1. Juli 2018

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Archivar, Heimathistoriker und Honterusforscher: Zum Gedenken an Gernot Nussbächer

Der bedeutende siebenbürgische Archivar, Historiker und Honterusforscher Gernot Nussbächer, geboren am 22. August 1939 in Kronstadt, ist am 21. Juni 2018 in seiner Heimatstadt gestorben. Der Historiker Prof. Dr. mult. Harald Zimmermann erinnert an sein umfassendes Wirken, das die Geschichtsforschung Siebenbürgens bereichert hat.
Auch wir wussten voneinander, kennen gelernt aber haben wir uns erst viel später, und zwar auf dem Umweg über Johannes Honterus. Vielen unserer Landsleute mag es ähnlich ergangen sein oder ergehen in ihrem Bekanntenkreis, denn wer unter uns wüsste nicht, wer Honter war, unser siebenbürgischer Reformator, selbst bei nur geringen Kenntnissen der Historie? Erst 1973 haben wir uns, Gernot und ich, persönlich kennen gelernt. Damals hielt es der rumänische Staat für gut, ein Honterus-Kolloquium abzuhalten in Kronstadt bzw. in Brașov, wo auch ich eingeladen war mit allen Ehren, nicht wegen meiner ohnehin nur geringen Kompetenz, sondern weil man eben aus politischen Gründen einen Professor aus Deutschland brauchte im Programm. Um den Kirchenmann Honterus ging es ohnehin nicht und durfte es nicht gehen, sondern nur um dessen Humanismus, seine Gelehrsamkeit. Und dann bekam ich, nach dem Kronstädter Kongress, aus Kronstadt ein Büchlein zugeschickt über „Johannes Honterus in Werk und Bild“ von Gernot Nussbächer mir gewidmet „mit besonderer Hochachtung“, und ich habe mich sicher durch eine gedruckte Gegengabe „hochachtungsvoll“ bedankt. So förmlich lief unser Kennenlernen bis, ja bis wir erkannten, dass wir eigentlich verwandt waren, auf Umwegen freilich, aber immerhin! Man konnte zum familiären „Du“ wechseln im freundschaftlichen Briefverkehr und beim kollegialen Büchertausch. Wie vielen unserer Landsleute mag es mit ihren Bekannten ähnlich gegangen sein und noch gehen in der weiten Welt, wo es überall Siebenbürger Sachsen gibt? Gernot Nussbächer vor dem Kronstädter Staats- und ...Gernot Nussbächer vor dem Kronstädter Staats- und Stadtarchiv, aufgenommen im September 1991. Foto: Konrad Klein Am Internationalen Historiker-Kongress in Bukarest 1981 durften Gernot und auch andere nicht als Redner auftreten; da wollte Rumänien nicht unbedingt mit deutschen Namen glänzen. Indessen war es gelungen, Studentinnen und Studenten aus deutschen Universitäten zu Tagungen und auf wissenschaftliche Exkursionen nach Siebenbürgen zu bringen und umgekehrt. Zwischen Tübingen und Klausenburg bestand schon lange eine freilich nicht sehr effektive Partnerschaft. Nun wurde ein gemeinsames Seminar in Klausenburg 1982 programmiert und samt einer Rundfahrt durch Siebenbürgen auch ausgeführt. Eine Besichtigung des Kronstädter Archivs in der Schmiedbastei, wo Gernot Nussbächer seit 1961 als Archivar wirkte, war als besondere Attraktion natürlich auch geplant. Brav hatte man in Bukarest um Erlaubnis gebeten, und dann musste Gernot als Bote den Bescheid in unser Hotel bringen, dass aus Bukarest keine Besuchsbewilligung und überhaupt nichts gekommen sei. Sollten wir uns dadurch beeindrucken lassen? Wenigstens die permanente Ausstellung von alten Akten und Urkunden im Foyer des Archivs zu besichtigen, haben wir uns sozusagen erzwungen durch frech studentisches Eindringen ins Haus, und manches Studentenauge hat gestaunt, was man wie Nussbächer und andere als Historiker alles lernen und können müsse, um nicht nur aus gedruckten Büchern, sondern aus unmittelbaren und gleichzeitigen Quellen der Geschichte zu erfahren, was geschehen ist und wie es eigentlich war. Gernot Nussbächer hat sich als leidenschaftlicher Archivar präsentiert.

Er hatte nach seiner Matura am Kronstädter Honterus-Gymnasium in Klausenburg bei berühmten rumänischen, siebenbürgischen Professoren Geschichte studiert mit besonderem Schwerpunkt auf die sogenannten Historischen Hilfs- und eigentlich Grundwissenschaften, wie z.B. Schriftgeschichte (Paläographie), ohne deren Kenntnis man alte Akten und Urkunden und kein einziges Kapitel in Codices und Manuskripten entziffern und entsprechend auswerten kam. Mitten unter solch alten Schriften hatte Gernot seinen Traumberuf als Archivar im Kronstädter Staats- und Stadtarchiv gefunden zum Glück für die Geschichte Siebenbürgens, die reicher geworden ist gerade auch durch ihn.

Nussbächer fühlte sich als Lokal- und Heimathistoriker. In einer 2013 gedruckten Selbstbiographie zählt er mehr als 1500 Publikationen, ein erstaunliches Ouevre, und hat danach zu forschen und zu schreiben nicht aufgehört. Meist schrieb er für die heimatlich-siebenbürgische Presse, um wie ein echter Gelehrter lehrend zu wirken. Ab 1981 erschienen dann diese Artikel neu in Buchform unter dem Titel „Aus Urkunden und Chroniken“ mit vollem wissenschaftlichen Apparat samt Anmerkungen über weitere Literatur, wie sich’s gehört. Man zählt 18 Bände; die beiden letzten sind dem Unterwald und Burzenland gewidmet. Burzenland Teil II erschien drei Wochen vor seinem Tod. Aber natürlich hat auch die Haupt- und Hermannstadt zwei Bände bekommen, und von A bis Z, von Abtsdorf und Agnetheln bis Zeiden und Zied, konnte man in vielen siebenbürgischen Orten etwas zur Ortsgeschichte bei Nussbächer finden, und kann es noch immer.

Dessen Lieblingsthema war aber seine Heimatstadt Kronstadt. Man konnte sich von ihm und jetzt mit seinen Büchern durch die ganze Stadt führen lassen. Über alle ihre bemerkenswerten Bauten und deren Geschichte wusste er Bescheid. Aber wenn dort nicht schon die Stadtführung begonnen hatte, endete sie jedenfalls in der „Schwarzen Kirche“, bekanntlich dem östlichsten gotischen Dom, in dem noch deutsch gepredigt wird. Aus Nussbächers Feder stammt ein erstmals 1997 erschienener „Führer durch die Schwarze Kirche“, der bald auch rumänisch und ungarisch zu haben war, und in gesonderten Publikationen führte der Autor mit reicher Bildausstattung seit 2007 und 2009 auch zu den Gemälden und Plastiken in- und außerhalb des Domes, wie es besser ein Kunsthistoriker nicht hätte tun können. Noch als Student hat er 1957 in einem kleinen Aufsatz zum Druck gebracht, was ihm „die Große Glocke erzählt“ hat. Viel ist im Laufe der Zeit daraus geworden. Zu den ersten wissenschaftlichen Entdeckungen Nussbächers im Dom zählt aber die Identifizierung des Martin Oltard, damals (1570) Rektor der Honterusschule, als Autor der für die Kronstädter und siebenbürgische Geschichte so wichtigen „Wandchronik“ in der Schwarzen Kirche. Bekanntlich nennt sie als Jahr der Berufung der „Sachsen“ nach Siebenbürgen 1143, nicht schon 1141, als der Ungarnkönig Geisa II. zur Regierung kam, den man wahrscheinlich falsch als Initiator des Siedlungswerkes feiert, wenigstens zu diesem frühen Datum, weil er noch ein Kind war und unter Vormundschaft stand. Gernot Nussbächer mit seiner Mutter Era ...Gernot Nussbächer mit seiner Mutter Era Nussbächer geb. Dieners in deren Kronstädter Werkstatt für Teppichrestauration (1991). Foto: Konrad Klein Gernot Nussbächers Lieblingsthema war aber der Reformator Siebenbürgens Johannes Honterus. Über 100 Artikel, kleine und größere Abhandlungen, hat er über ihn, über sein Leben und Wirken verfasst. Sie sind 2003, 2005 und 2010 in drei Bänden bescheiden als bloße „Beiträge zur Honterus-Forschung“ im Kronstädter Aldus-Verlag neu gedruckt worden und ein vierter Band müsste wohl noch folgen. Am Anfang dieser Forschungen steht das durch das Kronstädter Honterus-Kolloquium 1973 veranlasste und schon oben genannte Büchlein über „Honterus in Werk und Bild“, das dann natürlich ebenfalls mehrere Auflagen erlebte. Ganz im Sinne des Kongresses steht der Humanist Honterus im Vordergrund, sein Wirken als Wissenschaftler, als Geograph und Kosmograph (wer kennt nicht seine berühmte Siebenbürgen-Karte?), als Buchdrucker und Editor antik-klassischer Werke, aber natürlich konnte sein reformatorisch-kirchliches Wirken nicht verschwiegen werden. Aufsehen erregte gleich am Anfang der Biographie, dass Honterus wohl nur der nach damaligem Humanistenbrauch latinisierte Gelehrternamen des als Sohn eines Kronstädter Lederers Jörg Austen in der Kronstädter Schwarzstraße geborenen Johannes war, der sich 1520 als „Johannes Aust ex Corona“ in der Wiener Universität immatrikulieren ließ und erst l525 bei der Magisterpromotion als Johannes Holler erscheint, woraus dann 1530 Honter wurde. Das passt gut zu der Sage von der Rettung des Hollerus durch einen Holunderstrauch. Niemand braucht umzulernen: als Honterus ist unser Reformator berühmt und ein Großer der Geschichte geworden. Dass wir uns als Sachsen mit Stolz an ihn erinnern, nicht nur in Kronstadt, verdanken wir nicht zuletzt Gernot Nussbächer, dem Kronstädter Historiker. Verdientermaßen wurden ihm öfters Ehrungen zuteil, Preise und Medaillen, nicht nur in Kronstadt, Siebenbürgen und Rumänien, auch in Deutschland und Österreich. An seiner Festschrift zum 65. Geburtstag 2004 beteiligten sich 40 Historiker-Kollegen mit Beiträgen auf Deutsch, Ungarisch, Rumänisch und Englisch. Auch der Schreiber dieses Nachrufs durfte mitmachen.

Aber Gernot Nussbächer war nicht nur mein Historiker-Kollege, er war mein Freund.

Harald Zimmermann, Tübingen

Schlagwörter: Wissenschaft, Nachruf, Archivar, Historiker, Honterus, Kronstadt

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