28. September 2018

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„Zuwanderung nach Siebenbürgen. Erfolgsgeschichten“ Ein neuer Film von Florin Besoiu

Bald nach dem blutigen Ende der Ceauşescu-Diktatur wurden vor allem die Dörfer in Siebenbürgen durch den Exodus der großen Mehrheit ihrer sächsischen Bewohner stark entvölkert und verloren dadurch teilweise schlagartig ihre wirtschaftliche Grundlage. Es war die Erste in einer Reihe von schier biblisch anmutenden Heimsuchungen, gefolgt von der heuschreckenhaften Ausplünderung der Wirtschaft durch die postkommunistischen Eliten und danach vom Weggang von fast zehn Prozent der rumänischen Landesbevölkerung, die sich auf Arbeitssuche in den Westen begab.
Das alles lieferte der westlichen Presse stets die eine oder andere, vielleicht auch herbeigehsehnte Negativschlagzeile. Doch sollte über Rumänien, sollte speziell über unsere alte Heimat Siebenbürgen, mehr als 25 Jahre nach der „Wende“ nichts Positives zu berichten sein? Der junge Mühlbacher Filmemacher Florin Besoiu hat sich in seinem dritten Film aufgemacht, siebenbürgische Erfolgsgeschichten zu finden. Er sucht Menschen auf, die es verstanden haben, die wirtschaftlichen und persönlichen Freiräume nach dem Ende des kommunistischen Regimes für erfolgreiche Aufbauarbeit in Siebenbürgen zu nutzen. Der Film stellt uns Einwanderer und Rückkehrer, aber auch junge Siebenbürger, die das Land nie verlassen haben, in einfühlsamen Portraits vor und lässt sie ihre persönliche Erfolgsgeschichte erzählen.z ... Zum Auftakt erleben wir die Schweizer Orgelrestaurateure, die die wertvolle Orgel in der Kirche von Stolzenburg instandsetzen. Barbara Dutli ist es, die den Kontrast zwischen Vorurteil und Wirklichkeit unaufgeregt formulierend auf den Punkt bringt. Als sie sich 2003 anschickte, nach Siebenbürgen zu gehen, habe man sie gewarnt, „die dort seien faul, nicht pünktlich und würden klauen“. Die Erfahrungen, die sie beim Aufbau der Orgelschule in Honigberg gemacht habe, seien allerdings das genaue Gegenteil gewesen: „Niemand klaute, sie waren immer da, und sie haben sich auch nicht auf der Ofenbank ausgeruht, wenn ich ihnen den Rücken zugewandt habe.“ Sie entwirft ein Bild der jungen Generation in Rumänien, die „sehr respektvoll und hilfsbereit sei“, und sie sagt noch mehr Bemerkenswertes: „Ich war hier willkommen, wurde mit offenen Armen empfangen.“ Das ist vielleicht allen Interviewpartnern in diesem Film gemeinsam: Sie sind bemüht, Vorurteile abzubauen, schildern, wie sie sich auf neue Gegebenheiten eingelassen haben und was letztendlich zu ihrem Erfolg geführt hat. Und sie sprechen vor allem von einer großen Liebe zu dem Landstrich, in dem sie entweder geboren wurden, in dem ihre Vorfahren lebten oder den sie durch Zufall kennen gelernt haben und der sie nicht wieder losgelassen hat. Beatrice Ungar ist es, die auf die „Enkelgeneration“ hinweist, aus der zahlreiche Rückwanderer kommen, die zu erfolgreichen Unternehmern wurden. Florin Besoiu hat natürlich die bekanntesten und erfolgreichsten unter ihnen aufgesucht und lässt sie ausführlich zu Wort kommen: Paul Hemmerth, der den Anstoß zu einer Entwicklung gab, durch die Reichesdorf zu einem „internationalen Dorf“ geworden ist, und Hans Martin Müller, der die ehemalige Forellenzucht von Nicu Ceauşescu zu dem renommierten Gastronomiebetrieb „Albota“ entwickelt hat und dort zeigt, wie man wirtschaftlich erfolgreich sein kann und „bio“, denn er erzeugt den größten Teil des Gastronomiebedarfs selber und zwar nach ökologischen Grundsätzen. Dass sich der Erfolg aber nicht nur auf jene beschränkt, die unmittelbar nach dem Sturz Ceauşescus zum Zuge kamen, beweisen Leute wie Wolfgang Köber, der die Hermann­städter Gastronomielandschaft um das Restaurant „Hochmeister“ bereichert hat, oder die Brüder Kurt und Werner Schuster aus Agnetheln, die sich in das Dorf Zied und speziell ein Haus dort verliebt haben und zeigen konnten, wie ein traditioneller sächsischer Bauernhof nach aufwendiger Renovierung zu einer bemerkenswerten Unterkunft umgestaltet wird. Christian Rummel ist einer der jungen Einwanderer ohne früheren Bezug zu dem Land, die in Siebenbürgen ihren Lebenszeck gefunden haben. Voller Begeisterung und Dankbarkeit berichtet der Schreiner, Zimmerer und Wagner, wie ihn der Kurator und „letzte Sachs in Reichesdorf“, Johann Schaas, an die Hand genommen und in die Geheimnisse traditioneller Holzverarbeitung eingeführt hat. Und seine Augen leuchten, wenn er erzählt, wie er gelernt hat, ein Wagenrad anzufertigen, und von der bisher größten Arbeit berichtet, an der er teilgenommen hat, die Renovierung des hölzernen Birthälmer Glockenturms.

Dass man aber den Tatendrang und Gestaltungswillen nicht unbedingt aus dem Westen importieren muss, beweisen inzwischen zahlreiche junge Siebenbürger Rumänen und Ungarn, die die Werte der multiethnischen Kulturlandschaft erkannt haben und verhindern wollen, dass sie in Vergessenheit geraten oder der Moderne zum Opfer fallen. Sie bedauern den Weggang ihrer sächsischen Nachbarn und bemühen sich nach Kräften um Bewahrung ihres Erbes. Mircea Ungureanu etwa, der Enkelsohn einer Sächsin, der in seiner Holzwerkstadt in Michelsberg die Tradition der sächsischen Möbelschreinerei und -malerei fortsetzt. Er erzählt, dass er sich diese bäuerliche Kunst mühsam aneignen musste und kaum noch jemanden gefunden hat, der ihm die alten Techniken beibringen konnte.

Wir erfahren die neuere Geschichte der Schmalspurbahn „Wusch“ (rumänisch „Mocăniţa“), die von Enthusiasten aus Hermannstadt, tatkräftig unterstützt von Eisenbahnfreunden aus Großbritannien, auf einer Teilstrecke als Museumsbahn revitalisiert wurde. Sie ist schnell zum Publikumsmagneten geworden. Auf einer solchen Fahrt erklärt Alasdair Stewart, ein gälischer „Eisenbahn-Freak“, sein Anliegen sei es, „Menschen nach Siebenbürgen zu bringen, in das an echter, vielfältiger Kultur und Geschichte reiche Land, das nur erwarte, entdeckt und erkundet zu werden“.

In dem Film gibt es noch viel mehr zu erkunden, als hier erwähnt werden kann, so etwa das „Holzstock“-Festival in der Kirchenburg Holzmengen, die traditionelle Ziegelmanufaktur von Balasz Deszö in Abtsdorf, das Harbachtalmuseum von Stefan Vaida mit seinen vier Zimmern für vier siebenbürgische Ethnien. Am Ende kehren wir nach Stolzenburg zurück: Zur Einweihung der restaurierten Orgel sind viele ehemalige Dorfbewohner aus Deutschland eingereist und nehmen in der Festtracht ihre alt-neuen Plätze in der Kirche ein. Dass in Stolzenburg und anderswo noch lange und möglichst viel vom geistigen und materiellen Erbe der Sachsen erhalten bleibt, ist zunehmend Menschen zu verdanken, wie sie in diesem Film vorgestellt werden: Rückwanderer, Einwanderer, und nie Weggegangenen. Regisseur Florin Besoiu und sein Kameramann Cătălin Cădan begegnen ihren Interviewpartnern mit viel Empathie, sie lassen sie sprechen, so dass technisch gar keine Interviews geführt, sondern Geschichten erzählt werden. Elegant formulierte Zwischentexte mit vielen Hintergrundinformationen runden das Bild einer gelungenen Filmproduktion ab. Mancher wird sich vielleicht fragen: Braucht man zu den vielen Siebenbürgen-Filmen der letzten drei Jahrzehnte noch einen mehr? Hoffentlich werden alle, die den Film sehen, die Meinung des Rezensenten teilen: Ja, gerade diesen Film haben wir gebraucht, genau zu diesem Zeitpunkt.

Der 46-minütige Streifen wird in zwei Fassungen auf DVD produziert: einer Fassung mit gesprochenem deutschem Text und einer, die zusätzlich mit rumänischen Untertiteln versehen ist. Zum Preis von 20 Euro zuzüglich Versandkosten ist die DVD beim Produzenten Florin Besoiu telefonisch: (0176) 35562419 oder per E-Mail: fbfilmproduktion[ät]gmail.com zu bestellen.

Hansotto Drotloff

Schlagwörter: Film, Siebenbürgen, Zuwanderung, Geschichte

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