die Augen für die Sonne Homers“. Die Sonne als Sinnbild des Lebens verdunkelt sich, wird gemieden. Auf Licht wird verzichtet und „die herrliche Dunkelheit ist zum Sterben schön“.

Das Publikum war tief beeindruckt von den reichhaltigen Thematik der Texte, in denen es um Leben und Tod, Liebe und Verlust, Heimatlosigkeit und Fremdheit, Diktatur und Freiheit, Willkür und Arroganz der Mächtigen, Meinungsfreiheit und ihre Einschränkung durch Zensur geht. Dieser Themenkreis ist zu allen Zeiten aktuell und so haben die Texte des Lyrikers nicht nur als Beschreibung der Vergangenheit ihre Bedeutung. Das lyrische Ich bezieht Stellung, eckt an, rebelliert gegen die verlogene Realität und drückt seine Gefühle in einer bilderreichen Sprache aus, mal lakonisch, mal drastisch, mal kämpferisch-rebellisch, aber immer einfühlsam.

Helmut Wolff

Schlagwörter: Samson, Lesung, Stuttgarter Vortragsreihe

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