25. Februar 2018

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Schwarze-Kirche-Prozess in Kronstadt vor 60 Jahren

Vor 60 Jahren, in der Weihnachtszeit 1957, begann die Securitate in Kronstadt die später im „Schwarze-Kirche-Prozess“ Angeklagten zu verhaften, in einer Villa in der Oberen Vorstadt zu verhören und einen Plan für das weitere Vorgehen auszuarbeiten. Aus den spärlichen Verdachtsmomenten fertigte sie ein Instrument gegen die evangelisch-sächsischen Staatsbürger an, die sich dem Kommunismus gegenüber zögerlich und störrisch verhielten.
Der rumänische Geheimdienst sprach von einer „Gruppe“ („Lotul Biserica Neagră“) oder von einer „Zelle“. Aber davon konnte keine Rede sein. Es gab unter den Sachsen in Kronstadt nie eine „Gruppe“ oder „Zelle“. Das war ein Konstrukt der Securitate – leider ein sehr wirksames. Sie sagte einigen Verhafteten ins Gesicht: „Erst müssen wir den Mann haben, dann finden wir auch einen Grund für seine Verhaftung.“ Für ihr trickreiches Vorgehen gegen die Honterusgemeinde erhielten die Securisten in Kronstadt Lob aus Moskau. Der Staatsanwalt erhob Anklage gegen die Inhaftierten. Nach monatelangen Verhören reiste im Winter 1958 das Militärgericht II aus Klausenburg zu einem Prozess in Kronstadt an. Die Securitate sorgte für einen reibungslosen Ablauf vor ausgewähltem Publikum. Von den Angeklagten sahen sich einige im Gerichtssaal zum ersten Mal. Die Konstruktion einer „Zelle der Schwarzen Kirche“ hatte eine Funktion, die noch zu wenig beachtet worden ist. Das 60. Gedenkjahr gibt Gelegenheit, auf diese Funktion des Prozesses aufmerksam zu machen. Sie wirft ein Licht auf das Geschick der evangelisch-sächsischen Kirchengemeinden nach dem Dezember 1958 und hat mit der Gegenwart der kleinen evangelisch-sächsischen Minderheit zu tun, die heute in Rumänien lebt.

Die Strafen im Prozess waren drakonisch. Der Staatsanwalt beantragte für vier von den 20 Angeklagten die Todesstrafe. Das Gericht begnügte sich jedoch mit Freiheitsstrafen zwischen sechs und 25 Jahren. Es sollten keine Märtyrer gemacht werden. In der Nacharbeit lieferte die Securitate noch einige Gerüchte, wie zum Beispiel das Gerücht, die jungen Leute um Horst Peter Depner und Günter Volkmer hätten sich „Edelsachsen“ genannt. Die von der Securitate erfundene Selbstbezeichnung „Edelsachsen“ klang lächerlich und nationalistisch. Die Kronstädter jungen Leute sollten unter ihren Landsleuten für leichtsinnig gelten. Zugleich begründete das Gericht die harten Strafen mit der Gefährlichkeit der „Gruppe“ und mit Hoch- und Landesverrat. Der Securitate war der Widerspruch in der Logik der Aussage gleich. Man kann von einer angeblichen „Zelle“ nicht zugleich behaupten, man müsse die Anführer mit dem Tod bestrafen, brauche sie aber nicht ernst zu nehmen.

Der Prozess löste Schrecken aus, gerade weil alle wussten, dass Hoch- und Landesverrat absurde Anschuldigungen waren. Die Kirchengemeindemitglieder erzählten sich Gerüchte und Vorkommnisse im Zusammenhang mit dem Prozess hinter vorgehaltener Hand und in einem Klima der Angst. Der Prozess lässt verschiedene Deutungen zu. Einleuchtend ist, dass die Kommunistische Partei eine politische Entwicklung wie in Ungarn 1956 vermeiden wollte und alle verfolgten, die ihnen verdächtig schienen.

Konrad Möckel, Passfoto 1963, kurz nach der ...Konrad Möckel, Passfoto 1963, kurz nach der Entlassung aus dem Zwangsaufenthalt in Călmăţui (Bărăgan).Der Prozess gegen die Honterusgemeinde konnte jedoch auch noch andere Funktionen erfüllen, von denen die Securitate wenig verlauten ließ. Dafür zwei Beispiele.

Die Securitate bat Konrad Möckel Anfang der 1950er Jahre um kurze Berichte über die Einschätzung von Paul Philippi und Hans Philippi, die damals beide in Westdeutschland lebten. Konrad Möckel gab diese Berichte ab. Es steht nichts Negatives darin. Als die Securitate Konrad Möckel als Informant auf Bischof Dr. Friedrich Müller ansetzen wollte, bat er entschieden, in Ruhe gelassen zu werden. Die Securitate behandelte ihn seither als „Feind des Staates“. Warum dieser Umschlag? Dass er seinen Freund und Bischof nicht bespitzeln wollte, war doch ein plausibles Argument.

Der Sohn des Stadtpfarrers, Gerhard Möckel, war als Soldat im Krieg verwundet worden, hatte in Deutschland Theologie studiert und war damals Auslandspfarrer in Athen. Ihn wollte die Securitate erpressen. Die Gelegenheit war günstig, als er sich in der rumänischen Botschaft in Athen ein Besuchsvisum verschaffte, um seine Eltern in Kronstadt 1957, zwölf Jahre nach Ende des Krieges, zu besuchen. Im Herbst legte die Securitate eine Akte mit einem Code-Namen an, obgleich sie ihn noch gar nicht angesprochen hatte. Wenige Wochen später, in den Weihnachtstagen, verhaftete die Securitate Horst Peter Depner, Günter Volkmer und einige ihrer Freunde. Sie stilisierte den Stadtpfarrer zum Rädelsführer einer Gruppe, die Hoch- und Landesverrat begangen haben sollte, gab der Akte gegen die Honterusgemeinde einen neuen Namen und verhaftete den Stadtpfarrer im Februar 1958. Im Sommer besuchte ein Offizier der Securitate Gerhard Möckel in Athen und schlug ihm ein Geschäft auf Gegenseitigkeit vor. Der Vater sollte Hafterleichterungen oder Haftverschonung erhalten. Dafür sollte der Sohn im Ausland für Rumänien spionieren. „Tatăl rău – dar fiul lângă noi.“ Dass Gerhard Möckel den Kommunismus ablehnte, hatten Zuträger an die Securitate berichtet. Die Securitate hoffte trotzdem, ihn erpressen zu können. Als er ablehnte, sah sie die Ursache dafür in der sturen sächsischen Mentalität und seiner angeblichen Entfremdung von den Eltern.

In den 1950er Jahren gehörte Konrad Möckel zu denen, die für die Siebenbürger Sachsen eine Zukunft im Lande sahen. Natürlich konnte damals niemand wissen, dass in weniger als vier Jahrzehnten der rumänische Kommunismus am Ende sein werde. Genau so wenig konnte man wissen, dass es danach ein Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien geben werde und dass im neuen Jahrtausend ein Siebenbürger Sachse aus Hermannstadt zum Präsidenten des rumänischen Staates gewählt werden würde. Aber sein christlicher Realismus erlaubte Konrad Möckel nicht, drastische Wendungen auch zum Besseren in der Geschichte auszuschließen. Er hielt wie Bischof Müller daran fest, dass hinsichtlich der Existenz der evangelischen Kirche in Rumänien trotz der vorausgegangenen schweren politischen Fehler der Kirchenleitung und trotz der dann folgenden Enteignungen und Anfeindungen, Zurücksetzungen und Unterdrückungen das letzte Wort nicht gesprochen sei.

Hatte nicht auch Hans Otto Roth kurz nach dem Zweiten Weltkrieg an einen Neuanfang geglaubt und sich tatkräftig auf den Weg gemacht? Er hatte seinen Mut mit dem Leben bezahlen müssen. Alle, die in dieser Frage wie Hans Otto Roth, Friedrich Müller, Konrad Möckel und anderer dachten und die Zukunft offen halten wollten, hatten keinen leichten Stand. Vieles sprach gegen ihre Meinung. Die christlichen Realisten, wie man sie nennen kann, erfuhren Skepsis und Widerspruch von denen, die pragmatisch auf die schreckliche, kommunistische Mangelwirtschaft blickten. Besonders in Deutschland, wo man sich frei und öffentlich artikulieren konnte, gab es Stimmen, die es Bischof Friedrich Müller übel nahmen, dass er den Kommunismus nicht schon an und für sich für einen Grund zur Auswanderung ansah. Im Westen hielten manche das verhasste kommunistische Rumänien für ewigkeitstauglich und gleichzeitig die evangelisch-sächsischen Gemeinden in Siebenbürgen schon für so gut wie gestorben. Dora und Konrad Möckel in Călmăţui ...Dora und Konrad Möckel in Călmăţui vor der Hütte, in der Möckel während der Verbannung von Dezember 1960 bis Juni 1963 lebte. Trude Schullerus: "Laube im Vorgärtchen – Bărăgan", Aquarell, 35 cm x 25 cm, ca. 1962, Privatbesitz Andreas Möckel. Dieses vergiftete Denken über die Zukunft der Sachsen und Schwaben in Rumänien kam den Wünschen der Securitate sehr nahe. Sie hatte mit dem Schwarze-Kirche-Prozess diejenigen im Visier, die für die Evangelische Kirche und für die Sachsen eine Zukunft im Lande sahen, die kommunistische Herrschaft aber für etwas Vorübergehendes hielten. Die Meinung war unter den Sachsen nicht unangefochten – das wusste die Securitate sehr genau. Sie hatte dem Stadtpfarrer, als er noch im Amt war, eine Falle gestellt. Mit den auswanderungswilligen Sachsen und Schwaben ließ sich finanziell etwas machen, aber nicht mit denen, die im Lande bleiben wollten. Das unausgesprochene Motiv der Securitate, die jungen Leute um Horst Peter Depner und Günter Volkmer zu verfolgen, kann vermutlich auch im Lebenswillen gesehen werden, der sich auf Verbesserungen im Lande richtete. Eginald Schlattner hatte in seiner Novelle „Gediegenes Erz“ vorgeschlagen, die Sachsen sollten sich mehr als bis dahin am gesellschaftlichen Leben beteiligen. Nichts anderes wollten die Freunde, die sich bei Horst Depner trafen. Wenn man den Arbeitskreis junger Siebenbürger Sachsen im damaligen Westdeutschland, den Vorläufer des 1963 in Heidelberg wieder gegründeten Landeskundevereins, mit der Gruppe um Horst Peter Depner vergleicht, gibt es Parallelen. Warum verfolgte die Securitate sie ab dem Winter 1957/58 unerbittlich, obgleich sie sich schon seit dem Frühjahr nicht mehr trafen? Wer sich in seinem Betrieb für die Fortbildung engagiert, wie das Horst Peter Depner tat, war kein Staatsfeind. Ihn wollte die Securitate in den ersten Verhören nach der Verhaftung auch in der Tat auf ihre Seite ziehen. Er lehnte das ab. Der Securitate gingen Initiativen ohne Parteiauftrag gegen den Strich. Vermutlich stößt man bei vielen Prozessen der damaligen Zeit darauf, dass sich regendes soziales Leben verhindert werden sollte, erstrecht wenn es um sächsisches oder schwäbisches oder kirchliches Leben ging.

Die Initiativen sind jedoch genau das, was die kleine siebenbürgisch-sächsische und was die schwäbische Minderheit im Banat auszeichnet. Ich bedaure, dass die Freunde um Horst Peter Depner und Günter Volkmer ihre Initiative von 1956/1957 nicht offensiver verteidigten. Nach 1990 hätten sie sich gemeinsam zu Wort melden können. Die wenigen Treffen der Freunde waren aller Ehren wert − bei allen Schwächen, die solchen ersten Versuchen junger Menschen anhaften.

Wofür haben die in den Prozessen Verurteilten gelitten? Auf diese Frage sollte im Gedenkjahr 2018 geachtet werden. Nie konnten oder wollten diese Initiativen dem rumänischen Staat im Ganzen schaden. Ganz im Gegenteil, lebendige Initiativen wären letztlich immer der Allgemeinheit zugutegekommen. Diese von der Securitate in den leidvollen Prozessen der 1950er Jahre unterdrückte, lebenszugewandte Seite verdient es, im Gedenkjahr nach 60 Jahren bewusst gemacht und erinnert zu werden. Die Securitate gibt es nicht mehr. Die Honterusgemeinde zu Kronstadt gibt es immer noch. Sie trägt zur Kultur des Landes bei. Nichts anderes wollten die in den zahlreichen Prozessen der damaligen Zeit Verurteilten. 60 Jahre danach sollten sie einen Platz in unseren Herzen finden und ihr Mut anerkannt werden.

Andreas Möckel

Schlagwörter: Schwarze-Kirche-Prozess, Rumänien, Kommunismus, Kronstadt, Zeitgeschichte, Möckel

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