20. April 2020

Deutsche Tages- und Wochenzeitungen der Nachkriegszeit in Rumänien vollständig digital erfasst

Drehen wir die Zeit zurück, etwa gute 30 Jahre. Die Medienlandschaft Rumäniens wird von der Omnipräsenz des Staats- und Parteiführers Nicolae Ceaușescu schier erdrückt. Die deutschen Tages- und Wochenzeitungen boten dasselbe Bild – oder doch nicht? Oder doch nicht vollends? Erinnerungen an die eine oder andere Jugend- und Feierabendlektüre werden wach. Gesellschaftliches, Wissenschaft, Heimatkunde, Kulturbeilage, Traditionspflege, Fortsetzungsroman, Jugendseiten, etwa die „Raketenpost“, hatten eines gemeinsam: Sie dominierten den zweiten Teil der Zeitungen und waren das, worauf man sehnlich wartete.
Daraus konturiert sich der kulturhistorische Wert, der ein umfassendes Dokumentationsprojekt rechtfertigte. Hinzu kommt die Tatsache, dass Zeitungspapier bekanntlich in besonderem Maß dem Zahn der Zeit ausgesetzt ist. Sodann ist der Mangel der ­digitalen Verfügbarkeit der deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen aus Rumänien bislang ein Hemmschuh für Recherche- und Forschungsanliegen gewesen.

Die hinter den Printausgaben der Periodika stehenden Korrespondenzarchive der Redaktionen stellten eine der Unbekannten der Zeitgeschichte dar, die Erkenntnisse zum Verhältnis der deutschen Minderheit zum kommunistischen Regime in Rumänien erhoffen lassen. Sodann stellte sich die Frage, welches der archivarische Niederschlag des Erscheinens dieser Zeitungen in den Parteiarchiven auf zentraler und regionaler Ebene wohl gewesen ist.

Die Bearbeitung all dieser Desiderate ist Teil des über die Projektschiene „Objekt-Material-Kultur: Dokumentation und Erforschung des materiellen Kulturerbes der Deutschen im östlichen Europa“ 2018-2019 der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) geförderten Projektes gewesen: „Tages- und Wochenzeitungen der Deutschen in Rumänien während der kommunistischen Herrschaft und der Wendezeit (1949-1992). Recherche, Dokumentation, Sicherung und Digitalisierung der Archive der Zeitungsredaktionen sowie der erschienenen Zeitungen“. Die Betreuung und Umsetzung des Projektes erfolgte über den Siebenbürgisch-Sächsischen Kulturrat.

Konkret wurde durch hochauflösende digitale Fotografie eine komplette digitale Kopie der Print-Kollektionen, wie sie in den heutigen Redaktionsbüros erhalten sind, erstellt – in der Hoffnung, dass die „Zuverlässigkeit“ des Postboten hier am wenigsten dazwischen gefunkt hat. Dennoch musste auf große und kleine Bibliotheken ausgewichen werden, um eine praktisch lückenlose digitale Sammlung der Zeitungen Neuer Weg (1949-1992), Die Wahrheit / Neue Banater Zeitung (1957-1992), Volkszeitung/ Karpatenrundschau (1957-1992) und Hermannstädter Zeitung/Die Woche (1968-1992) erstellen zu können, die sich auf insgesamt rund 60000 Aufnahmen beläuft.

Vor Projektbeginn bestand die Befürchtung, dass alleine die Korrespondenzarchive der Redaktionen der Hermannstädter Zeitung und der Karpatenrundschau überlebt haben könnten. Die Befürchtung wurde zur Gewissheit, da es offensichtlich nach 1990 vonseiten der rumänischen Staatsarchive keine zentral koordinierte Aktion zur Sicherung der Redaktionsarchive der kommunistischen Zeitspanne gegeben hat, so dass der Blick auf den kulturhistorischen Wert dieser Archive von drängenden Alltagssorgen der Umbruchszeit verstellt geblieben ist. Die Korrespondenz- und Verwaltungsarchive der Zeitungen Neuer Weg und Die Wahrheit/Neue Banater Zeitung wurden in den 1990er Jahren Opfer von sukzessiven räumlichen Verkleinerungen der Redaktionsräumlichkeiten respektive wiederholten Umzügen und gar einer Überschwemmung. Dies ist ein schmerzlicher Verlust, da diese Verwaltungsarchive neben den kirchlichen Gemeindearchiven die einzigen gewesen sind, die konstant Informationen zur deutschen Minderheit in Rumänien in vier Jahrzehnten Kommunismus angehäuft hatten.
Friedenskampf und Personenkult: Der Große Ring in ...
Friedenskampf und Personenkult: Der Große Ring in Hermannstadt am 28. Oktober 1983 – Titelfotografie von Horst Buchfelner in der Ausgabe Nr. 829 der Zeitung Die Woche vom 4. November 1983.
Im Falle der Hermannstädter Zeitung gewährleistete neben glücklichen räumlichen Umständen die personelle Kontinuität das unbeschadete Überdauern des Korrespondenz- und Verwaltungsarchivs in den Räumlichkeiten der Redaktion, ehe es 2015 an das Zentralarchiv der Evangelischen Kirche A.B. im Friedrich-Teutsch-Haus übergeben wurde. Im Rahmen des Projektes wurde von den Kollegen im Teutsch-Haus ein Findbuch mit 124 Verzeichnungseinheiten für den Aktenbestand des Redaktionsarchivs erstellt, so dass dieser nun der Forschung zugänglich ist.

In Kronstadt ist der Erhalt des Korrespondenz- und Verwaltungsarchivs der Karpatenrundschau dem persönlichen Einsatz der Archivare zu verdanken. Hier ist in erster Linie Gernot Nussbächer zu erwähnen. Er hatte sein publizistisches Debüt noch vor dem Erlangen der Volljährigkeit in der 4. Ausgabe der Volkszeitung 1957 gegeben und war der Redaktion bis zu seinem Tod 2018 mehr als 60 Jahre lang aufs Engste verbunden. Als 2001 die Serie der Verkleinerung der Redaktionsräumlichkeiten und der Umzüge auch bei der Karpatenrundschau einsetzte, sorgte Nussbächer mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit dafür, dass seine Dienststelle, das Kronstädter Staatsarchiv, seiner gesetzlichen Pflicht nachkam und einen umfangreichen Teil des Redaktionsarchivs übernahm – insgesamt 83 Archivschachteln.

In mehreren Einsätzen in den Jahren vor Projektbeginn, als das alte Redaktionslokal der Karpatenrundschau in der Kronstädter Goldschmiedgasse Nr. 3 (Str. Mihail Sadoveanu) vollständig geräumt wurde, sicherten Bernhard Heigl und Thomas Șindilariu den verbliebenen Rest und verbrachten ihn in das Archiv der Honterusgemeinde in Kronstadt. Durch die Verzeichnung des Bestandes im Rahmen des Projektes wurden 47 Archivsignaturen konstituiert. Beide Teile des Redaktionsarchivs wurden durch die Projektarbeit in einem gemeinsamen Findmittel virtuell zusammengeführt.

Um die Verbindungslinien zwischen Zeitungsredaktionen und den verschiedenen, für Minderheitenfragen zuständigen Parteistrukturen der Staatspartei dokumentieren zu können, lag ein besonderes Augenmerk auf der Durchforstung dahingehender Archivbestände in den Staatsarchiven Rumäniens auf zentraler und regionaler Ebene. Besonders erfreulich war dabei die Feststellung einer überaus dichten Überlieferung zum Deutschen Antifaschistischen Komitee.
Titelschriftzüge der Volkszeitung (erste Nr. vom ...
Titelschriftzüge der Volkszeitung (erste Nr. vom 30. Mai 1957) und der Karpatenrundschau (vom 10. Oktober 1991)
Die Integration der deutschen Bevölkerung Rumäniens in die kommunistischen Parteistrukturen erfolgte wie im Falle anderer nationaler Minderheiten Rumäniens über ein solches Komitee, das im Falle der Deutschen jedoch vergleichsweise spät, Anfang 1949, eingerichtet wurde. Es konnten überaus konsistente Archivbestände des Deutschen Antifaschistischen Komitees in Bukarest, Kronstadt und Temeswar dokumentiert werden. Kleinere Bestände liegen in Karansebesch (auch zu Reschitz), in Bistritz und Neumarkt am Mieresch (zu Sächsisch Regen und Schäßburg) auf. Zum Hermannstädter Komitee konnte nur so viel in Erfahrung gebracht werden: Es ist aufgrund von Platzmangel in Hermannstadt in das Staatsarchiv Karlsburg ausgelagert worden und wie das gesamte Parteiarchiv des Kreises nicht zugänglich.

1953, als das Komitee aufgelöst wurde, ging die Herausgeberschaft des Neuen Wegs auf die „Volksräte der Rumänischen Volksrepublik“ über. Die regionalen Zeitungen wurden von den Regions- beziehungsweise Kreiskomitees der Partei respektive des Volksrates in Gemeinschaft herausgegeben – für beide Formen der Herausgabe konnte keine konkrete Stelle in der Verwaltung der Partei ausfindig gemacht werden, die in vergleichbar unmittelbarer Weise für das Erscheinen der Zeitungen zuständig war, wie es das Deutsche Antifaschistische Komitee gewesen ist. Die Steuerung der publizistischen Tätigkeit durch die Partei erfolgte fortan ohne den Bedarf einer Struktur.

Im Falle des 1968 ins Leben gerufenen Rates der Werktätigen deutscher Nationalität in Rumänien konnte keine institutionelle Verbindung zu den Redaktionen nachgewesen werden, wenngleich personelle Überschneidungen, etwa in der Person von Eduard Eisenburger, dem Chefredakteur der Karpatenrundschau und Vorsitzenden des Rates, allgemein bekannt sind. Die Tätigkeit des Werktätigenrates konnte insbesondere im Rahmen des überaus umfangreichen Archivs des Zentralkomitees der Rumänischen Kommunistischen Partei dokumentiert werden.

Als zusammenfassendes Ergebnis wurde ein knapper Archivführer erarbeitet. Er führt die Erschließungsmaßnahmen der Redaktionsarchive der Hermannstädter Zeitung und der Karpatenrundschau mit den Ergebnissen der Recherchen in den staatlichen Archivstellen zusammen und beschreibt sämtliche Bestände inhaltlich. Im Falle der umfassenden Parteiarchive kam es darauf an, sie auf relevante Akten zur Geschichte der Deutschen in Rumänien und ihrer Zeitungsredaktionen zu durchkämmen. Das entstandene Arbeitsinstrument des Archivführers orientiert den Forscher rasch in der Materie und ermöglicht einen gezielten Zugriff auf diese Archivsignaturen, ohne umständliche Erkundungsreisen und das Wälzen von Findbüchern vor Ort durchführen zu müssen.

Außerhalb der Leistungskraft des abgeschlossenen Zeitungsprojekts liegt die Online-Stellung der digitalisierten Materialien. Der Aspekt der Sicherung bedrohter Informationsträger stand klar im Vordergrund. Ihre Verquickung mit rechtlichen und technischen Fragen, die mit einer Online-Stellung verbunden sind, hätte das Vorhaben vor nicht oder noch nicht lösbare Probleme gestellt. Die angefertigten Digitalisate – hier sind noch knapp 20000 digitale Fotografien von Archivalien aus den aufgesuchten Staatsarchiven sowie über 1000 eingescannte Fotografien aus den Fotosammlungen der Redaktionen, insbesondere der Hermannstädter Zeitung zu erwähnen – werden gemeinsam mit dem Archivführer zur weiteren Erforschung und Bearbeitung in der Siebenbürgischen Bibliothek in Gundelsheim und der Martin-Opitz-Bibliothek in Herne verfügbar sein.

Bernhard Heigl, Thomas Șindilariu

Schlagwörter: Presse, Zeitungen, Rumänien, Digitalisierung, Wissenschaft, Projekt, Archiv

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