26. März 2019

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Literarische Horizonte eines "kämpferischen Denkers": Neuerscheinung über Hans Bergels Werk

„Horizonte“ lautet der Titel einer neuen Buchveröffentlichung, die sich mit dem literarischen Werk des Erzählers, Essayisten, Lyrikers und Übersetzers Hans Bergel befasst. Herausgeber ist der Bukarester Germanist George Guţu, der aus rund einhundert (nicht nur) literaturwissenschaftlichen Beiträgen 22 ausgewählt und zu einem Buch zusammengefügt hat, das sich nicht nur gut liest, sondern aufschlussreich die unterschiedlichsten Facetten in Bergels umfassendem Werk (50 Buchtitel) und bewegter Biografie beleuchtet.
Die Beiträge stammen aus der Feder internationaler Autorinnen und Autoren und wurden bereits in den vergangenen Jahren im Rahmen von Sammelwerken, wissenschaftlichen Zeitschriften, Zeitungen und Monografien publiziert. Drei Texte sind in „Horizonte“ als Erstdruck zu lesen – etwa der Essay „über einen Solitär“ von Matthias Hakuba mit dem Titel „Der Waldläufer und das Zweite Gesicht oder ‚Die Fußnote in dieser Frage bin ich’“. Hier nimmt der Autor Bezug auf Hans Bergels politisches Wirken, sein Verhältnis zum „Mutterland“ Deutschland und zu Siebenbürgen sowie zum Motiv des „homo transsilvanus“, welches sich in vielen Werken des Schriftstellers wiederfindet.

Ein weiterer Beitrag, der zum ersten Mal erscheint, ist jener von Manfred Winkler („Das Abgründige in Hans Bergels Epik“). Der langjährige Freund und Schriftstellerkollege aus Israel setzt sich in sehr persönlicher Weise mit seinen Eindrücken beim Lesen des Romans „Die Wiederkehr der Wölfe“ auseinander. Und schließlich ist im Sammelband in ergänzter Fassung der Beitrag „Hans Bergels Italien- und Griechenlandbild“ von Mariana Lăzărescu zu lesen, der die geistige Verwurzelung Bergels in den klassischen mediterranen Kulturräumen – und somit eine bisher wenig thematisierte Facette seines Lebens und Werks – unter die wissenschaftliche Lupe nimmt. z ... Die vielfältige Schwerpunktsetzung der Beiträge macht die Lektüre besonders erfrischend und anregend. Der Bogen spannt sich von strikt wissenschaftlichen Analysen etwa des „magisch-phantastischen Realismus in Hans Bergels Prosa“ (Raluca Rădulescu) und Untersuchungen der „Musik in Hans-Bergel-Texten“ (Lothar Ruudegast) bis hin zu emotionalen Aussagen über den Schriftsteller als „Freund“ (Dieter Roth) oder als „Rebell, der nicht alles mit sich machen lässt“ (Alexandru Dincă). Dincă würdigt Bergel in seiner Ansprache bei der Kronstädter Vorstellung der rumänischen Fassung von „Der Tanz in Ketten“ (1977) als ehemaligen Kollegen, der nicht „mit dem gestylten Profil jener Lackaffen in unser geschundenes und verwundetes Land zurück[kehrte] … Im Gegenteil … Er ist unerschöpflich, der Mutmacher“ (151).

Willkommen für den Leser ist die Fülle von Zitaten aus Bergels Werk, dank derer die wissenschaftlichen Aufsätze anschaulich und lebendig werden. Mehrere Texte beziehen sich auf Schlüsselstellen der Bergel-Romane, etwa den brutalen Racheakt von Ungarn an Rumänen in „Die Wiederkehr der Wölfe“, Gordans Tanz in „Der Tanz in Ketten“ und die berühmte Kernaussage und Freiheitsbotschaft in „Fürst und Lautenschläger“, die dem Schriftsteller Ende der 1950er Jahre zum Verhängnis wurde. Hinzu kommen Bezugnahmen auf nicht minder repräsentative Bücher wie „Der schwarze Tänzer“, „Die Wildgans“, „Der Feuerkreis“, „Die Abenteuer des Japps“, „Am Vorabend des Taifuns“, „… und Weihnacht ist überall“.

Was viele der Aufsätze hervorheben, ist „die Neigung des vielseitig Begabten zum aktiven Part in jeder Lebenslage“ (11) – eine Neigung, die Hans Bergel im Laufe der Jahrzehnte seiner Schriftstellerkarriere nicht nur „Bewunderer und Neider“, sondern auch Feinde beschert hat. Oder wie es Wolf von Aichelburg formuliert: „Bergel ist ein kämpferischer Denker. Er ist gegen Rücksichtnahmen, die vielleicht in vergangenen Epochen als Selbsterhaltung in einer kleinen, rings umdrohten Welt geboten schienen“ (215-216).

Zahlreiche zentrale Aspekte in Bergels Werk werden in „Horizonte“ reflektiert: die kompromisslose intellektuelle und politische Auseinandersetzung des Schriftstellers mit den beiden großen Ideologien des 20. Jahrhunderts, die unter anderem die Existenz der Siebenbürger Sachsen als eigenständige Gemeinschaft zerstörten; das Motiv der Freiheit und, am anderen Pol, die „charakterlichen Erbärmlichkeiten“ (40) nicht nur im Totalitarismus; der Preis einer geradlinigen Haltung in einem diktatorischen System (gegen Korrumpierbarkeit und Verrat konnte sich, in Bergels Worten, jeder verweigern, „der ernsthaft wollte“, 39); die „farbige, vielnationale Welt“ Siebenbürgens (22) und die Natur als Hauptgestalt vieler Romane und Erzählungen; das Mythische und Mystische östlicher Prägung, wie es sich unter anderem in der Figur des Hirten Gordan widerspiegelt; die Darstellung Siebenbürgens als genuin europäische Kulturlandschaft „voller Tragödien und Besessenheiten“ (21) und die Schriftstellerlaufbahn Bergels als „Chronist des 20. Jahrhunderts“ (25), der „Geschichte in Geschichten“ erzählt. Eine erhellende und lohnende Lektüre.

Christine Chiriac

George Guţu (Herausgeber), „Horizonte. Über Hans Bergels literarisches Werk“, Frank & Timme, Berlin, 2019, 276 Seiten, 49,80 Euro, ISBN 978-3-7329-0495-2, erhältlich im Buchhandel oder online unter http://www.frank-timme.de.

Schlagwörter: Rezension, Hans Bergel, Bergel, Literaturwissenschaft, Literaturkritik, Sammelband

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