21. Oktober 2018

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Forstwissenschaftliche Pionierarbeit: Dorin-Ioan Rus’ Forschungsband zu Wald- und Ressourcenpolitik im Siebenbürgen des 16. Jahrhundert

„Wald- und Ressourcenpolitik im Siebenbürgen des 16. Jahrhunderts“ ist das 1. Werk der gesamten Forstgeschichte dieses Großraumes, entstanden 2015 an der Universität Graz, verfasst vom rumänischen Historiker Dr. Dorin-Ioan Rus, erschienen in der Reihe „Neue Forschungen zur ostmittel- und südosteuropäischen Geschichte“ im InternationalenVerlag der Wissenschaften Frankfurt a.M. - Bern - New York -Warszawa u. Wien, Band 9, 2017, 543 Seiten, ISBN: 9 783 631 698 655, Preis 77,95 Euro.
Obwohl zahlreiche siebenbürgisch-deutsche Forstleute sich innerhalb von rund 150 Jahren diesem Thema widmeten, analysiert Dr. Rus drei führende Autoren aus Rumänien, welche die Forstgeschichte Siebenbürgens in ihren folgenden Gesamtwerken behandelten, um diese mit seinen erarbeiteten Unterlagen vergleichen zu können: Constantin C. Giurescu (1901-1977): „Geschichte des rumänischen Waldes aus den ältesten Zeiten bis heutzutage", Bukarest 1976 (in rumänischer Sprache); Constantin Chiriţă (1902-1993): „Die Wälder Rumäniens“, Bukarest 1981 (rumänisch); Rudolf Rösler (* 1934): „Zur Forstgeschichte Rumäniens. Ein zusammenfassender Überblick“, in: „News of Forest History“ (Herausgeber E. Johann), Nr. 28, Wien, 1999. Das monographische Buch von Dr. Rus ist hervorzuheben dank seiner reichen und hervorragenden Dokumentationsarbeit (Archivalien und unveröffentlichte Quellen) sowie einer überaus reichhaltigen Quellenangaben zur deutschen, rumänischen und ungarischen Fachliteratur.

Leider haben Prof. Dr. C. C. Giurescu (studierte in Paris) und Prof. Dr. C. Chiriţă (erlangte die höheren akademischen Würden an der Universität Gießen) weder die deutsche noch die ungarische Fachliteratur konsultiert. Giurescu verwendete keine Archivbestände, sondern vorwiegend veröffentlichte Quelle und Literatur in rumänischer und französischer Sprache. Seine Abhandlung beinhaltet einen tiefen nationalistischen Charakter, indem er versuchte, im Sinne der Bedürfnisse damaliger Geschichtsschreibung eine Einheit des rumänischen Volkes nachzuweisen.

Auch das erste rumänische forstwissenschaftliche Werk von Chiriţă mit monographischem Charakter erwähnt kaum die vielseitigen und wertvollen Beiträge der zahlreichen deutschen Forstleute Siebenbürgens, publiziert sowohl in der alten Heimat als auch in Österreich und Deutschland. Rösler baut seine Arbeit – für die Zeitspanne vom 12. bis zum Ende des 20. Jahrhunderts – auf die zahlreichen Publikationen verdienstvoller Forstleute auf, wie: Eduard Zaminer (1835-1900), Johann Binder (1838-1918), Johann Wolff (1844-1893), Julius Fröhlich (1881-1957), Otto Witting (1885-1955), Kurt Leutschaft (1900 - ?), Volker Wollmann (*1942), u.a.m. Dr. Rus betrachtet das Werk von E. Zaminer („Geschichte des Waldwesens der königl. Freien Stadt Kronstadt – Brașov, 1891) als Pionierarbeit im Bereich der Forstgeschichte Siebenbürgens. Obwohl die Arbeit des ungarischen Fachschriftstellers István Csuczuga in rumänischer Sprache erschienen ist („Geschichte des Waldes“, Klausenburg 1998), versucht dieser eine Lücke in der Geschichte dieses Themenkreises zu füllen, was ihm jedoch nicht gelingt, da die Kenntnisse aus deutschen Quellen keine Erwähnung fanden. Nach Dr. Rus gilt das immer wieder zitierte Werk von Rösler als „die ernsthafteste Arbeit in diesem Forschungsbereich“.

Auf 460 Seiten bearbeitet der Rus die Waldgeschichte Siebenbürgens, D. I. Rus in sechs Großkapitel gegliedert: „Geographie Siebenbürgens und Rolle des Waldes. Organisatorische und rechtliche Infrastruktur der Waldpolitik“; „Waldpolitik der Habsburger in Siebenbürgen (erste Waldordnungen; Hegezeiten und Jagdverbote; die Josephinischen Waldordnungen 1781 und 1786)“; „Forstpflege und Nachhaltigkeit (1699-1790): Waldbauliche Maßnahmen; Forststrafrecht“; „Siebenbürgens Waldpolitik im 18. Jahrhundert im europäischen Vergleich. Rolle des Waldes im Festungsbau und Verwendung des Holzes im Bergbau; Schutz des Waldes; Jagd und Fischerei“.

Das Waldverständnis war bei den drei Bevölkerungsgruppen Siebenbürgens unterschiedlich. Während es bei den Siebenbürger Sachsen eine relativ fortgeschrittene Vorstellung über die Erhaltung, den Schutz und die Konservierung des Waldes gab, fehlten bei Szeklern und Rumänen eine Waldpädagogik oder Kenntnisse der Bewirtschaftung des Waldes. Andererseits bewiesen ungarische Adlige allmählich eine Neigung zur vernünftigen Nutzung des Waldes. So wurden Anfang des 19. Jahrhunderts ausgebildete Forstleute angestellt.

Bis zur Übernahme des Landes durch die österreichische Verwaltung zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatte die siebenbürgische Obrigkeit kaum Interesse an der Ressource Wald gezeigt. Erst nach 1699 wurde der Wald neu entdeckt; dank der merkantilistischen Wirtschaftspolitik wurden die Wälder als Ressource für den Bergbau und für den Abbau weiterer Ressourcen verwendet. Die Anwendung der neuen Regelungen wurde von dem siebenbürgischen Gubernium strenger als in anderen Provinzen der habsburgischen Monarchie befolgt.

Es wäre eine wünschenswerte Komplettierung dieses hervorragenden Werkes, wenn Dr. Rus die Zeitspanne zwischen den beiden Weltkriegen (1919: Siebenbürgen fällt an Rumänien, und 1945: kommunistische Periode) und bis zur Gegenwart untersuchen und veröffentlichen könnte.

Der aus Rumänien stammende und heute in Graz lebende Autor dieser fortwissenschaftlichen Pionierarbeit hat anlässlich der Jahrestagungen 2012 - 2017 der Sektion Naturwissenschaften des Arbeitskreises für Siebenbürgische Landeskunde, unter der Leitung von Univ.-Prof. Dr. Erika Schneider (Projektpartnerin von Univ.-Prof. Dr. Harald Heppner an der Karl-Franzens-Universität Graz) die Präsentation dieser Doktorarbeit durchgeführt.

Rudolf Rösler

Schlagwörter: Forschung, Wald, Karpaten, Geschichte, Buchbesprechung

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