19. November 2018

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Ein Leben für die Musik: Erinnerung an Franz Xaver Dressler (1898-1981)

Sicherlich hat niemand, der in Hermannstadt einst seinem Orgelspiel lauschte und ihn am Dirigentenpult erlebte, den virtuosen Musiker Franz Xaver Dressler vergessen. Der am 19. November 1898 in Aussig an der Elbe als viertes Kind seiner Eltern geborene Franz Xaver wuchs wohlbehütet und in einem von Musik geprägten Elternhaus auf. Seine Eltern und sein Musiklehrer förderten die außerordentliche Begabung.
Leider durchkreuzte der Erste Weltkrieg seinen musikalischen Werdegang, so dass Dressler im Spätherbst 1918 an der Orgelschule in Prag seine Ausbildung begann. Diese musste er aber unterbrechen und konnte erst ein Jahr später am Konservatorium in Leipzig aufgenommen werden, wo Karl Straube, Organist und Kantor der Thomaskirche, einen nachhaltigen Einfluss auf den jungen Künstler ausübte. Ein Einfluss, der lebensbestimmend war, denn fortan galt für Dressler die Musik Johann Sebastian Bachs als „das Maß aller Dinge“. Die Leipziger Zeit formte den jungen Orgelvirtuosen in seinem musikalischen Entwicklungsprozess, formte sein Musikverständnis und seine künstlerische Gestaltungskraft, so dass er gerüstet in eine erfolgreiche Zukunft aufbrechen konnte.

Der Kirchenmusiker folgte dem Rat seines Mentors Straube und bewarb sich als Kantor in Hermannstadt, wo für ihn und seine junge Familie im Januar 1922 ein neues, bewegtes Leben begann. Mit seinem Amtsantritt änderte sich die Gestaltung der Kirchenmusik in der Kirchengemeinde. Der neue Orgelspieler ließ seine Kunst virtuos durch den Kirchenraum schallen, setzte sich für einen lebendigen Gesang ein und veranlasste Neuerungen an der Orgel. Mit der Gründung des Knabenchores der Brukenthalschule gelang ihm ein erster Schritt, in Hermannstadt eine „Heimstätte“ für Bachs Werke nach dem Vorbild des Thomaner Chores in Leipzig zu schaffen. Erste Auftritte gelangen im Rahmen von Gottesdiensten. Unter der Stabführung Dresslers überzeugte der Chor der Brukenthaler schon im Juni 1922 die Kirchengemeinde von seinem Können. Die erste Weihnachtsmotette im Dezember 1922 war der erfolgreiche Auftakt eines vielversprechenden Musiklebens in der Stadt. Zwischen 1922 und 1949 bereicherte der Chor mit vielen Motettendarbietungen die Kirchenmusik. Konsequente und harte Probenarbeit, Disziplin und vor allem Freude an der Musik führten zu Höchstleistungen, die in Aufführungen nicht nur das Hermannstädter Publikum genießen konnte. Einen ersten Höhepunkt erlebte der Chor 1931, als Radio Bukarest eine Übertragung ermöglichte und einen zweiten und gleichzeitig letzten erlebten die Sängerknaben auf einer Konzerttournee, als sie 1934 Deutschland bereisten. Von großer Bedeutung war die Begegnung mit den Thomanern in Leipzig.Franz Xaver Dressler, aufgenommen von Edmund ...Franz Xaver Dressler, aufgenommen von Edmund Höfer (1978). Bildarchiv Konrad Klein Am 22. November 1931 sang ein neugegründeter Chor, der als „Bach-Chor“ in die Musikgeschichte Siebenbürgens eingehen sollte. Zunächst waren es nur Frauenstimmen, doch schon am 17. Januar 1932 trat der gesamte „Bach-Chor“ als „Oratorienchor der evangelischen Kirchengemeinde“ auf. Beginnend mit Ostern 1933 wurden die „Johannespassion“, die „Matthäuspassion“ und das „Weihnachtsoratorium“ wiederholte Male aufgeführt. Dressler hatte die Tradition der Oratorien und Passionen seines bevorzugten Komponisten Bach begonnen, doch auch die Werke anderer barocker Meister, klassischer oder zeitgenössischer Komponisten wurden aufgeführt.

Für die Sängerinnen und Sänger gestalteten sich die Proben zu einem besonderen Erlebnis. Die Freude an der Musik und die Zusammenarbeit mit ihrem Dirigenten ließen sie alle Mühen des Alltags vergessen. Bereitwillig steigerten sie sich unter der kundigen und temperamentvollen Stabführung zu Höchstleistungen. Dressler konnte seine Musikbegeisterung nicht nur den Chormitgliedern übermitteln. Als virtuoser Kirchenmusiker verstand er es, mit seinem Orgelspiel und seiner meisterlichen Registrierkunst den Gottesdienstbesuchern Feierstunden zu bereiten. Gut besucht waren auch seine Orgelkonzerte, in denen Bach-Fugen, Werke von Max Reger und von vielen anderen Komponisten zu Gehör kamen. Vor allem begeisterte er die Zuhörer mit seiner Improvisationskunst. Seine lebendigen Tonschöpfungen an der Orgel gestaltete er dank seiner Fertigkeiten, seiner Fantasie und Modulationsfreude zu wahren Kunstwerken.

Selbst unter erschwerten Bedingungen waren sein Arbeitseifer und seine kämpferische Fähigkeit nicht zu bändigen. Dunkle Zeiten in seinem Leben unterbrachen sein künstlerisches Schaffen wie eine tief einschneidende Zäsur, konnten aber seine Kreativität nicht lähmen.

Eine Fortsetzung seiner beruflichen und künstlerischen Tätigkeit war für den gesundheitlich Gezeichneten trotz kulturpolitischer Richtlinien möglich, weil er es wagte, auch weiterhin Oratorien aufzuführen, doch eher weltlichen Inhalts oder mit entsprechenden Korrekturen. Die Arbeit als Dirigent für den „Bach-Chor“ konnte nur im Rahmen des Kulturhauses „Stefan Gheorghiu“ fortgesetzt werden, so dass er als zweiter Dirigent der Staatlichen Philharmonie Hermannstadt tätig wurde und das Publikum mit zahlreichen Erstaufführungen bis 1978 erfreute. Seine Tätigkeit als Stadtkantor und Organist beendete Dressler im September 1969. Im Februar 1979 spielte Dressler ein letztes Mal auf der Sauer-Orgel.

Seine Kompositionen sind genau so vielschichtig wie seine Künstlerpersönlichkeit. Die Themen widerspiegeln die gesellschaftlichen und kulturellen Veränderungen während seiner Wirkungszeit in Siebenbürgen. Es sind Chorwerke mit Instrumentalbegleitung, vokalsinfonische Werke wie „Friedenskantate“, bei der man den Eindruck hat, dass er alle Register zieht, um die Höhen und Tiefen seines Lebens zum Klingen zu bringen, und Instrumentalmusik.

Sein Lebensbild wäre unvollständig, wenn man seine pädagogische Tätigkeit außer Acht ließe. Die des Musiklehrers an der Brukenthalschule fand aus politischen Gründen ein Ende, während er als Dozent am Theologischen Institut einige Pfarrergenerationen mit Kirchenmusik vertraut machte und so manchem Musikliebhaber in privatem Unterricht das Klavier- oder Orgelspiel vertiefend beibrachte. Als Sachverständiger für Orgeln war er bemüht, mit der Entwicklung Schritt zu halten, setzte sich aber gleichzeitig für den Erhalt der historischen Orgeln in Siebenbürgen ein. Nach seiner Ausreise im April 1979 verbrachte Dressler seinen Lebensabend in Freiburg zusammen mit seiner Ehefrau Margherita, die ihm stets eine wertvolle Stütze im Leben war. Auch in seinen drei letzten Lebensjahren war er unermüdlich mit Vorträgen und Orgelkonzerten unterwegs. Sowohl in Rumänien als auch in Deutschland wurde Franz Xaver Dressler für seine außerordentlichen Verdienste geehrt. Der 120. Geburtstag bietet sich an, des großen Künstlers anerkennend und dankbar für die einst gebotenen Musikerlebnisse zu gedenken.

Ingrid Loew

Schlagwörter: Porträt, Musiker, Organist, Komponist, Hermannstadt, Bach-Chor, Geburtstag

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