4. Mai 2019

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Reformation im Osten Europas

150 Seiten kirchenhistorischer Vorträge zum Lutherjahr 2017, in Bonn und Göttingen gehalten, stellen ein Unikat dar. Das Buch „Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und Siebenbürgen“, herausgegeben von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, löste bei mir eine gewisse Wehmut und Sentimentalität aus. Die erfolgreiche Reformation in den angeführten Ländern wird von kompetenten Verfassern beleuchtet. Die einstigen evangelisch-deutschen Länder, Provinzen innerhalb und außerhalb der Reichsgrenze, und ihre Geschichte beeindrucken. In den böhmischen Ländern mit Oberungarn und Siebenbürgen hat die evangelisch-deutsche Minderheit Kultur, Landschaft und Leben geprägt. Nach 428 Jahren wechselvoller Geschichte, wirtschaftlich-kulturellem Wachstum, gesellschaftlicher Prägung dieser Länder hat der Zweite Weltkrieg seine Vernichtung zurückgelassen und deutsch-evangelisches Leben zum Teil ausgelöscht. Die Vertreibung der Deutschen, ihre Entfremdung und damit einhergehende Auswanderung beendeten diese Geschichte. In einigen Ländern, auch in Siebenbürgen, sind noch lebendige Reste vorhanden. Überall jedoch weisen nur noch steinerne Zeugen auf die prägende Vergangenheit hin.
Das einstige Ordensland Ostpreußen wurde das erste deutsche evangelische Land Europas. Die angeordnete Reformation „von oben“ fand die Unterstützung der städtischen Bevölkerung. Schon 1525 wird Ostpreußen vom Markgrafen Albrecht von Brandenburg-Ansbach in ein evangelisches Land mit evangelischer Landeskirche umgewandelt. Der einstige Hochmeister, auch von Martin Luther beraten, erklärt sich als Herzog zum Landesherrn. Ordensbesitzungen werden säkularisiert und danach in Schulen und Bildung investiert. 1544 wird die berühmte Universität Königsberg ins Leben gerufen und im reformatorisch-humanistischen Geist geprägt. Die großen Denker Immanuel Kant, Johann Georg Hamann und Gottfried Herder stehen für das Ansehen dieses weit ausstrahlenden Hochschulzentrums. Das reiche kulturprotestantische Erbe der Städte und Orte wurde im Lauf des Krieges zerstört, die Gebiete sind heute auf Russland und Polen verteilt.

Besondere Beachtung findet im folgenden Aufsatz das Wirken von Johannes Bugenhagen (1485-1558), auch „Pommeranus“ genannt. Er genoss hohes Ansehen als Historiker, Reformator, Organisator und Seelsorger und stand jahrhundertelang im Schatten Luthers. Seine evangelische Kirchenordnung prägte den norddeutschen Raum, Dänemark-Norwegen, Braunschweig, Hamburg, Lübeck und Schleswig-Holstein. Auch für ihn war die Neuordnung des Schulwesens und der Sozialfürsorge genuin evangelisches Anliegen. Großteils liegt Pommern mit Stettin und der Hansestadt Danzig heute in Polen und die zum Teil originalgetreuen Wiederaufbauten der mittelalterlichen Städte lassen den einstigen Kulturreichtum erahnen.

Ein weiterer Beitrag widmet sich der ganz anders abgelaufenen Reformationsgeschichte im reichen Schlesien. Die Kulturstadt Breslau übernimmt früh die reformatorischen Gedanken und wird zur evangelischen Reichsstadt mit katholischem Bischofssitz. 1523 setzt sie einen evangelischen Pfarrer ein, 1525 beschließt der Stadtrat deutsche Predigt und evangelische Verkündigung. Damit verbunden, wird auch die städtische Armen- und Krankenpflege im „Allerheiligenhospital“ neu organisiert. Die evangelische Schulordnung wird eingeführt und damit ein unvergleichlicher wirtschaftlicher und kultureller Aufbruch bis 1945 gestartet. Die gelebte Toleranz und das hohe Bildungsniveau der Stadt brachten zehn Nobelpreisträger hervor.z ... Die Geschichte in den schlesischen Fürstentümern, Grafschaften und der Oberlausitz verläuft nach dem Prinzip des „cuius regio, eius religio“. Die Fürsten und Mächtigen begünstigen die Reformation und müssen sich mit reformatorischen Splittergruppen auseinandersetzen, um die evangelischen Landeskirchen mit Augsburger Bekenntnis zu schaffen. Die vom Kaiserhaus Habsburg eingeleitete Gegenreformation in großen Teilen Schlesiens wird in der folgenden Statistik sichtbar. 1580 gab es 900 evangelische Kirchengemeinden (88%) und 105 römisch-katholische Pfarrämter (12%). 1700 waren es 162 evangelische Kirchengemeinden (18%) und 900 römisch-katholische Pfarrämter (82%). Heute liegt der Großteil dieser Gebiete in Polen, ein kleinerer Teil in Tschechien; das deutsch-evangelische Leben ist fast ganz erloschen.

Die Situation in den böhmischen Ländern und Oberungarn ist um einiges verwobener und komplizierter. Da die Reformation schon früher von Jan Hus eingeleitet worden ist und zu einer eigenen böhmisch-reformatorischen Entwicklung geführt hat, kann die lutherische Reformation auf diese zurückgreifen. Die Augsburger Konfession wird durch die großzügigeren und versöhnlichen Bekenntnisse der „Confessio Montana“ und „Confessio Bohemica“ erweitert. Die Städte sind zum großen Teil von Deutschen bewohnt und evangelisch, auf dem Land leben die Tschechen und Slowaken. Die massiv eingeleitete Gegenreformation der Habsburger nach dem Dreißigjährigen Krieg führt mit Hilfe der Jesuiten zur Rekatholisierung. Heute erinnern alte Landkarten an diese einstigen deutschen und auch evangelischen Städte in Böhmen-Mähren und Oberungarn. Auch von hier wurde die deutsche Bevölkerung 1945 gewaltsam vertrieben.

Unser Siebenbürgen ist anders, auch unsere „Geschichte rauschte hier anders“ (Meschendörfer) als im restlichen Osten. Wir hatten das große Glück, als eine rechtlich privilegierte und politisch anerkannte Gemeinschaft leben zu dürfen. In der wichtigsten Phase der Reformation waren die „toleranten Türken“ unsere Herren und nicht das unzuverlässige, fanatisch-katholische Haus Habsburg. So war es möglich, dass wir 1568 mit dem Edikt von Thorenburg (Turda) das erste Fürstentum Europas wurden, in dem es „Glaubensfreiheit“ gab – allerdings mit der Einschränkung, dass die orthodoxen Rumänen nur „geduldet“ wurden und nicht gleichberechtigt waren. Ihre Bojaren waren im ungarischen Adel aufgegangen und somit fehlte ihnen eine politische Vertretung. Die Ausprägung zur „Siebenbürgisch-sächsischen Volkskirche“ und dem typischen Kulturprotestantismus setzte unter dem Reformator und Humanisten Johannes Honterus ein. Auch bei uns gab man der sozialen Fürsorge und der Bildung im reformatorisch-humanistischen Geist den Vorzug. Neben unseren Kirchenburgen standen bald schon die Schulen und in fast jedem Ort folgten die „Gemeinschaftshäuser“ für Veranstaltungen und Feste. Heute machen mich die von uns zurückgelassenen steinernen und verwaisten Zeugnisse betroffen. Mit einem Kuriosum möchte ich den guten Artikel von Dr. Harald Roth ergänzen. Der Klausenburger Franz Davidis gründete die ungarisch-unitarische Kirche in Siebenbürgen und Kaspar von Heltau war Mitbegründer der ungarisch-reformierten Kirche! Er half bei der Übersetzung der Bibel und des Katechismus ins Ungarische.

Die Lektüre des Bandes ist anspruchsvoll, aber aufschlussreich. Er bietet einen Einblick in den besonderen, leider heute oft vergessenen osteuropäischen Raum und seine reformatorisch-deutsche Geschichte. Hitlers „totalem Krieg“, seiner inhumanen nationalsozialistischen Ideologie ist das Auslöschen dieser Geschichte zu verdanken. Die folgende Vertreibung und die Entfremdung im Kommunismus führten zum Verlust der Heimat.

Volker Petri


„Der Durchbruch kam im Osten. Die Reformation in Ostpreußen, Pommern, Schlesien, den böhmischen Ländern und Siebenbürgen“. Herausgegeben von Hans-Günther Parplies und Ulrich Hutter-Wolandt. Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, 2018, 160 Seiten, 11,90 Euro, ISBN 978-3-88557-240-4.

Schlagwörter: Reformation, Osteuropa, Kirche, Geschichte, Buch, Sammelband, Rezension

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